Alexander Kluy «Dialog mit Ludwig Börne»

Ludwig Börne: Minister fallen wie Butterbrode: gewöhnlich auf die gute Seite.
          Butter jedoch reicht heute nicht mehr aus; aufs Eigenfett verlegen sie sich.

Eitelkeit ist Ökonomie; man sollte sie nicht tadeln, sie ist eine Tugend. Der Eitle legt täglich einige kleine Befriedigungen seiner Eigenliebe zurück und bringt so endlich einen kleinen Schatz zusammen.   
          Andre wiederum klimpern nur mit kleiner Münze; stören akustisch jene, die hingebungsvoll mit platzenden Ego-Checques hantieren.

Diplomaten sehen mit den Ohren; die Luft ist ihr Element, nicht das Licht. Darum lieben sie Stille und Dunkelheit.
          Daher die schummrige Hinterhauslichtatmosphäre, die farblich gedeckten Durchschnittsanzüge?!

Reichtum macht das Herz schneller hart als kochendes Wasser ein Ei.
          Nicht jeder Arme jedoch kann ein eigen Ei sein Eignes nennen; belassen wir’s bei harter Assonanz! 

Hätte die Weltgeschichte ein Sachregister, wie sie ein Namensregister hat, könnte man sie besser benutzen.
          Schlag nach unter V Versager F Fanten U unlesbare Skribenten, platzend vor anmaßender Knallignoranz.

In der guten alten Zeit, da das ganze große Frankreich nur die Schleppe von Versailles war und bei der Toilette einer Buhlerin erst über die neue Form der Hauben, dann über das Schicksal von fünfundzwanzig Millionen Menschen entschied, erhielt der General von R. aus den Händen der Frau von Pompadour den Plan zum bevorstehenden Feldzuge, der auf einer Landkarte mit Schönpflästerchen und Schminke bezeichnet war. Die gute alte Zeit!
          Ah, vraiment, le bon temps! Fehlte nur noch Gérard Fanfan La Tulipe Philipe, der von carriage zu carriage springt.

Regierungen sind Segel, das Volk ist Wind, der Staat ist Schiff, die Zeit ist See.
          Und wer ruft: Mann über Bord! wenn es am einträglichsten erscheint, den nächsten Stopphafen anzunavigieren?

Ein Schüler der Diplomatik hat bekanntlich drei Dinge zu lernen: erstens französisch sprechen, zweitens nichts sprechen und drittens die Unwahrheit sprechen.     
          Ach, könnt‘ ich darüber nur Falsches rapportieren, doch jeder Atemzug eine weitre Lüge, erst recht ins Französische transponiert.

Jede Gegenwart ist eine Noterbin der Vergangenheit. 
          Und wer fungiert dabei dann als Notarius der Verhetztheit? Der springende Punkt im Ietzum? 

Die Fürsten hätten sich und ihren Völkern viel Unglück ersparen können, wenn sie die Hofnarren nicht abgeschafft hätten. Seit die Wahrheit nicht mehr sprechen darf, handelt sie.
          Spricht der Hofnarr.

Der Leichtsinn ist ein Schwimmgürtel für den Strom des Lebens.
          G’tt sei g’dankt für Nichtschwimmer. G’ttes selige Kindergesellen sinds.

Der Mensch ist wie eine Spieluhr. Ein unmerklicher Ruck – und er gibt eine andere Melodie an.
          Dann ließ ER die Spieluhr fallen, trotziges Kind der Genesis, als er sah, dass alles schlechter war als erträumt in einer schlaflosen kosmisch absenten Nacht, die kein Ende nahm.

 

Das Ach ist ja kein Kreis; ist auch nicht das überraschte Mundrund im Feistantlitz. Das Ach ist – ach, lass mich nachdenken.



Der allerletzte Schiedsrichter: die Sanduhr ohne Sand.



Die Faust der Betonbrücke schlägt durch die Landschaft.

 

Was denkt sich die Mücke, wenn sie sich als Spinne verkleidet?



In der Doppelgarage der Erkenntnis stoßen die verlegten Dinge heilsam aneinander.



Drakonisch schreitet der Zaun durch die Landschaft.



Im Frühtau liegt der Pessimist im Sterben. Der restliche Tag kann nur besser werden.

 

Am Abend rollt sich der Tag zu einem Trommelwirbel zusammen, der sich ins Miauen einer Katze schmiegt.

 

und urplötzlich stellt sich dann das Dasein ein, ungewiss, ob es hineingelassen, noch unsichrer, ob es sich gar trauen darf, in altantiquiert ausschwingenden Phrasenformationen übers Sprachtrottoir schlendern zu dürfen

 

in dieser weite
ein kontinentalkongress von elstern
um das aber
gruppieren sie sich
hacken auf das
stets aufs ewig ein
hähern glorios
weit über die wassersiele weg
es
ist ein
anblick für heidnische 
gottheiten
zu opfern
diesem einen moment
namens zukunft

 

der baum schlägt seine
wurzeln in
          die alten 
zeiten die 
ohne bäume
aus         kamen
das wüstsein         sagt der schwanenritter
ist das beste in einem wüsten land

 

zum grab mäandert
dieser blaugemalte weg
auf dem ein hund
eine katze
ein maler
in den himmel hoch
starben

 

Alexander Kluy »Blöcke und Marmeln vor gekrümmter Fläche. Griboillis Gekritzel. Ein Commonplace-Book«, Klever Verlag, 2025, 100 Seiten, CHF ca. 31.90
ISBN 978-3-99156-013-5

Alexander Kluy, 1966 in Nürnberg geboren, lebt als Autor, Kritiker, Herausgeber, Literaturvermittler, Übersetzer in München. Studium der Germanistik und Amerikanistik. Mitarbeiter von Zeitungen (u. a. DER STANDARD, Wien) und Zeitschriften („Buchkultur“, „Literatur und Kritik“). Mitarbeiter des „Internationalen Literaturfestivals SPRACHSALZ Kufstein“. Ca. 50 Buchveröffentlichungen und Editionen, zuletzt „Das jüdische Südfrankreich“, „Der Bleistift“ und „Schwarz. Kulturgeschichte einer Nicht-Farbe“ sowie Herausgeber von u. a. „Alfred Polgar – Ob der Eisbär im Zoo von der Arktis träumt“ und „Jack London – Das Erdbeben in San Francisco“. „Der Wolf. Eine Kultur- und Angstgeschichte“ erscheint am 5. Oktober im Verlag Edition Atelier, Wien.

Beitragsbild © Filippo Cirri