Volha Hapeyeva «CAMEL TRAVEL»

Meine Mutter hatte immer meinen Fuß in ihrer Handtasche dabei, nicht meinem richtigen natürlich, sondern die Umrisse, auf Pappe übertragen und ausgeschnitten. Zu Sowjetzeiten waren Kinderschuhe schwer zu bekommen (Erwachsenenschuhe auch), deshalb war Mama allzeit bereit. Mit meinem Fuß schaffte Mama es immer wieder, Sandalen, Hausschuhe und Stiefel für mich zu ergattern, ohne dass ich sie anprobieren musste. Leider sind diese Zeiten vorbei, und ich muss jetzt selbst durch die Läden ziehen auf der Suche nach dem idealen Schuh, den es genauso wenig gibt wie die Gewissheit, ob der x-te Schuh, den du gerade zweifelnd anprobierst, drückt oder nicht, oder vielleicht zu groß ist, am Ende nicht über dicke Strümpfe passt oder bei Feinstrumpfhosen zu locker sitzt.

Es ist einfach so: Auswahl verdirbt, beziehungsweise zwingt sie einen dazu, in sich hinein zu hören, dabei herrscht dort nur Unklarheit, keinerlei Präferenz, die schiere Unifikation. Manchmal komme ich mir vor wie eine Patientin mit Gehirnschaden, die einfach keine Entscheidungen treffen kann, weil die für das Emotionale zuständige Region beeinträchtigt ist, Entscheidungen aber eher emotionsbedingt als wissensbasiert gefällt werden. Präferenzen folgen (bei allen gleichrangigen Bedingungen) selten der Logik, sondern stützen sich auf das, was einem »lieb« ist, wo man auf die Frage Wieso hast du das ausgewählt? antworten würde: Es gefällt mir einfach. Das ist die schlüssigste Erklärung überhaupt, auch wenn viele sie nicht als Erklärung durchgehen lassen, da die »Argumentationsbasis« fehle, dabei ist das Argument im Grunde ganz simpel – es sind meine Empfindungen, Vorlieben und Neigungen.

Die Schulzeit hat mich und mein Bewusstsein nachhaltig geformt, wie das der meisten Kinder, die sie durchlaufen haben. Regeln, Regeln und noch mal Regeln. Aber dabei habe ich auch Folgendes gelernt: Manchmal kann man Regeln hinterfragen und sogar Schlupflöcher, Schliche und Schleichwege finden, um sie zu umgehen. Eine dieser Regeln, die ich um jeden Preis unterlaufen wollte, hatte wiederum mit Schuhen zu tun. Es gab dafür sogar ein eigenes Wort, ein richtiges Angstwort: Wechselschuhe. Es erklang meist in einem Fragesatz, geäußert von der Lehrerin oder der Pförtnerin, in erhöhter Frequenz mit einem Anklang von Entnervtheit und untergründigem, beiläufigem Hass: »Wo sind die Wechselschuhe?« Der blanke Horror für jede und jeden, die im Winter morgens in die Schule kamen. Um dieser Frage zu entgehen, lief ich in Sandalen oder leichten Sommerschuhen durch den Schnee und sprang von Bank zu Bank, damit ich nicht diese Wechselschuhe mitschleppen, in der Garderobe sitzen und sie anziehen und den Wechselbeutel mit mir herumtragen musste, der dann irgendwo liegenbleiben würde. Ich fand es viel einfacher, gleich in Wechselschuhen zur Schule zu gehen, Jahreszeiten interessierten mich dabei nicht die Bohne. Nun sollte man meinen, dass mir diese Haltung im Winter eine Angina und Grippe nach der anderen beschert haben muss, aber, o Wunder, ich war nicht häufiger krank als die anderen, vielleicht haben mir die Wechselschuhe sogar zur Abhärtung von Körper und Geist verholfen.

Überhaupt maßen wir uns gerne darin, wer wie viel Schmerzen ertragen konnte. Am beliebtesten war die Brennnessel. Jemand packte deinen Unterarm mit beiden Händen und verdrehte dann die Haut gegeneinander, dass es brannte wie von richtigen Brennnesseln. Es war eine Frage der Ehre, diese Folter über sich ergehen zu lassen, aber je mehr man ertragen konnte, desto beherzter wurde zugegriffen, als wollten sie überprüfen, wo nun die Schmerzgrenze lag, bei der du einknickst.

Weniger schmerzhaft als unterhaltsam-hypnotisch war dagegen die Spinne. Dabei musste man das Handgelenk einer Freundin richtig feste zusammendrücken (während sie die Hand zur Faust geballt hatte), nach ein paar Sekunden durfte sie die Faust dann lösen, du hieltest aber weiter ihr Handgelenk fest umschlossen. Mit deiner freien Hand spannst du dann von ihren Fingerspitzen aus unsichtbare Fäden nach oben, um sie dann – Achtung, jetzt kommt’s – gebündelt aufwärts zu bewegen, während du das Handgelenk freigabst. Dann konnte deine Freundin die unsichtbaren Fäden spüren, die du aus ihr gesponnen hattest. Ein Stückchen Magie, für jeden zu haben.

Ein weiterer Ausweis von Mut und Tapferkeit waren aufgeschlagene Knie und Ellbogen. Fast die gesamte siebte Klasse hindurch ging ich mit flammend roten Flecken auf Knien und Ellbogen in die Schule, ohne. mir deswegen einen Kopf zu machen. Im Gegenteil, ein aufgeschlagenes Knie verhieß ja stille Freuden, unter anderem die spezielle Kruste, die sich über die Wunde legte, wenn sie verheilte, gab es doch nichts Schöneres, als die knusprige Kruste abzuknibbeln und die rosige Haut darunter freizulegen. Einen Haken hatte die Sache allerdings doch, der mir immer am Samstag wieder bewusst wurde, wenn die Badewanne anstand. Mit aufgeschürfter Haut in heißes Wasser zu steigen, ist nämlich richtig unangenehm, und mein Badewasser war nicht nur heiß, sondern kochend heiß, ich weiß nicht, wieso Mama es auf solche Temperaturen brachte, vielleicht meinte sie, so ginge der Dreck, den ich über die Woche angesammelt hatte, besser ab, vielleicht empfand sie die Wärme aber auch gar nicht so. Und dann weichten bei dieser Prozedur auch noch die Krusten auf, sodass man nicht mehr knibbeln konnte. Die Unmenge heißen Wassers forderte ihren Tribut, und ich entstieg der Wanne wie ein gekochter Krebs, leuchtend rot und verzehrfertig. Seither hege ich eine Abneigung gegen Wannenbäder, duschen ist viel angenehmer, da gibt es Bewegung und Fortschritt und nicht nur Herumgesitze und Gewarte. Vielleicht mag ich deshalb Flüsse lieber als Seen.

(aus «CAMEL TRAVEL» von Volha Hapeyeva, aus dem Belarusischen von Thomas Weiler, Literaturverlag Droschl 2021, Kapitel 8, «Schuhe und Abhärtung»)

 

dort wo heut schnee fällt
werd ich nicht sein
dort wo schweigen ein bekenntnis versucht
werden die absichten anderer unklar
man kann sich lange im fenster spiegeln
sich mit kurzhaarschnitt vorstellen
statt der langen haare
und doch nicht zur schere greifen

ich fahre dorthin wo schnee geboren wird
tag für tag
wo er die unvollkommenheit des seins verbirgt
dieser schnee ist humanist
er verspricht nichts
er ist bloß
wird geboren und stirbt

er könnte überall fallen
Armenien oder Koktebel
mit der last seiner zwangsläufigkeit
und ebenso rasch schmelzen
er reicht das staffelholz seiner flüchtigkeit weiter
und staunt warum ich so kalte hände und füße habe
er taut meine finger auf mit seinem atem

angesichts eines solch sinnlosen verhaltens
vertreiben sich mein schnee und ich die zeit im bett
ohne uns einzugestehen
wie einsam wir sind

 

am morgen danach versuchst du dich an mich zu erinnern
als sei ich eine halb vergessene grammatische regel
was wie war und was dir weswegen leid tut
was und wer gebeugt werden muss was dir nach mir
im gedächtnis bleibt
sind falsche endungen
die betonung stimmt nicht
die aussprache schleift
wie meine lust
in jedem brief zu fordern
dass man mich nicht groß schreibt

 

wie nicht eingelaufene schuhe
drückt mich mein herz
wenn es nicht die größe ist
woran liegt es dann?
wein tee bier
manchmal kaffee
so eine sohnonymie tochteromie kinderlosigkeit
oder ausser der ehe – meine sind es nicht
i c h  k a n n  n i c h t  l i e g e n
(so passend dass „b“ und „g“
fast nachbarn sind auf der tastatur)
viel näher als wir
und die galgen der baukräne
an denen ich jeden tag meine einsamkeit hänge
(schluck du deine runter)
mittags werd ich die trauer schänden
in einem verlassenen park
und
selbst ein verlorener ohrring kann nicht beweisen
dass ich
der verbrecher
bin

 

die gegenwart fällt mir schwer
die vergangenheit kann ich besser
deshalb lebe ich dort
wäre es doch wie im film
erst geht das gedächtnis verloren
dann die menschen die darin ohne
meine zustimmung eingetragen waren
danach hebe ich jede erinnerung auf
wie das haar von der schulter des mantels
von dem ich nicht mehr weiß
wessen

 

heute muss ich ein neues gedicht schreiben
sagst du am morgen

eines über den schwarzen hund
der meine einsamkeit war

schreib lieber über die ente
die war deine freude
rate ich dir
und sehe wie sie teil des gedichts wird

aber heute bist du melancholisch
lachst kaum über witze
kannst eine ente nicht als hauptcharakter sehen
so ein tölpelhaftes ding
so ein unbeholfener blödsinn
nur gut für wiegenlieder und limericks
und du willst einen ernsten nachdenklichen text schreiben
also bleiben die ente und ich auf der einen seite
der unvorstellbaren realität
während du mit deinem hund auf der anderen bleibst
und der einzige ort an dem wir zusammenkommen
ist dieses gedicht

 

manifest der gedichte

gedichte können unterschiedlich sein
sie können hoch sein oder nicht ganz
frauen sein oder nicht ganz
gedichte können wachsen
auch ohne blumenwasser
sie sind keine bäume
und auch ihr seid kein wasser
damit ein er- oder sie-gedicht wächst muss es gewogen werden
auch kommen gedichte zur welt mit nur einem bein oder arm
kein grund zur sorge sie wachsen nach
wie das bei echsen der fall ist
die ihre schwänze verlieren und neue erfinden
zugegeben einigen gedichten
wachsen niemals flügel und wenn
so fallen sie ab das liegt am kalziummangel in ihren leibern
nicht wahr?
doch das alles kommt später
zuerst muss ein gedicht gefangen werden
gedichte … lieben es wegzulaufen sie spielen verstecken
tragen masken verkleiden sich als prosa
auch das kommt vor
es ist gut einen kescher bei sich zu tragen
es ist nicht ihre art zu klammern
es sei denn man läuft oder fährt
sie verfangen sich wie wind im haar oder an den wangen
sie kleben an dir wie an einer windschutzscheibe
du musst sie nur rechtzeitig aufschreiben
magst du keine bewegung an frischer luft
wird es kompliziert: dann solltest du
etwas zum anlocken bereit legen
räubergedichte lieben blut
naschgedichte lieben dünne fäden von honig
die vom löffel ins glas tropfen …
und so kannst du ihre winzigen leichen
(wenn sie eine sammlung ausmachen
und aufbewahrt werden müssen)
auf papierblätter nageln ein buch daraus machen
und dir so einen friedhof erschaffen
andere vorgehensweisen mit genaueren klassifikationen
sind durchaus zu empfehlen:
gedichte sind menschen und zu enge kontakte
sind zu meiden sie lösen einen orgiastischen
oder psychopathischen zustand aus

(aus «Mutantengarten» von Volha Hapeyeva, Gedichte, übersetzt aus dem Belarussischen von Matthias Göritz, Martina Jakobson und Uljana Wolf, mit einem Nachwort von Matthias Göritz, mit Federzeichnungen von Christian Thanhäuser, Edition Thanhäuser & Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz, 2020)

 

Volha Hapeyeva, geboren in Minsk, Belarus (1982), ist Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin, Künstlerin und promovierte Linguistin. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den English PEN Translates Award für das Buch «In My Garden of Mutants» (2021), den Wortmeldungen-Literaturpreis 2022, Rotahorn-Preis 2021 und den manuskripte-Preis 2025.
2019-2020 war Volha Hapeyeva Stadtschreiberin von Graz. 2021-2022 Writer-in-Exile den PEN-Zentrum Deutschland, 2022-2023 Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms DAAD und 2023-2024 erhielt sie das Clara und Eduard Rosenthal Literaturstipendium (Jena).
Volha Hapeyevas Gedichte wurden in mehr als 15 Sprachen übertragen. 2020 erschien auf Deutsch «Mutantengarten«, 2023 «Trapezherz». Ihr Debütroman «Camel Travel» erschien 2021. 2024 erschien ihr Roman «Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber«. 
Seit 2020 schreibt Volha Hapeyeva auch auf Deutsch und wohnt als Nomadin in Österreich und Deutschland.

Wortmeldungen-Preis 2022: »Hapeyevas kunstvoll arrangiertes Plädoyer für eine widerständige Poesie gewinnt vor dem Hintergrund des Krieges gegen die Ukraine an bedrückender Aktualität. Hapeyeva tut, was eine Autorin im Angesicht von Gewalt und Unterdrückung zum Besten tun kann: mit starken Worten wirken.«, so die Jury in ihrer Begründung.

Beitragsbilder © Volha Hapeyeva 

Eva Strautmann «In der Luft»

Hoch hinaus ragt sie 
dicht bemooste Windung, 
nein Windungen 
aus braunem Sud, halsstarrigem Schlamm, 
fest gezogen von wehenden Ästen 
Luftschläuche umschlungen von faserigen Holzlenden, 
sich biegend, 
knatschend am Schreien um Hilfe.
Es steht bis zum Hals,  
wachsendes Wasser 
Vierblättrige Sonne aufgespalten im Licht 
nach vorn, nach hinten am Zergehen 
in strahlender Hitze, 
nicht mehr zu sehen. 
Dann die weitläufige Fläche mit eisigen Blättern 
aus dem Dunkel von oben, 
alles scheint einmal hell auf, 
am Glitzern, glänzend 
im wehenden Sand? 
In dunkelroter Erde 
Am Stampfen durch Blutrot 
durch krachendes Gebälk. 
Schon lächeln sie ins Mark, 
geschnitzte Masken, eingegerbte Gesichter an sinkenden Stämmen, 
in prachtvoller Grünblässe 
schreien um Hilfe. 
Wachsendes Wasser strahlt und schwappt von hinten, 
glänzt, 
im Wellen über die viergeteilte Sonne, 
spült weg, weggespült, 
alle Hälser gefüllt, Münder randvoll überlaufen 
bis kein Wort mehr hervordringt, 
bis es still wird im wachsenden Wasser 
Die Windungen fallen, 
fallen gegen sich selbst, halten sich gegenseitig fest im Tanz, 
im Geschlinge, 
Verschlungensein 
im Mikado ihres Sinkens. 
Bis das Wasser die Fläche überstrahlt, 
alles glänzt, 
grell, zu grell 
gelbscheinend 
In der Luft am Fliegen, am Tanzen 
am Schreien 
im Vergehen 
in der Luft

Eva Strautmann lebte nach dem Abitur in Grossbritannien. Sie ist Autorin, Künstlerin und Dozentin. Während des Studiums der Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin war sie zunächst als Tutorin und anschliessend als künstlerische Mitarbeiterin an der Hochschule der Künste Berlin tätig. Nach ihrer Tätigkeit als Regieassistentin am Berliner Ensemble folgte ein Umzug nach Frankfurt am Main. Im September 2005 hatte sie eine grosse Einzelausstellung in der Heussenstamm – Galerie am Römer in Frankfurt am Main unter dem Titel „Im Schreiben gehen – Im Malen schauen», bei der sie Bilder und Prosa-Texte kombinierte.

Beitragsbild © Eva Strautmann «Abstraktion 20», Öl auf Leinwand 

Matthias Gysel «Mikrolyrik und Gedichte»

früh am Morgen
den Kopf tief
im Gefieder

 

unser Mond
ertrinkt
im See

 

LAUT
wohin
mit den
lauten Stimmen
die sich stapeln
in einem
Leben

 

OHNE DICH
was bleibt in mir
wenn ich vergesse
dass du nicht
geblieben
bist

 

wenn nichts
Bestand hat
befallen wir uns

 

ihre Lippen
aufgespritzt
der Schmerz    

 

einander
die Worte nach
Hause tragen

 

am Morgen
neben mir liegt
ein Gedanke

 

OHNE
würde ich mich
verlassen wenn
ich wüsste
wer ich bin
ohne mich

 

AUSBLICK
wenn ein Gedanke
den Abschied berührt
dann blicke ich
nach vorn zurück

 

Falte um
Falte das Leben
rückwärts legen

 

manchmal
ist er im
Überfluss

 

ohne Obdach
sein letztes
Ich

 

ich will
mich mit dir
verkörpern

 

so unruhig
schön dein
Konjunktiv

 

am Sonntag
das Leben frisch
beziehen

 

zum Schluss
auf der Haut
etwas Mund

 

Sternhaufen so
viel am Himmel
so nichts von mir

 

Matthias Gysel wurde 1962 in Schaffhausen geboren. Von ihm erschienen sind bisher: «Laub und Haut» Haiku und Gedichte, «Eine Geigerin zupft den Regen» Mikrolyrik und «Unser Mond ertrinkt im See» Mikrolyrik, alle im Anton. G. Leitner Verlag, Deutschland. Seine Lyrik wurde u. a. in der Zeitschrift «Sommergras», in «Das Gedicht», Hrsg. Anton. G. Leitner Verlag und im Literaturmagazin «Wortschau» veröffentlicht.

Beitragsbild © privat

 

Peter Weibel «Berge»

Der Klang ihres Namens hat eine schwebende Aura, die mich sogleich packt, ich wiederhole ihn zwei Mal, drei Mal. Misaki. Sie ist lautlos neben mich getreten, schaut gebannt auf die Kristallsteine, die vor mir auf dem Tisch liegen, abgebrochene Stücke und filigrane Nadeln. Wo findet man die? Ich zeige nach oben, auf die Felsabbrüche, die Geröllhänge am Giuv, man kann sie finden, aber meistens kehrt man mit leeren Händen zurück. Man feiert die kleinen Siege und hat auch bei Niederlagen die magische Kraft des Steins vor sich. Sie hat sich jetzt zögernd hingesetzt, viel zu vorsichtig, ich heisse Misaki. Sie lächelt befangen, als ich sie nach der Bedeutung des Namens frage, schöne Blüte. Ihr schönes fremdes Gesicht hat wirklich den Glanz einer Blüte, nur ihre Augen sind dunkel, etwas Verletzbares liegt darin. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie zur Hütte hochgestiegen ist, was sie hier sucht. Ich frage nicht. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ihr die Berge nicht fremd sind, ich könnte nicht sagen warum. Dass in ihrer grazilen Erscheinung auch eine Kraft liegt, die dem Berg gewachsen ist.

Sie nimmt eine Quarznadel in die Hand, hebt sie hoch, sie lässt die Spiegelflächen im Licht aufblitzen, ihre Augen leuchten: Sie ist wunderbar, die Kraft des Universums ist darin, aber warum musst du sie selbst suchen, kann man sie nicht auch kaufen? Ich sage, die magische Kraft ist erst da, wenn du den Stein selbst entdeckst, und sie wird grösser, wenn du ihn weitergibst. Du stehst oben, im Reich der Steine, die Welt ist weit weg, eine andere Welt ist da, archaisch und eigentlich nicht fassbar, und im Kristallstein berührst du ihr Geheimnis. Du hältst das Geheimnis in den Händen, wenn du den Kristall aus einer Kluft herausbrichst – die magische Kraft ist nicht der Stein, es ist das Herz, das durch den Stein spricht. Manchmal gebe ich kleine Quarzsteine weiter – Glückssteine für eine Reise um die Welt, Schutzsteine für Schwerkranke, wo jede Hoffnung ausserhalb der Worte liegt.

Misaki hat schweigend zugehört, irgendwie gedankenverloren, sie sagt, die Wendung vom Herz, das durch den Stein spricht, könnte in einem japanischen Kurzgedicht stehen, sie gefällt mir. Unsere Gedichte sind Verschlüsselungen, sie tragen das Mysterium der vieldeutigen Worte. Etwas beschäftigt sie, ich frage nicht nach, einmal habe ich das Gefühl, dass sie mir etwas sagen möchte, aber sie fragt nur, und du steigst morgen zum Reich der Steine hoch? Ich sage nein, ich bin in die Hütte gekommen, um meinen eigenen Geschichten nochmals nahe zu sein. Um sie zu verstehen. Es sind zwei Geschichten, sie gehören auf rätselhafte Art zusammen, sie haben hier begonnen und hier geendet. Ist Misaki überrascht? Sie schaut mich mit seltsamem Blick an, wenn du mir die Geschichten erzählst, erzähle ich dir meine Geschichte.

Ich sage, die erste Geschichte ist die Geschichte einer Grenzüberschreitung zusammen mit meinem Sohn. Er war damals sechzehn Jahre alt, wir sind im Nebel bis zum Gipfel geklettert, mit Kristallen in den Säcken, und beim Abstieg in die Nebelfalle geraten. Zwei, drei Versuche, über Felsabbrüche zum Gletscher zu gelangen, scheitern, im Nebel lauert die Täuschung überall, wir müssen wieder hoch, eine heikle Geröllwand hinauf, die Dämmerung hat schon begonnen. Die Gesteinsformationen sind locker, keine zuverlässigen Griffe, mehr als einmal bewegt sich ein Felsbrocken bedrohlich. Dass wir es dennoch geschafft haben, trotz ungenügender Seilsicherung geschafft haben, hatte nichts mit meinem Leichtsinn zu tun, aber mit dem Mut meines Sohnes. Kein Wort über seine Angst, über die tödliche Gefahr, aber die feste Zuversicht, dass das Mögliche ganz nahe an das Unmögliche heranreichen kann. Später haben wir beide darüber geschrieben, um die Schreckensstunden loszuwerden. Um sie mit Worten zu bannen. Keiner hat vom andern gewusst, dass er schreibt, wir hätten es beide ahnen können, wir haben es nicht geahnt. Jeder hat den anderen Text später gelesen, sehr viel später, in beiden Erzählungen haben die Berggänger das Glück nicht, das wir beide hatten. In beiden Erzählungen stürzt einer an der Stelle, wo uns die Engel leben liessen.

Der Berg hat euch zusammengeführt, sagt Misaki entschieden, und das Schreiben noch einmal, auf entfernten Pfaden. Im Leben habt ihr euch gehalten, in den Worten ist einer gefallen. Es ist die Poesie des undurchschaubaren Lebens wie in unseren japanischen Gedichten mit abgezählten Silben und Zeilen.

Und die zweite Geschichte? Ich schaue hinüber, zu den Felsrinnen am Giuv, die im warmen Abendlicht fast gefahrlos aussehen: Die Engel müssen gestaunt haben über den erneuten Leichtsinn am gleichen Berg, zweiundzwanzig Jahre später. Wie viele Freikarten hat man bei ihnen zugute? Ich sage, die zweite Geschichte ist die Einlösung des Unwahrscheinlichen – dass eine geschriebene Geschichte auch wahr werden kann. Dass man vorausschreiben kann, was man ahnungslos im Kopf entwirft. Ich bin mit Freunden unterwegs zu den Steinen, im Herz die alte Geschichte; das Gras über den Felsen ist nass vom schmelzenden Schnee, glitschig. Wieder die Täuschung im Nebel, wieder Unvernunft. Mein Sturz beginnt genau dort, wo der alte Berggänger in meiner Erzählung den Halt verloren hat – ich muss die Worte nicht nachlesen, sie sind im eigenen Leben angekommen. Zuerst die Fassungslosigkeit, doch nicht ich, es kann nicht mir geschehen, dann die Beschleunigung, die Gewissheit im rasenden Fall, es ist vorbei. Es ist noch nicht vorbei. Die Freunde und die Nothelfer, die vom Himmel herabsegeln, haben mich gerettet. Die Engel haben noch einmal ihr Veto eingelegt. Ein letztes Mal.

Ein paar Minuten ist es ganz still zwischen uns, die Gespräche der Hüttengäste sind weit weg, ausserhalb. Misaki schaut mich durchdringend an, ihre Augen haben einen eigenartigen Glanz. Als würde sie etwas sehen oder könnte dunkle Zusammenhänge deuten. Sie sagt, Toyotama Tsuno hat in einem Haiku geschrieben, «sobald der ausgestreckte Finger das Glück berührt, ist es nicht mehr das Glück.» Deine Engel verkörpern das Ungreifbare, sie erscheinen immer dann, wenn wir ins Leere fallen. Ins Nichts. Bei uns sind es Naturmächte, die Ahnen. Die göttlichen Wesen. Ohne sie würde es unser Land und unser Volk nicht mehr geben. Sie sagt, auch die Berge sind Teil des Mysteriums, das uns umgibt. Das Universum hat sie geschaffen, lange bevor es uns Menschen gab, in Japan sind es heilige Stätten, aber für viele sind sie nicht mehr heilig. Der männliche Wahn, sie zu bezwingen! Soll ich dir meine Geschichte erzählen?

Sie redet jetzt langsam, stockend, wägt jedes Wort ab. Horcht mit jedem Wort in die Erinnerung hinein, in sich selbst. Sie sagt, ich bin hier heraufgekommen, um meinem Vater nochmals nahe zu sein. Misaki hat den Aufstieg zu dieser Hütte mehr zufällig gewählt, wenn es denn Zufälle gibt, sie will nur den Atem von Fels und Eis spüren, sie will nicht dort sein, wo sie nicht hingehen kann. Sie kann nicht vor der fürchterlichen Wand stehen, wo ihr Vater damals abgestürzt ist. Wo man ihn während Tagen gesucht hat, während Tagen, in denen sie über den halben Erdball hinweg nur gehört hat, wir tun alles, aber wir werden ihn kaum mehr lebend finden. Sie haben ihn gefunden. Misaki hat ihn heimgeholt und ist im Hubraum des Flugzeugs neben seinem Sarg gesessen, sie hat ihn verzweifelt angerufen und nicht geglaubt, dass er einfach schweigt, dass er ihre keine Antwort gibt, nur noch ein letztes Mal.

Ihre Hände machen eine schützende Bewegung, als würde sie nochmals den Sarg berühren, nochmals mit ihrem Vater reden: Er hat mich gelehrt, die Berge zu lieben und später zu hassen. Er hat mich auf Kletterrouten am Tanigawadake mitgenommen, ich habe gelernt, dass man mit dem Berg zusammenwachsen kann, dass sich die Energien von Fels und Körper verbinden. Sie sagt, mein Vater hat mir etwas gegeben, was anderen Mädchen nicht gegeben wird, dafür bin ich ihm dankbar. Ich habe die Berge geliebt, aber dass habe ich sie hassen gelernt, weil ihm die Berge in Japan nicht mehr genügt haben, weil er ganz oben stehen wollte. Dort oben, wo das Gewicht des Lebens anders wird. Er wollte einer der Bergsteiger sein, die in Japan zur Legende werden. Zur gefährlichen Legende. Sie sagt, ich weiss nicht, was sie antreibt, was sie vernichtet, Überflieger wie Nobukazu Kuriki, der acht Mal versucht hat, auf den Everestgipfel zu kommen, der noch mit abgefrorenen Fingerkuppen hinauf wollte und beim achten Mal nicht mehr zurückgekehrt ist. Sie wissen nicht mehr, dass die Berge heilig sind, sie wollen selbst geheiligt werden, als Sieger oder als gefallene Helden im eisigen Grab. Misaki schaut mit leerem Blick durch mich hindurch, zu dem Felswänden am Giuv hinüber, mit Tränen in den Augen: Warum mussten es dann die Gewaltwände der Alpen sein, ich habe nicht gefragt, vielleicht sind es Siegestrophäen für die grossen Bergsteiger, zu denen mein Vater gehören wollte. Er hätte mir erklären müssen, warum der Höhenrausch, der Siegesrausch alles löscht, warum er die Liebe löscht und jede Vorstellung vom Schmerz, den man zurücklässt.

Sie schweigt jetzt lange, ihre Augen sind wieder dunkel geworden, sie sieht zerbrechlich aus, unnahbar und zerbrechlich. Ihre Worte bleiben wie Schläge im Raum zurück – ihr Vater hat ihr die Leidenschaft für die Berge weitergegeben und sie im Sog seiner Berge im Stich gelassen. Man kann die Berge lieben, man kann sie hassen, aber sie weisen immer auf das Rätselhafte unserer Existenz. Auch unsere Begegnung, das Zusammen-treffen unserer Geschichten ist rätselhaft – man steigt hoch, um sich selbst nahe zu sein, dem eigenen Glück oder Unglück, und kommt einem anderen Menschen nahe. Zufällig oder zu-gefallen. Ich möchte meinen Arm um Misaki legen, ihr sagen, dein Vater soll deinen Zorn und deine Liebe zu ihm hören. Aber ich bewege meinen Arm nicht, ich rede nicht, ich lege nur einen leuchtenden Kristallstein in ihre Hände.

Peter Weibel schreibt, aquarelliert und zeichnet. Seit über vierzig Jahren veröffentlicht er Texte in Prosa und Lyrik, oft mit Cover und Illustrationen aus eigener Hand. In derEdition Bücherlese erschienen bisher sechs Prosabände, nach der Erzählung «Akonos Berg» (2022) «Kaltfront» (2024). Für seine Werke wurde er verschiedentlich ausgezeichnet, unter anderem mit einem Buchpreis des Kantons Bern für den Erzählband «Die blauen Flügel» (2013) und für «Mensch Keun» (2017) mit dem ersten Kurt Marti Literaturpreis. Peter Weibel, geboren 1947, studierte Medizin und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. Er lebt und arbeitet in Bern.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Rudolf Bussmann „Verheissenes Land“

Begegnung

Eine Ausfallstrasse, lang und gerade
Die ödeste Strasse der Stadt.
Man geht um die Welt, um hier zu landen.
Die Gedanken zurückgefahren, die Antennen
Eingezogen marschiert man ins Ungewisse.
Fehlgeleitet von Neugier hab ich den Stadtkern
Verlassen, um in solche Unlust zu kommen.

Eine Reparaturwerkstatt für Motorräder
Ein Gasflaschendepot, geparkte Autos 
Welkendes Grün vor einem Blumengeschäft.
Nur vom Schicksal Verurteilte gehn hier zu Fuss
Ein in sich gekehrter Alter, ein Halbwüchsiger
Vor sich hinredend mit geballten Fäusten
Eine Frau mit Kinderwagen. Welchen Ort

Hast du gewählt, Kind! Die Frau schaut mich an. 
Sie lächelt, nickt mir über den Kinderwagen zu
Als wär ich ein Freund. Neben den Gasflaschen
Bin ich stehengeblieben. Ein Strahlen ohne Grund
Bevor sie verschwand. Wie war ihr Mund? Trug sie 
Ein Hütchen? Ein Kopftuch? Ich überquere die Strasse
Trete ins Blumengeschäft, frage nach Rosen.

Komme mit einem Strauss aus dem Laden. 
Gehe die Strasse zurück, die ödeste Strasse der Stadt 
Im gleichen Schritt wie zuvor den baumlosen 
Fassaden entlang, Staub an den Schuhen
Im Arm einen Strauss, unterwegs nirgendwohin
Mit einem Strauss Rosen.

 

Auf dem Suk

Zuoberst auf dem Verkaufstisch liegt 
Ein Ballen Stoff, fein anzufassen, ein Gewebe 
Für ein besonderes Kleid, den eine suchende Hand
Unter dem Berg aus Ballen hervorgeholt hat. Ungewiss
Wohin seine Reise geht, wo seine Stücke hingelangen
Weggeschnitten von der grossen Schere

Nach Westen, Süden oder Osten. Vielleicht 
Entscheiden seine Farben, entscheidet seine Struktur
Oder die Macht seiner Muster, zu welchem Fest er
Bestimmt ist, zu Ostern, zu Pessach, zum Ramadan.
Im Gewoge anderer Kleider wird er 
Von den Schultern seiner Trägerin fliessen 

Und Worte einer Sprache des Westens, Ostens 
Oder Südens werden über ihn gleiten.
Unentschlossene Hände befühlen den Stoff
Zögern die Freude, ihn zu besitzen
Eine Weile hinaus. Faltenlos liegt er da
Schwer und ungeteilt.

 

Eichung

Unter dieser alten mächtigen Eiche 
Sitze ich. Wie lange schon bin ich da?

Seit ich in der Kinderbibel die Geschichten
Von Abraham und Jakob las

Seit ich diesen Ort
Im Traum gesehen habe

Seit ich am frühen Nachmittag
Hierher gewandert bin

Seit ich die Frage stellte
Noch keine halbe Minute.

Zuvor war Wind, war Stille
Zwischen Blättern ein Himmel

War ein Geruch von Hitze und Harz
War ich ein Tag der keinen Anfang kennt.

 

(aus «Verheissenes Land» Gedichte, edition bücherlese 2024)

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa, Romane und Essays. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Homepage führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Zuletzt erschienen der Reise-Essay «Herbst in Nordkorea» (Rotpunkt Verlag 2021) sowie die Gedichtbände «Ungerufen» (2019) und «Verheissenes Land» (2024) in der edition bücherlese. Er lebt in Basel.

www.rudolfbussmann.ch  

Beitragsbild © Ayse Yavas

Sonja Crone «Im Garten des Gleichmuts»

Wenn wir uns
wundern
schwebt
ein Sommervogel
über dem
leeren Stuhl

 

Im Garten des Gleichmuts

Dort wachsen keine Blumen
Dabei sprießen den Kindern
Die Kirschblüten
Direkt aus den Ohren

 

Meine Worte
wurzeln in Stein
tragen
seltene Früchte
aus Blau 
auf Blättern
sind sie
zu lesen

 

Der Punkt ist ein Moment
ohne Anfang und Ende
und wir Pointillisten
tupfen das Jetzt
näher an die Unendlichkeit

 

seziertes Insekt
da schimmert nun deine Idee
im Lichteinfall fort

 

Lauschend
das Hören der Kunst
zum eigenen Ohr
werden lassen

 

Sonja Crone, geboren 1982 in Speyer am Rhein lebt in Oberwil bei Basel (Schweiz). Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik, Gräzistik und Besuche philosophischer sowie kunstgeschichtlicher Lehrveranstaltungen in Leipzig, Bern und Basel. Sie ist nun als Lyrikerin, bildende Künstlerin und Lektorin tätig. Ihre Texte wurden bisher in zahlreichen Anthologien veröffentlicht. Ihr Debüt „Einen Spalt weit“ erschien im März 2024 im „Geest-Verlag“.

Beitragsbild © privat

Thomas Dütsch «Mit jedem Vers»

Ziegenhirte 2.0

Er führt seine kleine Herde auf die Weide zieht
ein Bündel frischer Erlenzweige hinter sich her
Die Ziegen freuen sich wie im Märchenbuch Sie 
machen Sprünge rempeln einander an wedeln
mit den Schwänzen knabbern begierig am Laub 
Der Hirte zückt sein Smartphone filmt die Tiere
während sieben Sekunden verschickt das Video 
Dann telefoniert er sitzend auf dem Brunnenrand 
Die Ziegen eilen herbei stossen mit ihren Hörnern
fordernd gegen seine kreidebleichen Kniekehlen
Er tätschelt ihre Hälse spricht weiter in sein Gerät
Die Ziegen wenden sich ab trotten verwirrt davon
Der Hirte ist 70 Er trägt eine weisse Apple Watch
An seinem Arm klebt ein frisches Dialysepflaster

(2022)

 

Das Eimerchen

Mein täglicher Weg an den Schreibtisch führt
im Gegenuhrzeigersinn um den Häuserblock
Ich leere das Eimerchen mit dem Grüngut
dehne meinen Rumpf vor dem Bücherschrank
zähle heute die bunten Pinguine vor der Kita
morgen die Schafe unterm Kirschbaum gelange
das quengelnde Eimerchen fest im Griff auf
eine sanfte Anhöhe sehe zu wie sich langsam
das Seebecken freinebelt während im Westen
die Nacht Länge um Länge abseilt den Mond
Wachgepinselt vom Hauch des frühen Tages
setz ich mich um Jahre verjüngt an mein Pult
Das Eimerchen indes will nicht an seinen Platz

(2024)

 

Ginge ich nicht

Mit einer Kaltnadel ritzt mir die Nebelhand
ihr Herbstmonogramm in die Nackenhaut
Ich schriee ginge ich nicht

Müde zirkelt mir die verdistelte Mittagssonne
ihr sprödes Licht vor die Füße
Ich haderte ginge ich nicht

Kreisend schwärzen letzte Stare den Himmel zu
und ihre Schreie steinigen mein ermattetes Herz
Ich stürbe ginge ich nicht

Ginge ich nicht durchs lodernde Laub

(2001)

 

Mit jedem Vers

Mit jedem Vers den ich schreibe
werde ich arm und ärmer verliere
eines meiner Geheimnisse die ich
mit Worten nicht benennen kann

Als Schmuggelware im Mantelsaum
trägt jeder Vers aus der Schneiderei
unzengroß eine Wahrheit über mich
ins Buchstabengetümmel hinaus

Die Leser werden Schnitt und Wurf 
genau besehen doch es wird dauern
bis einer das Verstuch dort befühlt wo
im Saum die Verhärtung zu spüren ist

Ich aber schreibe Verse wie eh und je
bis ich einst da steh nackt und kahl
eine geheimnislose Eiche ohne Frucht
wartend auf Sturm wartend auf Schnee

(2011)

Thomas Dütsch, geboren 1958 in Zürich, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Zürich, Tübingen und Berlin. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Lehrer und Sprachdozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich publizierte er Gedichte in den Literaturzeitschriften «einspruch», «drehpunkt» und «Sprache im technischen Zeitalter». Auch die «Neue Zürcher Zeitung», die «Zeit» und der «Tages-Anzeiger», Zürich, brachten Gedichte von ihm. 2001 erschien sein erster Lyrikband «Windgeschäft», für den er eine Anerkennungsgabe des Kantons Zürich erhielt. 2011 folgte sein zweiter Gedichtband «Weißzeug», der mit einer Anerkennungsgabe der Stadt Zürich ausgezeichnet wurde. In der «NZZ am Sonntag» lobte Manfred Papst die «Sorgfalt und das Formbewusstsein» seines Schreibens. Thomas Dütsch lebt in Wädenswil.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Konstantin Stawenow, Auszüge aus «Trost Land»

Kain / Gera-Aue in den Raunächten

Trostland, wo finde ich dich
auf den wasserstehenden Wiesen
im vertrockneten Schilf, am kleinen Bach
auf den weiten Feldern, hinter den Zäunen

oder im Gänseschrei (des Pflugs linke Flanke)
oder in der Hasenseele, im Fuchsgewissen
im Nadelstreifen der alten Leitungen

habe in den schmalen Gräben gesucht
am Feldrand Weidezaun betrachtet
die Pfosten mit Altöl getränkt
und die gefrorenen Pfützen umgangen

ja aber, wo bist du

 

Abel Epitaph / Gera-Aue in den Raunächten

Trostland, sprich zu mir mit der munteren Zunge der Gera
sag, dass die Eselsdisteln um den Sommer trauern
ich liege unter den Wasserlinsen begraben
wo du mich nicht sehen willst

meine Augen sind wie Laich unter ihren Lidern
ich singe auf ein Neues vom Diptychon, Altar meiner Hände
setze dich auf ihn kleiner Stichling, mein Lied soll dich segnen

doch du sprichst
verschwende deine Verse nicht, Toter

 

Konstantin Stawenow, geboren 2003 in Erfurt, schloss 2024 seine Ausbildung zum Holzbildhauer in Empfertshausen ab. Zurzeit studiert er am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. In den letzten Jahren war er u.a. Teilnehmer der Thüringer Textwerkstätten Weitsicht in Ranis und Poesie & Praxis in Gera sowie der young poems 2023 am Haus für Poesie. Seit Dezember 2023 arbeitet er eng mit der Forschungsstelle Sprachkunst & Religion in Erfurt zusammen. Er war Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen von 2023 bis 2025 und des Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerbs von 2022 bis 2024. Des weiteren war er Preisträger des Treffens junger Autor*innen 2023. Im Sommer 2025 war er Stipendiat der Kulturstiftung Thüringen. Für 2026 hat er ein Stipendium der Sparkassenstiftung Sömmerda erhalten. Verstreute Publikationen in Zeitschriften und Anthologien (u.a. Jahrbuch der Lyrik 2024/25, Literarische Blätter, Ort der Augen, Nagelprobe). Konstantin Stawenow lebt mit seiner Frau in Biel/Bienne.

Beitragsbild © Dirk Loehr/Erfurter Herbstlese

Gabriela Cheng-Voser «bittersüess» – Die Lücke 7/7

dis parfüm esch 
es rosarots gsi
s fläschli met
acht eggä
bittersüess 
dä näbel vo der
han di i dä nase

mech packt
blues
wänn ech
dech schmöck
hey, heey, heeey
s esch en
eländä 
herzschmerz 
wo mech plagt
achterbahn
met mer fahrt

häsch din zeigfinger
gern i d höchi greckt
gseit was z machä esch
well du liäber
umägsässe besch
chom hol mer das
breng mer no säb
s esch wörkli wechtig
weisch es doch
alles för dech
söllsch s mol 
besser ha
wiä ech

häsch sand 
verschtreut
wo gwörkt hät 
wiä charisma
bem schwätzä 
schteili kurvä 
gnoh – usäglah 
du wössisch
wiä s lauft
heissi luft
am meter
verchauft

hey, heey, heeey
wänn ech a dech dänk
überchond mech dä blues
nagt a minä chnöchä
möcht so gern wössä
wo du etz ächt besch
wiä s döt so esch
met funkelndä augä häsch
dis chrüsimüsi verzellt
mech badet i dim schmuus
ech sig dini prinzässin
häsch mer gschmeichlet
mech met dinä
märli gschtreichled

ond wänn mech en huuch
vo bergamottä streift
aprikosä ond chli rosä
lueg ech schnäll
öb s ächt du
gsi besch 
wo a mer
vorbii g weht esch

of s achslezuckä häsch dech
guät verschtandä
met em chopf herrischi
bewegigä gmacht
dini gangart hät signalisiert
platz do – etz chom ech

besch einzigartig 
aaschträngend gsi
emmer z schpot 
äs betz protzig
häsch chönnä bländä
ond verschwändä

besch gsellig gsi
bsuech häsch gliäbt
met gummigä
gschichtli brilliert
han s gern ghört
wiä häsch mögä lachä

esch din bodä
is gwagglä cho
häsch d luft
nach obä gno
vo nüt chond nüt 
häsch du so verschtandä
dass au z vell 
no z wenig esch

worum ech so fescht 
a der ghangä ben
chan ech mer sälber 
au chum erklärä
wenn mech öpper 
aso frooged wiso
lauf ich eifach dävo
muäss ech en antwort druuf ha
dass ech dech nöd han chönna la gah?
hey, heey, heeey
ha s nöd gschafft
dech hockä z lah
mis läbä hät sech 
numä um dech trüllt
hey, heey, heeey
bes mis eignä
g schtänkered hät 
nemmsch dr au mol
zyt för mech?

be nömm d füürwehr gsi
öber dini minefälder tänzled
han mini sach 
is rollä brocht
be fürschi cho
doch esch s äso 
dä chummer um dech
esch mer nachä gschwänzlet

sit mini lockä
grau wordä send
gnau äso wiä dini 
begriff ech jedes 
wort vo der
no emmer
numä
schier

bevor du ab dä bühni besch
häsch mer no söttigs gseit
wo mer öppis bedüüted
bittersüess 
dä näbel vo der
han di i dä nase

hey, heey, heeey
ond wänn mech en huuch
vo bergamottä streift
aprikosä ond chli rosä
lueg ech schnäll
öb s ächt du
gsi besch 
wo a mer
vorbii g weht esch

Gabriela Cheng-Voser: In den letzten Monaten kämpfte ich mit einer Schreibblockade, so habe ich oft darüber nachgedacht, warum ich schreibe. Immerhin habe ich herausgefunden, dass ich mit meinen Texten Mitgefühl wecken möchte und dass mir die Menschen besonders am Herzen liegen, deren Ausgangslagen eher schwierig sind. Zudem habe ich eine Neigung zu Rollenprosa. „bittersüess“ ist der erste Text, den ich nach meinem Schreib-Stau für den Adventswettbewerb vom Literaturblatt eingereicht habe.

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Béatrice Bader «Die Lücke» – Die Lücke 6/7

Auch in diesem Jahr schneit es nicht. Eigentlich schneit es an Weihnachten schon lange nicht mehr. Der fehlende Schnee hinterlässt im Reigen der Jahreszeiten eine nebelgraue Lücke.

Mery lebt im Haus ihrer Grosstante. Es liegt etwas ausserhalb am Rand des Dorfes. Das grosse Fenster des einen Zimmers blickt wie ein wachsames Auge auf eine weite Wiese. Da, wo in der wärmeren Jahreszeit die Kühe weiden, ducken sich jetzt die Büsche in den Nebel, als hätten sie etwas zu verbergen.

Drei Jahre ist es her, da Merys Grosstante gestorben ist. Unter ihrer Hinterlassenschaft befinden sich ein Kamm und ein Handspiegel. Der Kamm ist aus Elfenbein, eine der groben Zinken ist herausgebrochen.

Mery ist nicht mehr jung, schon seit mehreren Jahren nicht mehr. Ihr langes silberweisses Haar gleicht dem fahlen Schein des Mondlichts. Seit drei Jahren kämmt sie es jeden Abend und jeden Morgen mit dem Kamm ihrer Grosstante. In der Lücke, da wo ein Zacken fehlt, bleiben jedes Mal ein paar Haare hängen. Sie sammelt die hängengebliebenen Haarsträhnen in einer alten Hutschachtel, indem sie sie zu kleinen haarigen Objekten formt, die sie von Zeit zu Zeit auf einem weissen Leinentuch auslegt. Die Haarobjekte liegen vor ihr wie kleine Wesen, wie stumme Zeugen längst vergangener Tage. Zusammengehalten aus Geschichtenfäden, bestehend aus ihren langen weissen Haaren.

An drei von fünf Tagen arbeitet Mery in einer Kaninchenzucht. Ihre Aufgabe ist es, die gereinigten und getrockneten Felle der gehäuteten Tiere zu einem Stoffkaninchen zusammenzunähen und mit einer besonderen Watte zu füllen, so dass weiche Kuscheltiere daraus entstehen, welche sie an den anderen zwei Tagen der Woche auf dem Markt verkaufen muss.

Zu ihren Aufgaben gehört es nicht, den fertigen Stofftieren die Augen anzunähen. Das ist Mery recht, so können die Tiere sie nicht sehen und sie braucht ihnen nicht zu erklären, weshalb sie ausgestopft auf ihrem Schoss sitzen, anstatt lustig und voller Leben im grünen Gras herumzuhoppeln.

Mery kennt es von ihrer Mutter, nicht gesehen zu werden: Klein-Mery blieb die meiste Zeit allein und ungesehen; für die Mutter unsichtbar, so sehr sie sich auch bemühte. Vielleicht bin ich unsichtbar, fragte sie sich. Nur in besonderen Situationen, zum Beispiel wenn Klein-Mery krank oder beim Spielen hingefallen war, wurde sie für die Mutter für kurze Zeit sichtbar durch ihr Weinen.

Die Mutter ärgerte sich dann jeweils darüber, dass ihre Tochter ihr so viel Aufmerksamkeit abverlangte und flüchtete in die Stadt, wo sie sich schöne Kleider in den Schaufenstern teurer Boutiquen anschaute. Manchmal betrat sie den Laden auch, liess sich von der Verkäuferin einen kostbaren Pelzmantel oder ein unerschwingliches Seidentaftkleid zeigen, die sie dann anprobierte und sich vor dem Spiegel drehte. Sie hatte immer noch eine gute Figur, vielleicht war sie insgesamt etwas klein geraten, aber mit hohen Schuhen liess sich dieser Makel schnell beheben. Die Mutter stellte sich vor, sie sei eine wohlhabende und angesehene Kundin der besten Geschäfte der Stadt, und nicht, wie in Wirklichkeit, deren Schneiderin.

Mery kann die Lücke, die das Fehlen der Mutter bei ihr hinterlassen hat, bis heute nicht schliessen. Ihre Arbeit in der Kaninchenzucht hilft ihr dabei, diese Leere zu verscheuchen. Sie stellt sich vor, wie andere Mütter ihre Kinder mit einem der Fellkaninchen überraschen und dafür mit deren leuchtenden Augen belohnt werden.

Jetzt, in der kalten Jahreszeit, wo die Dunkelheit so dicht ist, als hätte jemand schwarze Tücher vor die Fenster gehängt, bastelt Mery abends eifrig kleine, kuschelige Bauten aus biegsamem Hasendraht für die augenlosen Fellkaninchen.

Weil der Schnee ausbleibt, kann sie auf ihren ausgedehnten sonntäglichen Spaziergängen schöne Blätter, feine Zweige und weiches Moos sammeln; damit polstert sie jeden Bau weich und dekorativ aus. Beim Bauern steckt sie eine Handvoll Heu oder Stroh in ihre Tasche, die Halme flechtet und webt sie kunstvoll in die Lücken des Hasendrahtes, den sie zuvor in die richtige Form gebogen hat. Zum Glück ist in der Kaninchenzucht noch niemandem aufgefallen, dass hin und wieder ein Stück des Maschendrahtes verschwindet.

Sie besitzt mittlerweile eine beachtliche Anzahl dieser schön geschmückten Kaninchennester. Keines gleicht dem anderen, jedes ist eine Augenweide. Mery bestaunt sie voller Stolz.

Das nächste Mal, denkt sie, wenn ich mit meinem Stand auf dem Markt bin, will ich ein paar davon mitnehmen und sie zu jedem verkauften Stoffkaninchen als Geschenk dazugeben, es ist ja bald Weihnachten.

Was niemand weiss: in jedem Nest hat Mery eines ihrer weissen Haarwesen versteckt.

Béatrice Bader ist Schweizer visuelle Kunstschaffende und Autorin, deren Werk sich konsequent an der Schnittstelle von bildender Kunst und literarischem Erzählen bewegt. Ihr Schaffen verbindet künstlerische Forschung, Konzeptkunst und Sprache zu stillen Dialogen zwischen Bild und Wort. 2025 erschien ihr Debüt «Imelda und die blaue Feder» im Neptun Verlag – eine feinsinnige Erzählung über Fundstücke und Vergänglichkeit. Sie lebt und arbeitet in Nennigkofen, Schweiz.

Adventsgeschichten 2024

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Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.