Tina Wodiunig «Wenn Weine und Bücher Glückssache sind» – Die Lücke 5/7

Schon das Dritte SMS von Armin, die Ansage mit jedem Mal dringlicher: «Wo bleibst du?», «Wann kommst du endlich?», «Wir warten ALLE auf dich!»
Sie fühlte sich von SMS zu SMS immer weniger angesprochen. «Mensch Lea…» begann das Vierte. Rasch wischte sie es weg. Einfach hier sitzen zwischen all diesen Büchern und book lovers, das war es, was sie wollte an diesem Nachmittag des 24. Dezembers.

Am Mittag war sie losgegangen, um rasch mal Wein und die letzten Geschenke zu kaufen. «Bin grad zurück», hatte sie zu Armin gesagt und ihn zwischen Tannenbäumchen und Weihnachtsschmuck stehen gelassen. Den Jungs hatte sie zugerufen «Helft Papa den Baum schmücken», dann warf sie die Wohnungstür hinter sich ins Schloss. Das war vor exakt drei Stunden, zwölf Minuten und «pling», inzwischen fünf SMS gewesen.

Zuvor war Armin mit den Einkäufen für Heiligabend nach Hause gekommen. Er hatte ihr eine Flasche Weisswein vor die Nase gestellt und gesagt: «Bio aus Chile, den wollte ich schon immer mal probieren, nimmt mich wunder, was der taugt.»
Sie musterte die Flasche, ein hässliches neon-grünes Etikett, dann ihren Mann. 
«Das ist nicht dein Ernst, oder?»
«Doch, he du, nur drei Franken, und für das Fondue kommt es sowieso nicht so drauf an.»
Damit liess er sie stehen, um den Weihnachtsschmuck vom Estrich zu holen.

Es war ihm tatsächlich ernst. Das konnte doch nicht wahr sein, Wein aus Chile für ein Schweizer Käse Fondue. Bio hin oder her, aber das ging gar nicht. Auch zu argentinischem Rind wäre es für sie ein No-Go gewesen, und bisher hatte sie angenommen, dass auch ihr Mann so dachte. Wie konnte man Wein kaufen, der in Containerschiffen und mit Lastwagen über tausende von Kilometern herangekarrt wird? Noch nie hatten sie solche Weine gekauft. Warum ausgerechnet heute, an Weihnachten? Was war bloss in ihren Mann gefahren?
Wütend räumte sie die Einkäufe weg, die Flasche liess sie auf dem Tisch stehen. Als Armin, gelassen wie immer, in die Küche zurückkam, fauchte sie: 
«Das glaub ich jetzt einfach nicht. Wie kannst du bloss Wein aus Chile kaufen, und dann noch für unser Weihnachts-Fondue?»
«Ich sag’s doch, ich will ihn probieren, ich will wissen, ob ein Wein für drei Franken etwas taugt.»
«Das interessiert mich nicht, das tut man einfach nicht, und so etwas haben wir bisher noch nie getan. Warum gerade heute? Ich verstehe dich nicht. Ich dachte, wir sind uns einig, dass wir keinen Wein aus Südafrika, Chile oder sonst von einem anderen Kontinent kaufen.»
«Jetzt sei doch nicht päpstlicher als der Papst. Die machen gute Weine, und eventuell ist es in Zukunft sogar ökologischer, wenn die sich auf Weinbau spezialisieren und wir es hier sein lassen damit, wie mit dem Fleisch. Die Ökobilanz von Weidefleisch aus Argentinien ist, trotz der grauen Transportenergie, immer noch um einiges positiver, als wenn wir die Viecher hier mit importiertem Kraftfutter durchfüttern.»
«Und was sollen dann unsere Bauern deiner Meinung nach in Zukunft tun?»
«Tja, weiss auch nicht, auf der Bank oder für eine Versicherung arbeiten?»
«Du hast sie wohl nicht alle. Mach doch mit deinem Wein, was du willst, ich geh einen anderen kaufen, der kommt mir nicht in mein Fondue.»
Damit hatte sie ihn stehen gelassen, um eben mal richtigen Fonduewein und letzte Weihnachtsgeschenke zu besorgen.

Das Velofahren tat ihr gut, der Wind um Nase und Ohren und die leise Konzentration auf den Verkehr entspannten sie. Schon beim COOP war ihr leichter ums Herz. Der Wein war rasch gekauft, ein Fendant. Nun noch in die Buchhandlung, die Bücher für die Jungs und Armin kaufen.

Sie schenkte immer Bücher zu Weihnachten, das hatte Tradition, und diesbezüglich war auf ihren Mann verlass. Er schenkte ihr auch Bücher, meistens waren diese ganz OK, doch manchmal griff er daneben.
Vor einem Jahr hatte er ihr dieses peinliche Malibu-Buch geschenkt. Was hatte er sich bloss dabei gedacht? Sie war doch keine, die seichte Romane las. Krimis ja, aber bitte keine Sentimentalitäten. Seither sprach sie öfters über ihre Lieblingsbücher und die gerade angesagten Autorinnen, die diesen oder jenen Preis gewonnen hätten. Bisher leider ohne Erfolg. 
Und zum Geburtstag hatte er ihr ein Buch geschenkt, das sie schon hatte. Das hatte sie getroffen, beleidigt irgendwie. Hatte er den keine Augen im Kopf? Sie versteckte ihre Bücher doch nicht. Die Ungelesenen lagerten auf einem Stapel neben ihrem Bett und kamen erst nach dem Lesen ins Regal, ausser die, die sie kein Zweites Mal in die Hand nehmen würde, die kamen ins Brocki.

Schon war er wieder da, der Ärger. Auf dem Weg nach Örlikon trat sie kräftig in die Pedale. Seit ein paar Tagen plagte sie diese bange Vorahnung, es könnten die letzten Weihnachten sein, die sie gemeinsam als Familie verbrachten. Vielleicht, weil Ihr Ältester gerade zwanzig geworden war, und sie selbst in diesem Alter zu Hause ausgezogen war. Danach hatte sie keine einzige Nacht mehr bei ihren Eltern verbracht, nicht einmal als ihre Mutter im Sterben lag. Sie konnte einfach nicht.

Die Buchhandlung empfang sie mit einem wohligen Duft nach Zimt und Orangen, und da kam ihr das passende Buch für ihren Vegi-Sohn wieder in den Sinn: Simple von Ottolenghi. Für den Jüngeren, der neuerdings einen übertriebenen Hang zum Philosophieren hatte, wie sie fand, musste sie etwas länger stöbern. Doch nach ein paar Sätzen Lob der Erde von Byung-Chue Han lächelte sie zufrieden. Eine Philosophie der Langsamkeit und der exakten Beobachtung war genau das richtige für ihren Grübler. Sie ging zur Kasse und liess sich die beiden Bücher einpacken.

Sie war nie eine dieser überbehütenden Mütter gewesen. Selbstverständlich wollte auch sie nur das Beste für ihre Kinder, doch ihnen Vorschriften machen, was aus ihrem Leben werden sollte, das war nicht ihr Ding. Stattdessen liess sie sich lieber von ihren Ideen und von ihrer unbändigen Energie anstecken, und wusste schon jetzt, dass sie diese Kopfauffrischungen am meisten vermissen würde, wenn sie dereinst ausgezogen sein würden. Manchmal kam sie sich egoistisch vor, weil sie überzeugt war, dass ihre Jungs ihr viel mehr geben konnten als sie ihnen.

Mit Armin war sie die Familienplanung pragmatisch angegangen. Er verdiente gut und war bereit, sein Pensum zu reduzieren, damit sie nach den Schwangerschaften rasch wieder zurück an die Arbeit konnte. Ausserdem war er ordentlicher als sie, konnte gut kochen und war überhaupt recht fix im Haushalten. Mit der Zeit genoss sie es, nach getaner Arbeit nach Hause in eine aufgeräumte Wohnung zu kommen, in der es erst noch lecker nach Pasta oder Risotto duftete.

Für ihren Mann wollte sie wie immer einen Krimi kaufen, und zwar den Letzten von Camilleri, der erst kürzlich posthum erschienen war. Und einen historischen Roman, vielleicht Friedas Fall, den sie im Frühling im Kino gesehen hatte, oder war das eher etwas für Frauen? Ein Sachbuch auf jeden Fall. Etwas Anspruchsvolles konnte nie schaden. Zielstrebig steuerte sie auf die Ecke mit den Sachbüchern zu, und da sah sie ihn, von hinten und doch unverkennbar, Max.

Er trug seinen alten Lodenmantel, den er damals von seinem Vater geerbt hatte, als dieser überraschend gestorben war, und sie noch ein Paar waren. Sie hatten sich an der Uni kennengelernt und konnten unendlich über Bücher diskutieren, gnadenlos und leidenschaftlich.

Ihr Atem stockte, und das fahle Gefühl des Verlassenwerdens kehrte abrupt in ihren Bauch zurück, so als ob es nie weg gewesen wäre, bloss überdeckt von Ehe und Arbeit, aufgefüllt von zwei Schwangerschaften und begraben unter bestimmt mehr als tausend Büchern, die sie seit der Trennung verschlungen hatte. Und jetzt meldete sich ihr Körper und meinte doch tatsächlich, dass nichts von all dem, dieses unstillbare Loch, diese Lücke, die er vor einem Vierteljahrhundert in ihr hinterlassen hatte, zu schliessen vermocht hatte.

Sie atmete tief durch. Dann liess sie sich von der Buchhändlerin zwei Pappbecher mit Glühwein geben und peilte ihn an. 
«Max, magst du mit mir auf uns anstossen?», sagte sie und wunderte sich kein bisschen über das «uns» in ihrer Frage.

Tina Wodiunig, 1960*, lebt und arbeitet in Zürich. Während ihrem Ethnologie- und Sinologie-Studium lebte sie ein Jahr lang in China, danach begann sie in einem Museum zu arbeiten und absolvierte einen MAS in Museologie an der Uni Basel. Sie ist Mitglied der Autor*innen-Gruppe «Die aus Zürich». Derzeit arbeitet sie an einem Roman über ihre Grosstante, die in St. Gallen aufwuchs, nach Österreich ausgewiesen wurde und 1941 von den Nazis ermordet wurde.

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Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7

Ava erwachte an diesem Morgen unerwartet mürrisch.
Draussen warteten Dunkelheit und Kälte, sie verkroch sich nochmals unter der warmen Decke. Nur noch fünf Minuten, dachte sie und döste nochmals ein. 
Sie träumte vom Esel im Stall, den man in diesen Tagen überall sah, sei es auf Karten oder in den Gassen mitsamt dem Nikolaus. Daneben stand eine Krippe mit dem Jesuskind. Doch wer war nun daneben?
Die Kirche, die das Kind nicht wachsen liess oder der Metzger, der Schweinsfilets im Teig im Akkord zu verkaufen wusste?
Egal, dachte der Esel Kim, ich bitte das Jesuskind um Flügel, dann kann ich mich davonmachen. Es hat zu viele Leute hier, zu viel Neonlicht, zu viel Lärm. 
Iah, rief er laut und schon wuchsen ihm schmale Knorpel, überzogen mit Faszien und Muskeln aus der Seite. Bestimmt lassen sie sich als Flügel benutzen, dachte Kim, scharte mit den Hufen im feuchten Heu und schaute zum Kind. 
Lass mich ziehen, bat der Esel.
Das Kind nahm seine Hand zum Mund und knabberte daran. Es schien dabei zu nicken, für niemanden sichtbar. Doch diesen Zuspruch liess sich Kim nicht nehmen, er versuchte ein wenig die seitlichen Fächer zu bewegen und schon strampelte er sich ein paar Zentimeter vom Boden weg. Dann plumpste er wieder auf den Boden. 
Ava schrak auf und schaute auf die Uhr. 
Nun war sie wirklich spät dran, sie stand eilig auf, kämmte ihre langen Haare, griff kurz nach dem Pinsel, um den Lippen etwas Rot aufzulegen und schob wenig später das Fahrrad aus dem Velokeller. Sie hatte heute Sonntagsdienst in der Apotheke. Sie hatte Pharmazeutik studiert und die Stelle, die sie kurz nach Abschluss an der ETH gefunden hatte, passte ihr. Sie waren ein kleines Team, alle jung und …  dynamisch, bei diesem Wort musste Ava grinsen. Sie stoppte bei der Bäckerei, wo man von draussen etwas bestellen konnte, bezahlte ihren Kaffee und den Laugengipfel und biss mit Genuss in das frische Gebäck. Wenige Gebäude weiter stellte sie das Fahrrad in das Parkfeld und schloss das geliebte Vehikel ab.

In der Apotheke schlüpfte sie in den weissen Kittel und schon stand sie hinter der Theke. 
Sie mochte die Vielzahl der Fragen, mit denen die Menschen an sie herantraten. 
Ein älterer Mann fragte nach einer Salbe, er habe sich den Fuss verstaucht. 
Reiben Sie diese ein, sagte Ava, sie ist schmerzstillend und abschwellend – und lagern Sie den Fuss hoch, schob sie nach. Der Mann bedankte sich, bezahlte und ging humpelnd davon.

Viele Leute husteten, als sie reinkamen; sie verkaufte Erkältungstee und wenn es etwas Stärkeres sein sollte, Neocitran. 
Eine junge Frau hatte ein quengelndes Kind bei sich und verlangte nach Schmerztabletten. 
Kopfschmerzen, fragte Ava mitfühlend nach und die Frau nickte. 
Fast gleichzeitig war ein Junge eingetreten, er wartete geduldig und hielt ihr dann ein Rezept hin, für meine Mama, sagte er und schaute sie fragend an. 
So ging es den ganzen Tag weiter. Ava verkaufte Medikamente, griff nach Schachteln und Fläschchen und kam kaum zu einer Pause. 
Draussen spielte die Heilsarmee Weihnachtslieder, mit jeder Türöffnung drangen Fetzen bekannter Melodien hinein. Ava war versucht, mitzusingen, so allmählich wurde sie müde und nostalgisch. Und hörte den Magen knurren. 
Kurz vor Ladenschluss trat ein Mann mit einem smarten Wuschelkopf an die Theke. Er trug ein schmales Instrument an der Seite und einen grauen Flanellmantel. Ein Knopf fehlte, vielleicht waren es zwei. In diesem Moment kam Ava der Esel in den Sinn, sie hatte keine Ahnung weshalb. 
Spontan fragte sie den durchfroren wirkenden Mann, als sie ihm die Vitamin C Sprudeltabletten hinübergereicht hatte, ob er ebenso hungrig sei wie sie. In der Nähe sei ein günstiges Lokal, ich lade dich ein, sagte sie und war ebenso überrascht wie der schlaksige Mensch ihr gegenüber.

Wenig später sassen sie sich vis à vis und schauten sich etwas verlegen an.
Dass sich der Mann als Kim vorstellte, verwunderte Ava kaum mehr, nur ihre Augenbrauen schnellten kurz hoch.
Ava sah von ihrem Sitzplatz auf die Gasse hinaus zu den Juddbrunnen, wo die Krippenfiguren aus Holz aufgestellt worden waren. Sie lächelte dem Jesuskind in der Holzkrippe zu, das immer noch an seiner Faust knabberte. Gut gemacht, Kleines, du bist gar nicht so daneben, zwinkerte sie ihm zu.

© Ayse Yavas

Ruth Loosli, geboren 1959 im Seeland, lebt in Winterthur. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, fünf Lyrikbände, ein Roman («Mojas Stimmen»). Schriftbilder entstehen, eines fürs Plakat von «Zürich liest» 2023. Ein erstes Bilderbuch erscheint 2024, ein zweites im Frühjahr 2026. In der Galerie Weiertal werden 2026 Schriftbilder zu sehen sein.

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Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7

Es hat geklopft!
Sie richtet sich auf, schaltet das Licht an, schlüpft in die Pantoffeln, eilt zur Wohnungstür und hinaus auf den Korridor. Doch da ist niemand. Sie ruft den Namen ihres Sohnes, zuerst leise, dann lauter.
Keine Antwort.
Nichts.
Nur ihr Herz, das pocht.
Sie geht zurück in die Wohnung, durch die Küche auf den Balkon, lehnt über die Brüstung, weit hinaus, um zur Eingangstür hinunterzuschauen. Doch auch da ist niemand. Im Halbdunkel erkennt sie nur die Konturen der Mülltonnen, die neben dem Eingang stehen. Die Straße ist leer. Aus der Ferne hört sie einen Hund bellen, dann ist es wieder still.
Fröstelnd geht sie zurück in die Wohnung. Es ist erst halb fünf, doch sie beschließt, wach zu bleiben, Kaffee zu kochen, das Frühstück zuzubereiten. Als sie in der Küche hantiert, fällt ihr Blick auf den Kalender. Nicht auf den alten, der über der Kommode hängt und seit zwei Jahren und drei Monaten den 30. August anzeigt. Nein, auf den anderen Kalender fällt ihr Blick, auf den aktuellen, von dem sie nun ein Blatt abreißt und sieht, dass heute der erste Advent ist.
Sie lächelt. Den ersten Advent haben sie früher wie Weihnachten gefeiert. Mit einem festlichen Abendessen und Geschenken. «Kleine Weihnachten», hat ihr Sohn einmal gesagt, was sie lustig fand. Wie alt war er damals? Vier, vielleicht fünf? Den ersten Advent haben sie danach immer so genannt, «kleine Weihnachten», auch später noch, als ihr Sohn zur Schule ging und noch später, als er Student war.
Sie stellt zwei Tassen auf den Tisch und rückt den Stuhl zurecht, auf dem seit dem Datum auf dem Kalenderblatt über der Kommode niemand mehr gesessen hat. Sie setzt sich auf den Stuhl gegenüber, frühstückt und lässt danach das Geschirr stehen, damit sie noch einmal frühstücken kann, wenn ihr Sohn kommt.
Punkt acht meldet sie sich in der Chatgruppe und erzählt vom Klopfen. «Vielleicht ist heute der Tag», endet sie ihre Nachricht.
«Hoffentlich», antwortet jemand.
Drei reagieren mit einem Herzen.
Niemand aus der Chatgruppe fragt, ob es wirklich geklopft habe. Und niemand sagt, sie müsse realistisch sein und abschließen, wie ihr einmal ein Arzt geraten hat. Trauern solle sie, hat er empfohlen, wie wenn ihr Sohn gestorben wäre. Als ob ihr Sohn gestorben wäre!
Wer wäre sie dann überhaupt? Sie ist Witwe, seit vor vielen Jahren ihr Mann gestorben ist. Ihr Sohn wurde dadurch Halbwaise und würde Vollwaise, wenn auch sie stürbe. Doch für eine Mutter, deren Kind gestorben ist, gibt es keine Bezeichnung, erst recht nicht für eine Mutter, deren Kind verschwunden ist.
Verschwunden worden ist, müsste sie wohl sagen. Denn was vorgefallen ist, wurde beobachtet, das Beobachtete berichtet, das Berichtete bestätigt. Und bestritten. Es sind Puzzleteile, die sich bis jetzt zu keinem Bild zusammenfügen lassen. Solange sie es nicht genau weiß, ist ihr Sohn nicht gestorben. Er ist vor zwei Jahren und drei Monaten, am 30. August kurz nach Mittag, aus dem Haus gegangen und nicht zurückgekommen. Noch nicht.
In der Chatgruppe braucht sie das Warten nicht zu erklären. Sie alle kennen es. Auch die Geräusche kennen sie. Manche hören ebenfalls ein Klopfen, andere das Telefon klingeln oder eine Tür knarren. Nachts ein Schnarchen im Nebenzimmer, tagsüber eine Stimme, ein Räuspern, ein Rufen, ein Lachen, ein Singen, ein Pfeifen. Einige hören Schreie, immer wieder Schreie.
Heute war das Klopfen anders. Kräftiger, hartnäckiger vielleicht. Es klang wie eine Ankündigung. Als sei ihr Sohn unterwegs und komme bald durch die Tür, heute noch oder morgen erst, nächste Woche oder an Weihnachten. Sie wird ihm auch dieses Jahr ein Geschenk kaufen, sein Lieblingsessen kochen, die Wohnung schmücken.
«Es ist Advent, die Zeit der Ankunft», schreibt eine der Mütter in den Gruppenchat. Jemand reagiert mit einem Stern. Im Verlauf des Tages melden sich alle aus der Gruppe. Es brauchen keine Worte zu sein, denn manchmal fehlen sie. Ein Emoji genügt. Sonst wird nachgefragt. Denn sie alle sind auf einer Achterbahn, könnten jederzeit hinausgeschleudert werden und fallen, tief fallen.
Als wieder halb fünf ist, weiß sie nicht mehr, was sie den ganzen Tag über gemacht hat. Gewartet hat sie, natürlich hat sie gewartet. Das tut sie jeden Tag. Manchmal strickt sie dabei. Im Schrank liegen drei Pullover, ein Schal und fünf Paar Socken, die sie für ihren Sohn gestrickt hat.
Angefangen hat sie damit, als sie gesehen hat, wie abgemagert die jungen Männer sind, die zurückkommen. Auch der Sohn ihrer Nachbarin. Gezittert hat er. Also hat sie ihm einen Schal gestrickt, den er fortan immer trug, sogar am Tag, als er wegzog, um das alles hinter sich zu lassen, wie er ihr beim Abschied erklärte. Kurz darauf ist auch ihre Nachbarin weggezogen, um das alles hinter sich zu lassen.
Sie selber kann nicht wegziehen. Nur selten verlässt sie ihre Wohnung. Sie ist hier, um zu warten. Je weiter der Tag fortschreitet, desto beschwerlicher wird das Warten. Wenn sie die Kraft dazu hat, setzt sie sich an den Computer, füllt Formulare aus, kontaktiert Organisationen, vernetzt sich, schreibt Briefe, erzählt wieder und wieder seine Geschichte, die längst zu ihrer Geschichte geworden ist. 
Sie kämpft für die Suche ihres Sohnes, aber auch gegen die Dunkelheit, die sich am Ende des Tages ausbreitet und gegen die keine Lampe hilft. Wenn sie dann nicht aufpasst, kullern plötzlich Tränen über ihre Wangen, beben die Schultern und hört sie ein Schluchzen, das tief aus ihr herausdringt und doch so tönt, als käme es von einem fremden Wesen.
Bevor sie zu Bett geht, schaut sie ins Zimmer ihres Sohnes, das aussieht, als sei er nur für ein paar Stunden weggegangen. Und das war er auch, nur für ein paar Stunden weggegangen. In der Bibliothek ein paar Bücher holen wollte er und zwei, drei Dinge einkaufen. «Bis gleich», rief er an jenem 30. August nach dem Mittagessen und ging.
«Bis gleich», flüstert sie und geht in ihr Zimmer. Sie setzt sich aufs Bett, schlüpft aus den Pantoffeln, legt sich hin, löscht das Licht. Und lauscht auf Geräusche.

Alexandra von Arx, geboren 1972 in Olten, ist Juristin, Übersetzerin und internationale Wahlbeobachterin. Als Autorin wurde sie mit zwei Förderpreisen für Literatur und mehreren Aufenthaltsstipendien ausgezeichnet. Bislang hat sie drei Romane und einen Erzählband veröffentlicht, zuletzt «Das mit uns» im Zytglogge Verlag.

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Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7

Der Alpstein hat sich an einer bestimmten Stelle tief gesenkt und um fast 1000 Meter nach Norden verschoben. Die Saxerlücke ist Teil dieser uralten Verwerfung. Wanderer geniessen dort seit jeher die herrliche Aussicht; für mich aber zeigt sich an dieser Bruchstelle ein anderes Bild. Die Saxerlücke ist Riss und Verbindung zugleich, ein Ort der Möglichkeiten, des Hätte-sein-Könnens.

Wie jedes Jahr sassen wir an Heiligabend am Esstisch, den meine Grossmutter gedeckt hatte. Goldumrahmte Teller und Kristallkelche machten aus dem Fest etwas Erhabenes. Die Sitzordnung war immer dieselbe. Am Kopfende blieb jedoch Jahr für Jahr ein Stuhl frei, trotz aufgedecktem Geschirr, und es schien, als erwartete Grossmutter einen weiteren Gast. Sämtliche Fragen, die sich um diesen Platz drehten, alle Mythen, die sich um ihn rankten und von uns aufgetischt wurden, entlockten Grossmutter nie das Geheimnis. Selbst Grossvater hatte, als es noch lebte, das Ritual nicht verstanden. 
Ich nahm an, dass sich mittlerweile niemand mehr darum scherte, der Sache auf den Grund zu kommen. «Die Alten haben ihre Marotten», sagte meine Mutter lachend und füllte den Rotwein in die Gläser.

Wir assen Braten, Kartoffelstock und warmes Apfelmus. Die Gläser klirrten in immer kürzeren Abständen. Meine Familie wusste sich zu amüsieren: Viele Witze flogen quer über den Tisch, nur meine Grossmutter blieb seltsam still. 
Kurz vor Mitternacht machten sich die Gäste auf den Weg zur Messe. Ich blieb. Etwas hielt mich zurück, vielleicht war es Grossmutters Blick, der mich immer wieder suchte. Er hatte etwas Forderndes. Da ich ihre einzige Enkelin war, hatten wir eine besonders enge Bindung.
Es roch nach Kaffee und Kerzenwachs. Ich wartete auf dem Sofa, bis sie aus der Küche zurückkehrte. Als sie erschien, trug sie einen Krug in den Händen und ein Album unter dem Arm. Sie stellte den Krug auf den Tisch, setzte sich mir gegenüber und strich mit dem Daumen über den Einband. Sie hob den Deckel. Das Foto zeigte die Saxerlücke. Erst beim zweiten Blick sah ich ihn – einen Mann mit schwarzem Haar, die Hände in die Hüften gestützt. Da begann sie zu erzählen. 
Von Aldo, dem italienischen Hilfsarbeiter. 
Wie rasch das Gerede damals im Dorf die Runde machte. 
Wie Zettel unter der Tür lagen, auf denen «Tschingge-Freundin» stand. 
Ihr Vater hatte sie fortan nicht mehr ausgehen lassen. Doch sie schlich sich heimlich davon, um Aldo zu treffen. Zuerst in den Wald, an den Fuss des Berges, schliesslich zur Saxerlücke.
Aldo wollte in der Schweiz bleiben. Das Bürgerrecht, sagte sie, habe ihm die Gemeinde angeboten – für vierzigtausend Franken. Für ihn war das eine unüberwindbare Summe. Also kehrte er nach Italien zurück. Für immer.
Grossmutter legte die Hand auf das Foto.
Meinen Grossvater habe sie fünf Jahre später kennengelernt, sagte sie. Es sei Liebe gewesen, wenn auch eine ruhigere. «Vergleichen konnte ich es nicht», fügte sie hinzu, «es war einfach anders.»
Ich fragte sie, ob sie den leeren Stuhl seither für Aldo freihielt.
Sie lächelte und schüttelte den Kopf.
«Nicht ganz», sagte sie. «Er steht für das Ungelebte, die verpassten Gelegenheiten. Und die Geschichten, die man sich darüber erzählt. Sie wiederholen sich. Gewisse Geschichten wiederholen sich.»
Wir sassen noch lange beisammen, bis draussen das erste Licht durch die Fenster drang. Am Morgen nahm ich den frühen Zug nach Hause.

Vor ein paar Wochen ist Grossmutter gestorben. 
Wenn der Schnee schmilzt, werde ich zur Saxerlücke hinaufgehen. Vielleicht hat sich der Berg seither ein wenig weiter verschoben.

Gabriela Caponio, 1975, wohnt im Kanton Zürich. Sucht in Archiven nach Geschichten, besonders nach Kriminalfällen aus dem Zürich der 20er. Das Interesse gilt allgemein dem Proletariat und den Unterprivilegierten.

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Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

"Im kalten Advent" von Helmut Blepp 1/7
«Im kalten Advent» von Helmut Blepp 1/7

Helmut Blepp «Im kalten Advent» – Die Lücke 1/7

Der Morgen ist klirrend kalt, eigentlich zu kalt für Dezember. Max und Wulle treten aus dem Schlafwerk, wo sie für die Nacht eine Unterkunft gefunden hatten. Sie stellen ihre Krägen hoch und vergraben die Hände in den Parka-Taschen. 
„Lausiger Service da drinnen“, sagt Wulle, und Max bestätigt: „Nicht mal der Tee war richtig heiß. So sind die Katholen, sparen an allem.  Aber komm, lass uns zum Bahnhof gehen, ein paar Münzen sammeln für einen starken Kaffee.“ 
„Nein“, widerspricht Wulle. „Ich habe jetzt Bock auf einen Glühwein.“
„Wäre schön, aber ich bin völlig blank. Hast du etwa Geld?“ 
„Nicht wirklich. Aber ich kenne einen auf dem Weihnachtsmarkt, der hoffentlich eine Runde springen lässt.“

Auf dem Markt ist noch nicht viel los. Die meisten Händler öffnen jetzt erst ihre Verkaufsstände, legen gerade ihre Waren aus oder machen ihre Kassen einsatzbereit. Hinter dem Tresen des Stands, zu dem Wulle seinen Kumpel führt, steht ein großer Mann mit Walross-Schnauzer und putzt Keramiktassen. 
„Moin, Atze“, grüßt Wulle ihn. „Echt frostig heute, was?“ 
Atze schaut auf, legt die Stirn in Falten und brummt ein „Moin“. 
„Du, Atze, wäre es möglich, dass mein Freund und ich an einem so kalten Tag einen Glühwein spendiert kriegen?“ 
Die Stirnfalten des Angesprochenen vertiefen sich. 
„Wulle“, sagt er verärgert, „du hast mir zwar beim Aufbau der Hütte hier geholfen, aber ich habe dich dafür auch bezahlt. Dass du ab und zu mal einen Glühwein haben kannst, war ausgemacht. Aber ich versorge nicht auch noch deine Kumpels mit.“ 
„Ist klar“, stimmt Wulle devot zu. „Der Max hier ist aber nicht irgendein Kumpel, und ich verspreche dir, wenn der Markt vorbei ist, wird auch er uns beim Abbau und Verpacken helfen. Das macht der gern!“ 
Max nickt bestätigend.
„Sei´s drum“ lässt Atze sich erweichen. „Dann ist das halt meine gute Tat für heute.“ 
Er gießt zwei Portionen dampfenden Glühwein aus einer großen Pumpkanne ein. 
„Aber die Tassen will ich wieder haben, sonst gibt es Ärger!“

In den Markt kommt langsam Leben. Die ersten Besucher schlendern durch die Gänge, eine heiße Wurst oder ein Getränk in der Hand. Aus allen Ecken ertönen Weihnachtslieder. Überall leuchten bunte Sterne auf, Engel aus Kunststoff oder Holz verteilen Segen, Nikoläuse tanzen zu alten Rock-Songs.
Max und Wulle trinken, die Ellbogen auf einen hohen runden Tisch gestützt, langsam ihren Wein. 
„Und was machst du an Heiligabend“, fragt Max. 
Wulle reibt sich nachdenklich über das ausgeprägte Grübchen am Kinn, das unter seinem struppigen Bart versteckt liegt. 
„Eigentlich wollte ich zur Speisung bei der Caritas, aber ich denke, dieses Jahr gehe ich mal in die Vesperkirche. Ich habe gehört, die haben einen neuen Pfarrer, der nicht so ein nerviger Betbruder ist. Außerdem heißt es, dass die dort gut kochen. Und am Schluss kriegt man noch eine Tüte mit Obst und Süßem. Manchmal sind auch ein Paar Strümpfe von den Landfrauen mit drin.“ 
„Klingt gut!“ Max ist beeindruckt. „Ich glaube, da schließe ich mich an.“ 
Er schaut über Wulles Schulter und beobachtet Atze, vor dessen Stand sich bereits eine kleine Schlange gebildet hat. 
„Ist gut im Geschäft, unser Gönner“, stellt er fest. „Kennst du den schon lange?“ 
„Ja“, antwortet Wulle. „Seit Jahren. Wir waren mal Kollegen sozusagen. Damals hatte ich eine Imbiss-Bude.“ 
„Nee, was!“ Max ist erstaunt. „Du und Imbiss! Mann, das wusste ich gar nicht. Und warum hast du den nicht mehr?“ 
Wulle dreht seine Tasse in den Händen, sagt aber nichts und guckt an Max vorbei zu einem Verkaufsstand gegenüber, in dem Aufziehäffchen verkauft werden. Der Verkäufer lässt immer wieder welche über den Tresen hüpfen. Einige Leute, die vorbeikommen, amüsieren sich. 
Max wird die Stille peinlich, deshalb stößt er seinen Freund leicht an der Schulter und sagt: „Du, tut mir leid, die Fragerei! Geht mich ja auch nichts an.“ 
„Schon gut“, beruhigt Wulle ihn. „Ist lange her, fast dreißig Jahre. Ich hatte die Metzgerlehre geschmissen, war auf Zeit beim Bund. Von der Abfindung habe ich mir den Stand gekauft. Dann traf ich Marie, und wir heirateten. Den Imbiss führten wir zusammen. Wir arbeiteten praktisch Tag und Nacht, verdienten auch nicht schlecht dabei. Und meine Frau war ein Engel.“ 
Wulle verstummt wieder und schaut nach drüben zu den Äffchen. Die Leute lachen, aber niemand kauft eins der Spielzeuge.
Max ist jetzt doch richtig neugierig geworden und kann es nicht abwarten, bis sein Freund weitererzählt. „Ja, und dann“, fragt er ungeduldig. 
„Sie wurde schwanger.“ 
„Und? Wolltet ihr denn keine Kinder?“ 
„Sie wurde schwanger von einem anderen.“ 
Max rutscht spontan: „Scheiße“ heraus und, nachdem er tief Luft geholt hat, fragt er: „Weißt du das sicher?“ 
Wulle lächelt freudlos und hebt den Blick. 
„Ich bin zeugungsunfähig. Das wussten wir schon vor der Hochzeit.“ 
Max ist sprachlos. Ganz langsam dreht er sich eine Zigarette, schaut auf das glitzernde Treiben ringsum, auf den von Glühbirnchen erzeugten Sternenschein, die immergrünen Plastiktannen, die kitschigen Himmelsboten mit den vergoldeten Flügeln, deren Münder aus einem aufgedruckten O bestehen und auf ihre leblos starrenden Augen, die über alles und jeden hinwegblicken. Weihnachten, denkt er, das hier kann doch nicht alles sein. Und dann spricht er es aus. 
„Sie war ein Engel, sagst du! So eine geht doch nicht fremd!“ 
„Aber ich bin doch unfruchtbar“, empört sich jetzt Wulle über den Freund. „Kapierst du das nicht? Ich habe das nicht ertragen, dass sie mich hintergangen hat. Ich konnte das nicht. Deshalb musste ich weg.“ 
„Was ist dann aus ihr geworden?“ Max will es jetzt wissen. „Und aus dem Kind?“ 
„Keine Ahnung“, bekennt Wulle mit rauer Kehle. „Sechs Monate habe ich das ausgehalten, habe mich mit Schnaps betäubt, neben ihr und ihrem dicker werdenden Bauch. Dann bin ich abgehauen.“ Völlig aufgelöst, mit Tränen in den Augen, sieht er Max an. „Ich weiß einfach nicht, was aus ihnen geworden ist.“ 
Max ist fassungslos, hat keine Ahnung, wie er mit dieser Situation umgehen soll. Das sich überlappende Weihnachtsgeplärre aus den Lautsprechern, das Geglitzer und Geflitter, diese Stimmung, als gäbe es noch Weihnachten wie früher, all das bietet ihm keinen Ausweg aus dieser Situation. Wulle braucht Trost, aber woher nehmen! 
Max tritt an seine Seite, umarmt ihn unbeholfen, sucht nach Worten. 
„Wenn sie ein Engel war, und ich glaube dir das aufs Wort“, flüstert er ins Ohr des anderen, „vielleicht ist sie dann gar nicht fremdgegangen. Vielleicht war es ein Wunder!“ 
Wulles unkontrolliertes Lachen schreckt die Marktbesucher auf. Eilig gehen sie weiter.

Heiligabend. Die beheizte Vesperkirche ist mit Tischen und Bänken in einen Speisesaal verwandelt worden. Es riecht schon nach gekochtem Essen, aber noch redet der Pfarrer. Der bärtige junge Mann steht auf der Kanzel und spricht über jene, denen gegeben wird. 
Max hat gedrängt, also sind sie früh losgegangen und haben einen guten Platz erwischt, ziemlich weit vorne in der Nähe des mit Kerzen geschmückten Altars. Voller Genuss trinken sie ihren Eierpunsch, der zur Begrüßung gereicht wurde, und genießen die wohlige Wärme. Später wird von den Helfern Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen serviert werden, und am Ausgang steht ein langer Tisch mit den Geschenktüten, zu deren Inhalt auch wieder die Wollerzeugnisse der Landfrauen gehören. 
Wulle hat in den vergangenen Tagen viel nachgedacht. Es hat ihm gutgetan, Max von seiner Vergangenheit zu erzählen. Er schaut den Freund an, der ihm gegenübersitzt, und ist immer noch berührt von dessen Bemerkung mit dem Wunder. Seither lässt ihn diese Idee nicht mehr los. Auch jetzt nicht. Deshalb hört er dem Pfarrer auch nicht wirklich zu und bemerkt gar nicht, dass der jetzt kurz innehält, voller Empathie auf seine Gemeinde herunterblickt und sich nachdenklich über das ausgeprägte Grübchen am Kinn reibt, das unter seinem Bart verborgen ist.

Helmut Blepp, geboren 1959 in Mannheim, bis 2024 selbständiger Berater, lebt in Lampertheim, zahlreiche Veröffentlichungen in deutschsprachigen Zeitschriften und Anthologien, fünf Lyrikbände, zuletzt „Erinnerungen im Kartenhaus“ (Moloko plus, 2025)

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Levin Westermann «Parti sans laisser d’adresse / unbekannt verzogen»

Levin Westermann: Die Gedichte in »unbekannt verzogen« habe ich in den Jahren 2009 bis 2012 geschrieben. Im Winter 2012 ist das Buch dann bei Luxbooks (Wiesbaden) erschienen. Es war mein Debüt. Der Titel war recht schnell vergriffen und wurde nie nachgedruckt. (Ab 2016 hat Luxbooks keine Bücher mehr publiziert, 2020 wurde die GmbH aufgelöst.) 
 
Ich bin mit meinem zweiten Gedichtband zu Matthes & Seitz Berlin gegangen. M&S hat sich dann vor ein paar Jahren auch die Rechte an »unbekannt verzogen« gesichert. So ist nun alles unter einem Dach. 
 
Marina Skalova hat vor vier Jahren erstmals einzelne Gedichte aus »unbekannt verzogen« für Literaturmagazine übersetzt. Es war ihre Idee, das gesamte Buch zu übersetzen, und sie hat das Projekt dann auch auf die Beine gestellt und mit Cheyne einen wirklich tollen Verlag für die Publikation gewinnen können. 
 
Wir haben uns über die Jahre mehrfach getroffen und via eMails über Details in der Übersetzung ausgetauscht, aber ich muss unbedingt betonen: der Credit für »Parti sans laisser d’adresse« gebührt ganz klar Marina! Denn sie spricht Deutsch und Französisch fliessend, publiziert in beiden Sprachen, und hat bereits viele andere literarische Werke übersetzt. Mein Französisch ist leider eher schlecht — und somit habe ich Marina voll und ganz vertraut. Da lief sehr viel über den Klang der Sätze, den Fluss der Zeilen. Denn ich schreibe vor allem mit dem Ohr. Und der Klang der Gedichte funktioniert über die Sprachgrenze hinweg.  Dafür bin ich Marina ungemein dankbar. Sind es noch meine Gedichte? Es sind unsere Gedichte. Denn jede Übersetzung ist schlussendlich eine Kollaboration. Davon bin ich überzeugt.
 

 

Die Zerlegung der Zeit

WIE EIN FRESKO, das vom rand her eitert,
sagst du. drei mal drei entsprechungen entfernt,
auf dem grund des sees. wir schalten um auf kiemenatmung.
somnambulismus from this point forward. zunehmender druck,
bei abnehmender sicht. die welt wird immer kleinerkleiner.
das schroffe antlitz eines quastenflossers, hängende gärten,
triefend vor nass. stille, oder: die abwesenheit von lauten,
sagst du.

DISKUSSFISCHE UND QUITTEN, suspended in time,
mid-flight. einer ahnung folgend, spiegelverkehrt.
je schwarze raucher, desto rochen. schiffsleichen
wie in kupfer gestochen. ach, sagst du, und dann:
manche farben zählt man besser nicht. sedimenthorizonte,
fernab des wetterleuchtens. immer eine rostige reling
und immer daran pulen. noch leiser: das rauschen,
auch knistern genannt.

UNDERTOW

tiefensog jade-
gestirn blei-
westen-beige f-
dur alpha ten
fragment tao
mangokranz-
glutorange
begradigt d-dur
alpha lavasaft
fragment lava
begradigt d-dur
zeta quark–
korallen farbe
komma dunkel
gewicht kappa
element saft
klammer zu

NICHTS IST KLAR, niemals nur einfach.
blicke als ornament wahrnehmen, abstrakte muster,
die ordnung der nelken. mit dem finger auf die eleganz
im flug einer möwe deuten. keine flötenklänge, keine bekenntnisse,
auch kein liebesanspruch, nicht in diesem foto. ich kenne die menschen,
sie tragen die körper, in denen sie sterben, sagst du. wahn
oder dialektik,
oder beides? immerhin, das gewicht des herzens unter wasser,
die wiederholung
der wellen vor der steilküste von ravlunda.

EINE GLEICHUNG mit einer unzahl
von unbekannten: nesseltiere, plastiktüten,
unsere fussspuren im sand. einst meinten wir, die ausnahme zu sein,
die sich dem metrischen muster entzieht, doch jetzt wissen wir,
dass sich türen automatisch schliessen, auf der nachtseite der worte.
die ablation der sinne beim wiedereintritt in die atmosphäre,
sagst du. und der kaffee in den tassen ist noch schwarz,
die zerlegung der zeit in mundgerechte trümmer.

 

La décomposition du temps

COMME UNE FRESQUE dont les bords suppurent,
dis-tu. à une distance de trois fois trois équivalences,
au fond du lac. nous basculons en respiration branchiale.
somnambulisme à partir de ce point. la pression augmente,
à mesure que la vue décline. le monde toujours plus petitpetit.
la figure rude d’un coelacanthe, jardins suspendus,
à l’humidité ruisselante. silence, ou l’absence de sons,
dis-tu.

DISCUS ET COINGS, suspendus dans le temps,
en plein vol. ils suivent une idée, à l’envers des reflets.
vers les fumeurs, les raies pullulent. épaves de navires,
comme gravées dans le cuivre. bah, soupires-tu et tu dis :
certaines couleurs ne valent pas le coup. horizons sédimentés,
loin des éclairs de chaleur. et toujours un bastingage rouillé
où toujours farfouiller. tout doucement, un bruissement,
on dit aussi : grésillement.

UNDERTOW

abysses air
cage impossible
JT jadis nul
jade constell-
ation bi-plomb
alpha net dur
fragment tao
à l’ouest du b
eige do ré mi si
fragment aval
aquarium PC
zeta quark
couleur nef
poids corail
à élément kappa
X silence fin
de parenthèse

RIEN N’EST CLAIR, jamais juste simple,
percevoir les regards en ornements, des motifs abstraits,
l’agencement des oeillets. renvoyer du doigt à l’éléganc
du vol d’une mouette. pas de sons de flûtes, pas de confessions,
ni demande d’amour, pas sur cette photo. je connais les gens,
ils portent les corps dans lesquels ils meurent, dis-tu. folie
ou dialectique,
ou les deux ? au moins, le poids du coeur sous l’eau, la répétition
des vagues, au pied de la côte abrupte de ravlunda.

UNE ÉQUATION avec une myriade
d’inconnues : corail, méduses, sacs en plastique,
nos traces de pas dans le sable. jadis nous pensions être l’exception
qui se dérobe au schéma métrique, à présent nous savons
que des portes ferment automatiquement, au verso des mots.
l’érosion des sens lors du retour dans l’atmosphère,
dis-tu. et le café dans les tasses est encore noir,
la décomposition du temps, débris à la mesure des bouches.

 

Levin Westermann, 1980 in Meerbusch geboren, studierte an der Hochschule der Künste Bern und lebt als freier Schriftsteller in Biel. 2020 wurde er mit dem renommierten Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg ausgezeichnet, 2021 mit den Schweizer Literaturpreis, 2022 mit dem Deutschen Preis für Nature Writing.

Marina Skalova, 1988 in Moskau geboren, lebt in Genf. Sie ist Übersetzerin und Schriftstellerin. Auf Deutsch liegt bisher der zweisprachige Band „Atemnot (Souffle court)“ (2016) sowie das Theaterstück „Der Sturz der Kometen und der Kosmonauten“ (2019) vor. „Exploration du flux“ erschien 2018 bei Le Seuil, Paris.

Webseite der Autorin und Übersetzerin

Beitragsbild © Bettina Wohlfender

Julia Trompeter «Selbst ist der Text»

Wer schreibt angesichts von Klimakrise und Krieg, bitteschön, noch über sich selbst und falls ja, über wie viele denn überhaupt, und wenn das hier schon am Anfang so kompliziert wird, wird doch jede anständige Leserin den Tab sowieso gleich wieder schließen, und du kannst dir die ganze Schreiberei sparen. 

Um es kurz zu machen:  Ein Text, in dem jemand irgendwann einen Marathon läuft und dann alles besser wird, wird das hier nicht werden. Die Entscheidung, ob jemand deinen Text lesen will, wird sicher keine drei Sekunden in Anspruch nehmen. Die Person wird sich vermutlich fragen: „Habe ich Lust, das hier zu lesen?“; „Habe ich überhaupt die Zeit dazu?“ und zack, weiß sie Bescheid. In deine Lage hingegen versetzt sich kaum einer. In dich, die du jetzt und hier entscheiden sollst, ob du diesen Text schreiben sollst – oder lieber nicht. Dabei geht es hier um eine Entscheidung, die extrem weitreichend ist, weil sie deine ganze schreibende Zukunft betrifft. 

Du weißt es also noch nicht, du zauderst noch. Und selbst wenn du dich zum Innersten entscheiden solltest, bleibt fraglich, ob du es überhaupt noch kannst. Solltest du ihn aber irgendwann doch geschrieben haben werden, heißt dies noch lange nicht, dass ihn jemand lesen wird. 

Es sind also, um den Gedanken ein wenig abzukürzen, recht viele Zufälle und Wunder von Nöten, damit ein Text seinen Weg geht. Und wenn er tatsächlich einst geschrieben worden sein wird und Sie ihn bis zu diesem Punkt gelesen haben sollte, dann sollten Sie ihn schon deshalb bis zum Ende lesen, weil sein Entstehen mindestens so unwahrscheinlich war, wie mit Mitte vierzig noch spontan schwanger zu werden. 

Einen Text über sich selbst schreiben zu wollen und das auch noch öffentlich kundzutun, statt es nur heimlich als Möglichkeit zu denken, ist ein ziemliches Wagnis. Um nicht zu sagen, reichlich hirnverbrannt. Kurzum, die Frage „Warum dieser Text?“ wäre noch kurzfristig zu klären. 

Du versuchst es mal.  Am Abend und in der Nacht, wenn dein Kind schläft und wilde Träume hat von Piraten und Schildkröten und seiner Oma. Du hast festgestellt, dass etwas in dir leckt, und Sie dürfen sich nun gerne eine Zunge vorstellen, so eine rote wie die der Rolling Stones, falsch ist das sicher nicht, doch du dachtest eher an ein Schiff, das langsam mit Wasser vollläuft, um dann irgendwann Schlagseite zu bekommen und zu sinken. Du bist also, um im Bild zu bleiben, die Kapitänin eines beunruhigend schlingernden Schiffs. Und da hast du dir gedacht, weil ja Selbstfindungstexte gemeinhin recht erfolgreich sind, dass du vielleicht auch einen schreiben solltest. Natürlich nicht irgendeinen. Texte, die die Welt nicht braucht, gibt es bekanntlich schon genug. Wenn also, dann gilt es einen zu produzieren, den sie braucht. Einen, der Anfang, Mitte und Ende hat und bei dem man beim Lesen irgendwie verändert herauskommt. Ein Text der Nächte, des Dunklen und Verdrängten. Aber auch dessen, was inwendig leuchtet und strahlt. So wie die Seele. 

Dazu fändest du gerne eine Sprache wie Wasser, transparent, warm in der Sonne und im Schatten kühl, mit kleinen Fischen darin, die allesamt nicht mehr bedeuten, als was sie sind: kleine Fische in einem klaren Bach. Sprachflüsse sind etwas Herrliches, und wer sich je als Ursache eines solchen Flusses erlebt hat, wird deine Sehnsucht verstehen, diese Quelle im Inneren wiederanzapfen zu wollen. Insbesondere dann, wenn sie lange ausgetrocknet war und versiegt und verloren schien. 

Quellen sind, neben den Menschen, wohl die eigenwilligsten Geschöpfe Gottes. Die ewige Quelle, die du Gott nennst, schafft auch andere Quellen. Solche, die sich, längst versickert und vergessen, plötzlich wiederbeleben können. Auch der nichtswürdigste Schreiberling kann jederzeit mit einem neuen Buch reüssieren, kann plötzlich wieder Götterliebling sein. Dass Gott seine Quellen (ebenso wie die Dichter) besonders liebt, sieht man daran, dass er ihnen die Fähigkeit zum Schöpfen quasi vererbt hat – und schon bist du kurz davor, dich selbst als gottähnliches Wesen darzustellen, was sicherlich dem ein oder der anderen sauer aufstoßen mag, aber dafür kannst du nichts. Möge man den herabfließenden Sprachfluss des Hochmuts bezichtigen und dich verschonen. 

Es liegen also Jahre der Dürre hinter dir, Jahre, in denen du kaum etwas Gescheites zu Papier brachtest und kein Brünnlein floss. Stattdessen spiest du dann und wann wütende Sprachbrocken aufs Papier, zähe Ungeheuer, die sich später nur im Geheimen und unter großer innerer Pein von ihrer Schöpferin lesen ließen. Inkognito ergo non sum, wie der stümpernde Lateiner in dir sagt: Solange du dich nicht mit deinem Geschriebenen identifizierst, gibt es dich nicht. 

Doch dann hast du dir eines schönen Tages gedacht, dass du es eigentlich nicht einsiehst dich auszulöschen. Du hast es satt, deinen Kopf in den Sand eines zugekackten Spielplatzes zu stecken. Du fühlst endlich wieder etwas in dir. Und lass es einfach Wut sein.  

Moment bitte, es klingelt.

An der Tür war ein junger Mann von der Telekom, der eine Glasfaserleitung verlegen wollte, also natürlich nicht sofort, sondern demnächst. FTTH heißt diese Faser, was dich an die unzähligen FDH-Diäten deiner gottlosen Jugend erinnert, aber die Unterschrift über den Vertrag, der besagt, dass du dann die nächsten zwei Jahre dein Internet bei der Telekom bezahlst, die wollte er sofort. 

„Entschuldigung, aber das kann ich nicht so schnell entscheiden“, hast du gesagt, du bräuchtest eigentlich keine so schnelle Leitung. 

Wobei du natürlich nicht weißt, ob du sie nicht doch brauchst, solange du sie nicht getestet hast. Der menschliche Geist gewöhnt sich ja an nichts schneller als an Komfort, Schnelligkeit und Bequemlichkeit. Und eine schnelle Leitung, die wäre ja vielleicht doch gut, gibt es die auch für den Kopf, das hättest du den jungen Mann einmal fragen sollen.

Jedenfalls warst du noch nie gut im Abwimmeln, weshalb ihr sicher zehn Minuten im Flur herumstandet, und vielleicht hättest du ihm einen Kaffee anbieten sollen. Und ihn dann fragen, ob er sich nicht ein bisschen ausruhen will bei dir auf dem grauen Sofa, wo man W-Lan Empfang hat. Vom Feinsten. Kupfer wird gemeinhin unterschätzt, man denke nur an die Spirale zur Verhütung; und dein Internet mit seinen Kupferdrähten, das funktioniert wirklich tadellos. 

Jetzt ist er jedenfalls wieder gegangen, aber nur kurz, da du sagtest, dass du erst deinen Bruder anrufen müssest, der sei nämlich Glasfaserspezialist und kenne sich mit allen Einzelheiten aus. Bloß hat der Bruder gerade keine Zeit und jetzt liegt das Handy neben der Tastatur, und gleich wird der junge Mann wieder an der Tür klingeln, und du fühlst dich wie diese tapfere, weißgelockte Lady in Herbie, deren Haus in einer riesigen Baubrache als einziges noch steht ,aber von Alonzo Hawks Abrissbirne bedroht wird, der ein 130 Stock hohes Plaza just an der Stelle bauen will, wo die gute alte Frau Steinmetz schon seit vielen Jahrzehnten zu Hause ist. Nicht, dass das Haus, in dem deine Wohnung sich befindet, abgerissen werden soll, nein, so ist es nicht. Doch betrachtet man es, könnte man meinen, es wäre vielleicht besser, wenn es jemand täte. 

Nun denn, das ist viele Stunden her. Hallo zurück. Du kannst leider nicht sagen, ob der Junge nochmal wiedergekommen ist, denn zwischendurch warst du beim Italiener und hast deinen Entschluss, den Text zu schreiben, komme was wolle, gefeiert. Hast einen großen Teller Pasta gegessen und einen mezzo litre vino della casa und mehrere Grappas getrunken, und jetzt willst du nur kurz gucken, ob das Brünnlein noch fließt oder schon wieder Ebbe eingesetzt hat. Dein Vertrauen in deine Fähigkeiten ist nämlich durch die Negativerfahrungen der letzten Jahre, gelinde gesagt, ein wenig erschüttert. 

Wer weiß eigentlich, dass die Themse einer winzigen Quelle in einem Kaff namens Trewsbury Mead entspringt? Einer Quelle, die so winzig ist, dass Wanderer sie regelmäßig für eine Pfütze am Wegesrand halten? Hätte nicht jemand einen dicken, grauen Stein zum Gedenken am Wegesrand aufgestellt, wüsste kein Schwein, dass hier ein bedeutender Fluss entspringt. Nun, die Schweine wissen es wahrscheinlich noch am ehesten, wenn sie sich an heißen Sommertagen an dem kleinen Rinnsal laben. 

Du selbst bist auch auf einem Kaff aufgewachsen, in einem Zimmer voller Spinnen, und hattest dabei Haare so lang wie der Arm eines normalgroßen, ausgewachsenen Mannes. Deine Zeit vertriebst du dir zu je einem Drittel mit Schule, mit der minutiösen Dokumentation deines Lebens in Tagebüchern sowie Besuchen bei deiner besten Freundin im Fachwerkhaus gegenüber, deren Haar ebenso lang war wie deines. Ihr hattet einander wirklich gern, auch wenn ihr euch selbst hasstet und somit, nach landläufiger Sicht, gar keine Liebe hätten empfinden dürfen, denn Liebe gründet ja auf Selbstliebe. Das wusstest du aus den Büchern über das Selbstbewusstsein, die du damals last, weil du hofftest, die würden dich weiterbringen. Tagebuchschreiben gleicht einem sehr langen Blick in einen blinden Spiegel, es ist weder befreiend noch bringt es einen weiter. Und Jahre später, sollte man es denn mit viel Überwindung wagen, noch mal in eins dieser Bücher hineinzulesen, packt einen ein würgendes Gefühl des Ungenügens. Dein Schreiben von damals war aus heutiger Sicht ein Akt der Selbstvergewisserung und Identitätserzeugung. Wer warst du und wer wolltest du sein? 

In deinem Kopf geisterten die Vorstellungen aus der Werbeindustrie, aus MTV und der Brigitte Young Miss, und generierten in dir jene oberflächlichen Zerrbilder der Schönheit, jene Ungetüme der Modewelt, die das pubertäre Selbst umkreisen und anzugreifen trachten, indem sie es von jenen Werten entfernen, an die es sich eigentlich schmiegen sollte: Liebe und Achtung und Respekt und Bewusstsein. Als Kind hattest du, um dein Ungenügen zu vergessen, in eskapistischer Weise Mädchenbücher gelesen, anschließend schriebst du Tagebücher voll. Später Bücher. 

Der wichtigste Unterschied zwischen dem Konsum und der Produktion von Literatur ist wohl der, dass man beim Schreiben, theoretisch zumindest, die Möglichkeit hat, zu produzieren, was man selbst gerne lesen würde. Denn Schreiben und Lesen sind eng verknüpft. Der Akt des Schreibens wird durch das gleichzeitige Lesen selbst zu einem ästhetischen, einem wahrnehmenden Akt. So last du also beim Tagebuchschreiben tagtäglich dein eigenes Leben, du erzeugtest es und schufst dein Dasein, indem du Worte suchtest für dein Suchen, deine Verzweiflung und deine Sehnsucht nach Besserung. 

Die Katalogmädchen, denen du so gerne ähneln wolltest, wurden nachmittags in die Eis-Disco eingeladen oder tänzelten beim Leistungsturnen auf Schwebebalken herum. Du lagst nach der Schule auf dem Sofa, aßt Schokolade und schriebst. 

Heute, da die zweite Lebenshälfte angebrochen ist und ein Gefühl der Endlichkeit den Horizont deiner Erfahrungswelt begrenzt, liegt dir viel daran, dem Augenblick auf die Schliche zu kommen. Beim Schreiben jedes einzelnen Wortes zeigt sich die gerade vergangene Vergangenheit, während die Zukunft – das wartende, immer schon in den Startlöchern des Vorbewussten sitzende Wort – eben dabei ist sich zu erfüllen. Und zwischen beidem liegt das Ungreifbare, Unfassbare, das wir Gegenwart nennen. Jener Augenblick, der nie ganz da ist, sollte man meinen, da er, wenn man ihn fassen will, schon wieder verflossen ist. Du siehst also die Wörter vor dir wie durch Zauberhand entstehen, denn die Signale, die vom Gehirn zu den Muskeln führen und so die Gedanken in etwas Lesbares verwandeln, bleiben unsichtbar. Man kann sie nicht beobachten, diese Impulse, die aus Gedanken Sprache oder sogar Literatur machen. Vielleicht hat ja die ganze Schriftstellerei weniger mit Begabung zu tun als mit dem Entdecken dieses Mechanismus, jener eigentümlichen Lust, die den Schreibenden überkommt, wenn er bemerkt, dass er nicht mehr und nicht weniger ist als der Mittler eines notwendigerweise verborgen bleibenden Prozesses, den du für ein zentrales Moment jener Tätigkeit hältst, die du jetzt und hier, an diesem herbstlichen Vormittag, ausführst. 

Und so sitzt du heute, so viele Jahre nach deinem letzten Tagebucheintrag, wieder da und weigerst dich, dich thematisch zu veräußern, dich irgendwo ‚reinzulesen‘ oder ‚reinzufühlen‘, um dann irgendeinen Lebensweg darzustellen oder ähnliches, weil du, wie du gestehen musst, beim Schreiben nach wie vor am liebsten in deiner eigenen Gesellschaft bist. Es ist sicher nicht besonders schlau, über sich selbst zu schreiben. Andererseits schreiben in letzter Instanz alle über sich selbst. Es ist ihr eigener Erfahrungsschatz, den sie dem vermeintlich Anderen überstülpen. Wer hingegen über sich selbst schreibt, schreibt zugleich immer auch über das Andere. 

„Was als Fremdes abstößt, ist nur allzu vertraut“, stellten Horkheimer und Adorno in Dialektik der Aufklärung klar, und im Umkehrschluss wird das Eigene bei näherer Betrachtung unvertraut – was das Schreiben über sich selbst zu einer Reise in völlig unbekannte Gefilde machen kann. 

Wer eine Reise beginnt, ohne zu wissen, wo sie enden wird, geht das Risiko ein, sich zu verirren und für immer verloren zu gehen. Die große Chance aber besteht darin, auf Reisen einen Schatz zu finden. Dir wurde unlängst ans Herz gelegt, eine Therapie zu machen, und du hast dich dagegen entschieden. „Liebe dein Symptom wie dich selbst“, ruft der Zizek in dir. Es lässt sich ja nicht ausschließen, dass eine Therapie negative Konsequenzen für das weitere Leben hätte. Sie könnte zum Beispiel einer Beamtenlaufbahn im Wege stehen, falls du doch noch Lehrerin werden musst, oder, schlimmer noch, deinen gerade erst wiedererwachten Schreibimpuls abwürgen. Und es wäre doch schade, wenn Trewsbury Mead auf einmal trocken bliebe und keine Themse mehr ins Meer flösse. Auch der kleine Bär und der kleine Tiger finden einen Schatz, wähnen sich kurz im Reichtum und kehren letztlich mit leeren Händen nach Hause zurück. Ihre Erkenntnis: Zu Hause ist‘s am Schönsten. 

Seit du diese Geschichte kennst, stellst du dir das mit dem Schatz der Selbsterkenntnis nicht mehr so hochtrabend vor. Eher so, wie Lacan sagt, dass ein Brief immer seinen Bestimmungsort finde. Wenn du ihn recht verstehst, meint er damit, dass es nicht so sehr auf die Botschaft ankommt, sondern darauf, sie zu verfassen. Und wenn du einen Brief schreibst, ohne ihn abzuschicken, dann ist seine Botschaft wahrscheinlich an dich selbst gerichtet. Du solltest dir also vielleicht die Tagebücher von damals noch einmal vornehmen und sie lesen wie nicht abgeschickte Briefe an dein heutiges Ich. Und dann folgt die Selbsterkenntnis? Eher nicht. Du jedenfalls rechnest nicht damit, dass dich plötzlich ein Spotlight erleuchtet und jene initialen Ereignisse deines Lebens sichtbar macht, die dazu geführt haben, dass du heute die bist, die du eben bist. Vielleicht gleicht deshalb auch dieser Text hier am ehesten einer Botschaft, die dich irgendwann ebenso zufällig erreichen wird wie Sie heute. Wichtig ist aber, dass das, was die Empfänger aus der Botschaft machen, nicht mehr in deiner Hand liegt. Aber genug der Abschweifungen. Obwohl sie dann gerechtfertigt sind, wenn der Anfang mehr als die Hälfte ist, wie Aristoteles sagte, denn wenn das stimmt, dann muss man sich besonders zu Beginn ordentlich ins Zeug legen. Du bist also jetzt fertig mit der Schilderung der Umstände, in denen du dich befindest und hast die Gründe für diesen Text hinreichend dargelegt. Hast dich entschlossen, die Reise anzutreten. Sie mögen selbst entscheiden, ob Sie dich begleiten wollen – oder lieber nicht. 

Julia Trompeter, geboren 1980 in Siegburg, studierte Philosophie und Germanistik in Köln. Nach ihrer Promotion lehrte sie Philosophie in Deutschland und den Niederlanden. Seit Kurzem ist sie an einer Schule in Berlin tätig, wo sie seit der Geburt ihres Kindes lebt. Sie schreibt Lyrik und Romane und arbeitet frei für die FAZ und den WDR. Für ihr Werk wurde sie u. a. mit dem Rolf-Dieter- Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln und dem Förderpreis des Landes NRWausgezeichnet. Ihr erster Gedichtband Zum Begreifen nah erhielt den Poesie-Debüt-Preis der Stadt Düsseldorf.

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Beitragsbild © Peter Susewind

Alain Claude Sulzer «Auf dem Balkon“

Sie stand auf dem Balkon des Theaters, der nichts weiter als ein fussbreiter Mauervorsprung mit einem Sicherheitsgeländer war, und sah auf die Königsallee hinunter, als Dariusz sie anrief und ihr erzählte, er habe von einem Haus in Teheran geträumt, in dem er nie gewesen war, er kannte weder die Stadt noch das Land und also auch kein Haus, aber er träumte in letzter Zeit oft davon, erzählte er ihr. sie hatte zu tun, aber sie hörte ihm zu. Um die anderen nicht zu stören, hatte sie das Gespräch auf dem «Balkon» entgegengenommen, der bloß ein Austritt war. Die Straße, auf die sie sah, war belebt, viele Autos, wenige Fußgänger, ein Hund, der wie wild an der Leine zog und seine Besitzerin fast umgeworfen hätte.

In einem steinernen Garten mit vier Säulen sei er gestanden, in dem es keine Blumen gab, erzählte er ihr. Überall seltsame Tiere, die sich blitzschnell in Ritzen und Spalten unsichtbar machten und nicht mehr auftauchten; er hätte sie gern gesehen und identifiziert. Neuerdings träumte er öfter von Orten, an denen er nie gewesen war: Ein Brunnen unter verkrüppelten Bäumen in einem weissen Innenhof, über den sich ein luftiges Zeltdach spannte. Es ging ein frischer Wind, der wie eine ausgestreckte Hand unter das Zeltdach fuhr. Wie schon als Kind erzählte er ihr auch als Erwachsener Dinge, die andere ihren Müttern verschwiegen hätten, Wichtiges und Unwichtiges. Dariusz, ihr Erstgeborener, war sechsunddreissig und arbeitete in seiner eigenen Anwaltskanzlei. Er hatte eine Frau, zwei Kinder, er kannte die Welt, nur Teheran kannte er nicht. 

Seltsame Vögel, bunt und laut, hatte er erzählt. Er erzählte gern farbig und ausführlich. Bücher, die sich in einer Ecke stapelten, religiöse Schriften, vermutete er, in Teheran las man sicher nicht Philip Roth. Er war allein. Welches Teheran war das? Das von damals, das er nicht kannte, oder das von heute, das er auch nicht kannte, das aber bruchstückhaft hin und wieder, wenn irgendetwas passiert war, in den Nachrichten, auf seinem Handy, im Radio, im Fernsehen, in den Zeitungen, auf den News-Bildschirmen der U-Bahn auftauchte?

Wie seine Schwester Jasmin beherrschte Darius nur die paar Sätze Farsi, die er aufgeschnappt hatte, wenn seine Mutter mit ihren Verwandten in Teheran, Los Angeles oder in Köln telefonierte, während sie am Boden saßen und zu ihr aufblickten. Den Sinn dieser Sätze hatte er – wie Jasmin – nur halbwegs oder gar nicht verstanden, doch irgendwann begannen sie wie Blutkörperchen in seinen Blutbahnen zu schweben. 

(Romanauszug)

Alain Claude Sulzer, 1953 geboren, lebt als freier Schriftsteller in Basel, Berlin und im Elsass. Er hat zahlreiche Romane veröffentlicht, u.a. Ein perfekter Kellner, Zur falschen Zeit, Aus den Fugen und zuletzt Doppelleben. Seine Bücher sind in alle wichtigen Sprachen übersetzt. Für sein Werk erhielt er u.a. den Prix Médicis étranger, den Hermann-Hesse-Preis und den Kulturpreis der Stadt Basel. 
​Alain Claude Sulzer lebt in Basel, Vieux Ferrette und Berlin

Webseite des Autors

mehr über Alain Claude Sulzer auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Lucia Hunziker

Veronika Sutter «Ohne mich wäre hier Urwald», Plattform Gegenzauber

Kümpel ist tot, ich hoffe, dass ihr alle da sein werdet. Ort. Datum. Zeit. Mehr braucht es nicht, sie werden kommen.

Ein Ball, der gegen ein Garagentor donnert. Eine leerschwingende Schaukel. Das Spulen einer Kassette in einem Recorder. Schwarze Haare auf muskulösen Schenkeln. Sich windende Pfahlwurzeln. Eine Wanduhr, ticktack, ticktack … 
… und ich bin da. Warte in einer milden Abendluft des Junis 1973 bei der Teppichstange auf die anderen. Aus einem offenen Fenster Scheppern von Geschirr und My sweet Lord. Ich bin weggegangen, ohne dass es jemand bemerkt hat, die Rechenaufgaben wie einen Schweif hinter mir herziehend. Etwas fällt klirrend zu Boden, ein Kind fängt an zu weinen, das Hare Rama wird abgeklemmt, das Fenster mit Nachdruck geschlossen. Eine Amsel fliegt auf. Ich warte auf die anderen.

Wir haben alle einen Makel, Sigi schäumt aus dem Mund, Toni hat eine verrückte Mutter, Ramon keinen Vater, Sonja ist schwer von Begriff und ich versuche, ohne Lügen durch den Tag zu kommen. Was ausserhalbder Siedlung liegt, ist eine Welt voller Rätsel. Verwundert linsen wir in Küchen, wo frisierte Frauen Brote streichen, staunen hinein in diese aufgeräumten Puppenhäuser, wo jemand auf die Uhr schaut und sagt, wann es Zeit ist. Wir schämen uns, dass es unseren Eltern egal ist, wenn wir zu spät kommen, und sind oft mit Ausreden beschäftigt. Ausserhalb der Siedlung fühlen wir uns verdorben und gehen einander aus dem Weg. In unserer Strasse aber sind wir ein starkes Geflecht. Wir sind die Bornstrassenkinder.

Ich schlafe in der Stube, weil alle anderen Zimmer belegt sind und ich das jüngste Kind bin. Im grössten Zimmer schlafen meine Eltern. Zahnlos. Ihre Gebisse liegen nachts in Gläsern, die auf dem Spiegelschrank im Badezimmer stehen, manchmal grinsend, manchmal fletschend. Oft liegen sie auch ohne jeden Ausdruck in ihrem Nachtwasser, lächerlich vergrössert.

Mein Bett gehört mir nur in der Nacht. Tagsüber trägt es eine maisgelbe Decke, die beiden Kissen, das braune und das tannengrüne, und meinen Vater beim Mittagsschlaf. Auch meine Mutter, wenn nach dem Abwasch noch Zeit ist. Seitlich liegend haben beide Elternleiber auf dem Bett Platz. Sofort fallen sie in Schlaf, auf die Minute genau sind sie wieder auf den Füssen, zehn nach eins. Mit rankenden Blumen auf den Gesichtern schlürfen sie den Nescafé und setzen sich wieder in ihren R4. Ohne Worte.

Zwischen mir und den Kaninchen, die sie hinter dem Betriebsgebäude halten, machen meine Eltern keinen grossen Unterschied. Früher packte mich mein Vater manchmal im Genick, schüttelte mich und sagte knurrend, ein richtiger Chüngelbraten sei ich. Dann fragte ich mich, ob er imstande wäre, mich zu essen.

Am Kopfende meines Bettes steht ein kleiner Schrank. Darin lagere ich meine Schulsachen, Haarspangen, Nastücher und das Tagebuch. Nachts liegt auf dem Tagebuch ein Armband aus farbigem Garn. Ein Geschenk von Sylvie, die auf der anderen Seite des Mattenbaches wohnt. Ich sehe sie nicht mehr oft. Sie muss lernen, und zwar mehr als das Nötigste. Wir in der Siedlung müssen nichts, wir haben Zeit, die wir verplempern können.

Ich habe deine Mutter gesehen, füdliblutt. 
Ramon kickt den Ball an ein Garagentor, einmal, zweimal, erst dann hebt er langsam den Kopf.
Was?
Sie hatte nichts an …, Sigi hält sich die Hand vorden Mund, ich habe ihre Haare gesehen, da unten, ein dunkler Busch.
Ramon stoppt den Ball mit dem linken Fuss.
Wo soll denn das gewesen sein.
In eurer Wohnung. Kann nichts dafür, wenn sie die Vorhänge offen lässt. Hätte jeder sehen können.
Vom Weg aus?, denke ich.
Wie der Urwald?, fragt Sonja.
Und da ist noch jemand gewesen, Sigi schaut kurz zu mir und gleich wieder weg, ein Mann. Vor Sigis Lippen haben sich knisternde Blasen gebildet. Auf dem Sofa, nur mit Unterhemd, und zwischen seinen Beinen war so ein … so ein, wieder fährt sich Sigi mit dem Handrücken über den Mund, ein Speichelfaden glitzert in der Sonne.
Sigi, bitte, sagt Toni.
Ramon wuchtet den Ball auf die mittlere Garage, dreht sich um, geht weg, der Ball schnellt an uns vorbei, schlägt auf, verschwindet im Gebüsch.
So ein weisses Ding, Plastik oder so, schreit Sigi Ramon hinterher.
Hast du ihn gekannt? Den Mann?, will Sonja wissen.
Ja. Wieder wirft Sigi einen Blick in meine Richtung.
Wer
Sigi zuckt mit den Schultern und schaut zu Boden.
Mach dich nicht wichtig, Sigi, sage ich. Und übrigens, das war ein Pariser, noch nie davon gehört?

Es ist nicht diese Episode, die alles verändert, aber vielleicht ist sie ein Vorzeichen, eine vage Ankündigung. Noch leben wir wie Pflanzen, was wir brauchen, bekommen wir, Erde, Wasser, Luft, Licht. Die einen begnügen sich damit, ihre Köpfe nach der Sonne zu wenden, andere schiessen ungehemmt in die Höhe, schicken Triebe in den Himmel oder verlegen sich darauf, unter Boden Wurzeln zu verbreiten. Selbstausläufer. Die Erdbeere, lateinisch Fragaria, ist in der Lage, Ableger zu bilden, aus denen neue Pflänzchen wachsen, das sind sozusagen Klone der Mutterpflanze. Wenn mein Vater doziert, hört niemand zu, aber als er von der Vermehrungsweise der Fragaria spricht, will ich wissen, was Klone sind.

Es kommt vor, dass Einzelne von uns etwas Schönes hervorbringen, eine auffallende Blüte. Wie Toni, die plötzlich so gut Rollschuh fahren kann, dass sie in eine Showtruppe aufgenommen wird. In weissen Stiefelchen und einem glitzernden Röckchen wirbelt sie überbdie Bühne, bis den Glotzenden schwindlig wird. Aber auch bei ihr wird wie bei uns allen bald etwas passieren, das dem Pflanzendasein ein Ende setzt. Es zeigt sich unterschiedlich. Bei Toni beginnt es mit dem Moment, als sie dem Kastenwagen nachschaut, der ihre Mutter wegbringt. Bei Ramon ist es die Spucke auf dem Rasen und bei mir …, bei mir sind es verschiedene Dinge. Nach der Sache mit Kümpel ist es definitiv vorbei mit der Unschuld, für uns alle.

Die Siedlung klebt an der dunklen Flanke einer Bergkette, an die sich unser Tal drückt, in Löffelstellung, wie meine Eltern beim Mittagsschlaf. Über den Grat des Berges wandern Menschen, die Freizeit haben, Leute aus der Stadt. Sie schauen hinunter in das schattige Tal, auf das Dorf, auf die Wohnblöcke und sind froh, dass nicht sie es sind, die hier wohnen. Berg ist ein zu grosses Wort, auch Tal ist ein zu grosses Wort, alle Wörter sind zu gross für diesen Ort, nichts ist so, wie es sich anhört. Wir sagen Tal, aber es ist nichts als eine Schnellstrasse und parallel dazu Bahngeleise; was wir Dorf nennen, ist ein Platz mit Abfalleimern und betonierten Sitzbänken, einem Bahnhofskiosk und ein paar alten Häusern, die stur verharren, während andere längst das Feld geräumt haben. Für die Migros, das Bankgebäude, die neue Gemeindeverwaltung. Ein bescheidener Fluss folgt demütig den Schienen und der Strasse, obwohl er lange vor ihnen da war. Kraftlos krümmt er sich an Reihen von Wohnblöcken vorbei, die sich ins Land gefressen haben. Der Zug fährt zwischen zwei Sackbahnhöfen hin und her, Tal hinauf, Tal hinunter. Nur die Schnellstrasse führt weiter, sie will möglichst rasch weg von hier.
Hinter der reformierten Kirche liegt der Friedhof und oberhalb der katholischen, fast am Waldrand oben, verläuft die Bornstrasse. Da steht unsere Siedlung. Der Friedhof ist für alle, die Siedlung für die Angestellten der Papierfabrik. Hier wachsen wir vor uns hin, ohne dass es jemanden kümmert, Ramon, Toni, ich und die anderen.

An der Hinterseite der Wohnblöcke, die dem Wald am nächsten sind, wuchert scharfkantiges Unkraut; Flechten und Moose kriechen am feuchten Gemäuer empor, und nur weil Kümpel regelmässig mit tödlichem Wasserstrahl auf sie losgeht, nehmen sie nicht überhand. Ohne mich wäre hier Urwald, hören wir ihn zischen, wenn er seine Gerätschaften hinter sich herzerrt, in den Boden rammt, mit schweissglänzendem Hals, auf dem sich die Sehnen spannen.
Ohne Kümpel wäre hier Urwald, wären die geduckten, länglichen Gebäude überwuchert von Blacke, Geissfuss, Ackerwinden, wellige Hügel in der Landschaft, wie früher, vor Tausenden von Jahren, nur dass wir darunter leben würden.
Ohne mich wäre hier Urwald, hören wir Kümpel fauchen, murmelnd wiederholen wir es hinter seinem Rücken.

Beim Kehrplatz vor den Garagen endet die Strasse. Hier ist der Ort der Männer. Hier waschen sie am Samstag ihre Autos, betrachten Motoren, klopfen Schultern. Daneben die Burschen auf ihren Töffs, sie rauchen und reden über die Autos, die sie später kaufen würden. Von unserem Platz bei der Teppichstange hören wir sie lachen, rufen, fluchen. Und immer dudelt Musik, manchmal fremdländisch ab Kassette, manchmal aus dem Radio. Akropolis adieu, Immer wieder sonntags, Am Tag, als Conny Kramer starb. Keine Frauen bei den Garagen. Für sie gibt es die Spielplätze mit den Sandkästen, den viel zu kurzen Rutschbahnen und den zwei Betonröhren, durch die niemand kriechen will.

Es gibt Unterschiede. Die Autos. Die Marke der Autos.Die Sprache, die daheim geredet wird. Wie es beim Kochen riecht. Ob beim Essen das Radio läuft oder der Fernseher. Ob man im Sommer zu den Verwandten fährt. Oder überhaupt wegfährt. Das Alter der Autos. Die PS der Autos. Ob man in die Kirche geht und in welche. Die Namen.
Über die Gemeinsamkeiten reden wir nicht. Dass für uns keine Geburtstagspartys veranstaltet werden und wir selten zu welchen eingeladen sind, dass wir nach dem Mittagessen die Zähne nicht putzen, dass wir diejenigen verachten, die ein fixes Taschengeld haben, aber Mittel und Wege kennen, um an Geld zu kommen. Dass wir es lächerlich finden, von den Eltern für gute Noten belohnt zu werden. Dass von uns erwartet wird, keine Probleme zu machen. Dass etwas Rechtes aus uns werden soll.

Kümpel ist gut für Mutproben. Ihm in die Augen schauen. Ihm frech kommen. Ihm nicht gehorchen, tun, als ob man ihn nicht gehört hätte. All dies heizt unsere Träume an, wenn sie kühn sind. Wir verstecken uns auf unseren Balkonen hinter Geranien, Petunien, Fleissigen Lieschen und beäugen Kümpels Wege durch die Siedlung. Sie sind rätselhaft, scheinen einem festgelegten Plan zu folgen, variieren ständig und sind doch immer die gleichen. Kümpel geht stets eilig, vorgebeugt, Kopf vorne, Ellbogen hinten. Graue Mantelschürze mit langen Ärmeln, grobe Arbeitshose, die Stösse in die Stiefel gesteckt. Kümpel hat einen Sinn für alles, was nicht in Ordnung ist, herumliegende Velos, trockene Wäsche, die nicht abgenommen wurde, Himmel und Hölle auf der Strasse.
Niemand weiss, wer Kümpel ist, woher er kam und was sein Auftrag ist. Wenn Kümpel sich nähert, gehen die Frauen schneller, die Männer beginnen zu pfeifen oder etwas an ihren Autos zu untersuchen. Niemand ist je in Kümpels Wohnung gewesen und niemand redet freiwillig mit ihm. Aber alle wissen, dass Kümpel zu akzeptieren ist. Es gibt Dinge, die sich nicht ändern lassen.
Für uns gebraucht er eigene Namen: Pfosten, Totsch, Kleiner Scheisser. Alle zusammen sind wir Gjät. Er bellt uns an, wenn wir abends auf dem Kehrplatz gummitwisten oder Bälle an die Garagentore kicken. Bälle bringen ihn aus dem Gleichgewicht. Wir lassen sie ihm vor die Füsse rollen, um zu sehen, wie sein Schritt aus dem Takt gerät, wie er versucht, dem Ball auszuweichen, als wäre eine Berührung tödlich. Die einen behaupten, Kümpel sei früher Fussballer gewesen, habe beim FCZ gespielt, aber genauso möglich ist, dass er ein Bankräuber war, jahrelang im Gefängnis. Manchmal taucht Kümpel unvermittelt vor einem auf. Es heisst, zwischen den Kellerräumen gebe es Tunnels, die Kümpel erlaubten, überall gleichzeitig zu sein. Aber kein Mensch hat je einen Zugang gefunden.
Eigentlich ein netter Mann, sagt meine Mutter, aber auch sie versucht, seine komplizierten Routen nicht zu durchkreuzen. Auch sie überlegt, was sie falsch gemacht haben könnte, wenn Kümpel in der Nähe ist.
Wir finden nicht heraus, wie er es macht. Warum er weiss, was wir treiben. Niemand von den Eltern will etwas mit dem kleinen schwarzen Buch zu tun haben, das er in seiner Schürzentasche mit sich trägt, einige behaupteten, dieses Büchlein existiere nur in unserer Fantasie.
Kümpel ist der Teufel. Ich weiss es.

(Auszug aus «Mein Bett gehört mir nur in der Nacht», mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

Veronika Sutter, geb. 1958, aufgewachsen im Sihltal, veröffentlichte in früheren Jahren ein paar Kurzgeschichten. Beruflich arbeitete sie unter anderem als Buchhändlerin, Kulturveranstalterin und als Journalistin, studierte Kommunikationsmanagement und war für NGOs und soziale Institutionen tätig. Ihr Erzählband «Grösser als du«, der 2021 in der edition 8 erschien, wurde für den Schweizer Buchpreis nominiert. Im Herbst 2025 erscheint ihr neuer Roman «Mein Bett gehört mir nur in der Nacht». Veronika Sutter lebt mit ihrem Partner in Zürich.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Tabea Vogel

Jacob Strautmann «A conversation in poetry and paint»

Seit 2021 stehen die in Frankfurt lebende Eva Strautmann und der in Boston lebende Jacob Strautmann in einem kontinuierlichen Dialog und schaffen Gemälde und Texte, die sich mit der Arbeit des jeweils anderen, der Natur und der Politik ihrer jeweiligen Länder auseinandersetzen.

Die hier präsentierten Gedichte sind Teil einer Sammlung von über 40 Gemälde-Gedicht-Kombinationen, und ihre Arbeit wird fortgesetzt. Mit der Übersetzerin Kassi Burnett kann ihr Gespräch nun auf zwei Kontinenten «mitgehört» werden:

Goldene Pferde 35, Eva Strautmann

Past Self 

       after Goldene Pferde 35
       by Eva Strautmann

In the country
I was a fish

In green water
Lazy shade

Of rock and trunk
Creek worship

Plash of hoofs
Tongue and muzzle

When a blue hand
Circleted plucked

By the tail lifted me
Out of the whispering

Reflection grass
In the moonlight

To a slab of sandstone
Surprised the air a blade

I am an address
In the city now

I cross bridges
And speak bluntly

A draftsman’s pen
Drew vowels

Struts to box
Them in truss pylon

Piers evenly spaced
Red and green lights

Where all is movement
Prophecy but small

Horses here
Wear collars

Stand in boredom
As traffic passes

 

Vergangenes Ich 

       nach Goldene Pferde 35
       von Eva Strautmann

Auf dem Land
War ich ein Fisch

Im grünen Wasser
Träger Schatten

Von Fels und Stamm
Bach-Anbetung

Plätschern der Hufe
Zunge und Nüstern

Als eine blaue Hand
Mich kreisend pflückte

Am Schweif mich hob
Aus dem Geflüster

Spiegelgras
Im Mondschein

An einer Platte aus Sandstein
Überraschte die Luft – eine Klinge

Ich bin eine Adresse
Nun in der Stadt

Ich überquere Brücken
Und spreche unverblümt

Der Stift eines Zeichners
Zog Vokale

Streben, sie einzuschließen
Im Fachwerkpylon

Pfeiler gleichmäßig verteilt
Rote und grüne Lichter

Wo alles Bewegung ist
Prophezeiung nur klein

Pferde hier
Tragen Halsbänder

Stehen gelangweilt
Während Verkehr vorbeifließt

 

Goldene Pferde 25, Eva Strautmann

Marriage Photo 

       after Goldene Pferde 25
       by Eva Strautmann

I can’t keep up with our garden any longer,
Let the deer have it. I want to sit on the porch

And listen to your jokes, watch the shadow
Of the leaves feather your feathery hair.

In the backyard the horses stamp the ground,
Hungry, demanding one of us gets up first.

Neither of us will go.

 

Hochzeitsfoto

       nach Goldene Pferde 25
       von Eva Strautmann

Ich komme mit unserem Garten nicht mehr nach,
Sollen ihn doch die Rehe haben.
Ich will auf der Veranda sitzen

Und deinen Witzen lauschen, beobachten,
Wie der Schatten der Blätter
Dein Haar federnd befiedert.

Im Hinterhof scharren die Pferde den Boden,
Hungrig, fordernd, dass einer
Von uns zuerst aufsteht.

Keiner von uns wird gehen.

Goldene Pferde 29, Eva Strautmann

Constituents Jacob Strautmann

       after Goldene Pferde 29
       by Eva Strautmann

The meeting was mostly cheerful,
    The Chief was mostly kind.
Rain on the streets pours gray in the quay.
    A housefly lingers on a black armband.

Whistles and taxis, a text from the train,
    Traffic in pastures and swingsets wet –
Across the river, a short match is lit,
    Lords of the art of the balance sheet

Surrender least for least:
     And what of Summer’s Bounty?
In chain and asphalt, orange trees
     Clasp de facto sovereignty.

The zoo and stables at half-past two,
    The library building, the tenement:
News is a bone stuck bare in a throat.
    A barman nods and pours his pint.

Legions rebelled, the Great Hall declined,
    Ragweed, a rock ledge in the wind:
The meeting was mostly cheerful,
    The Chief was mostly kind.

 

Beteiligte Kassi Burnett

       nach Goldene Pferde 29
       von Eva Strautmann

Die Versammlung war meist heiter,
    Die Chefin war meist gütig.
Grau strömt Regen auf den Straßen zum Kai.
    Eine Fliege ruht auf einem schwarzen Armband.

Pfeifen und Taxis, eine Textnachricht aus dem Zug,
    Verkehr auf Wiesen und Schaukeln, nass –
Jenseits des Flusses ein kurzes Streichholz entzündet.
    Herren der Bilanzkunst.

Das Geringste dem Geringsten überlassen:
    Und was ist von Sommers Fülle?
In Ketten und Asphalt ergreifen Orangenbäume
    De facto die Herrschaft.

Zoo und Stallungen um halb drei,
    Bibliotheksgebäude, Mietshaus:
Nachrichten sind Knochen, bloß im Hals verkeilt.
    Ein Barmann nickt und schenkt sein Bier ein.

Legionen rebellierten, die Große Halle zerfiel,
     Brennnessel, ein Felsvorsprung im Wind:
Die Versammlung war meist heiter,
    Die Chefin war meist gütig.

 

Jacob Strautmann ist Autor zweier Gedichtbände: «The Land of the Dead Is Open for Business» (2020) und «New Vrindaban» (2024), beide bei Four Way Books. Seine Gedichte erschienen im Boston Globe, im Appalachian Journal, in „On the Seawall“, im Agni Magazine und in „Blackbird“. Er arbeitete in den Bereichen Theater, Verwaltung und Kommunikation an der Boston University, wo er 20 Jahre lang auch Kreatives Schreiben lehrte. Derzeit arbeitet er an einem Gedichtmanuskript, das sich mit der Kunst von Eva Strautmann auseinandersetzt.

Webseite des Autors

Kassi Burnett promovierte in Germanistik an der Ohio State University und absolvierte ein Fulbright-Forschungsstipendium am Rachel Carson Center der LMU München. Ihre Forschung verbindet Umwelt- und Disability Studies mit zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur. Publikationen von ihr erschienen in Oxford German Studies, Non Fiktion und Studies in the Humanities. Sie unterrichtete Deutsch an der Ohio State University, der Denison University und der Middlebury Summer Language School. Zusätzlich zu ihrer akademischen Arbeit veröffentlichte sie journalistische und literarische Texte, u. a. in The Columbus Dispatch und Simplicissimus (Harvard). Heute arbeitet sie als Softwareentwicklerin in Atlanta, Georgia, und beschäftigt sich weiterhin mit Literatur und Übersetzung.

Beitragsbild © Jacob Strautmann