Thomas Kunst «Ich sage nur Halbrosa. Ich sage nur Suederhavjeln.»

Ich sage nur Adventsmarzipan. Ich sage nur Wintergarten mit Gott.
Ich sage nur keine Bescheidenheit. Natürlich sage ich nur Chelsea. Nur Long
Island. Nur Chocorua. Ich sage nur kein Europa der Welt. Ich sage immer nur.
Ich sage nur Visconti. Ich sage nur häng nicht so an mir. Ich sage nur 
Engel des Wassers. Nur Wickelmünzen. Nur Villa rustica. Ich 
Sage immer nur. Ich sage nur Küchentisch. Ich sage nur
Elefanten in den Wäldern. Nur Glück. Nur Lametta. Nur trink
Dieses Glas noch aus. Ich sage nur deine Haare bei Schostakowitsch.
Nur jetzt leider nicht. Nur mach dein Berlin noch aus. Dein Appenzell.
Dein Arizona. Ich sage nur der Hudson. Ich sage nur die Docks. Ich sage nur
Schwesterchen. Nur kann ich mich auf deine Brüste auch verlassen.
Ich sage nur Schneenutten. Ich sage nur Schwarz-Butter. Ich sage nur
Ultimativ. Nur ferne Länder. Nur Kafka und Kennedy. Nur Schaum.
Nur Familienunterbrechung. Ich sage nur lass mich in Ruhe. Lieb mich
Nicht mehr. Ich sage immer nur. Ich sage nur Hass. Nur Tagebuchhotels.
Ich sage nur Stolz. Nur Tod. Nur Liebeslässigkeit. Ich sage nur Filme
Im Winter. Nur Filme im Winter. Die Filme im Winter. Nur Filme.
Nur Winter. Siehst du sie nicht. Siehst du sie denn nicht. 
Du. Ich rede mit dir. Es könnte doch einfach sein. Ich rede mit dir.
Siehst du nicht diese ultimativen Zugeständnisse an den Flüssen.
An all deinen Meeren. Die sture Hilflosigkeit einer vereinzelten Zuneigung. 
Die späte Anteilnahme der Verlegenheit am Trost. Diese unüberwindlichen
Zugeständnisse einer wirklichen Liebe. Siehst du sie denn nicht. Du.
Ich rede mit dir. Wo auch anders als an den Flüssen. Und an jedem deiner Meere.
Kein Mut hört zu. Kein Gott der Gegenseitigkeit gibt acht.
Kein Wunsch hält eine zweite Fieberkurve ein. Nicht die geringste
Orchidee von dir benimmt sich in den Nächten auch nur halbwegs proletarisch.
Woran ich das merke. Woran ich das merke. Siehst du sie denn nicht.
Es könnte doch immerhin sein. Ich rede mit dir. Über die unvermeidliche
Schönheit zufriedener Fabriken. Über die jüdische Gelassenheit von allgemeinen
Bäumen. Blut und die Reste von Schnee. Jazz und die Reste von Blut. Schnee und
Jazz. In den hohen Steinen deiner Städte hat sich mein Bureau verkantet.
Holzgeflechte. Strom und selbst die abgebremste Leidenschaft zu großer. 
Ungestümer Seidenwürfel. Wenn ich mal Zucker brauche. Gehe ich runter. 
Wenn ich mal Pferde brauche. Gehe ich hoch. Du schläfst doch noch nicht. 
Du hast doch noch eine Drehung für mich. Mein Stern. Ein Zucken. Und 
Ein Schweifen. Ein Schleifen. Ohne Lässigkeit und Ende. Aus Nüchternheit. 
Aus Stolz. Und Sinnlichkeit. Und Stil. In den fatalen Möglichkeiten zögerlicher Gier. 
Die Musik wackelt nicht mehr. Mein Kopfende hat schon für weniger Sätze gespielt. 
Du sagst doch immer. Bis die Tage mal. Und im Moment. Mein Gott. 
Du siehst sie nicht. Du siehst sie nicht mehr. Diese warmen Kamillengitter. Blau
Auf den Stühlen. Deine Haare bei Schostakowitsch. Wo kommen sie her. Wo 
Kommen. Aber wo kommen die Winde her. Diese Ähnlichkeiten im Winter. Die 
Kinder. Die Kinder in Filmen. Wo kommen sie her. Die Erfinder der Winter. 
Die Behinderer der Winde. Louise an den kleinen Tagen. Doch in den Nächten 
Lasvishuna. Wenn ich mal Milch brauche. Gehe ich runter. Wenn ich mal 
Milch brauche. Gehe ich hoch. Ich war die Fee für dich. Ich war auch Engel.
Schwesterchen. Und Stern. Nur noch Kalendermut. Zisternen. Jahreszeiten. 
Und du wirst sehen. Ich wäre niemals gerne deine Frau gewesen. 
Du sagst doch immer. Bis die Tage mal.
Und leider immer wieder im Moment. Mein Gott. Du siehst sie nicht.
Wo kommen sie her. Wo kommen. Aber wo kommen die Kinder her.
Die Behinderer der Winde. Wo kommen sie her. Ich hab sie zuerst in
Asien. Auf den Schiffen gesehen. Auf den unüberwindlichen Schiffen.
Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen. Die Schiffe in Asien. 
Auf dem Lande. In der Stadt. Mit gründlichen Kindern an Deck. 
Ich hab sie gesehen. Siehst du sie nicht. Das Schlimmste am Tod
Ist sicherlich. Daß alles nach dir sinnlos weitergeht. Was nützen da 
Noch Gleichgewicht und Gier. Und eine souveräne Täuschung ohne Dauer. 
Die Augen waren schon immer so. Und das. Was meine Augen nicht 
Mehr wiederholen. War nie da. Aber das Krankenhausmesser 
War da. Deine hochgekrempelte Sonnenbrille war da.
Die hellbraunen Autobahndecken waren doch da. Für die Stühle im Hof
Da draußen. Im Winter. Ein für alle Mal. Sie waren da. Siehst du sie
Nicht. Siehst du sie denn nicht. Du. Ich rede mit dir. Es könnte doch immerhin
Sein. Ich rede mit dir. Verlass dich bloß nicht mehr auf deine Briefe.
Und halt von mir aus gern die Unterschiede ein. Du bist nicht gerade
Wesentlich mit deinem Mund. Wenn du an Sätze denkst. Die ich nicht einmal
Schreiben würde. Die einzige Möglichkeit, dich zu lieben, ist die, dich
Zu belästigen. Die einzige Möglichkeit, mich zu belästigen, ist die, mich
Zu lieben. Und du wirst sehen. Was deine Briefe nicht mehr wiederholen. 
Geht vorbei. Ich hab sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen gesehen.
Auf den unüberwindlichen Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie
Gesehen. Ich schwöre. Bei deinen Lederabdrücken im Flur. Und dem gleichen
Monat deiner Hände beim Verzeihen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie
Gesehen. Ich hab die ganzen Jahre meiner Blicke noch nie für unachtsames
Glück gehalten. Aber meine Augen haben auch schon für weniger Sätze gespielt.
Ich hoffe. Meine scheue Ausgeglichenheit enttäuscht dich nicht. Denn ohne die
Enttäuschung gibt es keinen Trotz. Und ohne Trotz gibt es nicht gleich die
Ungeteilte Schönheit anderer. Ich habe dir zuliebe das Wort jemals benutzt.
Jemals zu Weihnachten. Jemals versprochen. Und jemals in Asien. Und Rom.
Ich bete einmal am Tag warm. Ich gehe nicht mehr ans Fenster. Ich fahre nicht mehr
Für umsonst. Ich lasse keine Assistenten mehr in die Fabriken. Ich höre deine Musik nicht
Mehr allein. Meine Augen waren schon immer so. Sie wiederholen nichts. Was sich
Nicht lohnt. Die Hydraulik deines Wagens beim Losfahren lohnt sich nicht. 
Die allgemeinen Bäume lohnen sich nicht. Die Lässigkeit deiner Sehnsucht
Beim Betrinken lohnt sich nicht. Siehst du sie nicht. Siehst du sie denn nicht.
Lässigkeit. Und Wehmut. Ohne Ende. Jemals in Asien. Aber auch jemals in Rom.
Meine Straße spielt nicht mehr mit. Mein Telefon spielt nicht mehr mit. 
Die Entfernung zwischen Vertrautheit und Juni spielt nicht mehr mit. Was soll ich
Dir denn noch alles zumuten. Damit du endlich begreifst. Daß meine Sehnsucht nichts.
Aber auch rein gar nichts mit deiner Hingabe an meine Zurückhaltung zu tun hat.
Ich habe sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen, gesehen. Auf den unüberwindlichen
Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen. Deine Hingabe.
Auf den Schiffen. Mit den gründlichen Kindern an Deck. Bedeutet dir das alles
Gar nichts. Sag nicht. Du hast nicht aufgepasst. Sag nicht. Du hättest dir den breiten
Schnee der Adern meiner Brüste fast noch schöner vorgestellt. Blut und die Reste
von Schnee. Jazz und die Reste von Blut. Schnee und Jazz. Sag nie wieder Visconti.
Sag jemals Rom. Deine Kinder. In Asien. Gründliche Kinder. Die Erfinder der Winter.
Die Winter in Filmen. Meine Schiffe nur bei Wind wohl. Und nur bei Wind.
Und allgemeinen Sternen. Ich kann noch immer nicht glauben. Daß wir es
Wirklich geschafft haben sollen. Geschafft mit den Kindern. Siehst du sie nicht.
Siehst du sie denn nicht. Die Kinder bei Wind. Die Kinder in Filmen. Wo kommen
Sie her. Ich hab sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen gesehen. Auf den
Unüberwindlichen Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen.
Die Schiffe in Asien. Auf dem Lande. In der Stadt. Mit gründlichen Kindern
An Deck. Ich hab sie gesehen. Ich habe auch die Müdigkeit gesehen.
Die Müdigkeit der losen Männer an den Flüssen. Ich hab mir nichts dabei gedacht.
Ich habe ihre stumpfen Finger in mich reingeknickt. Ich weiß ja. Daß ich mich
Auf dich verlassen kann. Denn ich allein bin deine Frau aus einer Schneeausgabe.
Ich bin die Frau von einer Seltenheit der Briefmarken im Flur. Hast du gehört.
Ich kann nicht mehr. Kannst du dir vorstellen. Wie die Sommer gehen.
Wie ohne Hilfestellung unsere Sommer gehen. Ich muss mich wohl auf das
Beschränken. Was ich kann. Ich wirklich kann. Ich kann noch ohne Selbstmitleid
An einem großen Wasser stehen. Ich habe unterwegs nur eine Kleinigkeit
Getrunken. Mach mir nichts vor. Ich kann auch ohne dich an großen Wassern
Stehen. Und das. Das konnte ich schon immer. In einem Jahrzehnt der Schauspieler, 
Kondome und Ameisen. Mach das nochmal. Mach das ruhig nochmal. Konntest
Du deine Probleme denn nicht anders lösen. Ich kann mir vorstellen. Was ich will.
Es geht nicht mehr. Es geht einfach nicht mehr. Meine eingeübten Modelle versagen.
Die Herbergen. Der Strand. Und auch die öffentlichen Kinodämmerungen.
Die Bankreihen. Am Stadtrand. Die Stühle. In den Wäldern. Die Haare nie allein.
Und selbst die Strumpfhosen. Schon nicht mal mehr im Liegen. Dein langes
Unterhemd beim Stadtteilfest. Ich glaube. Unter all den Decken.
In den Häusern. Gibt es keine Sicherheiten mehr. Führe die Ameisen aus. 
Sei gut zu den Schauspielern in deiner Region. Führe sie weg von den
Hoheitsansprüchen. Und den anderen Gewohnheitsrechten. Sie haben es nicht 
Anders verdient. Die Schauspieler. Und die Ameisen. Deiner Heimatstadt. Ich habe 
Unterwegs schon eine Kleinigkeit getrunken. Nur eine Kleinigkeit. Ich schreibe 
Gern nur eine Kleinigkeit beim Trinken. Eine Kleinigkeit. In einem Jahrzehnt der
Schauspieler. Kondome. Und Ameisen. Ich kann mich nicht daran erinnern. Etwas
Falsches gesagt zu haben. Aber die Ameisen. Die Ameisen haben es bei dir
Gut. Bestimmt gut bei dir. Wo auch immer du sein magst. An den Hauswänden.
Auf dem Teppich. In der Steppe. Und in den laschen Wülsten derber Segeltücher.
Aber die Schauspieler. Die Schauspieler haben es bei dir gut. Bestimmt gut bei dir.
Die Schauspieler. Und die Ameisen. Die Müdigkeit. Die Kinder. Und die
Schiffe in Asien. Die Ameisen. Auf den Bühnen. Die Behinderer der Winde.
Die Erfinder der Kleinigkeiten. Aber was weißt du denn schon. In einem
Jahrzehnt der stundenlangen Liebe. In einem Jahrzehnt altmodischer
Umarmungsgifte. In einem Jahrzehnt der ansteckenden Termine. Der
Speichelarten auf halber Höhe. Der bis zur Unerbittlichkeit erkalteten
Verwandtschaftsgrade. Bleib solange. Bis ich deine Unentschlossenheit verkraftet
Habe. Warum nimmst du nicht ein wenig frei. Das war keine Frage. Angst vor 
Haarsträhnen und Bodenluken kannst du auch auf einem karierten Geschirrtuch
Haben. Deine Übergangszeit von mir zu ihm steht unter Eid. Ich habe kein 
Verständnis mehr für das. Was übrigbleibt. Die Schauspieler. Die Ameisen. 
Die Müdigkeit der Unanständigkeit. Ich sage nur halbrosa. Das Einsickern 
Von Gestalten. In die Verschwiegenheit der Grasanlagen. Siehst du sie 
Nicht. Siehst du sie denn nicht. Ich war noch nie bei den Briefmarken.
Den Zugeständnissen. Den Kleinigkeiten. Und Zurückweisungen. 
Ich war noch nie in den Gärten der Menschen. Im Schatten der
Casuarinenbäume. Die Übergangszeiten. Die Bisse. 
Die Säure. Ich war noch nie in Suederhavjeln.
In den Gedichten von Schauspielern.
Warum schreiben sie auch noch.
Und spielen nicht nur. Auf 
Ihren Schiffen. In Asien.
Aber ich habe sie 
Gesehen.

Thomas Kunst zu Besuch im Literaturhaus Thurgau © Sandra Kottonau

Thomas Kunst, geboren 1965, ist ein »gelehrter Dichter, ein leidenschaftlicher Leser, ein hochgebildeter Bibliothekar und ein bunter Vogel; ein Romantiker, den der Weltzustand beunruhigt und der es versteht, diese Beunruhigung durch die künstlerische Form in Einsicht zu verwandeln und den Mut der Fantasie ins Spiel zu bringen« (Hans Höller). Für seine Lyrik und Prosa wurde er zuletzt mit dem Kleist-Preis 2023 und dem Erich Fried Preis 2023 ausgezeichnet. Er lebt in Sachsen-Anhalt auf dem Land. Hier mehr zu Tomas Kunst.

Beitragsbild © Franziska Reck

Thomas Kunst «Irische Traumung. Ein Küstenspiel»

I

Geduckter Rauch

Trafen sich ein Mann.
Trafen sich und hatten nur den Namen bei. Ihm Düren.
Trafen sich in dieser hochbegabten Steppe aus kurz
Geschorener Musik. Wie das klingt. Frag Ihm doch.
Ihm seine Augen, ich beginne immer mit den
Augen, wirkten, aber waren braun und
Zerstritten.
Als hätte
Ihm
In einer verschärften Situation
Die Brille zu lange auf –
Behalten. (Siehst du.) Die enge Allee
Durch den stahlblonden Heimat ist eine
Verschorfte Situation. Da passen zwei März Ärzte
Ohne Schwestern nebeneinander. Warum ausgerechnet
Zwei. Das kann ich dir sofort sagen, weil du nur so, schon von
Weitem mit Mitte rechnest. Heimat kannst du schon auswendig
Lernen, sobald sie nur über Wörter verfügt, die
Freiwillig bei dir bleiben. Draußen, aber nicht unbedingt, zerriss der
Schnee. Ich wusste, dass du nur Gas lachst, die blasse Allee in einer
Angenehmenen Stadt, von der links und 
Rechts Flammen ab –
Gehen. Pass doch auf, wo du hin 
Trittst, Kleiner, das
Schöne Feuer.
Zuerst ist es ganz sacht und spielt mit dir Mutter, Vater,
Mitte. Dann ist es ganz Mitte und spielt mit dir Mutter, Vater,
Feuer. Ist die Asche schon fertig. Wie lange braucht
Ihr denn noch. Einsblondundachtzig. Das müsste doch in
Einem Land zu machen sein, auch wenn es
Hier nicht ganz für die sieben Winden reicht, aber vier,
Dürre, flache würden sich schon auf –
Treiben lassen. Einer davon hat Strandgut geatmet, ein wenig
Schaum, ein wenig Flaschen –
Rost. Dieser wäre Ihm sicher der liebste. Ich habe das
Land nicht im Reim erstickt. Dabei ersticke ich
Es gar nicht so gern. Ihm hat es so gewollt.
Trafen sich ein Mann.
Trafen sich und hatten nur den Namen bei. Ihm Düren.
Trafen sich in dieser kurzbegabten Steppe aus hoch –
Geschorener Musik.

 

II

Ihrisches Crescendo

Trafen sich eine Frau.
Trafen sich und hatten nur den Namen bei. Ihr Belwas.
Trafen sich in dieser hochgesteppten Musik aus kurz –
Geschorener Begabung. Ich habe das Land nicht
Im Reim erstickt. Dabei ersticke ich es gar nicht so
Gern. Ihm hat es so gewollt. Ihr hat es so
Gewollt. Schaum, 
Elektrischer Süden rückt von den Rändern nach 
Innen, Lehn –
Sucht bleibt unser Ledergewächs, das Lager
Hinauf, frisch
Gerissene Ängste ändern die Sätze 
Auf, was ist
Schon eher zu Ende (sag an) als kaum zu
Beginnen, Belwas.
Ihr hatte ihr glänzendes Haar, ich beginne immer mit dem
Haar, aus frischen Kastanien gezogen. Weiß lag noch Mehl
Auf dem Nabel. Ihrs Monat war der Oktober, geflochten aus Segel –
Bekleideten Stürmen und den Überresten der Stranddorn –
Kolonnen. Ihrs Heirat war folgerichtig mit dem Tag zusammen –
Gefallen, da sie sich entschlossen hatte, allein zu
Lieben. Doch nun trug sie einmal den Ring. Und das
War schon immer so. Ihr hatte darauf bestanden, 
Ihren Mann nicht weiter zu erwähnen. Ich hatte
Ihrs Schmerzen längst begriffen und willigte ein, natürlich
Auch, um ihr, als Figur weiter folgen zu dürfen, ihr, der von
Vornherein nichts anderes übrigblieb, sie bis ins
Feinste auszukosten, die Technik des Scheiterns,
Belwas, wenn du das durch –
Hältst, finde ich dich zum Kosten. Schmerz gegen
Schmerz ergibt irgendwann weit hinten an der Küste
Einen neutralen Aufprall. In Ihrs Fall war es anders, sie
Konnte nicht schwimmen, und das machte sich
Ihr zunutze. Nach drei Tagen wurde
Ihr, an den Strand geworfen, gefunden. Weiß platzte
Der Schaum auf dem Nabel. 
Trafen sich eine Frau.
Trafen sich und hatten nur den Namen bei. Ihr Belwas.
Trafen sich in dieser hoch –
Begabten Steppe aus kurz –
Geschorener Musik. Frag Ihm doch. Frag
Ihr doch.

 

III

Verwaschene Grafschaft

Traf sich eine Mann und ein Frau.
Traf sich und hatte nur den Namen bei. Ihm Düren. Ihr 
Belwas.
Der golfene Strom hatte seine flache Wärme ins Land
Gespült und das Januarmittel aufgeheizt auf sieben Komma sieben 
Grad, so dass Sich selbst hier, in dieser 
Abgeraschelten, bröckeligen Gegend Palme
Und Rhododendron als zarte Requisiten entfalten konnten, was sich als
Äußerst günstig erwies, denn dieser subtropische Hauch hatte die
Beiden Toten ein wenig grün betastet. Verwesung ist doch auch nichts
Anderes als nachlassende Kondition. Ihm hatte ein aschfahles Gesicht. Ich
Beginne immer mit Asche. Ihrs Körper hatte die ausgeschlafene Form fleisch –
Farbenen Wassers. Ich beginne immer mit Wasser. Nur, dass sie nicht weinte, schien
Ihren Körper noch zusammenzuhalten. Es ist natürlich einfach, zwei
Verendete Körper leger in dieselbe Landschaft zu streuen. Ich hatte ziemlich
Genau darauf geachtet, dass es sich dabei um eine Region
Handelte, so wie die Grafschaft Galway, die ziemlich dünn besiedelt
War, so dass ich einigermaßen sicher sein konnte, nicht in die Lage zu
Geraten, ländliche Bauern und deren Hütten skizzieren zu müssen, sobald
Es Ihm und Ihr darauf anlegten, auf etwas Lebendiges zuzuhalten. Obwohl
Eine schon vor Jahren verlassene Lehmmauer doch auch etwas
Hat. Dass sich Ihm und Ihr vorher noch nie gesehen hatten, blieb erstmal
Ihre einzige Verwandtschaft. Doch was willst du mit zwei Menschen
Anfangen, die frieren, Hunger haben, doch keine Hütte aus ungefähr gleich –
Langem Holz. Hier ist ein Hochlandrind zum Umwickeln. Hier
Sind die Beeren. Hier sind neun besonders eng stehende
Bäume. Bevor ich die Beiden jedoch sich näherkommen
Ließ in der geölten Mechanik der Küste, nahm ich von
Schafen, nahm von den Schultern und Säften, das, was sich eignet zur
Scham. Jetzt bist du dran, Düren. Darf ich Sie zu einem Fell
Einladen. Darf ich Sie zu den Beeren einladen. Darf ich Sie zu den
Neun besonders eng stehenden Bäumen einladen. Am Ende solcher
Sätze, die auch immer in einen Dschungel von nicht –
Gesagten Sätzen münden, die jedoch nie den gemeinsamen
Kern preisgeben, am Ende solcher Sätze entzündete sich immer
Beinahe das schmale Fest des Fleisches. Ein wenig zuckten
Die Lenden auf, in ihrer deutlichen, ledernen
Sprache. Jetzt bist du dran, Belwas. Ihr sagte zwar
Nichts. Ihr berührte zart mit dem Ellenbogen
Ihms Kinn.

 

IV

Tage ja Monatelahm

trug ständig das Meer die gleichen Klänge nach innen, vor
Die Hütte aus ungefähr gleichlangem Holz.
Die neun besonders eng stehenden Bäume hatten Ihm und
Ihr mit Schlamm und Steinwerk höhergezogen, so dass keine
Behaarten Sterne mehr dazwischenfahren konnten, nur die Geräusche
Gestrandeter Seevögel hatten noch gute Aussichten eingelassen zu
Werden. Düren hatte mit Feuer, das Feuer habe ich ihnen zukommen
Lassen, falls es Fragen gibt, Düren hatte mit Feuer einen majestätischen Stamm
Gehöhlt, den er in den frühen Stunden der kaum behinderten Sonne zum
Fischen benutzte, bis das Netz, das Netz habe ich ihnen zukommen lassen, falls 
Es Fragen gibt, bis das Netz gefüllt war mit beweglichem Bronzebesteck. Belwas
Hatte in Ihms Abwesenheit ihr glänzendes Haar zu weichen, fließenden Kastanien
Geflochten, die langsam und feucht auf die Lenden zu –
Strömten. Den ganzen Tag nur die braune See, der Regen roh und in Würfel
Geschnitten. So hielt die Insel ihren genauen
Unterricht ab. Düren, nach vorn, an die Tafel, an welche denn
Sonst. Hat ein Wort wie Heimat, wenn es dich ständig in einer beengenden
Situation betrifft, nicht auch außerhalb solcher Zustände seine
Neutrale Geschlossenheit. Sind nicht die Worte selbst zu 
Einem Täuschungsobjekt einer nicht eingestandenen, einer
Verhinderten Liebe geworden, runtergehandelt zu dem Preis, für etwas
Anderes nur Schmiere zu stehen. Erst wenn die Scham zerrissen,
Zuckend vor unseren Füßen liegt, krümmt sich die Sprache
Zurück in ihren tierisch zarten Zustand, gehört so noch
Enger an die Zähne. Die wesende Geburt des Herbstes, beige faulten
Die Bäume ineinander über, hatte es längst bewiesen, selbst die Liebe war
Nur eine Schlichtungsform der Neugier. Jetzt, nach überstandenen Monaten
Der Ähnlichkeit, hielt ich es für angebracht, ihm und ihr eine gleich –
Mäßige und bedächtige Zerstörung der Insel durch das Wasser vorzu –
Schlagen. Ihms und Ihrs Reaktionen darauf waren diesem
Traurigen Programm angemessen. Belwas löste ihre erstaunlichen Kastanien 
Zu einem allmählichen Wasser. Golf, Rhododendron und eine
Schon vor Jahren verlassene Lehmmauer hatten sich in feinen
Fasern verbunden. Auch wenn es hier nicht ganz
Für die sieben Winde reicht. Aber vier dürre, flache
Würden sich schon auftreiben lassen. Und es kam wie ein trockenes, hoch –
Triftiges Gas, das in den feinen Fasern ein zittriges Sirren
Erzeugte und beim Berühren das Wasser
Verähnelte in eine starre, elektrische
Weide. Tage ja monatelahm trug ständig das Meer die gleichen
Klänge nach Hütte, vor die Holz aus ungefähr gleich –
Langem Innen. Jetzt bist du dran, Ihm. Darf ich Sie zu den nass
Gewordenen Beeren einladen. Darf ich sich zu den neun besonders eng
Unter Wasser stehenden Bäumen einladen. Darf ich dich in das Fell
Tun. Ein wenig zuckten die Lenden auf, in ihrer
Deutlichen, ledernen Sprache. Sehgestöber, Sanddornperlen von der Schnur
Gelassen, Schlamm und Steinwerk in weicher
Veränderung, Geräusche aufgespülter Seevögel, nur, dass 
Sie nicht weinte, schien Ihrs Körper noch zusammenzu –
Halten. Es gelang ihr nicht mehr, ihm zu zeigen, wie sehr
Sich über ihnen die See schloss. Das gefiel ihm an
Ihr. Und ihr machte es Spaß, Ihm nicht zeigen zu
Müssen, wie sehr sich über ihnen die See schloss.
(Dürwas)

(Veröffentlicht in «Die Verteilung des Lächelns bei Gegenwehr» (Gedichte und Texte 1986-1988, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig))

Thomas Kunst „Zandschower Klinken“, Suhrkamp, 254 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-518-42992-1

Thomas Kunst wurde am 09.06.1965 in Stralsund geboren. Nach dem Abitur studierte Thomas Kunst zunächst 3 Monate Pädagogik in Leipzig und ist seit 1987 als Bibliotheksassistent der Deutschen Nationalbibliothek tätig. Er schreibt Gedichte und Romane. Kunst debütierte 1991 bei Reclam Leipzig mit dem Buch »Besorg noch für das Segel die Chaussee. Gedichte und eine Erzählung«. Bislang sind 20 Einzeltiteln veröffentlicht worden. 2021 war er mit seinem Roman «Zandschofer Klinken» auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. 2023 überreichte man ihm den Kleist-Preis.

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