Der Klang ihres Namens hat eine schwebende Aura, die mich sogleich packt, ich wiederhole ihn zwei Mal, drei Mal. Misaki. Sie ist lautlos neben mich getreten, schaut gebannt auf die Kristallsteine, die vor mir auf dem Tisch liegen, abgebrochene Stücke und filigrane Nadeln. Wo findet man die? Ich zeige nach oben, auf die Felsabbrüche, die Geröllhänge am Giuv, man kann sie finden, aber meistens kehrt man mit leeren Händen zurück. Man feiert die kleinen Siege und hat auch bei Niederlagen die magische Kraft des Steins vor sich. Sie hat sich jetzt zögernd hingesetzt, viel zu vorsichtig, ich heisse Misaki. Sie lächelt befangen, als ich sie nach der Bedeutung des Namens frage, schöne Blüte. Ihr schönes fremdes Gesicht hat wirklich den Glanz einer Blüte, nur ihre Augen sind dunkel, etwas Verletzbares liegt darin. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie zur Hütte hochgestiegen ist, was sie hier sucht. Ich frage nicht. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ihr die Berge nicht fremd sind, ich könnte nicht sagen warum. Dass in ihrer grazilen Erscheinung auch eine Kraft liegt, die dem Berg gewachsen ist.
Sie nimmt eine Quarznadel in die Hand, hebt sie hoch, sie lässt die Spiegelflächen im Licht aufblitzen, ihre Augen leuchten: Sie ist wunderbar, die Kraft des Universums ist darin, aber warum musst du sie selbst suchen, kann man sie nicht auch kaufen? Ich sage, die magische Kraft ist erst da, wenn du den Stein selbst entdeckst, und sie wird grösser, wenn du ihn weitergibst. Du stehst oben, im Reich der Steine, die Welt ist weit weg, eine andere Welt ist da, archaisch und eigentlich nicht fassbar, und im Kristallstein berührst du ihr Geheimnis. Du hältst das Geheimnis in den Händen, wenn du den Kristall aus einer Kluft herausbrichst – die magische Kraft ist nicht der Stein, es ist das Herz, das durch den Stein spricht. Manchmal gebe ich kleine Quarzsteine weiter – Glückssteine für eine Reise um die Welt, Schutzsteine für Schwerkranke, wo jede Hoffnung ausserhalb der Worte liegt.
Misaki hat schweigend zugehört, irgendwie gedankenverloren, sie sagt, die Wendung vom Herz, das durch den Stein spricht, könnte in einem japanischen Kurzgedicht stehen, sie gefällt mir. Unsere Gedichte sind Verschlüsselungen, sie tragen das Mysterium der vieldeutigen Worte. Etwas beschäftigt sie, ich frage nicht nach, einmal habe ich das Gefühl, dass sie mir etwas sagen möchte, aber sie fragt nur, und du steigst morgen zum Reich der Steine hoch? Ich sage nein, ich bin in die Hütte gekommen, um meinen eigenen Geschichten nochmals nahe zu sein. Um sie zu verstehen. Es sind zwei Geschichten, sie gehören auf rätselhafte Art zusammen, sie haben hier begonnen und hier geendet. Ist Misaki überrascht? Sie schaut mich mit seltsamem Blick an, wenn du mir die Geschichten erzählst, erzähle ich dir meine Geschichte.
Ich sage, die erste Geschichte ist die Geschichte einer Grenzüberschreitung zusammen mit meinem Sohn. Er war damals sechzehn Jahre alt, wir sind im Nebel bis zum Gipfel geklettert, mit Kristallen in den Säcken, und beim Abstieg in die Nebelfalle geraten. Zwei, drei Versuche, über Felsabbrüche zum Gletscher zu gelangen, scheitern, im Nebel lauert die Täuschung überall, wir müssen wieder hoch, eine heikle Geröllwand hinauf, die Dämmerung hat schon begonnen. Die Gesteinsformationen sind locker, keine zuverlässigen Griffe, mehr als einmal bewegt sich ein Felsbrocken bedrohlich. Dass wir es dennoch geschafft haben, trotz ungenügender Seilsicherung geschafft haben, hatte nichts mit meinem Leichtsinn zu tun, aber mit dem Mut meines Sohnes. Kein Wort über seine Angst, über die tödliche Gefahr, aber die feste Zuversicht, dass das Mögliche ganz nahe an das Unmögliche heranreichen kann. Später haben wir beide darüber geschrieben, um die Schreckensstunden loszuwerden. Um sie mit Worten zu bannen. Keiner hat vom andern gewusst, dass er schreibt, wir hätten es beide ahnen können, wir haben es nicht geahnt. Jeder hat den anderen Text später gelesen, sehr viel später, in beiden Erzählungen haben die Berggänger das Glück nicht, das wir beide hatten. In beiden Erzählungen stürzt einer an der Stelle, wo uns die Engel leben liessen.
Der Berg hat euch zusammengeführt, sagt Misaki entschieden, und das Schreiben noch einmal, auf entfernten Pfaden. Im Leben habt ihr euch gehalten, in den Worten ist einer gefallen. Es ist die Poesie des undurchschaubaren Lebens wie in unseren japanischen Gedichten mit abgezählten Silben und Zeilen.
Und die zweite Geschichte? Ich schaue hinüber, zu den Felsrinnen am Giuv, die im warmen Abendlicht fast gefahrlos aussehen: Die Engel müssen gestaunt haben über den erneuten Leichtsinn am gleichen Berg, zweiundzwanzig Jahre später. Wie viele Freikarten hat man bei ihnen zugute? Ich sage, die zweite Geschichte ist die Einlösung des Unwahrscheinlichen – dass eine geschriebene Geschichte auch wahr werden kann. Dass man vorausschreiben kann, was man ahnungslos im Kopf entwirft. Ich bin mit Freunden unterwegs zu den Steinen, im Herz die alte Geschichte; das Gras über den Felsen ist nass vom schmelzenden Schnee, glitschig. Wieder die Täuschung im Nebel, wieder Unvernunft. Mein Sturz beginnt genau dort, wo der alte Berggänger in meiner Erzählung den Halt verloren hat – ich muss die Worte nicht nachlesen, sie sind im eigenen Leben angekommen. Zuerst die Fassungslosigkeit, doch nicht ich, es kann nicht mir geschehen, dann die Beschleunigung, die Gewissheit im rasenden Fall, es ist vorbei. Es ist noch nicht vorbei. Die Freunde und die Nothelfer, die vom Himmel herabsegeln, haben mich gerettet. Die Engel haben noch einmal ihr Veto eingelegt. Ein letztes Mal.
Ein paar Minuten ist es ganz still zwischen uns, die Gespräche der Hüttengäste sind weit weg, ausserhalb. Misaki schaut mich durchdringend an, ihre Augen haben einen eigenartigen Glanz. Als würde sie etwas sehen oder könnte dunkle Zusammenhänge deuten. Sie sagt, Toyotama Tsuno hat in einem Haiku geschrieben, «sobald der ausgestreckte Finger das Glück berührt, ist es nicht mehr das Glück.» Deine Engel verkörpern das Ungreifbare, sie erscheinen immer dann, wenn wir ins Leere fallen. Ins Nichts. Bei uns sind es Naturmächte, die Ahnen. Die göttlichen Wesen. Ohne sie würde es unser Land und unser Volk nicht mehr geben. Sie sagt, auch die Berge sind Teil des Mysteriums, das uns umgibt. Das Universum hat sie geschaffen, lange bevor es uns Menschen gab, in Japan sind es heilige Stätten, aber für viele sind sie nicht mehr heilig. Der männliche Wahn, sie zu bezwingen! Soll ich dir meine Geschichte erzählen?
Sie redet jetzt langsam, stockend, wägt jedes Wort ab. Horcht mit jedem Wort in die Erinnerung hinein, in sich selbst. Sie sagt, ich bin hier heraufgekommen, um meinem Vater nochmals nahe zu sein. Misaki hat den Aufstieg zu dieser Hütte mehr zufällig gewählt, wenn es denn Zufälle gibt, sie will nur den Atem von Fels und Eis spüren, sie will nicht dort sein, wo sie nicht hingehen kann. Sie kann nicht vor der fürchterlichen Wand stehen, wo ihr Vater damals abgestürzt ist. Wo man ihn während Tagen gesucht hat, während Tagen, in denen sie über den halben Erdball hinweg nur gehört hat, wir tun alles, aber wir werden ihn kaum mehr lebend finden. Sie haben ihn gefunden. Misaki hat ihn heimgeholt und ist im Hubraum des Flugzeugs neben seinem Sarg gesessen, sie hat ihn verzweifelt angerufen und nicht geglaubt, dass er einfach schweigt, dass er ihre keine Antwort gibt, nur noch ein letztes Mal.
Ihre Hände machen eine schützende Bewegung, als würde sie nochmals den Sarg berühren, nochmals mit ihrem Vater reden: Er hat mich gelehrt, die Berge zu lieben und später zu hassen. Er hat mich auf Kletterrouten am Tanigawadake mitgenommen, ich habe gelernt, dass man mit dem Berg zusammenwachsen kann, dass sich die Energien von Fels und Körper verbinden. Sie sagt, mein Vater hat mir etwas gegeben, was anderen Mädchen nicht gegeben wird, dafür bin ich ihm dankbar. Ich habe die Berge geliebt, aber dass habe ich sie hassen gelernt, weil ihm die Berge in Japan nicht mehr genügt haben, weil er ganz oben stehen wollte. Dort oben, wo das Gewicht des Lebens anders wird. Er wollte einer der Bergsteiger sein, die in Japan zur Legende werden. Zur gefährlichen Legende. Sie sagt, ich weiss nicht, was sie antreibt, was sie vernichtet, Überflieger wie Nobukazu Kuriki, der acht Mal versucht hat, auf den Everestgipfel zu kommen, der noch mit abgefrorenen Fingerkuppen hinauf wollte und beim achten Mal nicht mehr zurückgekehrt ist. Sie wissen nicht mehr, dass die Berge heilig sind, sie wollen selbst geheiligt werden, als Sieger oder als gefallene Helden im eisigen Grab. Misaki schaut mit leerem Blick durch mich hindurch, zu dem Felswänden am Giuv hinüber, mit Tränen in den Augen: Warum mussten es dann die Gewaltwände der Alpen sein, ich habe nicht gefragt, vielleicht sind es Siegestrophäen für die grossen Bergsteiger, zu denen mein Vater gehören wollte. Er hätte mir erklären müssen, warum der Höhenrausch, der Siegesrausch alles löscht, warum er die Liebe löscht und jede Vorstellung vom Schmerz, den man zurücklässt.
Sie schweigt jetzt lange, ihre Augen sind wieder dunkel geworden, sie sieht zerbrechlich aus, unnahbar und zerbrechlich. Ihre Worte bleiben wie Schläge im Raum zurück – ihr Vater hat ihr die Leidenschaft für die Berge weitergegeben und sie im Sog seiner Berge im Stich gelassen. Man kann die Berge lieben, man kann sie hassen, aber sie weisen immer auf das Rätselhafte unserer Existenz. Auch unsere Begegnung, das Zusammen-treffen unserer Geschichten ist rätselhaft – man steigt hoch, um sich selbst nahe zu sein, dem eigenen Glück oder Unglück, und kommt einem anderen Menschen nahe. Zufällig oder zu-gefallen. Ich möchte meinen Arm um Misaki legen, ihr sagen, dein Vater soll deinen Zorn und deine Liebe zu ihm hören. Aber ich bewege meinen Arm nicht, ich rede nicht, ich lege nur einen leuchtenden Kristallstein in ihre Hände.
Peter Weibel schreibt, aquarelliert und zeichnet. Seit über vierzig Jahren veröffentlicht er Texte in Prosa und Lyrik, oft mit Cover und Illustrationen aus eigener Hand. In derEdition Bücherlese erschienen bisher sechs Prosabände, nach der Erzählung «Akonos Berg» (2022) «Kaltfront» (2024). Für seine Werke wurde er verschiedentlich ausgezeichnet, unter anderem mit einem Buchpreis des Kantons Bern für den Erzählband «Die blauen Flügel» (2013) und für «Mensch Keun» (2017) mit dem ersten Kurt Marti Literaturpreis. Peter Weibel, geboren 1947, studierte Medizin und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. Er lebt und arbeitet in Bern.
Beitragsbild © Sandra Kottonau
Peter Weibel CH
Peter Weibel «Der Schmetterling schläft»
Ich weiss nicht genau, was es zu bedeuten hat, dass ich jetzt jeden Tag Leas Fragen höre. Die Fragen sind lauter geworden, seit sie nicht mehr da ist, lange bin ich an ihnen vorbeigegangen, jetzt sind sie wieder da. Manchmal entfernen sie mich von Lea, führen mich an einen fernen Ort, wo ich nie war, und bringen mich doch immer wieder zu ihr zurück. Wenn ich am Fluss unterwegs bin, kann ich die Fragen überall hören, sie sind eine verborgene Spur, Lea hat hier eine Spur hinterlassen. Überall liegen Zeichen, die von ihr erzählen, aber vielleicht werden sie nur deshalb zu Zeichen, weil ich an eine Verbindung glauben will. Und es kann vorkommen, dass ich Lea sehe, in einem Bild: Da ist sie noch, da geht sie und fragt nach dem Vergessenwerden. Da kommt sie mir entgegen, mit ihrer Wollmütze über der zerschundenen Haut, mit der verpackten Stummelhand. Mit ihren kurzen, sperrigen Schritten, dem gekrümmten rücken, mit diesem scheuen und prüfenden Blick von unten, aus den Lidwinkeln heraus. Da kommt sie und fragt mich, wie ist es in einem gesunden Leben, wie ist das, wenn die Haut noch lieben kann? Wie ist das, wenn die Engel jeden Morgen zu Tisch sitzen, wenn der Mond seine Versprechungen hält?
Vielleicht ist es eine Täuschung, wenn wir uns versichern, dass wir nie vergessen werden. Das Vergessen ist ein grosser Meister. Auch das Erinnern, das Bilder häutet, Bilder schluckt und verändert, ist eine Form des Vergessens. Die Erinnerung ist ein Brennglas, das Glas brennt Bilder ein, blendet aus, was ausserhalb der Bilder ist. Das Brennglas bestimmt, was bleibt, eingebrannte Lebensstücke, nicht das ganze Leben. Das Leben bleibt unauffindbar.
Schmetterlingskind. Die Haut ist filigrandünn, zerreisslich wie die Flügelhaut des Schmetterlings. Nicht leuchtend wie die ausgespannten Flügel, nur schutzlos wie sie. Lea braucht das Wort nie, es ist ihr zu leicht, zu verheissungsvoll. Sie weiss, dass ihr Leben als Schmetterlingsfrau kein Schmetterlingsleben ist.
Ich habe Lea gesagt, dass ich ihre Fragen dem Fluss überbringen will; sie hat ihn geliebt. Aber der Fluss hält keine Antworten bereit. Nur immer neue Fragen.
Das Bootshaus sieht am Ende des Sommers verlassen aus, die Planen für das Vordach sind weg, die Leute vom Bootsfahrverein haben alles geräumt. Nur der Kater Graupp ist noch da, er streicht mir um die Füsse, er hat Hunger. Er ist der letzte, der geblieben ist. Im Sommer waren es fünf oder sechs Katzen. Sie waren immer da, wenn Feste gefeiert wurden, wenn die Bootsfahrer zu singen begannen und ihnen ein paar Fleischbrocken zuwarfen. Unten schaukelt ein einsamer Kahn im Fluss, der fast stillsteht; er hat eine silberne Haut. Man kann jeden Stein am Flussgrund sehen. Auch die beiden Schwäne sind wieder da, sie sind schon heimisch geworden, sie stelzen die Treppe hoch und besetzen das Revier. Für sie ist es ein Anfang, wenn die Menschen gegangen sind.
aus «Der Schmetterling schläft», Waldgut Verlag
Peter Weibel, geboren 1947, hat Medizin studiert und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. 1982 erschien ein erster Prosaband «Schmerzlose Sprache», seither veröffentlicht er regelmäßig Prosa und Lyrik. Für seine Werke wurde er verschiedentlich ausgezeichnet, zuletzt 2014 mit einem Buchpreis des Kantons Bern für den Erzählband «Die blauen Flügel» (2013). Peter Weibel lebt in Bern.