Arja Lobsiger «Das grüne Haus»

Sina hat also recht gehabt: Hier am Ende eines Forstwegs befindet sich das grüne Haus. Es steht leicht schief, als wolle es sich an einen der Bäume lehnen. Ich schätze, es ist etwa fünfzig Quadratmeter gross und hat Baujahr siebenundsechzig. So genau weiss ich das natürlich nicht. Aber ich mag es, Dinge mit Zahlen zu beschreiben. Immer wenn ich jemand kennenlerne, überlege ich als erstes, wie alt und gross diese Person ist. Ist es eine unsympathische Frau, schätze ich, wie schwer sie ist. Es hat sich schon oft später herausgestellt, dass ich richtig lag. Wind rauscht durch die Bäume. Ich fühle mich beobachtet.
Das rostige Gartentor quietscht, als ich es öffne. Unsicher schaue ich mich um. Eine Amsel raschelt im Laub. Ich frage mich: „Warum braucht es mitten im Wald ein Gartentor?“ Wahrscheinlich war es früher ein Wochenendhaus für Städter, die nicht von ihren Gewohnheiten abweichen konnten. Aber jetzt wohnt hier Jannik. Um den Garten hat er sich bisher nicht gekümmert. Es ist ein Wald im Wald. Das Haus sieht nicht bewohnt aus. Hat sich Sina vielleicht doch geirrt? Dann entdecke ich neben der Tür den blauen Aschenbecher. Er überquillt vor Kippen.
Fünfhundertdreiundsiebzig Mal habe ich in den vergangenen Jahren diesen blauen Aschenbecher, der auf unserem Balkon stand, geleert. Ich hasse Zigarettengestank, aber geküsst habe ich Jannik trotzdem. Auch wenn ich zu Beginn unserer Beziehung behauptet hatte, ich würde ihn nicht küssen, wenn er geraucht hat. Damals habe ich gedacht, mich damit interessant zu machen. Unbemerkt hat sich dann mein Bestreben, interessant für Jannik zu sein, davongeschlichen.
Ich trete näher ans Haus heran und schaue durchs Fenster neben der Tür. Ich weiss, Jannik ist nicht da. Ein Anruf in seinem Büro hat genügt. Trotzdem habe ich das Gefühl, seinen Blick auf meinem Rücken zu spüren. Durchs Fenster kann ich nicht viel erkennen, weil es im Haus dunkel ist. Aber ich sehe einige vertraute Möbel.
Ich lege die Hand auf die Türklinke, zittere leicht. Meinen schnellen Herzschlag spüre ich im ganzen Körper. Ich versuche, mich daran zu erinnern, weshalb ich hergekommen bin. Tatsächlich gibt mir das die nötige Entschlossenheit. Ich drücke die Klinke. Die Tür öffnet sich. Typisch Jannik. Trotzdem bin ich überrascht.
Im Haus ist es kühler als draussen und es riecht nach Schatten und Laub. Der Holzboden knarrt. Auf dem Tisch steht einsam eine Tasse. Etwa ein Deziliter Kaffee ist noch drin. Mir fällt auf, dass es der Rest eines Milchkaffees ist. Jannik aber trinkt seinen Kaffee schwarz. Er sagte immer: „Schwarzer Kaffee passt zu meinem Humor.“ Die Wahrheit ist, dass er eine Laktoseintoleranz hat. Was mich nicht erstaunte hatte, als er es mir erzählte. Janniks Haut ist weiss und weich wie Vollrahm. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie der Körper das Verhalten des Menschen regiert.
Ich nehme einen Schluck aus der Tasse. Der Kaffee schmeckt sauer und ist kalt. Ich suche den Tassenrand nach Spuren von Lippenstift ab. Nichts. „Vielleicht hat Jannik für sich laktosefreie Milch gekauft?“, überlege ich weiter. Aber das kann ich mir nicht vorstellen. Jannik ist ein Alles-oder-Nichts-Typ. Das wird sich nicht geändert haben, trotz Umzug in den Wald. Auch dazu, bin ich überzeugt, hat ihn diese Lebenseinstellung getrieben. Gleich zu Beginn unserer Beziehung hat er gesagt: „Solange wir es gut zusammen haben, bleibe ich bei dir.“ Den Folgesatz hat er zwar nie ausgesprochen, aber ich weiss, dass dieser für ihn viel wichtiger gewesen ist.
Ich bemerke, dass ich mich am Griff der Kaffeetasse festklammere und meine Knöchel schon ganz weiss geworden sind. Gerade als ich die Tasse wieder an ihren Platz zurückstellen will, entdecke ich den Kaffeering auf dem Tisch. Ich stelle sie nicht mehr dorthin zurück.
Die zwei Holzstühle haben wir gemeinsam gekauft. Zwei gleiche Holzstühle stehen in unserer alten Wohnung. Über der einen Stuhllehne hängt Janniks blaue Trainingsjacke.
An der Wand steht ein altes Ledersofa, auf dem eine zusammengefaltete Militärwolldecke liegt. Unsere Sofadecke hat er nie so ordentlich zusammengefaltet. Mir ist etwas schwindlig und ich zittere. Ich versuche, mich zu beruhigen und rede mir ein, dass es wegen der Kälte ist.
Das Klingeln eines Telefons durchbricht die Stille. Erschrocken öffne ich die Augen, schaue mich um und fühle mich ertappt. Das Klingeln ist laut und schrill. Ich habe das Gefühl, es klingelt durch den ganzen Wald. Es hört nicht auf.
Rasch stehe ich auf, entdecke neben dem Eingang der Küche ein schwarzes, altes Wandtelefon mit Wählscheibe. Ich strecke meine Hand nach dem Hörer aus. Gerade noch rechzeitig besinne ich mich aber: Ich habe keine Ahnung, wer hier anruft. Und was soll ich denn sagen?
Ich lasse das Telefon ausklingeln. Was macht Jannik, wenn ein Baum auf die Freileitung fällt? Neben dem Telefon hängt eine Liste mit zwölf Nummern. Ich entdecke einige Namen aus unserem Freundeskreis, ein paar seiner Bürokollegen, seine Eltern und Valerie. Ich kenne keine Valerie und Jannik hat mir nie von ihr erzählt.
Meine Telefonnummer steht nicht auf der Liste. Ich nehme den Hörer ab, wähle meine Nummer. Das Handy klingelt in meiner Tasche und ich lege den Hörer zurück. Später werde ich die Nummer abspeichern. Ich schaue mich weiter im Wohnzimmer um. Die dunkle Holzdecke wirkt erdrückend. Die Möbel sehen aus, als stammten sie vom Trödelmarkt. Der staubige Fernseher steht auf einer niedrigen Backsteinmauer. Keine Deko, nichts, was den Raum schöner macht. Nur der grüne Kachelofen neben dem Sofa strahlt eine gewisse Eleganz aus. Auf dem Bücherregal steht die Hälfte der Bücher, die mein Regal so leer erscheinen lässt. Ich zähle zweiundvierzig Stück und studiere dabei die Bücherrücken, suche mir drei Romane aus. Sie verschwinden in meiner Tasche. Die Lücken, die sie im Regal hinterlassen, bleiben.
In der kleinen Einzeiler-Küche sehe ich nichts Neues. Auch sie stammt aus den Sechzigern. Das Erstaunlichste ist eine Teekanne auf dem Herd, die als Vase dient.
Auch hier gibt es kein Bild, kein Foto, keine Erinnerung. Ich frage mich, ob Jannik mich, uns bereits vergessen hat. Ich schaue aus dem Fenster. Kein Blick in die Ferne. Nur Eichen- und Fichtenstämme. Vermisst er nicht die Menschen?
Ich gehe weiter ins Schlafzimmer. Unser Doppelbett füllt fast den ganzen Raum aus. Nur für einen Kleiderschrank, gibt es noch Platz. Auf der zerwühlten Bettdecke liegt Janniks Laptop. Die zwei Kopfkissen sehen durchlegen aus. Ich bin mir sicher, in diesem Bett hat Jannik letzte Nacht nicht allein geschlafen. Ob Valerie hier gewesen ist?
Ich öffne den Kleiderschrank, entdecke nichts Auffälliges. Keine Frauenkleider. Ich schiebe den Laptop und die Decke zur Seite. Auch auf dem Bett keine Spuren. Jannik aber spüre ich in diesem Raum ganz deutlich. Ich lege mich ins Bett, atme tief ein und rieche nicht nur ihn, sondern auch mich. Alles ist wieder da. Die Stille ist laut.
Ich stehe auf, lasse meinen Abdruck auf der Matratze zurück und gehe hinaus. Draussen scheint die Sonne und ich lasse die Haustür offen stehen. Das Gartentor schliesse ich hinter mir.

Arja Lobsiger, geboren 1985, Schriftstellerin und Lehrerin, lebt in Nidau (Schweiz). Sie studierte am Literaturinstitut in Biel. Anschliessend absolvierte sie an der Pädagogischen Hochschule Bern die Ausbildung zur Sekundarlehrerin. Arja Lobsiger veröffentlichte Essays, Gedichte und Kurzgeschichten in Zeitschriften und schrieb für den Zürcher Tagesanzeiger einen Literaturblog. Sie ist Gewinnerin verschiedener Literaturwettbewerbe, unter anderem des Berner Kurzgeschichtenwettbewerbs. Für ihren Debüt-Roman „Jonas bleibt„ erhielt sie mehrere Förderbeiträge von Berner Gemeinden, der Erziehungsdirektion des Kantons Bern sowie Migros Kulturprozent.

Beitragsbild © Carmen Wueest

Dana Grigorcea «Marieta»

Marieta war eine feine Dame aus Bukarest – Anwältin, wie ich von meiner Grosstante wusste –, und sie besass eine Ferienwohnung, Zaun an Zaun mit uns. Als ihr Mann erkrankte, erbarmt sie sich seiner, obwohl er sie ein Leben lang belogen und betrogen hatte. Das vertraute Marieta der schönen Frau des Zwerges an. Sie verliess also alles und zog mit ihrem Mann in das Ferienhaus hier „an der frischen Luft“. Sie war ihm ergeben, wie das ganze Leben schon, und bestand darauf, ihn ganz allein zu pflegen. „Eine junge Pflegerin ist das letzte, was wir jetzt brauchen“, sagte sie ihm.
Man sah sie im Salatbeet und bei den Kartoffeln, mit grosser Sonnenbrille und Hut, oder dann Tee trinkend, Sessel an Sessel mit ihrem Mann, an sonnigen und nicht ganz so sonnigen und dann schattigen Stellen im Garten; sie setzte die Rattansessel um, fast schon stündlich, „ein bisschen Abwechslung braucht man im Leben“, sagte sie ihm. Einmal die Woche fuhr sie in die Stadt, nach Bukarest, um Medikamente zu besorgen, berufliche Anfragen abzulehnen und die Wäsche von einer Haushälterin ihres Vertrauens waschen und bügeln zu lassen – sie schleppte stets einen schrankgrossen Koffer mit sich –, denn sie hatte selber nie einen Haushalt geführt, und auch wenn sie jetzt darauf brannte, solches zu tun, galt es, Prioritäten zu setzen.
Wie schlimm es um ihren prekären Haushalt stand, wurde sichtbar, als ein Baum heranwuchs mitten in ihrer Wohnung.
„Wollt ihr ihn sehen?“ fragte sie jeden, mit dem sie sich am Zaun unterhielt, und sie unterhielt sich liebend gern „am Zaun“, wie so viele Leute auf dem Land, legte sich eigens dafür eine entspannte Pose zu, breitbeinig, den Arm in die Hüfte gestützt, den anderen am Zaun angelehnt: „Schauen Sie bitte nicht auf meine Nägel, ich komme von den Kartoffeln.“
Der Baum sei eines Tages einfach da gewesen, in Kindesgrösse, sie habe ein Dokument gesucht in einer Schublade und dabei so einiges herumgeschoben, den Schrank und einen Kleiderständer, „stellen Sie sich vor“; ob man sich denn mit Bäumen auskenne? Es könnte sich hier um einen Maulbeerbaum handeln oder einen Kirschbaum, ja, zweifellos. Und jeder folgte natürlich ihrer Einladung. Wer hatte das schon erlebt damals, dass ein Baum wuchs in der Wohnung? In einer noblen Ferienwohnung dazu; dass ein Sprössling durchs gewichste Parkett spriesst, „ein Wunder der Natur!“
Auch mich hat sie eingeladen, den Baum zu sehen. „Sprich doch mit ihr“, hatte mich meine Grosstante ermutigt, „sprich einfach mit ihr, dann wird sie dich bestimmt einladen!“ Und so kam es auch. Ich war so aufgeregt und darauf bedacht, den guten Eindruck, den Madame Marieta stetig erwähnte von mir zu haben, weiterhin zu bestätigen, dass ich gar nicht richtig hinschaute, in der dunklen Ecke ihres Zimmers, und vielleicht hätte ich auch so nichts gesehen, bedenkt man, dass ich länger draussen gewesen war, in der Mittagssonne, und es dunkel war im Haus. „Siehst du es?“ fragte sie, und ich nickte erschrocken. Sie lachte und zupfte mich am Arm. „So wie du muss auch ich dreingeschaut haben, als ich es entdeckte.“
Nunmehr hielt Marieta nichts mehr auf dem Rattansessel, so ganz ohne ihren Mann; immer öfter stand sie auf und ging ins Haus, um nach dem Bäumchen zu schauen. „Was meinst du, dass es ist?“, soll sie ihren Mann öfters gefragt haben, aber der gab keine Antwort, und Marieta soll ihm da seine Krankheit verübelt haben, zumindest soll sie der schönen Frau des Zwerges gesagt haben, dass sich ihr Mann eine zu ihm „allzu passende“ Krankheit gewählt hatte, eine, die seine Charakterfehler als körperliche Gebrechen weiterführe. Und dennoch war sie ihm weiterhin treu ergeben und bereit, alles mit ihm zu teilen.
„Es ist ein Kirschbaum!“ verkündete sie ihm freudestrahlend, ihm und allen Nachbarn, und sie sprach von „unserem Kirschbaum“ und streichelte die lahme Hand ihres Gatten und setzte ihn im Garten um, beim kleinsten Windstoss setzte sie ihn um; und diese Geschäftigkeit liess sie sehr jung wirken – wie alt mochte sie damals gewesen sein? Ich weiss noch, wie ich ihre Kleider schön fand, geblümte Petticoats, wie man sie in ihrer Jugend getragen hatte, mit Punkten oder farbig bedruckt mit Obstmotiven. Die Madame lachte und war sehr vergnügt; sie habe es eigentlich im Gefühl gehabt, dass es ein Kirschbaum werden würde, ein Kirschbaum! Man stelle sich das vor!
Und dann beschloss die Madame, eine Lücke zu schlagen ins Dach, damit der Baum Licht bekomme und gut wachsen könne.
Der neue Bauplan wurde so schnell umgesetzt, dass nur wenige Nachbarn etwas davon mitbekamen, das natürlich mit Ausnahme derer, die zum Vorhaben beitrugen, selbsternannte Baumeister, die ansonsten Schichten schoben in der Papierfabrik; es ist nicht klar, wer was zu verantworten hatte, denn die Madame sprach ihren Baumeistern drein, stieg aufs Dach mit einer Küchenschürze über dem Kleid und einem Tuch um Kopf und Gesicht, wie eine Beduinin sah sie aus, und hämmerte mit, genau dort, wo andere gerade aufgehört hatten zu hämmern.
Und als alles fertig war, hatte der Baum Licht und Raum. Aber nach einigen Wochen stürzte das Dach ein. Es stürzte ein mitten in der Nacht, über Marietas Mann, den man aber wieder ausgrub und der ausser ein paar Kratzern keinen Schaden genommen hatte, zumindest dem Anschein nach, weil er wegen seiner Krankheit, über die man nichts Genaues wusste, ohnehin kaum sprach und meistens nur benommen lächelte.
Der Kirschbaum brach zwar entzwei, aber er wurde zusammengebunden, und bei dieser Gelegenheit auch gepfropft von der schönen Frau des Zwerges. Ich sah das Bäumchen zwischen den Trümmern, endlich sah ich es, und es mag wohl eine Verklärung der Erinnerung sein, dass ich es in der leuchtenden Abenddämmerung sah. Seine Ästchen glühten verheissungsvoll, ganz wie die knallroten Baukräne gegen den Bukarester Himmel.
Die Nachricht vom Dacheinsturz schien Marieta nicht aufzuwühlen, ihr Mann und das Bäumchen seien ja wohlauf, das Geschehene ein willkommener Ansporn, um mit der Arbeit anzufangen am ohnehin sanierungsbedürftigem Haus.
Als sie aus Bukarest zurückkehrte, Tage später, berief sie die selbsternannten Baumeister ein und beauftragte sie mit der Errichtung einer kleinen Holzbaracke mit Blechdach, drei Mal so gross wie die winzige Plumpsklohütte im Garten hinter den Salatbeeten, die sie nun ebenfalls hegen wollte. In der neu errichteten Holzbaracke zwängte sie ihre Matratzen und Decken und auch ihren Mann hinein, den sie lachend „Prinzessin auf der Erbse“ nannte. Und dann riss sie das Haus nieder – sie erledigte das fast ganz allein, zu delikat war ihr die Arbeit erschienen, so nah am Bäumchen.
Ich sehe noch, wie sie um die staubige Mauer herumlief, eine Küchenschürze über dem geblümten Sommerkleid, und mit einem kleinen Hammer gegen die Backsteine hämmerte; ein leises, unstetes Hämmern, sie hämmerte an alle Backsteine, die noch aufeinander standen, und dann hämmerte sie vorsichtig den Mörtel weg und wusch die Backsteine einzeln in einem kleinen Eimer. Ich mochte diesen Geruch, der sich aus ihrem Hof erhob, zusammen mit dem kalten Staub. Es roch erdig und nass, wie nach einem Frühlingsregen auf dem Land.
Ich begann, Madame Marieta öfter zu besuchen; und sie setzte mich in ihrer Nähe auf einen Campingstuhl, ich hatte eine Tasse Tee in der Hand, und wir führten angenehme Konversationen, worüber, habe ich vergessen, aber sie waren angenehm, und wir lachten viel dabei, denn Madame hatte einen feinen Humor, und ich weiss noch, wie sie damals anfing zu rauchen, insgeheim, beim kleinsten Geräusch aus der Holzbaracke schnippte sie die brennende Zigarette über den Zaun auf die Strasse und nahm kurzerhand ihr Hämmern auf, sie hämmerte leise und mit kleinen Gesten, als würde sie häkeln.
Auch andere Nachbarn kamen vorbei, meine Grosstante oder die schöne Frau des Zwerges erschienen öfter; und sie sassen auf den Campingstühlen und tranken Tee, während Madame leise weiterhämmerte und jede von Zeit zu Zeit angebotene Hilfe auf ihre sanfte, aber strikte Art ablehnte, „das ist doch nicht viel, ihr macht euch nur schmutzig.“
Irgendwann, und das unerwartet, war das ganze Haus weg und der Hof so geräumig, wie man es nie vermutet hätte.
Und Marietas Mann, der anfangs noch auf einem Sessel im Garten sass oder mit vorsichtigen Schritten zum Plumpsklo ging hinter die Salatbeete, kam gar nicht mehr heraus aus der Baracke. „Bleib drin, Lieber“ hatte ihn die Madame all die Jahre gemahnt, „wir haben hier überall eine Baustelle.“
Weil man ihn nicht mehr sah, vergass man ihn; die Erinnerung an ihn kam erst auf, als sich die Madame eine Heizung in die Baracke einbauen liess, nachdem ihr Mann im langen Winter zuvor so gefroren hatte, dass, ihrer Aussage nach, seine Finger und Zehen zunächst blau geworden und dann schnell abgefallen seien.
Hierzu muss ich sagen, dass ich die Madame nur in den Sommerferien erlebte und jeden Sommer nach der Fortsetzung ihrer Geschichte verlangte, so dass manche zum Zeitpunkt des Erzählens weiter zurückliegende Details der Geschichte – wie die mit den schnell abgefallenen Fingern und Zehen – weniger bannten als unmittelbar Erlebtes, etwa Madames kluges Verhandeln mit den Baumeistern um eine Heizung, die sie am Ende fast umsonst bekam.
In jenem Sommer war der Kirschbaum schon an die zwei Meter hoch gewachsen, und wir tranken unseren Tee auf den Campingstühlen in seinem Schatten, Madame Marieta, meine Grosstante, die schöne Frau des Zwerges und ich. Beim kleinsten Windstoss rauschten die Blätter wie Schellenringe. Marieta rauchte und liess dann die Hand mit der brennenden Zigarette hinter die Rücklehne hängen, eine Geste, die mir als Pubertierender ungemein imponierte. Beim Weggehen waren sich meine Grosstante und die schöne Frau des Zwerges stets darüber einig, dass Marieta eine feine und besonnene Frau war, wie es kaum noch welche gebe.
Ein oder zwei Jahre später zog Marieta nach Bukarest. Sie kam nie wieder zurück, ich glaube, ihr Mann war gestorben. Ihr Neffe zog hier ein dreistöckiges Ferienhaus hoch.

Dana Grigorcea, geboren 1979 in Bukarest, studierte Deutsche und Niederländische Philologie in Bukarest und Brüssel. Mit einem Auszug aus dem Roman «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit» wurde Dana Grigorcea in Klagenfurt beim Ingeborg Bachmann-­Wettbewerb 2015 mit dem 3sat-­Preis ausgezeichnet. Ihr Erstling «Baba Rada. Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare» ist im Oktober 2015 ebenfalls im Dörlemann Verlag neu erschienen. Nach Jahren in Deutschland und Österreich lebt sie mit Mann und Kindern in Zürich.

«Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen» auf literaturblatt.ch

Dana Grigorcea liest am 3. November im Theater 111 in St. Gallen mit dem Musikerduo «Stories»!

gezeichnet von Lea Frei am Wortlaut-Literaturfestival St. Gallen 2018

Milena Michiko Flašar «Gelbe Hände»

Es war ein Sommertag. Turmhohe Wolken. Ich lief – den Kopf im Himmel – von der Schule heim. Nach Hause kommen. Das war: Der Geruch von frisch gekochtem Reis. Die Stimme der Mutter. おかえりなさい. In diesem einen Wort war ich zu Hause, in seinem freundlichen Klang. Dem entgegenzulaufen – mit fliegenden Zöpfen – ist das, was ich heute unter „Kindheit“ verstehe: Kaum den Boden zu berühren. Mein Körper (noch keiner, dessen ich mir bewusst gewesen wäre) war leicht wie der eines Vogels.

An jenem Tag aber wurden mir die Flügel gestutzt und auch wenn ich es damals nicht vorhersehen konnte, war er ein Punkt (einer von vielen), von dem aus es kein Zurück mehr gab. Erwachsensein, das heißt wohl: Sich an derlei zu erinnern. Älterwerden: Es mit einem Lächeln zu tun. Das Grüppchen Kinder, das mir an jenem Tag den Weg versperrte, war – im Nachhinein betrachtet – das Abbild einer Welt, der es – so oder so – gegenüberzutreten galt.

„Hey, du!“ Jemand hatte mich am Ärmel gepackt. Aus dem Gebüsch rief es „Tsching-tschang-tschung“. Gefolgt von einem Kichern und einer Handvoll Kieselsteine, die quer durch die Luft auf mich herniederprasselten. „Zeig uns deine Hände“, hieß es. Ich streckte sie aus. „Die sind ja gelb!“, hieß es weiter. Mit Nachdruck: „Gelb!“ Aus dem Gebüsch rief es „Schlitzauge-Chinese-Bambusfresser!“ Dann ließ man mich laufen. Aber ich lief nicht. Ich ging. Zum ersten Mal lastete das Gefühl eines Unterschieds auf mir, der davor keine Rolle gespielt hatte, und zum ersten Mal schämte ich mich für die Besonderheiten meiner Herkunft und noch mehr für den Wunsch, normal zu sein, eine von denen, die im Gebüsch gesessen waren. Im Licht der Sonne betrachtete ich meine Hände. Sie waren tatsächlich gelb. Bis dahin waren sie einfach nur Hände gewesen. Hände zum Klettern, zum Graben, zum Sandburgenbauen. Dabei waren nicht sie es, die sich verändert hatten, sondern mein Blick, der soeben eine Kränkung erfahren hatte.

Mit diesem gekränkten Blick trottete ich heim. Es roch nach frisch gekochtem Reis. Die Stimme der Mutter. おかえりなさい. Mein Zuhause hatte einen Riss abbekommen, wie von einem kleinen, nicht messbaren Erdbeben. Ich sagte „ただいま“ und legte die Schultasche ab. Mein Körper (plötzlich wusste ich um ihn) war schwer. Ich spürte den Boden unter mir.

 

Anmerkungen:

おかえりなさい (Okaerinasai): Japanische Grußformel. Sagt man bei der Rückkehr eines Familienmitglieds. In etwa: Willkommen daheim.

ただいま (Tadaima): Japanische Grußformel. Sagt man, wenn man nach Hause kommt. In etwa: Bin wieder daheim.

 

Milena Michiko Flašar ist 1980 in St. Pölten geboren. Ihr Roman «Ich nannte ihn Krawatte» wurde über 100.000 Mal verkauft, als Theaterstück am Maxim Gorki Theater uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Er stand unter anderem 2012 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde in zahlreichen Sprachen übersetzt. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien. Eine Rezension ihres neusten Romans «Herr Katō spielt Familie» auf literaturblatt.ch lesen sie hier.

Beitragsbild © Helmut Wimmer.

Yves Rechsteiner «Am Ende der Treppe»

Nur ganz dumpf und entfernt kann ich das aus dem Keller kommende Scheppern und Poltern hören. Es ist beinahe so als passiere dies im Nachbarshaus oder im Fernsehen. Aber es ist hier am Geschehen, bei uns, ohne jeglichen Zweifel; da fällt ein schwerer, plumper Männerkörper die steile Kellertreppe hinab.
Dass es sich um einen schweren, plumpen Männerkörper, der bei uns die steile Kellertreppe hinabfällt, handelt, weiß ich deshalb, weil der Vater seit einer halben Stunde immer wieder betrunken nach frischem Bier ruft.
Hol noch einen Kasten Bier aus dem Keller!
Ein Rufen, das ich seit dieser halben Stunde ignoriere.
Ich tue so, als hörte ich ihn nicht.
Ich tue so, als wäre ich gar nicht hier.
Und sowieso: Er hat mir nichts mehr zu sagen, der Vater.

Durch die Dunkelheit, die mich und das Innere dieses Hauses umgibt, vernehme ich die Geräusche dieses Fallens mit berauschendem Wohlwollen.
So als hätte ich seit langem darauf gewartet.

Ich stehe mittlerweile unten im Erdgeschoss am Sicherungskasten und lausche aufmerksam, versuche zu hören, ob noch Weiteres geschieht, ob sich da unten auf dem kalten Kellerboden noch etwas regt oder atmet, ob da etwa jemand ruft oder gar fleht.
Ob noch immer jemand nach Bier verlangt.
Aber ich bin nicht sicher, ob da etwas ist.
Und dann bin ich es plötzlich doch: Schwache, gebrochene Wortfetzen bilden sich dort unten im Keller, röchelnd kriechen sie aus einem zu Tode erschrockenen Mund hinaus, vereinen sich schließlich zu Worten, dann vielleicht zu Sätzen, zu einer Nachricht an mich oder jemand anderen, der doch bitte sofort zu Hilfe eilen soll.

Ich drehe die Sicherung wieder hinein und gehe zur Kellertür hinüber. Hinter dieser Tür muss der Vater vor ein paar Minuten die Treppe hinunter gegangen sein, und just in diesem Moment hat es die Sicherung wieder einmal rausgehauen.
Dann muss er gefallen sein. Die Treppe hinunter.

Die Dunkelheit ist jetzt wieder verschwunden, und das grelle Licht des Flurs ergießt sich über meinen bebenden Körper, meine zufriedene, meine lachende Seele.

Noch bevor ich die Kellertüre öffne, verharre ich einige Augenblicke, mit der Hand auf dem schweren Knauf, und gehe gedanklich zurück zu dieser anderen Dunkelheit, die mich und das Innere desselben Hauses vor fünfzehn Jahren umgeben hat.

Es war eine kalte Winternacht, und der Vater hatte Besuch von seinen Freunden; grobschlächtige Männer von der Baustelle, mit kräftigen Armen und verblassten Tätowierungen, mit rauen Gepflogenheiten und grobem Jargon. Die Mutter war schon seit längerem tot, und so waren nur die garstigen und auch lauten Männerstimmen meines Vaters Freunden im Hause zu hören. Es wurde getrunken und laute Musik gespielt, gelacht, gejohlt. Das ganze Haus roch nach Rauch und Schweiß und Alkohol, und von einem unaussprechlichem Etwas, das ich nicht einordnen konnte.
Lange lag ich wach, vergrub meinen Kopf unter dem Kissen, wartete auf einen reinigenden, sanften, mich hinweg tragenden Schlaf.

Ich schlief dann schließlich ein, irgendwann, und ich erwachte erst, als alles wieder ganz still und dunkel war, so als gäbe es gar kein Leben, so als würde nichts geschehen, so als wäre alles bloß Dunkelheit, hier und überall.

Dann stand er plötzlich und wie aus dem Nichts aufgetaucht vor meinem Bett. Bedrohlich, allen Platz einnehmend. Der Vater roch stark nach Bier, nach kaltem Rauch und einer dichten, vagen roten Wut. Es war dunkel, bloß seine Augen und seinen feuchten Mund konnte ich durch das matte Mondlicht hindurch erkennen.
Er lallte schwere Worte: Stromausfall, kroch es aus seinem Mund, im ganzen Viertel.
Und dann, noch bevor ich etwas erwidern konnte, saß er auf mir und hielt mir mit eisigem Griff den Mund zu. Ich vernahm ein herablassendes und auch herausforderndes Grinsen. Dann das Geräusch, das seine schwere Zunge machte, als er sich über die Lippen leckte.
Ich wollte schreien und kämpfen, aber es gab nichts, das ich hätte tun können, für mich war er so stark wie tausend Männer, wie eine Armee.
Die Schläge, die folgten, waren härter als gewohnt, und es waren auch nicht die Schläge, die, wie sonst in diesen Nächten, alles endeten, alles abschlossen, nein, es ging noch weiter, noch viel weiter; an diesem Tag, in dieser Nacht gab es keine menschlichen Grenzen mehr in diesem dunklen und bitter kalten Hause.
Der Vater riss und zerrte an mir, keuchend, grinsend und auch Wut schnaubend, bis ich nichts mehr an mir hatte, bis ich schließlich nackt und schwach und wehrlos alles verlor, was ich verlieren konnte – meine Unschuld, die dort und dann, in dieser dunklen, kalten Winternacht einfror und nun nicht mehr mit mir wachsen, niemals alt werden würde…

Und jetzt, im grellen Licht des Flurs stehend, an die vielen weiteren Übergriffe, die nach jener Nacht damals noch folgten, denkend, öffne ich die schwere Kellertüre und blicke die mittlerweile beleuchtete Treppe hinunter. Ganz langsam und mit wohliger Genugtuung im Herzen folge ich mit den Augen den Weg hinab, den der schwere Männerkörper fallend hinter sich gebracht haben muss. Und ja, da ist er: Vierzig Stufen weiter unten kann ich ihn sehen, den Vater, über ihm ergießt eine an einem Kabel hängende Glühbirne seinen schweren und harten Körper.
Er röchelt etwas, hustet, gurgelt, scheint etwas sagen zu wollen, vielleicht sogar zu rufen, aber es will ihm nicht gelingen, die Worte sterben noch in seinem Mund bevor sie geboren werden. Dann scheint er mich zu bemerken. Er schaut zu mir hinauf, erkennt mich wohl, fixiert mich, versucht dann mit einer Hand zu winken, mir etwas zu signalisieren, seine Augen voller Angst und Flehen und vielleicht ja auch Reue.

Vorsichtig und langsam gehe ich die lange, steile Treppe hinunter, bis ich schließlich über ihm stehe und auf ihn hinabsehe.
Er ist ganz still jetzt, seinen Atem kann ich entfernt zwar noch wahrnehmen, aber es wird nicht mehr lange dauern, das weiß ich ganz genau.
Ganz leicht komme ich mir in diesen Augenblicken vor, es ist mir so als wäre eine schwere Last von mir gefallen – eine Last, von der ich gar nichts mehr wusste, ein Gewicht, das ich schon so lange mit mir herumtrage, dass es schon so sehr ein Teil von mir geworden ist wie etwa ein Bein.
So unerwartet leicht fühle ich mich jetzt.
Und endlich bin ich es, der die Worte Ein Stromausfall zu ihm sagen darf, jene Worte, die er damals benutzt hatte.
Ein Stromausfall. Im ganzen Viertel. Weißt du noch?
Ohne zu lächeln blicke ich ihn an. Tief in seine Augen. Wartend, die Sekunden spürend.
Weißt du noch?
Etwas regt sich in ihm, es wollen noch Worte kommen. Sie kommen aber nicht. Das ist vorbei.
Was jetzt noch ist: er atmet hörbar aus. Es hört sich an, wie wenn die Luft aus einem Reifen entweicht.
Er möchte wirklich noch etwas sagen. Aber… er kann nicht. Wie wenn ihm das verwehrt würde.
So blicke ich also in seine Augen, und kurz bevor das Leben ganz und für immer aus ihnen entschwindet, erkenne ich, dass er genau versteht, dass er nun, wie damals meine Unschuld, für immer einfrieren und nicht mehr älter werden würde.

Über «Die Kunst des Verhungerns»: In den auf wahren Begebenheiten basierenden drei Novellen erzählt Yves Rechsteiner von den verworrenen und verstrickten Phasen eines Lebens, das sich nicht einzwängen lassen will in die Konventionen der Normalität. So ist der namenlose Protagonist nach Kalifornien gezogen, um dort ein Rockstar zu werden, er strauchelt aber, bricht schliesslich alle Brücken hinter sich ab und beginnt eine Irrfahrt ins Ungewisse. Jahre später erinnert sich der Erzähler an seine Kindheit in der Kommune und fordert Klarheit über die Vergangenheit, rechnet mit allem und allen ab. Als der Vater dann aber an Krebs erkrankt und auszieht, diesen auszuhungern, tritt alles Nebensächliche in den Hintergrund. «Die Kunst des Verhungerns» Münsterverlag

Yves Rechsteiner *1974 in Basel. Musiker, Dichter und Liebhaber des unkonventionellen und bohemianischen Lebens mit zahlreichen, ausgedehnten Aufenthalten und Reisen rund um den Globus. Yves Rechsteiner schreibt Erzählungen, Hörspiele, Theaterstücke, Lyrik und längere Prosa. Sein Debütroman «Als läge dort tot der Vater» ist 2015 bei Marta Press erschienen. 2016 im Waldgut Verlag «Und dann fängt die Vergangenheit an», besprochen auf literaturblatt.ch

Noëmi Lerch „Alaska“

Eisberge! Sie waren wirklich da, die langersehnten Gesellen der antarktischen Meere!
Der Mann muss vor Freude laut gerufen haben, als er nach Monaten auf See am Abend des 29. Dezembers 1911 endlich wieder Land entdeckte. Er hatte seine Familie in Basel zurückgelassen und ein behütetes Leben. Er hatte alles gegen die Eisberge getauscht. Der Vater sei ein Tyrann gewesen, heisst es im Vorwort, aber das sagte oder schrieb der Mann, der auszog für das Abenteuer, in seinem Tagebuch an keiner Stelle. Der Zug hält und ein Junge steigt ein. Er setzt sich mir gegenüber ins Abteil. In seinen Armen trägt er ein Kaninchen. Die Leute, die bereits sitzen, drehen ihre Köpfe. Der Junge legt das Kaninchen auf seinen Bauch und seine von der Kälte rot geworden Hände auf das Kaninchen. Das Kaninchen schnüffelt, seine Schnurbarthaare bewegen sich wie Antennen. Es klettert vom Bauch über die Brust hinauf und lässt dort die Schnurbarthaare über das Gesicht des Jungen tanzen. Die anderen Leute, die ebenfalls in den Zug eingestiegen sind, legen ihre Mäntel, Mützen, Halstücher und Handschuhe ab. Erst da bemerken sie den Jungen mit dem Kaninchen, drehen ihre Köpfe. Ein Flüstern geht um, ein Starren, ein Kopfschütteln. Der Junge hat nebst dem Kaninchen einen Rollkoffer bei sich. Seine Kleider sehen nicht aus wie für den Winter gemacht. Auf der Ebene vor dem Fenster liegt Nebel. Die Grashalme unter dem Nebel müssen Kämme tragen aus Eis, wenn man darüber geht, brechen sie. Durch den Nebel kommt die Sonne. Ein Mann summt das Lied vom Aschenputtel, als es mit seinem Pferd über die Wiese galoppiert. Schneestaub fliegt auf. Der Junge, das Kaninchen und ich schauen zusammen aus dem Fenster. Als der Junge aussteigt, lese ich weiter in meinem Buch. Ich will nicht aufschauen, ich will mich nicht verabschieden. Ein Kind fragt seinen Vater, ob es denn wahr sei, dass alle Menschen aus Sternenstaub bestehen.

An Neujahr hüte ich Schafe. Es sind die Schafe einer Freundin, die vor dem Feuerwerk in die Berge geflüchtet ist. Die Schafe sind im Stall, der Schäfer, seine Hunde und sein Esel sind ausgestorben. Draussen herrscht eine moderige Kälte. Vom Feuerwerk wird die Luft staubig, hat die Freundin gesagt, die Bändel an ihrem Rucksack festgezurrt. Das hielte sie im Kopf nicht aus. Ich sitze im Stall, im Heuhaufen. Vor dem Fenster leuchtet Neujahrsfeuerwerk. Hier ist alles weit weg, nur das Kauen der Tiere ist nah und die Wärme ihrer Körper. Nach Mitternacht liege ich auf der Bank neben dem alten Specksteinofen, die Füsse am heissen Stein, der Nasenspitz und die Hände kalt. Verschiedene Männer gehen am Fenster vorüber, aber die Fenster sind beschlagen. Ich lese weiter in meinem Buch, von jenem Mann, der verschollen ist in der Antarktis, am Anfang des letzten Jahrhunderts. Es gibt eine Frau, die schrieb über einen Mann, der ist verschollen am Khan Tengri. Die Expedition war viel zu spät für diese Jahreszeit. Der Mann wollte sich von seinen Erfrierungen selber befreien. Auf dem Heimweg auf seinem Pferd erlag der Mann der Kälte. Die Frau schrieb über den Mann und die Kälte. Sie erlag weder dem einen noch dem anderen. Sie stürzte vom Fahrrad und kein Schnee war da, sie aufzufangen.

Ein Kind fragt seinen Vater, was der Unterschied ist zwischen dem Nordpol und dem Südpol. Er sagt, am Nordpol gibt es kein Land. Ein Kind fragt seinen Vater, wem gehört der Nordpol. Er sagt, niemandem. Aber am Nordpol gibt es Eisbären und Robben. Ich schaue nicht auf, obwohl es Morgen geworden und ein Kind mit seinem Vater am Haus vorbei gegangen ist. Ein Mann schreibt am 1. Januar 1912 in sein Tagebuch. Im Süden unser Ziel, der antarktische Kontinent, versteckt hinter unendlich viel Eis. Der Süden erglänzte hell, golden und weiss. Verheissungsvoll schien die Gegend, doch kalt und einsam. In einem Jahr werde ich dieses Eisland besser kennen. Wie werden Ruhe, Kälte und Einsamkeit auf mich wirken? Ich frage den Mann, ob er mich mitgenommen hätte, als Frau. Ich hätte mich als Mann verkleiden können. Beim Rasieren hätte er vielleicht meine zarten Hände gespürt, aber alle Zartheit wäre durch mein junges Alter erklärbar gewesen. Der Mann sagt, das sei zu kompliziert, die Geschichte so zu erzählen. Es sei sowieso schon alles kompliziert genug. Das Land der Hoffnung, also der siebte Kontinent, könne nicht mehr warten, er wolle endlich besichtigt, betreten werden. Und als Erster ankommen, das sei wichtig für die Verewigung. Ich sage, woher weisst du denn, Himmel nochmal, dass all die Männer, die du mitgenommen hast, tatsächlich Männer waren? Es gab eine, ihre Freunde nannten sie – Alaska! Eisberge, schau! Ruft der Mann und zeigt aus dem Fenster. Und da sehe ich sie auch. Die langersehnten Gesellen der antarktischen Meere.

Noëmi Lerch, 1987 geboren in Baden, studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und an der Universität Lausanne. Sie war Redakteurin beim Schweizer Magazin für Reisekultur Transhelvetica. Seit 2014 arbeitet sie zusammen mit der Cellistin Sara Käser im Duo Käser & Lerch. 2015 erschien ihr erstes Buch »Die Pürin« im verlag die brotsuppe. Noëmi Lerch lebt in Aquila, im Tessin. Ihr zweiter Roman «Grit» erschien 2017. Noemi Lerch liest in der Lesereihe «Wortklang – Klangwort» zusammen mit dem Musikerduo STORIES im Theater 111 in St. Gallen.

Enzo Pelli «Stalla in rovina»

Faticose storte pietre tolte
dalle frane ai tempi della fame
per farne perfetti muri squadrati:
nei prati erosi dai rovi
brillano come nuovi. Abbaglio
del sole di luglio.
(2010)

Stallruine
Mühsame unförmige Steine
von den Geröllfeldern angeschleppt
zu Zeiten des großen Hungers,
um daraus perfekte
rechteckige Mauern zu machen:
auf den mit Dornstauden bedeckten
Wiesen schimmern sie heute wie neu.
Und es blendet die Julisonne.

*

Scavatrice gialla
La scavatrice gialla a colpi di dente
solleva sassi e terra senza sforzo
senza rimorso. Stasera dell’orto
non resterà niente.
(2009)

Gelber Bagger
Der gelbe Bagger mit seinen schwarzen Zähnen
hebt ohne Mühe Steine und Erdreich aus –
und bedauert es nicht. Heute Abend
wird vom Garten nichts übrig bleiben.

*

Vigneto a Pura
Una casa un vigneto
un uomo in grembiule: mio padre.
Tempo passato – mi fermo stupito
sotto lo stesso cielo
a guardare.
(2009)

Weingarten in Pura
Ein Haus, ein Weingarten,
ein Mann mit einer Schürze: mein Vater.
Vergangene Zeiten – erstaunt
bleibe ich stehen
unter dem gleichen Himmel
und schaue.

drei Gedichte aus «Momenti irripetuti», Lugano, alla Chiara Fonte, 2014. Traduzione tedesca di (übersetzt von) Christoph Ferber.

Enzo Pelli è nato a Lugano nel 1948. Autore televisivo e artista-calligrafo, ha pubblicato presso alla Chiara Fonte di Lugano le raccolte di poesie «Momenti irripetuti» (2014) e «Solo una nube che passa» (2017).

Enzo Pelli (Lugano 1948), SRG-Mitarbeiter und Kalligraph, hat bei alla Chiara Fonte, Lugano, zwei Sammlungen von Gedichten veröffentlicht: «Momenti irripetuti» (2014) e «Solo una nube che passa» (2017).

Webseite des Künstlers

Joachim Zelter „Gegen die Gewissheiten“

Überlegungen zu einigen Aspekten der literarischen Moderne aus Sicht eines Schriftstellers

Warum schreibt ein Autor wie er schreibt. Oder warum schreibt er etwas nicht, das er durchaus schreiben könnte, aber trotzdem nicht schreiben kann oder partout nicht schreiben will? Warum lässt der Autor beispielsweise eine Figur nicht durch den Wald nach Hause gehen, um dort eine andere Figur zu treffen, so dass aus diesem Treffen eine Liebeshandlung entstehen könnte? Oder warum scheut sich ein Autor vor einem guten Ende? Oder vor einem eindeutigen Anfang? Oder vor einnehmenden Figuren, welche die Welt exemplarisch erleiden, durchschreiten, erleben, verbessern oder überwinden?
Oftmals sind es nur halbbewusste Triebkräfte und Maßstäbe, die einen Autor dazu bringen etwas in einer bestimmten Art zu schreiben – oder auch nicht zu schreiben. Zum Beispiel tun sich nicht wenige Autoren mit linearen Handlungen schwer. Oder mit mitreißenden Figuren, die eine Handlung vorantreiben oder aus der äußere Handlungen oder ganze Handlungswelten hervorgehen. Handlungen und Figuren – dies scheinen, zumindest heute, Selbstverständlichkeiten, ja Unabdingbarkeiten. Dennoch gibt es bei nicht wenigen Autoren ein Unbehagen, eine stumme Reserve gerade gegenüber derartigen Forderungen. Diese Reserve ist – so meine These – ein Überbleibsel der literarischen Moderne, in einer Welt, die sich zunehmend von den Er- rungenschaften der literarischen Moderne entfernt hat, die mit der Moderne auch zunehmend das Bewusstsein und Beschreibungsinstrumentarium ihrer selbst verloren hat.

Nach Mario Andreotti (Die Struktur der modernen Literatur) besteht das große Missverständnis gegenwärtiger Literaturdiskurse in der Gleichsetzung von zeitgenössisch und modern. Ein Roman sei modern, weil er soeben erschienen sei oder sich moderner Themen annimmt, zum Beispiel dem Internet, der Globalisierung, dem Grundeinkommen für alle oder einer jugendlichen Subkultur. Nach Andreotti ist diese Gleichsetzung irreführend, da moderne Themen nicht notwendigerweise gleichbedeutend sind mit der literarischen Moderne als Erzählweise in der Literatur. Ein Großteil unserer Gegenwartsliteratur, so Andreotti, ist alles andere als modern, sondern vielmehr in ihrer Struktur traditionell, konventionell, wenn nicht gar vormodern – auf dem Stand des bürgerlichen Romans des frühen 19. Jahrhunderts

Die Frage ob modern – oder nicht modern lässt sich anhand von zwei zeitgenössischen Grund- forderungen an literarische Texte demonstrieren, die gerade die literarische Moderne immer wieder in Frage gestellt hat: (1) Die Frage der Handlung und (2) die Frage von festen, eindeutigen, runden Figuren, die im Zentrum dieser Handlung stehen, ja, aus denen diese Handlungen hervorgehen. Handlung unterstellt eine Form von Kausalität. In der Poetik des Aristoteles heißt Handlung Mythos, die Zusammensetzung der Geschehnisse. Auch Edward Morgan Forster betont in seiner Definition von Handlung (plot) dessen Kausalität. „The king died and then the queen died.” Dies ist eine Geschichte. „The king died, and then the queen died of grief.” Dies ist eine kausale Ordnung, also eine Handlung. Nun ist Kausalität nichts Beliebiges, sondern beinhaltet fundamentale Anschauungen über die Wirklichkeit. Schon das Wort Kausalität impliziert eine ganze Weltanschauung: der Mechanik, der Physik, der Naturwissenschaften, der Wissenschaft allgemein. Eine Plot-Struktur geht also weit über ein einzelnes literarisches Werk hinaus. Sie beinhaltet eine Weltanschauung, und es sind gerade derartige Weltschauungen, welche die literarische Moderne immer wieder in Frage gestellt hat: sei es nun das Gebot linearer Handlungen oder der Glaube an die Erzählbarkeit der Welt oder die Vorstellung von Sprache als Abbild außesprachlicher Wirklichkeit. Hinzu kommt die Skepsis der Moderne gegenüber althergebrachten Subjektvorstellungen: zum Beispiel die Hauptfigur als Identifikationsfigur, als Sinn- und Erlebniszentrum der äußeren Welt, als Inbegriff einer bürgerlichen Charakterideologie, in der Tüchtigkeit, Selbstverantwortung und Eigenständigkeit eine Rolle spielen. Die klassische literarische Moderne demonstriert demgegenüber die Entpersönlichung ihrer Figuren, ihre psychologische Widersprüchlichkeit und Uneinheitlichkeit, ihre Fragmentarität, ihr Getrenntsein, ihre Auflösungser- scheinen, ihre gesellschaftliche Degradierung und Funktionalisierung. „Das Ich ist unrettbar“, schrieb kein Literat, sondern der Physiker Ernst Mach im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der Satz wurde zu einem Leitsatz der Wiener Moderne. Und nicht nur das Ich, sondern auch die Vorstellung einer objektiven, linear erzählbaren Welt wird für die Moderne zu einer unrettbaren, allenfalls noch subjektiv haltbaren Größe. „Wir haben kein anderes Gesetz als die Wahrheit, wie jeder sie empfindet.“ Wie jeder sie empfindet – so der entscheidende Zusatz von Herrmann Bahr in Die Moderne. Althergebrachte Gewissheiten weichen in der Moderne einer tiefen Skepsis gegenüber dem Wirklichkeitsgehalt von Sprache und der Darstellbarkeit von Wirklichkeit (Hofmannsthal) sowie einem Unbehagen gegenüber monistischen Wirklichkeits- und Wahrheitsmodellen überhaupt. „Die Wahrheit“, schreibt der Philosoph Hans Vaihinger in seiner Philosophie des Als-Ob, „ist nur der zweckmäßigste Irrtum.“ Statt Wahrheit und Wirklichkeit tritt die fröhliche Bejahung des Fiktiven in den Vordergrund, nicht nur die Fiktionalität der Kunst, sondern die des Lebens überhaupt. In den Worten Oscar Wildes: „I treated art as the supreme reality and life as a mere mode of fiction.

Um das bisher Gesagte (aus der Erfahrung eines heutigen Autors) an einem konkreten Beispiel zu verdeutlichen. Im Jahr 2006 erschien mein Roman „Schule der Arbeitslosen“. Der Roman spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft in einem Internierungslager für Langzeitarbeitslose. Dies wird nicht anhand fester, abgerundeter Figuren erzählt, etwa anhand einer rechtschaffenden Familie, die ein Einfamilienhaus abbezahlen muss und schulpflichtige (vielleicht sogar noch herzkranke) Kinder hat und deren Familienoberhaupt nun in die Abgründe der Arbeitslosigkeit fällt. Die Versuchung lag nahe, das Thema in dieser Art anzugehen, über ein Ensemble fester Figuren, mit denen man sich identifiziert und mit denen man mitleiden kann. Stattdessen ent- wickelt der Roman das Thema Arbeitslosigkeit weniger psychologisch denn vielmehr gestisch und soziologisch als strukturelle Gewalt (sprachliche Gewalt, diskursive Gewalt, normative Gewalt) herrschender ideologischer Systeme über entpersonalisierte Individuen, die zu fast keiner Sprache oder Gegenwehr mehr fähig sind, die sich allenfalls stammelnd oder in kleinen Gesten zur Wehr setzen können gegenüber einer allmächtigen gesellschaftlichen Grund- und Kollektivhaltung: nämlich der Obsession von Arbeit als Sinnzentrum unserer Zeit.
Man könne sich zu wenig mit den Figuren identifizieren. Man könne mit ihnen nicht warm werden. So der erste Einwand gegen den Roman. Und: Der Roman habe zu wenig Handlung. Er zeige auch keine wirklichen Lösungen. So der zweite Einwand. In diesen Einwänden vereinigen sich in nuce die gängigen Erwartungshaltungen gegenüber der zeitgenössischen Literatur: Handlung, Figuren, Botschaften und Lösungen – genau das, was von der klassischen Moderne (von Kafka bis Döblin, von Beckett bis Pinter, von Ionesco bis Camus) immer wieder in Frage gestellt wurde. Man kann die urskeptische Haltung der Moderne mit dem Satz von Camus resümieren: „Wenn die Welt klar wäre, gäbe es keine Kunst.“

In den letzten zwei Jahrzehnten ist uns die Moderne zunehmend abhanden gekommen. Sie wich in den achtziger Jahren der Postmoderne, der dann keine Nachpostmoderne oder Post- postmoderne mehr folgte als vielmehr eine diffuse Vormoderne, in der einerseits die Errungenschaften der Moderne verlorengegangen sind bzw. schlichtweg vergessen wurden, in der andererseits mit der größten Geläufigkeit sehr traditionelle, vormoderne, geradezu biedermeierliche Forderungen und Erwartungshaltungen an die Literatur herangetragen werden. Der Grundimpetus der Moderne, die allumfassende Skepsis, weicht zunehmend einer Haltung nicht mehr reflektierter Gewissheiten. Als hätte es die Moderne nie gegeben. Als wären Handlung, Figuren, Botschaften und Lösungen zu allen Zeiten gültige Konstanten der Literatur. So als gäbe es kei-nerlei Zusammenhang zwischen gegenwärtiger gesellschaftlicher Ich-Fixierung, Ich- Verantwortung, individueller Leistungs- und Erfolgsethik und der Forderung des Buchmarktes nach hinreißenden, heldenhaften oder zumindest unterhaltsamen literarischen Figuren.

Wenn ich gefragt werde, welche Autoren ich denn schätze oder welche Autoren mich literarisch beeinflussen, dann nenne ich Autoren wie Oscar Wilde, Harold Pinter, Franz Kafka und einige andere – alles übrigens Autoren der Moderne. Doch gibt es für den schreibenden Autor auch noch eine andere Kategorie von Büchern, nicht nur belletristische Einflussbücher, sondern auch literaturwissenschaftliche Bücher, die für mich eine große historische und theoretische Rückversicherung darstellen. Die Struktur der modernen Literatur von Mario Andreotti ist ein solches Buch. Es bietet gerade jenen Autoren eine Handhabe, die aus einer tiefsitzenden, stummen Reserve gegenüber den aktuellen Forderungen an die Literatur eben nicht so schreiben, wie sie sehr leicht schreiben könnten: in Kategorien eingängiger Handlungen, Figuren, Botschaften und Lösungen. Es ist ein Buch für alle Autoren, die sich darüber freuen, dass Literatur nicht ewig gültigen Gesetzen und Gewissheiten folgt, sondern dass diese Gewissheiten hinterfragbar und veränderbar sind – ein Grundprinzip der Moderne. Es ist ein Buch für alle Autoren, die sich heutzutage deplaciert und historisch überholt fühlen, die aber dennoch in einem stummen oder verstummten Wissen noch an den Errungenschaften der Moderne festhalten oder festzuhalten versuchen. Es ist ein Buch, das mir immer wieder geholfen hat, mir über eigene (oft auch nur halbbewusste) Maßstäbe des Schreibens klar zu werden. Manchmal wünschte ich, ein solches Buch würde nicht nur von Autoren, sondern vermehrt auch von Kritikern und Lektoren gelesen.

Veröffentlicht in: Literaturblatt Baden-Württemberg. Heft 6, 2010, 12-13.

Literatur:
Mario Andreotti, „Die Struktur der modernen Literatur“, vierte überarbeitete Auflage. Bern, 2009.
Joachim Zelter, „Schule der Arbeitslosen“, Tübingen, 2006.
Gotthart Wunberg, Hrsg. „Die Wiener Moderne: Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und
1910“, Stuttgart, 1981.
Andreas Huyssen und Klaus R. Scherpe, Hrsg. „Postmoderne: Zeichen eines kulturellen Wan-
dels“, Hamburg, 1986.
Lothar Fietz, „Strukturalismus: Eine Einführung. Literaturwissenschaft im Grundstudium 15“, Tü-
bingen, 1982.
Lothar Fietz, „Funktionaler Strukturalismus: Grundlegung eines Modells zur Beschreibung von Text und Textfunktion“, Tübingen, 1976.

Joachim Zelter wurde in Freiburg im Breisgau geboren. Von 1990 bis 1997 arbeitete er als Dozent für englische und deutsche Literatur an den Universitäten Tübingen und Yale. Seit 1997 ist er freier Schriftsteller, Autor von Romanen, Theaterstücken und Hörspielen. Seine Romane wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Mit dem Roman „Der Ministerpräsident“ war er 2010 für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2017 war er Hausacher Stadtschreiber (Gisela-Scherer-Stipendium).

Rezension auf literaturblatt.ch zu «Im Feld» von Joachim Zelter

Webauftritt des Autors

Michèle Minelli & Peter Höner „Aufs Land gezogen“

Dialoge

1 Aufs Land gezogen

Grauenhaft, dieses Wetter. Hochnebel, Regen, ein eisiger Wind. Und das schon den dritten Tag.
Stinklaune?
Ach, was. Stinklaune, Stinklaune. Mir fällt die Decke auf den Kopf.
Kino? – Wir könnten ins Kino gehen. Ins „Luna“ kann man immer, die zeigen nur gute Filme.
Ach ja?
Wir waren schon Ewigkeiten nicht mehr im Kino.
Kino. – Und nachher liegt Schnee, und die Strassen sind vereist.
Seit wann hast du Angst vor dem Winter?
Hab ich nicht. Trotzdem. Das geht nicht.
Warum nicht?
Sommerreifen.
Was, Sommerreifen?
Sommerreifen. Und dann kommen wir hier nicht mehr hoch.
Du wirst doch nicht, ich meine… Du fährst immer noch mit Sommerreifen? Bist du blöd, vor einem Monat habe ich dir gesagt, du sollst die Reifen wechseln…
Nun schrei hier nicht rum. Letzten Winter gab es nicht einen Tag, an dem wir Winterreifen gebraucht hätten.
Dann nehmen wir den Bus.
Nach dem Kino kannst du fast zwei Stunden warten, in einer Beiz neben dem Bahnhof, Soldaten und Besoffene, Rentner mit ihren Geschichten, die kaum auszuhalten sind, Ausländer …
Du solltest dich einmal hören…
Was sollte ich?
Ja, du solltest dir einmal zuhören müssen, was für einen Stuss du daher schwafelst. Hock dich an einen Stammtisch, im Frohsinn, in der Traube, im Hecht. Vom Wetter zu den Ausländern! Da bist du zumindest in Gesellschaft.
Du weisst genau, dass wir mit Sommerreifen… Das Risiko ist einfach zu gross. Und: Einen ganzen Abend unter Leuten ohne ein Bier, ein Glas Wein, ohne einen Schnaps, das hält man doch gar nicht aus.
Man?
Und dann stehen wir da kurz vor Mitternacht an der Abzweige und haben noch einmal eine halbe Stunde, bis wir zu Hause sind. Ich meine, damit wird das ganze Elend ja geradezu auf die Spitze getrieben. Im Kino friert man, weil es schlecht besucht ist, und sie an Heizung sparen, oder man sitzt neben jemanden, der ohne Schirm durch den Regen gelaufen ist. Und dann immer diese Pause, entweder soll ich ein Eis fressen oder ihren billigen Wein trinken, das hat doch keine Atmosphäre, auf jeden Fall, nachdem sie diesen schrecklichen Neubau gleich nebenan hochgezogen haben. Und immer kennt man jemanden, mit dem man reden sollte. Ich will doch nicht reden müssen, wenn ich nichts zu sagen habe. Übers Wetter? Über den Film? Sicher nicht. Dass sie nichts verstehen, merkt man ja schon an ihren Reaktionen, wo und warum die Leute immer lachen, das möchte ich auch gerne einmal wissen. Ich meine, dieses ländliche Publikum. Die lachen doch immer an den falschen Stellen. Wenn überhaupt. Wo sie nichts verstehen, über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben. Dafür umso lauter. Als müsste ihr Lachen Verstärkung einfordern. Es gibt eben keine Filme über Traktoren, Düngemittel und Zuckerrüben. Gibt es nicht. Und die Stadt. Wie, wo oder was? Was ist eine Stadt? Einmal im Jahr Konstanz und einmal Winterthur. Bertheli habe ich gefragt, wann sie das letzte Mal in Zürich war? Zürich? Hat sie gefragt? Was soll ich denn in Zürich? – Haben wir eigentlich noch Schokolade?
Schokolade? Hast du vergessen, dass wir einen Garten haben?
Ich kann doch nicht, immer nur Quitten… Roh gelten sie sowieso für ungeniessbar. – Was ist jetzt? Gehen wir jetzt ins Kino, oder willst du hier versauern?
In ein Auto ohne Winterreifen? Ohne mich, da setz‘ ich mich nicht rein. – Überhaupt hast du das Wasser abgestellt, die Leitungen geleert, sind die Dachfenster zu? Das letzte Mal hat es voll in meine alte Schallplattensammlung geregnet. Ist der Sonnenschirm im Haus, die Gartenstühle? Die neuen Tulpenzwiebeln sind auch noch nicht im Boden. Und hast du nun endlich meinen Löwenzahnstecher gefunden. Ein Glück gibt es dieses Jahr keine Nüsse…
Kino, Sommerreifen, Wintergemüse! Vergiss es. Los komm! Annis Rinder sind wieder einmal durch den Hag in unseren Garten gebrochen.

2 Besuch

Wie schön ihr es hier habt! So ein prächtiger Garten! Und dann diese Aussicht!
Naja, das Restaurant ist öfter geschlossen als offen.
Wie meinst du?
Das Restaurant. Die Aussicht. Sie ist nur an knapp drei Tagen die Woche geöffnet.
Aber ihr ernährt euch doch ohnehin aus dem eigenen Garten? Also wenn ich einen solchen Garten hätte – schau nur, das Werk lobt seinen Schöpfer!
Ist das ein Zitat?
Wie du willst. – Ich habe noch nie so dralle Tomaten gesehen. Und das im November. Ein Wunder.
Ah, die Tomaten. Das war ein Kampf, sag ich dir, zuerst die Rinder, die durch den Zaun brechen, und dann die Braunfäule…
Oh, und diese Feigen! Da nehme ich mir gleich zwei, gell, ich darf mich doch bedienen? Feigen, das ist ja das reinste Paradies hier!
… hat fast alles befallen.
Was seh ich da: Letzte Himbeeren! In dieser Jahreszeit!
Ja. Himbeeren im November.
Das wäre doch ein wunderhübscher Buchtitel? Himbeeren im November. – Hier oben schreibt sich bestimmt ganz herrlich. All die kleinen Plätzchen…
Die gejätet werden müssen.
… die ihr habt. Die hat alle Peter gemacht, ja? Die Trockenmäuerchen, die lauschigen Eckchen, die poetischen Nischen?
Äh, nein, ich werkle da…
Ein Multitalent!
… wacker mit.
Wo man hinblickt, ist Idylle. So, so schön, dass du es so schön hier hast, Michèle, macht mich ganz froh. Du schreibst bestimmt in einem Mordstempo an deinem nächsten Roman, das kann ich gut verstehen, bei dieser Lage, dieser Stimmung, da kommt man unweigerlich in den Flow, das flutscht doch nur so hier, sieh nur, dort drüben das Abendrot, nein, wie schön aber auch, einfach nur schön, sag ich.
Hm, schön schon, ja.
Wann bist du fertig?
Womit? Dem Abräumen im…
Deinem Roman, womit denn sonst?
… Garten?
Garten? Einen Gartenroman! Wie schön, wann feierst du Vernissage, wann kann ich es lesen?
Lesen? Ich weiss nicht.
Wie, du weißt nicht? Wie heisst es denn, das neue Werk?
Hm. Lass mich überlegen.
So schön hier!
Vielleicht nenne ich es….
Gell, ich darf doch noch einmal, die schmecken alle so köstlich!
… Himbeeren im November.

3 Sonntag früh im Bett

Komm, machen wir das Fenster auf.
Hmm?
Hörst du den Regen?
Wmkissen?
Küssen?
Wo ist mein Kissen?
Warte, ich werde dein Kissen sein. So. Liegst du gut?
Hmm.
Hörst du wie er prasselt?
Ichhrnero.
Hm?
Ich höre nur Nero.
Ach der. Lass doch den Stier.
Sinddkatzndrn?
Hm?
Sind die Katzen drin?
Hm, hab sie vorhin gesehen, als ich aufs Klo ging. Alle drei.
Wmstduheute?
Hm?
Was machst du heute?
Heute?
Schreibst du?
Jetzt liege ich erst noch ein bisschen.
Schrbnleben.
Hm?
Wir wollten doch fürs Schreiben leben?
Ja, schon, aber… Hörst du, wie schön der Regen prasselt?

Michèle Minelli, geb. 1968 in Zürich, freischaffende Schriftstellerin, lebt und arbeitet auf dem Iselisberg. Verschiedene Auszeichnungen und Stipendien. Zuletzt erschienen „Die Verlorene“, ein historischer Roman über das Leben der Thurgauerin Frieda Keller, Aufbau Verlag 2015. 2017 erscheint die Publikation „Schreiblexikon, das:“, für das Minelli zusammen mit Peter Höner als Herausgeber zeichnet. Zuletzt erschien bei Salis der Roman «Der Garten der anderen.

Webseite der Autorin

Peter Höner, aus Winterthur, geboren 1947 in Eupen/Belgien, freischaffender Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur, lebt und arbeitet auf dem Iselisberg im Kanton Thurgau. 2017 erschien im Limmat Verlag der fünfte und letzte Kriminalroman «Kenia Leak» mit den beiden Ermittlern Mettler und Tetu. Der Schelmenroman «Der seltsame Ausflug des Salvador Patrick Fischer in die analoge Welt» soll 2019 erscheinen.

Webseite des Autors

Karsten Redmann „Der Korpus“

Es war einer dieser Sonntage, ein verregneter zudem, an dem sie allein in ihrem geräumigen und mit schweren Teppichen ausgelegten Esszimmer sass, die Tageszeitung mit den Todesanzeigen vor sich auf dem Tisch ausgebreitet, als plötzlich das Telefon klingelte. Im ersten Moment zuckte sie zusammen, denn wenige Tage zuvor hatte ein Tross von Elektrikern eine neue Telefonanlage in ihrer Villa eingebaut; ein Gerät auf jeder Etage – so, wie sie es wollte. Und nein, ein Mobiltelefon kam nicht in Frage … Die Elektriker hatten sie belustigt angesehen, wissende Blicke ausgetauscht und sich an ihre Arbeit gemacht. Umständlich klappte sie die Zeitung zusammen, und stand, sich auf ihren schwarzen Gehstock stützend, langsam auf. Am Telefon verabredete sie eine Zeit: 15 Uhr. «Vorher», sagte sie der Frau am Telefon, müsse sie sich ein wenig hinlegen, sie brauche ihren Mittagsschlaf. «Und kommen Sie bitte pünktlich», ergänzte sie, «nicht, dass ich den ganzen Tag auf sie warten muss – ich bin zwar alt, aber nicht so alt, als dass ich Unmengen von Zeit zu vergeuden hätte.» Die Frau am Telefon zeigte Verständnis für das Gesagte, und versprach, auf alle Fälle pünktlich zu sein, schliesslich wolle sie ja unbedingt dieses Regal haben, es gefalle ihr ausserordentlich gut und sie wisse schon genau, wo es in ihrer Wohnung Platz fände. «Ach, wissen Sie», sagte die Alte, «das ist ja allein ihre Sache und geht mich überhaupt nichts an. Ausserdem ist es mir einerlei, ob Sie das Regal für sich nutzen oder weiterverkaufen. Ich selbst kann es nicht mehr brauchen … und noch eins: Hätten Sie vielleicht Interesse an alten Büchern? Mein verstorbener Mann hat früher sehr viel Zeit mit diesen alten Dingern verbracht, vielleicht sogar mehr als mit mir … In der Garage habe ich kistenweise Bücher stehen. Die können Sie gerne alle mitnehmen. Sofern Sie Interesse an Literatur haben?» «Aber ja doch», sagte die Frau, «grosses Interesse sogar. Ich studiere im fünften Semester Germanistik, Kunstgeschichte und …» «Ja, ja», kürzte die Alte ab, «Punkt drei also!», legte auf, schleppte sich die Treppe nach oben und schlief bis kurz vor zwei, denn vor dem verabredeten Termin wollte sie sich noch ein wenig frisch machen. Die verbleibende Zeit nutzte sie unter anderem, um den Namen eines alten Schulfreundes – Willi Sebald, ja, sie erinnerte sich noch gut an ihn, sass immer in der ersten Reihe rechts, ein Einser-Schüler, später dann Zahnarzt mit gut gehender Praxis – mit einem schwarzen Filzstift aus ihrem Adressbuch zu streichen. Bei ihrer morgendlichen Zeitungslektüre hatte sie die kostspielige Todesanzeige mit vorangestelltem Rilke-Gedicht entdeckt, oben rechts in der Ecke. Nicht zu übersehen. Fünf Minuten nach drei klingelte es an der Tür. Die alte Frau öffnete, grüsste, und wies die junge Frau umgehend an, ihr zu folgen. «Da vorne», sagte sie und zeigte im Hof auf zwei Tore einer Doppelgarage. Sie betätigte eine Fernbedienung und eines der Garagentore öffnete sich. Der jungen Frau war deutlich anzusehen, dass die Grösse der Garage sie schier sprachlos machte – aber auch die vielen teuren Gegenständen, die sich in ihr befanden: ein Aston Martin neben einem Bentley, eine kleine aufgebockte Yacht neben einer chromblitzenden Harley Davidson, viele alte Kunstgegenstände, unzählige Vitrinen voller Vasen und teurem Geschirr; vor allem aber erstaunte sie der Anblick eines ganz besonderen Gegenstandes, der, von einer durchsichtigen Plastikfolie bedeckt, längsseits an der weiss gestrichenen Wand stand. «Entschuldigung», sagte sie stockend, «aber ist das hier wirklich das, für das ich es halte?» Die Alte lächelte, hob ein Stück der Folie nach oben und sagte: «Ja, ja. Das ist meiner. Den habe ich mir vor zwei Jahren von einem Tischler anfertigen lassen. Ein schönes Stück! Finden sie nicht auch?» … Die junge Frau betrachtete peinlich berührt den hölzernen Korpus, der annähernd die gleiche Farbe hatte wie das noch zu erstehende Bücherregal, drückte der Alten das abgezählte Geldbündel in die Hand und schleppte das Regal in grosser Eile und ohne sich umzuschauen zu ihrem Wagen, einem alten Kastenwagen mit viel Stauraum. An die alten Bücher dachte sie da schon nicht mehr und auch später nicht. Das alte Regal fand in ihrem Keller Platz, denn in der Wohnung wollte sie es nicht mehr haben: zu sehr erinnerte es sie an die gebrechliche Frau in ihrem schwarzen Kostüm und an die strahlend weiss gestrichene Garage mit dem darin wartenden Sarg.

Karsten Redmann, geboren 1973 in Neunkirchen (Saar), lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in St. Gallen (CH). Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien und Zeitungen. Stipendium Bremer Romanwerkstatt 2010. Stipendium Bremer Prosawerkstatt 2012. Text des Monats beim Schreibwettbewerb des Literaturhauses Zürich, Juli 2015. Shortlist zum erostepost-Literaturpreis 2016. Nominierung für den storyapp-Preis 2017.

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Rede zu der Eröffnung der 40. Solothurner Literaturtage Judith Keller

Sehr geehrte Anwesende, die heute Abend hier zusammen gekommen sind zur Feier des vierzigjährigen Jubiläums der Solothurner Literaturtage. Ich wurde gefragt, wie sich das Schreiben, das Erzählen für mich, heute, im Jahr 2018 anfühle, was das Erzählen für mich bedeute. Darüber musste ich lange nachdenken und muss es noch weiterhin tun.
Ich bin der Meinung, dass wir, wie zu jeder anderen Zeit schon, auch im Jahr 2018 erzählt werden, und zwar nicht besonders gut. Doch nachdem ich das gesagt habe, bin ich schon nicht mehr sicher, ob es noch stimmt, was ich gesagt habe, es kommt mir bereits veraltet vor. Darum beginne ich noch einmal. Ich bin der Meinung, dass wir, und sicher geschah auch das schon lange zuvor, aber mir scheint, es ist mehr geworden, im Jahr 2018 weniger erzählt als errechnet werden, und auch das nicht besonders gut. Denn wir finden uns zwar als Resultat einer Rechnung wieder, aber wir sind darin nicht aufgegangen. Wir gehen nicht auf. Es ist darum eine Sprache vonnöten, und ich finde, eine literarische, um diese Rechnung, die nicht aufgeht und deren Resultat wir sind, ins Erzählen zu übersetzen.

Welche Rechnungen erzählen die Resultate? Stimmen die Rechnungen? Oder stimmen sie nicht, weil es darin an Stimmen fehlt?

Erst durch das Suchen nach den Bedingungen, die zu den Resultaten führten, kann in den Blick geraten, womit nicht gerechnet wurde. Und dies finde ich eine Aufgabe der Literatur: Erzählen, womit nicht gerechnet wurde. Erzählen, womit nicht gerechnet werden kann. Erzählen, was sich unter den Wörtern regt. Ich brauche meine ganze Fantasie dafür, mir vorzustellen, was das ist.

Aber was wäre das für ein Erzählen, das so etwas kann?

Was gibt es? ist die Frage dieses Erzählens, so glaube ich, und es ist sich nicht sicher, was es gibt. Aber es erzählt, dass es mehr gibt, als es erzählen kann. Es wäre ein Erzählen, das zuhört und sicher ist, dass es mehr gibt, als es hört. Ich glaube, dass Schreiben eine Form eines solchen Zuhörens ist.

Zum Beispiel höre ich die Schwäne in der Schwanenbucht in der Nähe vom Bellevue in Zürich. Ich weiss nichts von ihnen, aber ich schaue ihnen oft zu.

In diesem Moment kommen sie zur Bucht. Wer ist hier „sie“? Ich nenne sie Peli und Vera, es sind zwei in diesem Moment erschöpfte Frauen und sie haben an diesem Tag schon viel erlebt. Sie kommen zur Bucht, in der die süchtigen Schwäne unruhig die Nacht verbracht haben auf dem Kies oder auf den flachen und erhobenen Steinen nah am See. Unzählbare Schwanschaften drängen sich aneinander. Federn und Kot sind überall verstreut, verrenkte Hälse liegen auf Federkörpern, schwarze Schwanenfüsse suchen Halt. Ein gedämpftes Schnattern rollt durch die Menge, an einigen Stellen ist es dichter, an anderen ganz ruhig, doch dort, wo es ruhig ist, bewegen sich die Schnäbel ohne Ton. Blauweiss leuchten die Federn aus der grauen Dämmerung heraus. Irgendwo scheint es sie immer zu zwicken, ein plötzliches Zucken geht durch die Gefieder, sie graben mit den Schnäbeln nach und fischen etwas aus sich heraus, das niemand sieht. Sie haben Konflikte, innerliche Knöpfe, vielleicht haben sie einen Mangel, sagt Peli oder sagt Vera und sie setzen sich auf ein paar Ufersteine und schauen den Schwänen zu. Sie haben heute viel erlebt und der Text ist noch nicht zu Ende. Wir sind immer noch da, sagt Vera dann. Ich kann mir nicht vorstellen, was jetzt noch kommen soll, sagt Peli. Man kann sich immer nur wenig vorstellen, sagt Vera. Aber warte nur, im Nachhinein ergibt alles Sinn.

Warte nur, im Nachhinein ergibt alles Sinn, sagte mir kürzlich ein Freund, als etwas nicht eintraf, wie ich es wollte. Das ist die Hoffnung des Erzählens, dass am Schluss alles in einem Sinn mündet, und dennoch muss es ohne diese Hoffnung auskommen, dieser Hoffnung gegenüber misstrauisch sein, denn erzählen ist Sinn stiften, wo es keinen gibt. Die Schwäne helfen mir, wenn ich sie lange genug anschaue, wieder nichts mehr über sie zu wissen, die Hoffnung auf Sinn gleichzeitig aufzugeben und doch zu hegen. Sie helfen mir auch, nicht zu viel zu erfinden. Denn ich glaube, ich muss mich an das halten, was da ist. Denn auch wenn ich erfinde, schützt es mich nicht davor, die Welt so zu erfinden, wie sie schon ist. Und trotzdem bin ich sicher, dass die Welt neu erfunden werden muss – und zwar mit dem, was ist.

Judith Keller wurde 1985 in Lachen am Zürichsee geboren und lebt heute in Zürich. Sie hat Literarisches Schreiben in Leipzig und Biel sowie Deutsch als Fremdsprache in Berlin und Bogotá studiert. Nach Veröffentlichungen in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien erschien 2015 ihre Erzählung „Wo ist das letzte Haus?“ bei Matthes & Seitz als E-Book und wurde mit dem „New German Fiction“ Preis ausgezeichnet. 2018 erschien bei Der gesunde Menschenversand «Die Fragwürdigen».