Katharina Michel-Nüssli «Grossmutters Ikone» – Scheinheilig 2

Ein Heiligenbild baumelte an der Innenseite der Toilettentür. Jedes Mal, wenn sie geöffnet oder geschlossen wurde, schlug das Bild mit einem trockenen Ton, Holz gegen Holz, unregelmässig klopfend an die Tür und verkündete so Kommen und Gehen der verschiedenen Hausbewohner. Die Ikone stammte aus Grossmutters Familienerbe; ihre Eltern waren aus Italien eingewandert und katholisch. Ihr Ehemann hingegen war protestantisch und ein Handwerker mit Sinn für Realismus. Er hielt nichts von diesem Götzenkult, wie er es nannte, darum musste die Muttergottes mit ihrem goldenen Heiligenschein ihr Dasein als Randexistenz fristen. Spöttisch meinte Grossvater, das Bild helfe ihm beim Scheissen. Grossmutter nahm es gelassen. Wenn sie mal «musste», gönnte sie sich eine Auszeit. Sie behauptete, unter Verstopfung zu leiden, deshalb brauche sie etwas länger für dieses Geschäft. Es war der einzige Platz im Dreigenerationenhaus, wo sie sich ungestört fühlte. Nachdem sie ihre Notdurft verrichtet hatte, was nie länger als zwei Minuten dauerte, zog sie ihre Strumpfhose hoch, strich den Rock glatt und setzte sich auf den WC-Deckel. Sie murmelte ein Vaterunser, betrachtete danach die heilige Maria, die bestimmt mehr gelitten hatte in ihrem Leben als sie selbst, und fand so ihren täglichen Trost. Sie lud ihren körperlichen und seelischen Ballast ab, das ersparte ihr die Beichte, nicht aber den gelegentlichen Besuch der Messe. Der Pfarrer war ein sympathischer Mensch, bei seinen Predigten wurde ihr warm ums Herz. Sie wollte ihn aber nicht mit Peinlichkeiten belasten, das hatte er nicht verdient. Gestärkt und erleichtert verliess sie das stille Örtchen und widmete sich dem Tagewerk und den Freuden des irdischen Lebens.

Ihre Enkelin Elly kam oft hoch in den zweiten Stock und verbrachte viel Zeit bei der Grossmutter. Die Knopfsammlung im grossen Konfitürenglas war ihr Anziehungspunkt. Elly holte es aus dem Stubenbuffett. Sie liebte das Geräusch, wenn sie die Kostbarkeiten auf den Teppich leerte. Dieses leise Scheppern, wie ein Wasserfall aus Eissplittern. Sie sortierte die Knöpfe nach Farbe, Form oder Material. Den schönsten gab sie Namen. Mal waren sie Tiere, dann wieder Figuren wie Hänsel und Gretel oder Schneewittchen und die sieben Zwerge. Im selben Möbel wie die Knopfsammlung lagerte die Guetslibüchse. Wenn man nett fragte, lag immer ein Häppchen drin. Und wenn man sich bedankte, vielleicht noch ein zweites.
«Elly, du zappelst so herum», sagte Grossmutter. «Du musst gewiss auf die Toilette.» Natürlich. Es eilte. Gerade rechtzeitig schaffte es die Kleine, die sich nur ungern bei ihrem Spiel unterbrechen liess. Sie hatte die Tür so schwungvoll aufgerissen, dass ihr die Muttergottes direkt vor die Füsse fiel. Schnell machte sie Pipi. Dann nahm sie das glücklicherweise unbeschädigte Kunstwerk in die Hände und versuchte es wieder aufzuhängen. Doch der Nagel ragte für sie unerreichbar hoch aus dem Holz. Elly trug das Bild zu Grossmutter, die ahnte, was passiert war. Sie hängte es an seinen Platz zurück. «Warum hat diese Frau einen goldenen Hut?», fragte Elly.
«Das ist kein Hut, das ist ein Heiligenschein», erklärte die alte Frau. «Nur besonders fromme Menschen haben einen Heiligenschein. Solche, die an Gott glauben und nach seinem Willen leben. Das hier ist die Mutter des Christkindes. Sie hat Gott gehorcht. Darum ist sie heilig.»
«Gibt es denn heute keine Heiligen mehr?», fragte Elly.
«Warum meinst du?»
«Ich habe noch nie jemand mit diesem Goldkranz am Kopf gesehen.»
«Das sieht man eben nicht. Man spürt es nur», versuchte Grossmutter zu erklären. «Komm doch zurück in die Stube. Möchtest du einen Keks?»

Immer an Heiligabend versammelte sich die ganze Sippe bei den Grosseltern. Auf Ellys Wunsch lag das Bild der Muttergottes unter dem Tannenbaum. Schliesslich würde es ohne sie keine Weihnachten geben, war ihre Erklärung. Nach ein paar Liedern wurden die Kerzen angezündet. Eine andächtige Ruhe legte sich auf die Gesellschaft. Elly kniff die Augen zusammen. «Schau, Grossmutter!», rief sie entzückt. «Die Kerzen haben einen Kranz. Sie sind alle scheinheilig!»

© leale.ch

Katharina Michel-Nüssli, 1964, war früher Primarlehrerin, ist heute freiberuflich tätig. Ihr erstes Buch «Sommersprossen und Kondensstreifen» enthält Kurzgeschichten, Miniaturen und Gedichte. Bisher hat sie bei der «Goldenen Schreibfeder» in Bischofszell TG zwei Preise für ihre Texte gewonnen. Der Text «Feierabend» erschien in einer Anthologie. «Heimweg» wurde vom Schulmuseum Amriswil prämiert. Erstmals plant sie ein Schreibprojekt über Kindheitserfahrungen ihres Vaters und seiner Geschwister.

Scheinheilig 1 – 7 sind ausgewählte Weihnachtsgeschichten, prämiert mit einer Zeichnung der Künstlerin Lea Le.

Katharina Michel-Nüssli «Die Rache» – «Tschuldigung» 2

«Tschuldigung», sagte er und verschwand. So zerbrach ihre Teenagerliebe. Jana war siebzehn und hatte ihrem Jugendfreund soeben gestanden, dass sie schwanger war. In diesem Moment zerbrach auch ihre Kindheit, die Unschuld hatte sie schon früher verloren. Als Dorfschönheit war sie es gewohnt, umschwärmt zu werden. Daumen rauf oder runter. Sie bekam, was sie wollte. Die attraktivsten Jungs. Sie hatte viele Neiderinnen. Bereits fühlte sie deren Spott ihren Rücken hinaufkriechen. Ihre Leibesfülle würde sie nicht verbergen können. Die Schule hatte ihr als Treffpunkt und Laufsteg gedient. Dort wurde ihr die Anerkennung zuteil, die sie sich so sehnlich von ihrem Vater gewünscht, und die er ihr ebenso beharrlich verweigert hatte. Mit guten Noten konnte sie nicht brillieren, da fehlten ihr gewisse geistige Fähigkeiten und das Interesse, das sie lieber auf andere Gebiete lenkte wie Mode oder Schwärmereien für die angesagten Film- und Musikgrössen.

Am Ende der Schulzeit fand sie in der nahen Kleinstadt eine Anstellung in einem gut besuchten Café an der Einkaufsgasse. Trotz Überredungskünsten der wohlmeinenden Lehrerschaft mochte sie keine Ausbildung antreten. Es lockten das schnelle Geld und die Selbständigkeit. Der Lohn war mässig, doch besserte sie ihr Gehalt mit Trinkgeldern auf. Ihr charmantes Wesen lockerte manchen Geldbeutel. Dass sie nie einen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte, kümmerte sie wenig. Die Welt lag ihr zu Füssen, besonders in letzter Zeit, als sich ein junger Banker namens Kenny besonders grosszügig gab. Typ Sonnyboy im Anzug. 25 Jahre alt. Eines Tages lud er sie zum Apero ein. Dann zum Abendessen. Dann ins Kino. Schliesslich zu sich nach Hause. So nahm die Geschichte ihren Lauf.

Das Kind wurde geboren, ein süsses Mädchen, wie konnte es anders sein. Rosanna wurde der Grossmutter in Obhut gegeben und wuchs vorwiegend bei ihr auf. Jana verlor ihre vertraglich nicht abgesicherte Stelle. Das Arbeitslosenamt schickte sie in ein Programm für Jugendliche ohne Ausbildung, wo sie rudimentäre Schulkenntnisse aufarbeitete und bald eine Praktikumsstelle in einem Coiffeurgeschäft antreten konnte. Sie stellte sich so geschickt an, dass ihr ein Ausbildungsplatz an selbigem Ort angeboten wurde. Sie sagte zu. Mit der Berufsschule bekundete sie einige Mühe, doch schaffte sie die Lehre und trat hinaus in eine solidere Selbständigkeit als zuvor. Sie zog in eine grössere Stadt und arbeitete im Salon eines renommierten Haarkünstlers. Regelmässig traf sie ihre Tochter, die bereits den Kindergarten besuchte. Am liebsten nahm sie die Kleine an Jahrmärkte und auf Einkaufstouren mit. Ersteres, weil das Kind das Karussellfahren liebte und sich nach Herzenslust mit Zuckerwatte verschmierte, Letzteres, weil Jana sie selber einkleiden wollte. Der Geschmack ihrer Mutter schien ihr zu altbacken. Ihre Tochter sollte sich nicht schämen müssen.

Am Martinimarkt, als Rosanna vergnügt ihre Runden auf einem Einhorn drehte, meinte Jana, an der Glühweinbar Kenny zu entdecken. Seit dem abrupten Abschied hatte sie ihn nicht mehr gesehen, da er fortan das Café mied, in welchem sie damals arbeitete. Auch später gab es keine Begegnungen mehr. «Entschuldigung, wenn ich dich anspreche; bist du Kenny?», hörte sie sich sagen. Befremdet musterte er sie. Er hatte sich verändert. Die Haare schon leicht ergraut und auch nicht mehr so dicht, das fiel ihr sofort auf. Die Augen blau wie eh und je, doch ohne die frühere Leidenschaft. Dass sie sich viel mehr verändert hatte, war ihr nicht bewusst. Rot gefärbte Haare, Side Cut und Piercing in Nase, Zunge und Augenbraue. «Schon möglich», brummte er und wendete sich ab. Seine Kumpane, geschleckte Anzugträger allesamt, schienen sich zu amüsieren. «Seltsamer Frauengeschmack … Nutte …», klang in ihren Ohren nach. Verdammte Aasgeier, dachte sie und suchte ihre Tochter, die schon vom Karussell heruntergestiegen war und weinend nach ihrer Mama rief.

Es ging auf Weihnachten zu, der Salon lief auf Hochtouren. Man brezelte sich auf fürs Fest, der perfekte Haarschnitt musste her. Jana wollte soeben in die Mittagspause gehen, da sah sie ihn. Kenny betrat strahlend das Geschäft und liess sich von Jasmin zum Stuhl in der Herrenabteilung geleiten. Jana stupfte sie an und zog sie hinter das Gestell mit den Pflegeprodukten. «Überlass mir diesen Kunden», raunte sie. «Ich erkläre dir später, warum.» Jasmin zuckte mit den Schultern und liess ihre Kollegin gewähren.

«Bitte den Nacken sauber ausrasieren und oben etwas mehr stehen lassen.» Jana machte sich ans Werk. Obwohl sie es zu vermeiden suchte, begegneten sich ihre Blicke im Spiegel. Sie war sicher, dass er sie erkannt hatte. Umso besser, dachte sie und führte den Rasierer immer weiter hinauf, bis sie seinen Scheitel erreicht hatte. «Was machst du da!», entsetzte er sich. Und weil sie nicht aufhörte, sprang er auf und entledigte sich seines Umhangs. «Das bezahle ich nicht!», empörte er sich und steuerte dem Ausgang zu. Sie stellte sich vor ihn hin und sagte: «Tschuldigung!»

Katharina Michel-Nüssli, geboren 1964, aufgewachsen in Kollbrunn im Tösstal, lebt in Amriswil, verheiratet mit Moritz, zwei ausgeflogene Kinder, Primarlehrerin, Lerntherapeutin, Jobcoach, hat ein Buch mit kurzen Texten «Sommersprossen und Kondensstreifen» geschrieben. Aktuell im Diplomlehrgang Literarisches Schreiben, SBVV, geleitet von Michèle Minelli und Peter Höner. Ich liebe das Lesen, die Natur, die Gerechtigkeit, die Musik und natürlich Menschen, die mein Leben prägen und geprägt haben.

Illustration © leale.ch