Mara Meier „Die roten Sandalen“

Licht schimmert unter der Tür durch. Die Stimmen dahinter sind so leise, dass Nina nicht verstehen kann, was geredet wird. Die Grossmutter spricht mit Tante Lisa. Die meinen, ich schlafe und geben sich Mühe, mich nicht zu wecken, sagt sich Nina.

Am nächsten Morgen kommt Tante Lisa ins Zimmer und zieht Nina die Bettdecke weg. Auf, du kleiner Faulpelz! ruft sie. Die Sonne scheint, komm, wir gehen in den Zoo!

Nina zieht das rote Kleid an, das die Mutter für sie genäht hat. Es ist ihr zu kurz, aber Tante Lisa sagt, es stehe ihr gut. Das Kleid war in dem Koffer, den die Tante für sie gepackt hatte, und mit dem sie einen Tag vor den Herbstferien auf einmal vor der Tür zu Ninas Schulzimmer stand. Sie sind dann mit dem Zug zur Grossmutter gefahren, Nina und Tante Lisa, eine Überraschung, hat die Tante gesagt. Darum hatte sie Ninas Koffer schon gepackt, mit dem roten Kleid darin. Aber die Sandalen hatte sie vergessen. Am nächsten Tag hat sie ihr welche gekauft, glänzend rote, damit sie zum Kleid passen, das die Mutter genäht hat.

Komm schon, ruft Tante Lisa und zieht Nina vom Küchentisch weg, bevor sie ihre Milch ausgetrunken hat. Tante Lisa rennt mit Nina zum Bus. Im Zoo kauft die Tante für Nina einen roten Plüschfrosch, und auf dem Heimweg einen roten Luftballon für Nina. Rot ist Ninas Lieblingsfarbe.

Die Mutter mag Rot auch sehr gern. Doch Blau gefällt ihr noch besser, das weiss Nina. Die Mutter schreibt immer mit blauer Tinte. Königsblau, sagt sie dazu. Nina denkt, dass vielleicht eine Postkarte von der Mutter im Briefkasten liegt, wenn sie vom Zoo nach Hause kommt. Mit dem Meer drauf, oder mit Bergen. Doch sie mag die Grossmutter nicht danach fragen. Die Grossmutter sieht nicht aus, als könnte man sie irgend etwas fragen. Und Tante Lisa ist schon weg.

Einmal war Nina mit Tante Lisa im Park. Sie haben die Enten im Teich mit trockenem Brot gefüttert, und Nina hat gesagt, dass sie mit der Mutter immer die Schwäne am Fluss füttern gehe. Und dann hat sie die Tante gefragt, wo die Mutter sei, wann sie wiederkomme. Tante Lisa hat ihr erklärt, dass die Mutter in die Ferien gefahren sei, das könne Nina doch sicher begreifen, sie sei ja schon ein grosses Mädchen. Eine Mutter brauche auch einmal Erholung.

Nina hat genickt und gedacht, dass Mutter in letzter Zeit immer müde war und gar nicht mehr fröhlich. Nicht wie im Frühling, als sie das rote Kleid für sie genäht und dazu gesungen hat.

Aber warum hatte die Mutter keine Zeit mehr, ihr zu sagen, dass sie fortgeht, keine Zeit, ihr noch einen Kuss zu geben? Sie hat sich nicht getraut, die Tante zu fragen. Vielleicht ist Mutters Zug ganz plötzlich gefahren, oder sie musste schnell zum Flughafen, um den Flieger nicht zu verpassen.

Die Grossmutter hat Fischstäbchen mit Salzkartoffeln und Spinat gekocht. Sie schaut zu, wie Nina isst. Nina zerdrückt die Kartoffeln mit der Gabel zu Brei. Den Spinat isst sie ganz schnell, damit die Grossmutter mit ihr zufrieden ist. Dann muss Nina in den Hinterhof, mit den anderen Kindern spielen. Nina kennt die Kinder nicht, und die spielen nicht mit ihr. Nina geht um den Hof herum und zählt ihre Schritte. Als sie bei dreihundert zweiundfünfzig ist, stellt ihr der grosse, dicke Junge ein Bein, und Nina fällt hin und schürft sich das linke Knie auf.

Die Grossmutter legt ganz schnell das Telefon auf, als Nina in die Wohnung kommt. Sie führt Nina ins Badezimmer. Nina muss sich auf dem Badewannenrand setzen, während die Grossmutter eine rote Schachtel mit Erste-Hilfe-Sachen aus dem Schrank nimmt. Die Grossmutter reibt mit einem Wattebausch eine braune Flüssigkeit auf Ninas Knie. Nina beisst die Zähne zusammen. Dann kommt ein Heftpflaster auf die Schürfung. Die Grossmutter räumt die rote Schachtel in den Schrank.

Als Tante Lisa zurückkommt, schaut sie die Grossmutter fragend an. Die schüttelt ein klein wenig den Kopf. Wahrscheinlich meinen sie, dass ich das nicht sehe, denkt Nina. Sie glauben, dass ich nicht höre, dass sie abends leise miteinander reden. Sie wissen nicht, dass ich das Licht sehe, welches nachts unter der Tür durchschimmert.

Beim Frühstück sagt die Grossmutter, dass Ninas Schulferien bald um sind. Nina denkt darüber nach, ob die Mutter dann endlich zurück ist, wenn sie wieder zur Schule muss, aber sie traut sich nicht, die Grossmutter zu fragen. Die Grossmutter sieht nicht aus, als ob man sie irgend etwas fragen könnte.

Die Grossmutter schickt Nina schon am Morgen in den Hof zum Spielen. Der grosse, dicke Junge ist nicht da. Nina geht rings um den Hof herum und zählt ihre Schritte, immer wieder ringsherum. Wenn sie bis siebenhundert siebenundsiebzig kommt mit Zählen, wird die Mutter heute anrufen. Oder es wird eine Postkarte von ihr im Briefkasten liegen, mit königsblauer Tinte geschrieben, mit dem Meer drauf, oder mit Bergen.

Das aufgeschürfte Knie mit dem dicken Pflaster stört Nina beim Gehen, und so ist sie erst bei vierhundert siebenundzwanzig, als die Grossmutter zum Mittagessen ruft. Es gibt Spiralnudeln mit Hackfleisch und Apfelmus dazu. Die Grossmutter sagt, dass Ninas Mutter das besonders gerne gegessen habe, als sie ein kleines Mädchen war. Dann muss sie plötzlich ins Bad und kommt lange nicht wieder. Nina hört Wasser rauschen. Sie schmuggelt das Hackfleisch von ihrem Teller zurück in die Auflaufform, die noch auf dem Tisch steht. Die Grossmutter sagt nichts, als sie zurückkommt.

Unterdessen hat sich der Himmel verdunkelt; es hat zu regnen begonnen. Im fahlen Licht wirkt das Esszimmer grau. Die Grossmutter sieht müde aus. Sie will einen Mittagsschlaf halten. Nina soll in ihrem Zimmer lesen oder auch ein wenig schlafen.

Nina legt sich aufs Bett. Der Regen trommelt gegen das Fenster. Der rote Ballon, den die Tante nach dem Besuch im Zoo für Nina gekauft hat, hat schon fast alle Luft verloren. Schlapp hängt er neben dem roten Kleid an der Kastentür. Die Sandalen stehen am Boden, der rote Lack ist zerkratzt. Kein Wunder bei all den Runden, die Nina mit diesen Sandalen schon gedreht hat, immer um den Hof herum, laut ihre Schritte zählend.

Nina schläft ein. Als sie erwacht, ist es Abend geworden. Ein wenig Licht schimmert unter der Tür durch. Die Stimmen dahinter sind so leise, dass Nina nicht verstehen kann, was geredet wird. Sie setzt sich auf, zieht die roten Sandalen an und geht zur Tür. Sie macht die Tür auf. Die Erwachsenen verstummen. Was ist los, sagt Nina. Ich will endlich wissen, was los ist.

Mara Meier, 1959 in Zürich geboren, Kindheit und Jugend in der Ostschweiz, wanderte als junge Frau nach Chile aus und arbeitete dort zehn Jahre als Botanikerin und in Kulturprojekten der indigenen Mapuche. Der Name ihres Blogs «kintun» stammt aus der Sprache der Mapuche und bedeutet «(an)sehen / suchen». Seit ihrer Rückkehr in die Schweiz ist sie beruflich in Bibliotheken tätig, beschäftigt sich dabei hauptsächlich mit Alten Drucken (15.-18. Jh.). Mara Meier zeichnet Pflanzen und Landschaften, gestaltet Figuren, schreibt Sachtexte, Glossen und Kurzgeschichten. 2018 Gewinnerin des OpenNet Schreibwettbewerb der Solothurner Literaturtage.

Verena Uetz «Persönliche Betreuung zugesichert»

Alle Jahre wieder im späteren Frühling, ja nicht zu früh, denn das hätte ihm geschadet, trug Gerlinde sorgfältig, beinahe zärtlich, ihren Gartenzwerg ins Freie. Das „Freie“ war ein Stücklein Steingarten vor dem Haus, angrenzend an den Fussweg zum Bahnhof. Nebst Pflanzen die dereinst üppig duften, blühen und sich sanft im Winde wiegen würden, bevölkerte Gerlinde ihr Gärtchen mit Antiquitäten. Ein kleines Steinpferd und der Torso einer Keramikskulptur standen zwischen den Steinen.

„Ach Gerlinde, du hast mir doch schon so manchen Stein in den Garten geworfen, dass ich dir endlich auch einmal etwas schenken möchte“, hatte eine ihrer Freundinnen letzten Sommer gesagt und ihr, sorgfältig in Seidenpapier eingewickelt, einen wunderschönen Gartenzwerg gebracht.
„Er heisst Salomon“, hatte sie schmunzelnd hinzugefügt. „Ich habe ihn in Griechenland gekauft. Mir war sofort klar, dass er in deinen Steingarten gehört.“

Gerlinde kannte viele Leute. Ihr früherer Beruf als Postbotin hatte das mit sich gebracht. Aber auch ihr Wesen. Leutselig, extravertiert, unkompliziert wären passende Bezeichnungen für die umtriebige Mittsechzigerin gewesen. Aber leider auch manchmal etwas zu vertrauensselig und gutgläubig.
Oft war sie unterwegs, um Hilfe jeder Art zu leisten. Sie kochte, kaufte ein für ältere Menschen, schnitt sogar Fingernägel oder verfasste Briefe. Oder sie liess sich begeistern für eine Nistkastenreinigung mit dem ornithologischen Verein.

Von Zeit zu Zeit schloss Gerlinde ihr kleines Haus für ein paar Tage, um auf Wanderungen oder Bergtouren aufzubrechen.
„Das bringt mich oft an meine Grenzen. Aber gerade das ist es, was ich daran so liebe“, pflegte sie zu sagen. Und auch:
„Ich bin halt ein Naturkind.“

Inzwischen hockte Zwerg Salomon einsam zwischen den Steinen, bis Gerlindes Tochter Nadine auf die Idee kam, ihm eine Partnerin zuzugesellen.
„So ist das doch viel besser und schöner. Die Beiden können sich unterhalten und Beobachtungen über die Menschen anstellen, die zum Bahnhof eilen.“

Die traute Zwergenidille dauerte genau zwei Tage, danach waren die Beiden unauffindbar. Gerlinde verstand die Welt nicht mehr. So etwas Unbegreifliches hatte gar keinen Platz in ihrem Welt-und Menschenbild. Sofort wollte sie mit der Suche beginnen. Aber wie und wo? Sie hängte handgeschriebene Zettel auf an manchen Orten im Dorf und war höchst erstaunt und erfreut über deren wundersame Wirkung. Salomon und seine Freundin kamen über Nacht zurück.

Kurz darauf ging es nach dem Schneeballprinzip: nach und nach bevölkerte sich ihr Gärtlein mit ganzen Zwerg-Sippschaften, über deren Herkunft niemand Genaueres wusste. Sie schienen sich wohl zu fühlen und vermehrten sich. Gerlinde war nicht die einzige, die sich darüber freute. Aus ihrem Küchenfenster beobachtete sie gerührt manche Fussgänger, die beglückt oder auch kopfschüttelnd für einen Augenblick stehen blieben.

Dann kam der Tag, an dem die Sache plötzlich eine Eigendynamik annahm und richtig kommerziell wurde.

An diesem nebligen Morgen, es war schon Frühherbst und Gerlinde wollte etwas länger liegen bleiben, schellte das Telefon zu ungewohnt früher Stunde.
„Guten Tag, Gerlinde. Ich bins, Franziska. Wir kennen uns von der Bergwanderung vom vorletzten Sommer. Weißt du noch? Bitte verzeih, dass ich so früh anrufe, aber ich bin in Verlegenheit und vielleicht kannst du mir aus der Patsche helfen.“
„Natürlich gerne, wenn dein Anliegen nicht allzu ausgefallen ist.“
„Doch, leider ist es das und ich traue mich kaum, darüber zu sprechen.“
Nach längerem Drumherum rückte Franziska endlich mit ihrem Anliegen heraus.
„Dürfte ich dir nicht meinen Gartenzwerg in die Ferien geben? Ich verreise für drei Monate. Da stünde er dann so einsam vor dem Haus, dass ich fürchte, er könnte gestohlen werden. Auch wäre er bei dir nicht so allein. Weißt du, seit mein Hund vor zwei Jahren gestorben ist, hängt mein Herz halt an ihm und wenn ich zurück bin hole ich ihn sofort wieder ab. Was sind deine Preise? Ich bezahle gerne auch etwas mehr.“
Gerlinde, schlagfertig und humorvoll erwiderte:
„Natürlich, gerne. Wie heisst er denn und was kriegt er zu essen? Etwa gar eine spezielle Diät?“
„Er heisst Adalbert, das musst du natürlich wissen.“

Das also war die Geburtsstunde von Gerlindes kleinem Nebenerwerb. Am Rand des Steingärtleins, gut sichtbar für die Fussgänger auf dem Weg zum Bahnhof, war seit kurzem eine kleine Holztafel angebracht, deren Inhalt viel heimliches Schmunzeln auslöste und immer weitere neue Kunden brachte. Darauf stand zu lesen:

Ferienheim für Gartenzwerge
Persönliche Betreuung zugesichert
Moderate Preise

Gerlinde hatte nun einen kleinen Kummer. Ob sie wohl die neuen Einnahmen von der Steuer absetzen durfte?

 

Die Beichte     

Müde und mit schmerzenden Füssen von den Strapazen eines langen Stadttages setzte ich mich in die dritte Bankreihe der kleinen Quartierkirche. Es dämmerte früh an diesem Novembertag und schon von weitem waren mir die flackernden Kerzen links und rechts der weit geöffneten Tür aufgefallen, hatten mich angelockt. Ich hatte keine Pause geplant, doch es war Orgelmusik nach daussen gedrungen und hatte mich unwiderstehlich ins Innere gezogen. Da war noch etwas anderes, Mächtigeres gewesen: Weihrauch, Duft aus ferner Kinderzeit. Warm, vertraut, geheimnisvoll.

Dieser Duft hatte mit Leichtigkeit Jahrzehnte übersprungen und klar und deutlich hörte ich  wieder Mutters Stimme, die mir am freien Mittwochnachmittag schon von weitem zugerufen hatte:

„Gut, dass du schon daheim bist. Dein Obermini hat angerufen. Du sollst um halb zwei Uhr in der Kirche sein. Es sei wichtig.“

„Dass ich jetzt nicht mit meinen Freundinnen aufs Eis kann, stört mich nicht, meine alten Schlittschuhe sind mir eh zu klein und drücken mir die Zehen ab.“

Ein Jahr zuvor war ich den Ministranten beigetreten. An der Weihnachtsfeier in unserer Kirchgemeinde war der Wunsch dabei zu sein, erwacht.

Eingekleidet in ein langes weisses Gewand, vorne am Altar stehen oder knien, dem Priester im richtigen Moment bringen, was er gerade benötigt, in die geheimnisvolle Sakristei eintreten und, vor allem, das Weihrauchgefäss schwenken dürfen. Das alles war überaus verlockend gewesen. Doch den Ausschlag gegeben hatte der Weihrauch, dieser unbeschreibliche Duft mit seiner wohligen Wärme und Geborgenheit. Deshalb gehörte ich seit dem Frühling zu den Minis, einer Gruppe von Kindern, die sich auch ausserhalb der Gottesdienste zu allerlei Freizeitaktivitäten trafen, Unterricht erhielten und lernten, was während des Gottesdienstes  zu tun war. Wann stehen, wann knieen, wann kommen und wann gehen. Dabei vom Kirchenvolk geschätzt und geliebt zu werden.

Mutter war stolz auf mich.

Seither betrachte ich mit besonderem Interesse die Weihrauchgefässe, diese kunstvoll gearbeiteten Schmuckstücke, wann und wo immer ich sie erblicke.

Seither?

Es gab auch Aufgaben für uns Minis, die in aller Stille getan werden mussten. Zum Beispiel abwechslungsweise am freien Nachmittag in der spärlich besuchten Kirche die unzähligen Kerzenständer auf dem Altar und zu Füssen der Heiligen vom Wachs befreien und neue Kerzen einsetzen. Diese Aufgabe gefiel mir besonders gut, denn der Weihrauch, der noch seit der Elf-Uhr-Messe über unseren Köpfen waberte, beglückte mich auf unerklärliche Weise. Ich holte die schweren schön dekorierten und leise duftenden Kerzen aus dem Schrank in der Sakristei und begann sie zu verteilen. Manchmal musste ich eine kleine Leiter zu Hilfe nehmen, wenn die Heiligen auf ihren Gipspodesten für die kleine Person, die ich damals war, zu hoch oben standen. Ich staunte, wie viele dieser Statuen an den unterschiedlichtsten Orten im grossen Kirchenraum verteilt waren, und bald wurde ich mit ihnen vertraut wie mit Freunden, mit denen ich mich unterhalten konnte. Anfangs nur zögerlich, doch bald bildete ich mir ein, Antworten zu erhalten, und ich begann  Fragen zu stellen und mein Herz zu öffnen. Die Stunden in der meist leeren Kirche wurden mir unentbehrlich.

Nicht immer war ich allein. Der Priester war nach kurzem freundlichem Gruß in meine Richtung in seinem Beichtstuhl verschwunden und bereit, den wartenden Gläubigen die Beichte abzunehmen. Aus dem Unterricht wusste ich darüber Bescheid und fühlte mich nicht gestört. Ich beobachtete  Menschen, die erregt flüsterten, sich Tränen abwischten und leise, wie sie gekommen waren, wieder verschwanden. Ich verstand ihre Worte nicht, sollte ich auch nicht, spürte aber meist eine gewisse beklommene Atmosphäre und war froh, wieder allein zu sein wenn die Letzten gegangen waren.

Ein Mann mittleren Alters kam öfter. Er dämpfte seine Stimme nicht, schrie sogar manchmal und fluchte, so dass ich mich ängstlich hinter einen der Heiligen flüchtete, mir die Ohren zuhielt und mich bemühte, seine Worte nicht zu verstehen. Denn das wäre Sünde gewesen. Was konnte ich aber dafür, dass ich Dienst hatte, er immer lauter redete, so dass ich schliesslich einzelne Wortfetzen verstand und damit seine düstere Geschichte zu ahnen begann. Worte wie: „nicht zurückhalten“ „immer wieder“ schälten sich heraus. Der Mann faszinierte und verängstige mich zugleich, doch mit der Zeit begann ich absichtlich zu lauschen und konnte nicht mehr aufhören damit. Was ich da hörte, senkte sich als eine Last auf mich, die schwerer und drückender wurde, je öfter ich seiner Beichte zuhörte. Ich war seiner Geschichte verfallen, steckte in der Falle, durfte ich doch mit niemandem über mein Geheimnis sprechen. Auch nicht mit meinen vertrauten Gipsheiligen, die sicher verschwiegen gewesen wären.

Dieses Erlebnis ging nicht spurlos an mir vorbei. Ich wurde immer stiller, bleicher und bald richtig krank. Die Haare fielen mir büschelweise aus und ich wurde schwach, konnte kaum noch stehen und gehen. Keines der mütterlich-kummervoll zubereiteten Süppchen schmeckte mir und ich fror erbärmlich. Mutter holte Ärzte, einen nach dem andern, die mir alle nicht helfen konnten. Ich verlor Gewicht. Natürlich wusste ich selber genau was mir fehlte, musste aber die schreckliche Geschichte für mich behalten. Ein Teufelskreis hatte begonnen und sich über zwei lange Jahre hingezogen.

All das war mir an jenem Novemberabend, durch den Duft des Weihrauchs, so klar wieder vor Augen gekommen, als ob es gestern gewesen wäre.

In meiner Oase der Besinnlichkeit und des Innehaltens, war es plötzlich laut geworden. Es hatten  Vorbereitungen einer Gruppe von Musikanten begonnen, die ein Musical einübten für den Weihnachtsabend. Noch etwas chaotisch, doch es blieb ihnen ja noch viel Zeit bis zur Aufführung. Die vertrauten Melodien hatten meine  Blockflöte von damals hervor gezaubert, und ich merkte belustigt, wie meine Finger begannen, die imaginären Löcher abzudecken und die Melodien mitzuspielen.

Mit der Stille war es endgültig vorbei, aber Irgendwann, erinnerte ich mich, hielt das kranke Kind dem Druck nicht länger Stand, und ich weihte meine Mutter ein. Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben, doch schliesslich gab sie mir den erlösenden Rat:

„Du musst zur Beichte gehen, so rasch als möglich.“

Ein väterlicher Seelsorger nahm mir die Beichte ab. Lange hatte er zugehört, ohne mich zu unterbrechen.

Verena Uetz-Manser ist Musikpädagogin, Familienfrau und Grossmutter. Als Tochter von Gretel Manser-Kupp, Kinderbuchautorin, begann sie schon früh gerne zu schrieben, erst spät auch Gedichte. Verena Uetz-Manser ist Mitglied von femscript.ch und als solche nimmt sie teil am Schreibtisch Winterthur. Veröffentlicht wurde in einer Publikation aus dem Kameru-Verlag: ‹dreiundsechzig›, sporadisch auch in Zeitschriften.

Ulrike Ulrich «Ist sie nicht»

Sie ist die alte Frau, die gegen den Tisch stösst, die den Tisch neben der Theke anstösst, auf dem schon das Tablett mit zwei Tassen und zwei Croissants steht, das Tablett, das sie eben erst vorsichtig abgestellt hat. Sie ist die alte Frau und der Kaffee, der überschwappt, auf das Tablett, über die Croissants.
Sie ist der Moment, das Überschwappen, das nicht zu verhindern war, und der alte Mann, der zusammen gesunken hinter dem Tisch auf der Bank sitzt und zusieht, wie sich das Croissant mit Kaffee vollsaugt. Sie ist das Croissant, das weich wird, und der wacklige Tisch, das Tablett voller Kaffee. Sie ist der Mann, der nicht weiterweiss. Und die alte Frau, die sich umschaut, die Hilfe sucht.
Sie ist die junge blonde Frau, die Servietten bringt, der alten Dame Servietten reicht, die junge Frau mit den einheitlich hellen Haaren, die jedem und jeder sagen muss, dass es den Kaffee heute gratis gibt, wenn man eine Tasse kauft, eine Tasse für 14 Franken. Und der Mann um die 40 ist sie, der keine Tasse will, keinen zusätzlichen Schuss Kaffee und auch keinen Lebkuchengeschmack, nur ein Glas Wasser.
Sie ist der Mann um die 40, der sich umdreht und dann mit seinem Tablett in der Mitte steht, keinen Platz findet, der Mann, dessen Weste zu eng ist, auch das Hemd. Sie ist das Hemd und die enge Weste und der Knopf, der abspringen will, der so aussieht, als wolle er abspringen.
Und sie ist der rothaarige Mann mit der grünen Brille, der aufsteht, einen Platz freimacht, aber auch die Unordnung, die er auf dem Tisch hinterlässt, der Stapel Zeitungen, den der Mann mit der engen Weste nicht entfernen kann, solange er das Tablett trägt.
Sie ist der Moment, als er das Tablett auf den Zeitungen abstellt, sich setzt und aufatmet, ohne dass der Knopf abspringt. Sie ist das Buch, das er sich holt, ein Reiseführer, seine Sehnsucht nach Sizilien ist sie und auch das Buch, das auf dem Nebentisch liegt. Sie ist das Buch und das Bild von der Frau auf dem Buch und der Titel des Buchs ist sie auch. Sie ist die Studentin, die am Tisch nebenan einen Text übersetzt, in den Computer tippt. Und die Freundin, die ihr dabei hilft, ihr gut zuredet. Aber am meisten ist sie die alte Frau am Tisch neben der Theke, die den Kaffee mit den Servietten weggewischt hat, auf deren Tablett die vollgesogenen Servietten liegen und deren Mann vor sich hinkaut.
Und der ältere Mann im eleganten Mantel ist sie, der erst einen Tisch sucht, bevor er sich den Kaffee holt, der da steht in dem eleganten Mantel mit seinem eleganten Gesicht und dem eine Frau einen Platz an ihrem Zweiertisch anbietet. Sie ist diese Frau mit der beigen Wollmütze und den tiefen Falten, die auf den Stuhl gegenüber zeigt, mit einem verlegenen Blick. Und die sich in sich zurück zieht, als der Mann sich lächelnd bedankt, für die Freundlichkeit, und es dann aber doch vorzieht zu warten, bis die beiden Studentinnen aufgestanden sind, die gerade Computer und Bücher einpacken.
Sie ist diese Frau mit der beigen Wollmütze, die einen Schritt getan hat, und der Mann, der versucht so freundlich wie möglich das Angebot abzulehnen. Sie ist der Mann, der den eleganten Mantel über die Stuhllehne legt und dann zur Theke geht, aber noch mehr ist sie die Frau, die aufsteht, noch immer mit Wollmütze, und sich ein Buch holt, die mit einem Buch zurückkehrt, darin liest, als der Mann mit einem Tablett zurückkehrt, auf dem ein Espresso steht.
Sie ist die blonde Frau, die an allen vorbei auf die Personaltür zugeht, schnell, und mit Tränen in den Augen. Und sie ist die Frau am Tisch mit der Kaffeepfütze, die jetzt ein Buch über die Physik der Wunder liest, während ihr Mann eines über Topfpflanzen durchblättert.
Sie ist die Frau, die ihren Namen mehrmals sagen muss, weil sie ihren Kaffee mitnehmen will und weil die Frau mit der rosa Blüte im Haar, die hinter der Theke Bestellungen aufnimmt, den Namen auf den Pappbecher schreiben will, aber den Namen nicht versteht, sie ist die Frau mit der rosa Blüte oben auf dem Kopf, die den Namen nicht versteht und nicht schreiben kann, und die Frau, die einen schwierigen Namen hat, den man nicht kennt, hier in dieser Stadt und in diesem Café, das zur Buchhandlung gehört, in dem man die Bücher mit an den Tisch nehmen darf, und den Kaffee mit hinaus, wenn man einen Namen hat. Sie ist auch der Name, der unverständliche Name, den man mehrmals sagen muss. Und sie ist die Frau, die sagt, dass doch der Name egal sei, die den Namen nicht nochmals wiederholen will, einfach mit dem Kaffee das Gebäude verlassen, und die zierliche Frau mit der rosa Blume, die sich entschuldigt, und die blonde Frau, die wieder aus dem Personalraum zurückkehrt, mit einem angestrengten Gesicht.
Sie ist die elegante Frau mit bordeauxrotem Hut, die an den Tisch des eleganten Herrn, neben der Frau mit der beigen Wollmütze, tritt, und ungarisch spricht, und die Frau mit der Wollmütze, die aufschaut, als der Mann seinen Mantel nimmt und sich freundlich verabschiedet. Sie ist das Bild auf der Zeitung, die der Mann liegen gelassen hat.
Sie ist die Frau mit der rosa Blume, die dem Paar mit der Kaffeepfütze erzählt, wie anstrengend das ist, an so einem Samstag zu arbeiten, von morgens bis Ladenschluss, und der alte Mann, dessen Kinn so aussieht, als würde er immer kauen, als würde er nichts so trainieren wie diesen Muskel. Sie ist die Musik aus dem Lautsprecher und der Schnee vor dem Fenster, sie ist das Kind, das unter den Tisch eines Mannes mit Computer kriecht, am Kabel zieht, sie ist die leichte Bewegung des Computers und die blonde Frau, die wieder Tassen anpreist.
Und die Frau mit der beigen Wollmütze ist sie, die aufsteht und das Buch zurückbringt, das von Legenden handelt. Sie ist der Kaffeegeruch und der Moment, als die Frau mit der Blume das Kaffeepfützentablett abräumt, sie ist die Hand, die sie der blonden Frau auf die Schulter legt. Und sie ist der vergessene Schal drei Tische weiter.

Ulrike Ulrich, geboren 1968 in Düsseldorf, lebt und arbeitet seit 2004 als Schriftstellerin in Zürich. 2010 erschien im Luftschlacht Verlag ihr Debütroman «fern bleiben», dem im März 2013 der zweite Roman „Hinter den Augen“ folgte. 2015 erschien ebendort ihr erster Erzählband «Draussen um diese Zeit».

Webseite der Autorin

Zora del Buono „Death valley coffee shock“

Als ich Rodriguez an der Polizeistation 70 Miles Junction ablieferte, war er schon fünf Stunden tot. Fünf Stunden sind eine lange Zeit bei der Hitze, und deshalb war ich erleichtert, als ich ihn dem Sheriff übergeben konnte. Sie haben einen Kühlraum für solche Fälle. Vielleicht klingt das jetzt ein wenig gleichgültig, aber so ist es nicht gemeint. Rodriguez war mir in den vier Tagen unseres Zusammenseins sehr nah gekommen, ich möchte sagen, wir waren Freunde. Dass ich ihn so schnell verlieren musste, bedauere ich. Und seinen toten Körper durch die Wüste zu chauffieren war grauenvoll, ich bin sicher, ich werde noch in Jahren nachts erwachen und ihn auf dem Beifahrersitz sehen, den Kopf an die Scheibe gelehnt, die kurzen Beine seltsam gestreckt, diesen kleinen Mann mit den langen Haaren, die so kräftig und glänzend waren, dass jede Echthaarperückenfirma ihm einen horrenden Preis dafür geboten hätte. Ich hatte ihm den Hut aufgelassen und auch die Brille nicht abgesetzt, weil er sie im Wachzustand stets trug, eine grün verspiegelte Pilotenbrille, ich weiss nicht, wie er das aushalten konnte, immer dieser Blick auf die Welt durch froschgrünes Glas. Das Kissen mit den Kaffeebohnen hatte ich zwischen die Scheibe und seinen Kopf geschoben, aber es war weggerutscht, so hatte ich es ihm in den Schoss gelegt und seine Hände darauf zusammengefaltet, nicht damit es aussah, als bete er, sondern damit seine Arme nicht herunterbaumelten während der Fahrt, an die in der Hitze schnell einsetzende Totenstarre hatte ich nicht gedacht vor lauter Aufregung.

Rodriguez und ich sind im selben Jahr geboren, 1961. Das stellten wir in der Bar in Veracruz, in der wir uns kennengelernt hatten, schnell fest. Man fühlt sich Menschen des selben Jahrgangs ja auf eigentümliche Weise nah, sogar dann, wenn man aus unterschiedlichen kulturellen Räumen kommt, so wie wir. Rodriguez war Mexikaner, ich bin Schweizer. Ich bin einer von jenen Männern mittleren Alters, die man in der Zürcher Altstadt in den Kneipen herumsitzen und vor den Kneipen herumstehen sieht. Einer von denen, die Zeit im Überfluss haben. Wir sehen einander alle ähnlich, leicht ergraut, die dünner werdenden Haare im Nacken etwas zu lang, die Jeans etwas zu ausgebeult, viele von uns sind Fotografen oder Schreiber oder Künstler oder Handwerker, Instrumentenbauer zum Beispiel. Fast alle rauchen wir. Solche wie mich gab es schon immer; als ich ein Kind war, sahen sie auch so aus, glaube ich mich zu erinnern, sie waren mir nie unangenehm.

T. hatte mich nach monatelangem Hin und Her mit einer SMS endgültig abserviert, der Satz lautete: Ich liebe dich nicht, wie du mich liebst; ich will eine Pause. Das mit den Pausen kennt man ja, das wird nichts mehr. Deshalb war ich nach Mexiko geflogen. Und hatte Rodriguez in der Bar kennengelernt. Ihm ging es an jenem Abend blendend, ganz im Gegensatz zu mir. Er hatte Pläne, bahnbrechende Pläne, und er teilte sie mir umgehend mit. Er wolle in die Vereinigten Staaten reisen, er habe nämlich eine Geschäftsidee. Männer wie ich haben oft Geschäftsideen, in Zürichs Kneipen stehen wir gerne am Tresen, trinken Rotwein und erzählen einander davon. Ich bin also ein grosser Freund von Geschäftsideen. Rodriguez, so erfuhr ich, besass eine bescheidene Kaffeeplantage in den Bergen hinter Veracruz, er war einer jener fünfundzwanzig Millionen Kleinbauern, die die Welt mit Kaffeebohnen versorgen, handgepflückt. Er wolle sich, so sagte er, mit seinen Bohnen von den anderen Bauern abheben, er strebe nach Höherem. Um den Marktpreis – el precio del mercado – eines Produktes anzuheben, müsse es sich von anderen durch eine gezielte Werbemassnahme unterscheiden. Und die fände er in Amerika, im Valle de la muerte, dem Tal des Todes. Ich war beeindruckt. Er wolle sich umschauen, ob er einen abgeschiedenen Platz finde, wo er seine frisch geernteten und gewaschenen Bohnen zum Trocknen auslegen könne. Dann könne er den Kaffee so nennen: Coffea arabica – Valle de la muerte. Die Idee sei ein Knaller, das müsse ich doch zugeben. Es gebe ja auch diesen schottischen Whisky, der über den Äquator geschifft werden müsse, bevor er verkauft werden dürfe. Der sei weltberühmt! Ich war wirklich beeindruckt. Und ich hatte nichts zu tun. Also begleitete ich Rodriguez auf seiner Fahrt nach Norden, drei Tage waren wir quer durch Mexiko unterwegs, ich schlief in mittelmässigen Hotels, Rodriguez auf dem Hotelparkplatz im Auto zusammengekauert, er meinte, er wolle die Kaffeebohnen nicht unbeaufsichtigt lassen. Sein Mazda war in einem beklagenswerten Zustand, zudem roch es darin eigentümlich. Die feuchten Bohnen, erklärte Rodriguez, er habe sie in Kissen und Decken eingenäht, der Grenze wegen. Er wisse nicht genau, ob Kaffeeimport legal sei, er fürchte aber eher nicht. Ich machte mir keine Sorgen, man hat ja in den Wochen, nachdem man verlassen worden ist, sowieso das Gefühl, das Leben sei am Ende angelangt. Es sind irgendwie grossartige Wochen, ich habe sie schon mehrmals durchlebt. Bei Lichte besehen war bislang immer ich derjenige, der verlassen worden ist. Und nie war ich so wagemutig wie in den aufgewühlten Zeiten danach.

Wir kamen problemlos über die Grenze. Ich wedelte mit meinem roten Pass, der Immigration Officer wurde sofort freundlich, murmelte etwas von einem Schweizer Urgrossvater, Amstutz oder so, vielleicht sprach er auch von Amsteg. Rodriguez nahm sogar für einen Moment seine Brille ab. Er hatte goldenglänzende Augen, einen liebenswürdigen Blick. Ich glaube, wir sahen vertrauenserweckend aus. Vielleicht war der Beamte auch nur müde. Auf alle Fälle ging alles sehr schnell, Grenzzaun und illegale Immigranten hin oder her. Von Douglas aus dauerte es weitere neun Stunden, bis wir unser Ziel erreicht hatten: das Death Valley.

Natürlich kannten wir die Geschichten von jenen Leuten, die vom Highway abfahren, um auf Sandpisten durch die Gegend zu holpern und dann verloren zu gehen. Man liest immer wieder davon, Gerippe, die Jahre später aufgefunden werden, Zeichen menschlichen Lebens, Wasserflaschen hinter Kakteen, ein kaputtes Handy, ein zerfledderter Personalausweis, all diese Sachen. Aber, das war ja gerade der Witz an Rodriguez’ Plan: Wir mussten eine möglichst abgelegene Stelle finden, an der er sein zukünftiges Geschäft aufbauen – oder besser gesagt: auslegen – konnte. Wir übernachteten im Amargosa Opera House, ein im Laufe der Jahrzehnte schäbig gewordenes Kulthotel am Eingang des Tals. Die Zeiten der Theateraufführungen unter der Regie einer exzentrischen Besitzerin waren längst vorbei, ausser uns war nur noch ein holländisches Paar zu Gast, sie stritten ausdauernd. Wir wollten früh schlafen, blieben aber an der Bar hängen. Nach ein paar Schnäpsen schlug ich im Scherz vor, wir sollten unsere Testamente schreiben, man wisse ja nie, Klapperschlangen und so. Rodriguez ging erstaunlicherweise sofort darauf ein, rief laut nach Stift und Papier. Echt jetzt?, fragte ich. Klar, sagte Rodriguez. Ich verzog mich an den Tisch mit der Eckbank, dachte kurz nach und setzte T. als Alleinerbin ein. Das war natürlich reine Boshaftigkeit, sie würde zwar rund zwölftausend Franken erben, hätte allerdings auch ungeheuer viel Aufwand mit den zahllosen Kleinigkeiten, die es nach einem Todesfall zu erledigen gab, zumal bei einem unordentlichen Menschen wie mir. Gleichzeitig wäre sie gerührt und würde ihr Leben lang von einem schlechten Gewissen geplagt. Zudem müsste sie sich meine Fotoalben anschauen und würde mich lieben für immer. T. war die perfekte Wahl. Bei Rodriguez dauerte das Schreiben kaum länger. Beide steckten wir die kleingefalteten Testamente in unsere Brieftaschen. Dann ging ich ins Bett und er ins Auto.

Ich kann die Geschichte hier abkürzen. Wir fanden am nächsten Tag nach langer Suche tatsächlich einen geeigneten Platz, weit abgelegen, nicht sandig, nicht steinig, nicht hügelig. Ein flaches Stück Land, im Hintergrund waren kahle Berge zu sehen. Rodriguez stürzte aus dem Auto, breitete Tücher auf dem Boden aus und riss zitternd vor Aufregung seine Kissen und Decken auf. Die Kaffeebohnen, die herauskullerten, sahen anders aus, als ich es erwartet hatte. Blass, gräulich, unspektakulär. Sie waren trocken, aber eben noch nicht sonnengetrocknet. Und die Sonne schien gnadenlos, die Hitze war wirklich grotesk. Wie lange die hier liegen müssten, fragte ich etwas bang, doch Rodriguez schwieg. Er kauerte am Boden, verteilte die Bohnen über die Tücher und streichelte sie liebevoll mit den Händen, manchmal zupfte er ein Resthäutchen ab. Vielleicht war es dieses versonnene Liebkosen, das mich derart rührte, dass ich keine spöttische Bemerkung machte; der Mann liebte seine Bohnen wirklich. Ich setzte mich in den Schatten des Autos und schaute Rodriguez nur zu, beobachtete seine rauhen Bauernhände, die plötzlich unfassbar zart zu sein schienen. Es war still, sehr still. Sämtliche Geräusche fehlten. Einmal blickte er auf und hob glückstrahlend beide Daumen. Sein Business – bisiness, wie er immer sagte – würde funktionieren.

Dann fiel er um. Rodriguez kippte einfach zur Seite. Sein Kopf stürzte auf den ausgetrockneten Boden, vom langen Haar umringt, die Brille hing ein wenig schief. Es kann kein lautes Geräusch gewesen sein, aber mir war, als ob ein Donnergrollen durch das Tal gezogen wäre, eine Art verzögerter Knall, mit einem bebenden Nachhall. Es muss die Hitze gewesen sein oder der Schock, der mein Gehirn anders arbeiten liess. Ich wusste sofort, dass er tot war. Ich schleppte ihn zum Auto und hob ihn auf den Beifahrersitz. Wir rumpelten Ewigkeiten über diese Piste zurück auf den Highway und dann direkt zur Polizeistation. Der Sheriff wunderte sich nicht sehr, ein Herzstillstand in der Wüste ist kein ungewöhnlicher Tod. Ich überreichte ihm die Brieftasche. Erst da erfuhr ich den vollständigen Namen meines Freundes: Ruben Ramón Rodriguez. Ich blickte durch das Fenster und sah, wie zwei Polizisten den Leichnam ins Gebäude trugen. Als ich mich zurückdrehte, sagte der Sheriff: Sie sind also der Alleinerbe? Was bin ich, fragte ich. Der Alleinerbe. Wir müssen das aber erst prüfen, bevor Sie den Wagen übernehmen dürfen. Ich liess mir Rodriguez’ Testament zeigen. Und tatsächlich, da stand mein Name. Und davor: mi fiel amigo. Ich war sehr bewegt.

Nun sitze ich also in dieser Ödnis in einer Polizeistation, warte und friere. Sie kühlen hier wie die Verrückten. Sobald alles geregelt ist, werde ich ins Tal des Todes zurückgehen und die Bohnen einsammeln, hoffentlich finde ich den Abzweig noch. Danach fahre ich nach Mexiko und schaue mir meine kleine Plantage an. Ich werde mit einem Kumpel in der Schweiz telefonieren, dessen Stiefbruder in einem Kaffeeladen arbeitet. Ich werde eine Werbekampagne lancieren und einen neuen Espresso auf den Markt bringen, einen höllenstarken. Er wird Coffea arabica – Valle de la muerte – limited edition Ruben Ramón Rodriguez heissen. Ja, so wird das sein.

Zora del Buono wurde 1962 in Zürich als Tochter einer Schweizerin und eines Italieners geboren. Sie studierte Architektur an der ETH Zürich und an der Hochschule der Künste Berlin und arbeitete als Entwurfsarchitektin und Bauleiterin in Berlin. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern von mare – die Zeitschrift der Meere und war stellvertretende Chefredakteurin. Von Zora del Buono sind in Buchform bisher die Romane „Canitz› Verlangen“ und „Big Sue“ sowie „Hundert Tage Amerika“, Aufzeichnungen einer mehrwöchigen Autofahrt von Neufundland nach Florida, die Tunnelnovelle “Gotthard”, das Baumbuch „Das Leben der Mächtigen“ und zuletzt bei C. H. Beck der Roman „Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt“.

Daniela Danz „Aber heute Nacht treffen wir uns wieder im Waldkasino“

Aber heute Nacht treffen wir uns wieder im Waldkasino und sitzen mit den rußigen Brüdern schwarz im Rauch wie eine Wand kommt der Regen herab in die Senke es geht um die Grenzen die oben auf dem Pass von den Patrouillen abgefahren werden es geht um uns unser Einsatz wird in die Loren verladen und zur Furt gebracht wo tagsüber die Passgänger sich das Wasser über den Schädel schöpfen: es gibt dieses Glitzern von Nähe und Abstand – doch das Kasino ist lang schon zerfallen und wir stehen im Dämmerlicht der Buchen nur um zu sagen: ich weiß nicht was sie hier taten die Köhler die Schmuggler und was aus uns wird wenn die
schwarzen Kübel voll sind mit Laub und Schnee und
selbst nachts das Kasino verriegelt bleibt für zwei die
zu wenig Tricks kannten etwas ins Trockne zu bringen Brombeergestrüpp überwuchert langsam den Boden

Daniela Danz wurde 1976 in Eisenach geboren und lebt in Kranichfeld. Sie studierte Kunstgeschichte und Germanistik in Tübingen, Prag, Berlin, Leipzig und Halle und promovierte über den Krankenhauskirchenbau der Weimarer Republik. Seit 2002 ist sie freiberufliche Autorin und Kunsthistorikerin. Mehrere Jahre arbeitete sie als Kunstinventarisatorin für die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland. 2010 gründete sie die internationale Schülertextwerkstatt svolvi und bekleidet seit dieser Zeit einen Lehrauftrag an der Universität Hildesheim. Daniela Danz ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz und leitet seit 2013 das Schillerhaus in Rudolstadt.

Rezension von „Lange Fluchten“ auf literaturblatt.ch, ein »Roman voller Verzweiflung und Schmerz, in bildhafter, starker Sprache, mit Sätzen die sich tief einbrennen«
(Gallus Frei, Literaturblatt, 06.04.2016)

Bettina Spoerri „An einer steilen Strasse“

Ein paar Cafétische stehen am Strassenrand. Hier sitzt sie und geniesst es, auf die hellen Tischplatten zu schauen, auf denen sich milchigmild die Sonne spiegelt. Es ist heiss. An den Gläsern schlägt sich Wasser nieder. Ein weisser Sonnenschirm und ein hellgrüner Baum werfen Schatten. Am Tisch neben ihr sitzt ein junges Paar. Die übrigens Tische sind leer. Von Zeit zu Zeit gleitet ein Auto vorüber.
Sie blickt die Strasse hinunter.
Ein dunkles Auto nähert sich. Ein Mann fährt es schnell nahe an die weissen Tische heran, hält, lässt das Motorengeräusch versickern, öffnet die Türe, steigt mit einer geübten Handbewegung aus und lässt hinter sich Metall in Metall schnappen: Er weiss sich beobachtet. Er hastet in das Hausinnere.
Sie sieht, wie das Auto durch das Türschlagen in eine sanft wiegende Bewegung versetzt worden ist, wie es langsam und zögernd beginnt, rückwärts zu rollen, lautlos gleitet es die steile Strasse hinunter, immer schneller.
Alles ist still. Sie sagt nichts. Sie ruft nicht. Sie sitzt bei ihrem Glas unter dem Schirm und lässt ihre Augen dem grossen dunklen Gegenstand folgen, der sich entfernt.
In dem Augenblick, da das Auto die erste Kurve nimmt und im Erdboden zu verschwinden scheint – nur das gewölbte Dach ist jetzt noch sichtbar -, kommt der Mann mit zielstrebigen Schritten aus dem Haus, schaut, zögert – rennt los, die Strasse hinunter, dem Auto nach. Seine eiligen Schritte auf dem Asphalt ein trockenes Geräusch: Kurze Schläge auf ein zum Platzen gespanntes Trommelfell.
Schliesslich ist alles wieder still, hell, weiss. Die Eiswürfel klappern leise, als sie das Glas hinstellt. Würde man sie beobachten, könnte man sie nun lächeln sehen. Denkt sie, dass das Auto in einen Baum fahren wird? Oder in eine Hauswand, eine weisse Hauswand – zertrümmert liegt es da. Vielleicht aber rollt es immer weiter die Strasse hinunter, hinter ihm mit langen Schritten der Mann; das Auto nimmt alle Kurven und wartet zuletzt irgendwo auf ihn.
Sie blickt die Strasse hinunter.
Da schiebt sich etwas in den Horizont, von oben nach unten taucht das Auto wieder auf und nähert sich. Etwas langsamer und zaghafter als das erste Mal. Der Mann steuert es auf dieselbe Stelle vor dem Café hin, stoppt, öffnet die Türe und steigt vorsichtig aus. Ein Bein ums andere erscheint. Dann schliesst der Mann die Türe behutsam hinter sich.
Und nun steht das schwarzlackierte Auto schon lange unter der hellen, heissen Sonne und glänzt.

Bettina Spoerri ist in Basel aufgewachsen, studierte in Zürich, Berlin und Paris Literaturwissenschaft, Philosophie und Musik­wissenschaft, arbeitete nach einem längeren Aufent­halt in Israel als wissenschaftliche Assistentin am Deutschen Seminar der Universität Zürich und promovierte zum Thema literarische Todesdarstellungen. Ihre Romane „Konzert für die Unerschrockenen“ (2013) und „Herzvirus“ erschienen bei Braumüller. Bettina Spoerri arbeitet heute als freie Autorin, Filmkritikerin, Kulturvermittlerin und leitet das Aargauer Literaturhaus. Ihr Romanprojekt „Im Wellental oder das Ende der Unschuld“ soll bald zum Buch werden.

Foto: Ayşe Yavaş

Ruth Loosli „Sonntag mit Klee und Sanne“, Gedichte

Allerheiligen

Falls die Toten
toter sind als
angenommen

schlagen die
Krähen lauter mit
ihren Flügeln

und krächzen
heiserer als
erlaubt ist.

 

Ein Mittwoch

Hier stand ein Zug
Und hier ein Haus

Hier wühlen ganz gewöhnliche
Gedanken.

Und da sticht die Forschung
in die Nervenstränge.

Hier stehen Bauarbeiter
mit ihren Helmen

Und begraben ihre eigene
Mahlzeit.

 

Beim Aufstehen im Restaurant

Nachschauen ob Zähne im Mund
Mantel auf Leib
Herz am rechten Fleck.

11.12.2017

 

Das Glück

ist ein gefräßiges Tier.
Es schlägt seine Krallen in meinen
Kopf und vergräbt sich lustvoll in den
Synapsen.
Dann liege ich lange wach und warte auf
den Morgen.

 

Sonntag mit Klee und Sanne

Ein ‚und‘ im Hund
damit er bellt
gefällt.

 

Sonntag mit Klee II

Es hat sich gelohnt
den Mond im Kalb
zu halbieren

und ihn um die Leber
zu drapieren.

 

Man könnte sich

man könnte sich
und den Hunger meiden
und auch das Wild
das sich so nah an die Häuser
traut

so nah an den Häusern
die Stimmen eines Hungers
man könnte sich
meinen mit dem Wild
im Bauch
das sich
so heftig
staut.

 

Ruth Loosli, geboren 1959 in Aarberg (Seeland), wo sie aufgewachsen ist. Sie hat drei erwachsene Kinder und ist ausgebildete Primarlehrerin. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in Winterthur. Sie veröffentlicht in Anthologien und Literaturzeitschriften. Ein erster Gedichtband «Aber die Häuser stehen noch» erschien 2009. Es folgte im Wolfbach Verlag (DIE REIHE, Band 5) 2011 «Wila, Geschichten»; dieser Band wurde mittlerweile auf Französisch übersetzt. Aktuell ist in derselben Reihe im Frühling 2016 der Lyrikband «Berge falten» erschienen.

Titelfoto: Anne Bürgisser

Claudia Schreiber „Die Brautmutter“

​Sie führte die Friseurin zu dem Mädchen ins Badezimmer, schminken und den Schleier am Hinterkopf befestigen, für zehn Euro schwarz, da konnte man nicht meckern. Das Kleid hing auf einem Bügel, bodenlange Spitze aus Polyester, dazu Schmuck, Schuhe, Täschchen, Blumenstrauß, alles war bereit. Make-up bitte dezent, bestimmte sie. Allenfalls getönte Tagescreme mit etwas Puder, Gloss auf den Lippen, die Augen betont. Mehr nicht. Eine gesunde Röte stand einer Braut eh im Gesicht. Sie verließ den Raum. In einer Stunde würde ihre einzige Tochter verheiratet sein.

Es war ein warmer Maitag und sie schwitzte stark, wegen des Wetters, der bevorstehenden Ereignisse oder der Wechseljahre, sie wusste es nicht: Ihre Haare waren regelrecht nass, ihre Frisur zerzaust. Ihre Augen hatten dunkle Ränder. Seit Tagen schlief sie erst nach Mitternacht ein und wachte morgens viel zu früh auf, immer in Gedanken an die Dinge, die noch zu erledigen waren.
Draußen auf der Straße sammelten sich die ersten Gäste, Autos formierten sich zu einem Konvoi, angeführt vom Wagen für das Brautpaar mit einem Blumenbouquet auf der Motorhaube. Die anderen waren an den Außenspiegeln oder Antennen mit weißen Schleifen geschmückt, wie das so üblich war.
Sie atmete schwer, weil der neue Body-Shaper ihren Leib eine Konfektionsgröße kleiner quetschte. Sie musste es aushalten, öffnete das Flurfenster, schnappte erschöpft nach Luft.
Vor zwanzig Jahren waren sie von hier aus in dieselbe Kirche gefahren, auch damals Schleifen, Blumenschmuck, Konvoi. Sie seufzte. Wo war bloß die Zeit geblieben? Da war die Hochzeitsreise nach Tirol gewesen. Gut. Dann die Einschulung des Mädchens. Süß. Drei Jahre später der Lotteriegewinn, das Auto. Krass. Und sonst, so richtig selige Stunden? Sie warf einen Blick in Richtung des Mannes, dem sie ihr Jawort gegeben hatte. Er stand mit zusammengekniffenen Augen hastig rauchend bei den Blumenmädchen, die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt, als wollte er sie jeden Moment wegwerfen. Er zog an der Filterlosen, bis die Glut der Haut gefährlich nah kam. Schaute abwesend, als ginge ihn das alles nichts an. Griff zwischen seine Beine, er fühlte sich offenbar unbeobachtet, trotz der vielen Leute.
Sie schüttelte den Kopf. Für ihn hatte sie sich seinerzeit die Haare hochstecken lassen, in demselben Bad, Schleier am Hinterkopf. Sie durfte gar nicht dran denken!
Dieselben Rituale und Lieder, derselbe Vers aus dem 1. Korinther: „Die Liebe ist“ und so weiter, sogar derselbe Pfarrer. Aufmarsch in zwei Reihen, auch heute würden alle auf Blüten treten, von Kindern gestreut. Willst du, danke, willst du, bitte, bis dass der Tod euch scheidet. Für andere mochte das eine Floskel sein, wenn’s nicht lief, lief’s halt nicht, fertig, aus. Doch bei ihnen daheim nahm man noch ernst, was man in Kirchen versprach. Zum Schluss würde heute das Halleluja gesungen, in der Shrek-Version, Disneyfilm, vom Kinderchor. Hatte sich Mr. Pickel gewünscht. War das einzig feierliche Lied, das er kannte, ansonsten nur Gedröhne.

Ihrer stand damals auf Wolfgang Petry, der mit den Bändern am Handgelenk. Hölle! Hölle! Hölle! Im Bett benahm er sich, als müsste er den letzten Bus erreichen. Sie hätte gern einfach nur dagelegen, damit er sie streichelte. Fünf Minuten hatte er eben so ihre Haut gerieben, dann wurde es ihm zu langweilig. Nach der Geburt der Tochter lief es noch schlechter, die Entbindung war so fürchterlich gewesen, dass sie nie mehr schwanger werden wollte, aber Lust hatte sie doch. Hatte ihm Kotelett mit Bratkartoffeln gebraten und endlich schüchtern gefragt, ob er sie mal untenrum streicheln könnte, sie ist beinahe gestorben vor Scham, aber sie wünschte es sich so, mit der Zunge, wenn’s ging.
Er hatte sie groß angesehen: „Jetzt?“
Mehr links oder weiter unten bitte. Sie fürchtete, dass er es nie wieder versuchen würde. Er war nicht zärtlich genug. Mach es wie ein Schmetterling. Ein Schmetterling, der fliegt. Er mühte sich minutenlang, sie war ihm dankbar, so könnte es klappen! Ein Wohlgefühl schlich sich an, bald, nur ein ganz klein wenig länger. Sie wünschte sich, dass er es mochte, dass es ihm nichts ausmachte, es ihr zuliebe zu tun. Ein letzter Schmetterlingsschlag, dann! Da tauchte sein Kopf zwischen ihren Beinen auf, und er fragte kühl: „Wie lang dauert’s denn noch?“

Sie war in derselben Sekunde aufgesprungen, aus dem Schlafzimmer gerannt, hatte die Tür geknallt und laut geschrien, durchs ganze Haus. Das Kind war wach geworden. Sie hatte es in den Arm genommen, getröstet, seinen süßen Geruch eingeatmet und auf seinen Kopf geweint.
Seitdem war es vorbei mit der Liebe. Er fand eine andere, irgendwo. Hauptsache, die Leute bekamen es nicht mit. Das war Bedingung. Warum hatte eine Frau was mit dem? Ihr Herz war seitdem schwer. Im Hals ein Gefühl, als hätte sie mehrere Knödel verschluckt. Seit Jahren kein Mensch mehr in ihren Armen, bloß tausend Wünsche, die nie über ihre Lippen kamen.

Sie hat alles allein vorbereitet: Torte, Deko, DJ und Spiele. Auf dem Rasen vor dem Festsaal stand der Holzbock bereit, mit einem Stamm, den das Brautpaar gemeinsam zersägen musste. Die Freiwillige Feuerwehr stand Spalier, danach würden sie zum Dank einen Schnaps bekommen, bloß nicht die Flasche vergessen.
Noch fünf Minuten bis zur Abfahrt. Ihre Kopfhaut war inzwischen wieder trocken, sie drückte ihre Frisur mit beiden Händen in Form. Blieb am offenen Fenster stehen. Sie mochte frische Luft, und dennoch hätte sie jetzt gern eine geraucht. Hatte sie längst aufgegeben, der Gesundheit zuliebe, aber die Gier danach war geblieben.
Als ihre Schwiegereltern goldene Hochzeit feierten und die Gäste endlich aus dem Haus waren, saß sie mit der alten Dame im Wohnzimmer auf eine letzte Zigarette. Da sagte die, den goldenen Brautkranz noch im Haar: „Wenn es nach mir gegangen wär, ich hätte ihn schon vor vierzig Jahren verlassen.“
Was für ein Satz: vor vierzig Jahren! Warum war sie um Himmels Willen geblieben? Die Kinder, das Geld. Was würden die Leute sagen. Alle faselten dasselbe.

Ihr war das Gerede nicht wichtig, sie hätte ihn so gern an ihrer Seite gewusst. Als das damals anfing mit seinen Geschichten, was hatte er da für einen Unsinn zusammengelogen! Er müsse ein Klassentreffen organisieren in einer Vorbereitungsgruppe, mittwochabends. Dann später, man plane nun gar gemeinsam eine Reise nach Wien. Die Schulkameraden wussten von nichts, sie hatte sich erkundigt. Ihrem Mann schließlich die Pistole auf die Brust gesetzt, da rückte er damit raus. Es gäbe da eine Arbeitskollegin. Mit ihr hat er gemacht, was sie selbst zu gern erlebt hätte: einen Ausflug an die Nordsee, eine Wanderung am Strand. Wie er es wohl mit ihr tat, auch so hastig? Ihre Schwiegermutter winkte ab: „Vergiss die Männer. Genieß den ungestörten Schlaf.“

Es wurde Zeit. Sie klopfte an die Badezimmertür.
„Wir müssen los.“
„Drei Minuten noch.“
„Was braucht ihr denn so lange?“
Sie lugte hinein. Das Kind war grell geschminkt, die Haare hochgetrimmt wie eine Puppe. Sie war schockiert: „Du siehst aus wie eine Nutte.“
Die Braut verscheuchte ihre Mutter mit ausgestrecktem Zeigefinger: „Das ist meine Sache, raus.“

Sie stand im Flur, zitterte. Sie verlor ihre Tochter an allen Fronten. Wollte weinen, konnte nicht. Atmete flach. Nuttig war sie selbst gewesen. Damals, sie war im dritten Lehrjahr, hatte der Chef ihr angeboten, gutes Geld zu machen nach Feierabend. Ein lieber Mann, graue kurze Haare, schlank und hochgewachsen. Hatte sie oft angelächelt, ihre Schulter leicht berührt und auf Zuneigung gehofft. Zuletzt hatte er bitterlich in ihren Nacken geschluchzt, seine Frau sei krank und er sei doch auch nur ein Mann. Und weil sie so schäbig herumlief, hatte sie tröstend genickt und zehn Mark erbeten. Für jedes Mal.
Er war ein großer Küsser, Zunge minutenlang in den Hals, hin und her. Wollte, dass sie ihn in der Hand hielt, bis er kam, das war´s im Grunde. Als die Eltern ahnten, dass da was lief, war Schluss mit allem. Nicht mal die Lehre hat sie beenden können. Hat geheiratet, Ende Gelände.

Sie holte ihre seidene Stola, legte sie sich um die Schultern und betrat das verwaiste Kinderzimmer. Warmes Holz, natürlich die üblichen Poster und ein Schreibtisch mit Blick in den Garten. Einige Sachen hatte die Braut bereits ins neue Heim geschleppt, der Schrank fehlte, Lampe, Kommode.
Das Kind hatte eben erst ihr Abitur gemacht, beste Noten. Schon vor drei Jahren hatten alle gestaunt, dass sie so gut war in Chemie und so, in Bio und Physik auch. Für viele unverständlich, doch das Mädchen hatte seine wahre Freude dran. Ist zu Wettbewerben gefahren, bis zum Landesausscheid gekommen. Hat sich auch in Englisch gemacht. Beim Elternsprechtag meinte der Lehrer, sie könnte mit den Leistungen ohne Probleme ein Stipendium bekommen, ein Jahr Amerika. Danach wiederkommen, Abi machen und studieren. Naturwissenschaftlerinnen würden händeringend gesucht.
Sie waren stolz, die Oma hatte gestaunt, der Pfarrer genickt. Man hatte bereits Fotos von der amerikanischen Familie in Händen gehabt, wo sie leben würde. Anständige Leute, Jimmy und Susanna aus Milwaukee mit drei Töchtern. Doch plötzlich wollte sie nicht mehr weg.
„Ich hab mich verliebt!“
Und nun heiratete sie den, obwohl sie nicht mal schwanger war.

Draußen hupten die Fahrer, starteten ihre Motoren. Verdammt noch mal, was brauchte die so lange im Bad! Alle warteten auf das Fräulein.
Hat sich für diesen Tag partout runterhungern müssen auf Größe 34, so ein Irrsinn. Hat ihr für Amerika angespartes Geld in das Brautkleid gesteckt. Einmal Prinzessin sein im Leben, mit allem drum und dran.

Sie sah auf die Uhr, jetzt reichte es aber. Sie riss die Tür auf. Die Friseurin packte eben ihre Sachen zusammen, nickte dem Mädchen lächelnd zu und verließ den Raum.
Die Kolonne wartete draußen, hin zum Jawort. Da platzte der Brautmutter der Kragen. Die holte aus, und knallte ihrer Tochter eine links und eine rechts, dass es nur so klatschte. Ein Schrei, die Wangen rot, der Schleier schief, der Haarknoten aufgelöst. Tränen verschmierten das Mascara der Braut.

Claudia Schreiber, 1958 geboren, war Redakteurin, Reporterin und Moderatorin für den SWF und das ZDF, bevor sie Romane, Sach- und Kinderbücher schrieb. Ihre Texte wurden fürs Theater, TV und Kino adaptiert. 2004 erschien ihr Kinderbuchdebüt „Sultan und Kotzbrocken“ bei Hanser. 2014 folgte mit „Sultan und Kotzbrocken in einer Welt ohne Kissen“ die Fortsetzung der Geschichte. Ihr Bestseller-Roman „Emmas Glück“ wurde 2005 u. a. mit Jürgen Vogel und Jördis Triebel verfilmt. Gemeinsam mit Yayo Kawamura realisierte sie das Bilderbuchprojekt „Ich, Luisa, Königin der ganzen Welt“ (2015). 2016 folgte ihr Jugendbuch „Solo für Clara“. Claudia Schreiber wurde u. a. mit dem »Journalistenpreis Entwicklungspolitik« des Bundespräsidenten ausgezeichnet. 2018 erschien bei kein & aber «Goldregenrausch». Sie lebt in Köln.

Rezension von «Goldregenrausch» auf literaturblatt.ch

Foto: Tim Löbbert

Rolf Hermann „Üff nach Gondo“

Vam Donald Trump inschpiriärt, hätt där Büüunnärnämär und Präsidänt va där Helvetischu Vollpfoschtu Partii, där Franz Fondü usum Wallis, ä 10 Meetär hochi Müüru rund um d Schwiiz wällu büübu. Är hät 40 Tonnä Ziägilschteina und 20 Tonnä Beto uf schiinu Gamio gladu und hätt schi üffgmacht, Richtig Gondo. Will är abär ds Navigationsgrät uff dum Bürotisch värgässu hätt, hätt är wädär där Simplopass no Gondo, wädär Domodossola no Mailand gfunnu.

Är isch eifach immär wiitär gfaaru, bis nu schliässli ds Genua ä seer frindlichä, schwaarzä Haafuarbeitär aghaaltu hätt. Beidi hent änandär teif in d Oigä glüegt und hent värlägu glächlu. Dä sindsch gaa z Mittag ässu und hent bischlossu, fär immär zämu z bliibu. Und wasch am friäjiu Naamittag, Arm in Arm, wiidär Richtig Haafu schpaziärt sind, hätt där Franz Fondü gseit: Dass Gondo gaad äso grooss isch, hätti scho nit gideicht. Und där Makélélé Ruppu hätt lachändu gantwoortu: Oi miär isch Natärsch schoo immär ä biz z chlei gsi.

Auf nach Gondo

Von Donald Trump inspiriert, wollte der Bauunternehmer und Präsident der Helvetischen Vollpfosten Partei, der Walliser Franz Fondü, eine 10 Meter hohe Mauer rund um die Schweiz bauen. Er lud 40 Tonnen Ziegelsteine und 20 Tonnen Beton auf seinen Lastwagen und machte sich auf, Richtung Gondo. Weil er aber sein Navigationsgerät zuhause auf dem Bürotisch vergessen hatte, konnte er weder den Simplonpass noch Gondo, weder Domodossola noch Mailand finden.

Er fuhr einfach immer weiter, bis ihm schliesslich in Genua ein freundlicher, schwarzer Hafenarbeiter per Handzeichen bedeutete anzuhalten. Sie schauten einander tief in die Augen und lächelten verlegen. Dann gingen sie gemeinsam Mittagessen und beschlossen, für immer zusammen zu bleiben. Als sie am frühen Nachmittag, Arm in Arm, wieder zurück zum Hafen spazierten, sagte Franz Fondü: Dass Gondo so gross ist, hätte ich nicht gedacht. Und Makélélé Ruppen fügte lachend hinzu: Auch mir war Naters schon immer etwas zu eng.

Vers Gondo

Inspiré par Donald Trump, l’entrepreneur de construction et président de l’Union Démagogique du Centre, le Valaisan François Fondue, voulait construire un mur de 10 mètres de hauteur autour de la Suisse. Il a mis 40 tonnes de briques et 20 tonnes de béton sur son camion pour partir vers Gondo. Parce qu’il avait oublié son GPS à la maison sur la table du bureau, il n’a pu trouver ni le col du Simplon, ni Gondo, ni Domodossola, ni Milan.

Il a simplement continué à rouler jusqu’à Gênes, où un Noir amical, en débardeur, lui a demandé, par signes, avec ses mains, de s’arrêter. Ils se sont regardés droit dans les yeux et se sont souris d’un air penaud. Ensuite, ils sont allés déjeuner et ont décidé de rester ensemble pour toujours. Quand, en début d’après-midi, ils sont retournés au port, bras dessus bras dessous, François Fondue a dit: Je ne pensais pas que Gondo était si grand. Et Makélélé Ruppen d’ajouter, en riant: Oui, pour moi aussi, Naters a toujours été un peu coincé.

Rolf Hermann, geboren 1973 in Leuk, lebt heute als freier Schriftsteller in Biel/Bienne. Sein Studium in Fribourg und Iowa, USA, verdiente er sich als Schafhirt im Simplongebiet. Er ist Mitglied der Mundart-Combo „Die Gebirgspoeten“. Sein Schaffen wurde verschiedentlich ausgezeichnet, zuletzt mit einem Literaturpreis des Kantons Bern (2015). Im Verlag „Der gesunde Menschenversand“ erschien 2017 „Das Leben ist ein Steilhang“, ein sprachlicher Hochgenuss voller Witz und Doppelbödigkeiten!

Tim Krohn «Bäcker am Ofenpass»

Der Ofenpass ist beliebt bei Jungs mit schweren Maschinen. Na ja, nicht nur der Ofenpass, der ist nur einer von vierzig Passstrassen im Umkreis von hundertfünfzig Kilometern, und sommers jagen die Jungs (Was heisst Jungs, das Durchschnittsalter liegt bei 70.) dort gern Rekorde. Deshalb wollte Hein, als er vor einigen Jahren auf der Höhe des Ofenpasses kurz austreten musste, dafür auch nicht extra ins Restaurant, sondern querte, nachdem er die Maschine geparkt hatte, nur eben die Strasse, um sich ins Gebüsch zu schlagen. Dort treffen allerdings gleich so einige Wanderwege zusammen, entsprechend gross war das Geläuf. Während Heins Not immer grösser wurde, folgte er dem dünnsten Weglein und hoffte, recht bald zu einem ungestörten Plätzchen zu kommen. Sein Problem war, dass inzwischen ein grosses Geschäft rief, das hiess den Overall ausziehen, und sowas macht man doch lieber im Privaten.
Nachdem er eine ganze Weile dem Schafsberg entlang gegangen war, entdeckte er in der Bergflanke eine Höhle, die er auch gleich eroberte. Mit herrlichem Blick über die Bündner Alpen gab er seinem Drang nach. Doch schlagartig wurde er dabei todmüde, schlief ein und wachte erst in tiefer Nacht wieder auf.
Es war kalt – er kauerte noch immer mit barem Hinterteil an einen Felsvorsprung gelehnt –, und aus dem Berg vernahm er ein Rumoren. Während er sich noch bemühte, die steifen Glieder zu strecken, sah er sich plötzlich von weissen, matt aus sich heraus leuchtenden Gestalten umringt, Bäckergesellen offenbar. Da blieb er doch lieber hocken und hoffte, dass sie ihn übersahen.
Das schienen sie auch zu tun.
„Was backen wir heute?“, fragte der eine die anderen.
„Schaiblettas“, schlug der zweite vor.
„Wer heizt den Ofen ein?“, fragte wieder der erste.
«Der ist schon heiss“, stellte der dritte fest, „ich muss ihn nur noch öffnen.“ Und während er das sagte, schlug er dem Hein mit einer Brotschaufel ganz unspektakulär die Schädeldecke ab. Jetzt konnte Hein sich überhaupt nicht mehr regen, selbst wenn er gewollt hätte. Und offenbar glomm in seinem Schädel wirklich eine Glut, denn seit jenem Schlag war die Höhle in mattes, rotes Licht getaucht. Er musste mit ansehen, wie die Gesellen in einer Vertiefung im Fels, einer Art Wanne, Mehl, Zucker, Eier und Nüsse mischten, dass es nur so stob, dann formten sie daraus Plätzchen und backten sie dort, wo Heins Hirn sitzen musste.
Das ging hurtig, und der Anblick hatte auch einen gewissen Zauber. Kurz vergass Hein tatsächlich, wie es um ihn stand, stellte wiederum der erste der Gesellen fest: „Genug gebacken für heute. Wer schliesst den Ofen?“
„Ich“, sagte der dritte, schlug Hein – klack! – die Schädeldecke zu, und im selben Augenblick waren sie verschwunden.
Hein wartete noch eine Weile, dann regte er sich behutsam, tastete den Schädel ab, der zu seiner grossen Erleichterung doch heil schien und sah sich um, im Licht des Feuerzeugs. Die Kekse schienen die Gesellen mitgenommen zu haben, das bedauerte er etwas. Doch dann entdeckte er, dass von seinem Geschäft ein warmer Schimmer ausging: ganz offensichtlich war es vergoldet!
Da nun sein Schädel doch tüchtig brummte, kroch Hein kurz aus der Höhle, um sich tüchtig strecken zu können. Dabei sah er, dass die Gegend dicht verscheit war, und noch immer fielen Flöcklein, fein wie Mehlstaub.
Er robbte zurück, schob sein vergoldetes Geschäft in die Tasche und suchte den Rückweg. Der Schnee leuchtete so hell in der Nacht, dass er den Weg gut fand.
Und weil ihm nicht danach war, mit seiner Suzuki 600 auf einer verschneiten Strasse zu fahren, klopfte er den Wirt der Herberge aus dem Schlaf, der schob ihn unkompliziert ins Massenlager ab. Hein war noch ganz aus dem Häuschen, und als er einen entdeckte, der offensichtlich schlaflos lag, ging er zu ihm und erzählte die aufregende Geschichte. Natürlich zeigte er auch sein vergoldetes Geschäft.
„Wenn das massiv ist, bist du ein gemachter Mann“, sagte der andere, nachdem er das Geschäft in der Hand gewogen hatte.
Daran hatte Hein noch gar nicht gedacht. Er schlug den goldenen Klumpen übers Knie, um zu sehen, was geschah. Es zerbrach, und dabei zeigte sich leider, dass es doch nur vergoldet war. Die Stücke rollten unter die Pritschen, es stank gehörig, der andere schimpfte ihn einen Idioten und schlug auf ihn ein, und darüber wieder erwachten die anderen. Zuletzt prügelten sie ihn gemeinsam aus dem Schlafsaal.
Das Ende vom Lied war, dass Hein von da an keine Pässe mehr fahren konnte, sein Hirn blieb überaus empfindlich – sei’s von den Schlägen oder den Ereignissen in der Höhle –, der kleinste Höhenunterschied war schmerzhaft. Liftfahren ging gerade noch.
„Und was lernst du daraus?“, fragte seine Freundin, als er heimkam?
„Was soll ich daraus lernen?“, fragte er zurück. „Von nun an gehe ich eben aufs Klo.“ Aber vor allem ärgerte er sich, dass er sein Geschäft nicht einem Museum übergeben hatte, denn in den kommenden Jahren las er immer wieder von Künstlern, die mit Kacke berühmt geworden waren.

Tim Krohn, geboren 1965, lebt als freier Schriftsteller in Santa Maria Val Müstair. Seine Romane «Quatemberkinder» und «Vrenelis Gärtli» machten ihn berühmt. 2015 veröffentlichte Tim Krohn bei Galiani den hochgelobten Erzählband «Nachts in Vals». Der Auftaktband des ›Menschliche Regungen‹-Projekts «Herr Brechbühl sucht eine Katze» war wochenlang in den Schweizer Bestsellerlisten. Zuletzt erschienen der zweite Band «Erich Wyss übt den freien Fall» und der dritte «Julia Sommer sät aus».

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