Wolfgang Hermann «Ein Mann, ein Bahnhof»

Im Laufe der Jahre wurde sein Sakko zur Beule. Sein Hut war ihm am Kopf angewachsen. Nur selten steckte in seinem Mundwinkel kein Krummer Hund. Seine Augen waren Knöpfe, denen keine Bewegung entging. Es lag wohl an seinem Schielen, daß sein Blick überall zugleich war. Seine Schuhe knarrten meine halbe Kindheit lang hinter meinem Rücken. Tagaus, tagein schlich er in Begleitung seines Krummen Hunds um den Bahnhof herum, redete mit niemandem, sah alles, während dem Krummen Hund darüber das Feuer ausging. Er sah mich durch den Maschendraht klettern und über die Gleise flitzen, sah mich am Bahnhofsbuffet zehn Mannerstollwerk zu einem Schilling kaufen (wenn ich den Schilling genau hatte, konnte mich die Frau am Buffet nicht betrügen), sah mich zurückflitzen über die Gleise und durch das Loch im Maschendraht verschwinden. Unser Haus lag nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt, was mich zum Bahnhofspezialisten machte. Ein Bahnhofspezialist ist zugleich einer für Abreisen und Ankommen, ein Sehnsuchtsspezialist. 

Es mag an seinem Schielen gelegen haben, daß man meinen konnte, er starre einen an, egal wo man auch ging. Wenn ich über die Gleise flitzte sah er mich, wenn nicht er, dann doch sein Krummer Hund.

Es fuhren zwar nur selten Züge ein, aber die Sehnsucht schlief nie. Die Sehnsucht hauste am Bahnhof in Gestalt von einsamen Männern mit dunklen Augen, die als Schatten durch die Bahnhofshalle schlurften. Zwei oder drei von ihnen standen zusammen und sprachen eine rauhe erdige Sprache. In den im Rücken verschränkten Händen wanderten Gebetsketten.

In den Augen dieser Männer spiegelten sich einsame Ebenen unter sengender Sonne. Diese Männer standen anders beisammen. Ein Murmeln war da, ein stummes Zusammengehören, ein gemeinsam getragenes Leid. Diese Männer waren frei, sie hatten ihr fernes Anatolien hinter sich gelassen, doch die Freiheit war größer als sie. Sie gingen am Bahnhof schlurfend in Deckung. 

Wie ein Trabant umkreiste sie der Mann mit den Knopfaugen, dessen Kopf immer schräg stand wie eine Tanne nach verheerendem Sturm. Hinkte er schon immer? Er war in seinen eigenen Schrittkreis eingeschlossen, den er unaufhörlich abschritt. Er war das Glotzermännle, so nannten wir ihn, er glotzte die Welt an, doch die Welt sah nicht zurück, sie übersah ihn, der hier auf dem schäbigen Bahnhof in Deckung ging. Er schritt seinen Kreis mit der verzweifelten Geduld eines Menschen ab, dessen Zeit in sich zusammengebrochen ist. Es hieß, er warte auf seinen Sohn, der aus dem Krieg nicht nach Hause gekommen war. Der Krieg, das war die gefrorene Zeit selbst, der Krieg am Ende der Zeit.

Sein Schritt grub sich mit jedem Jahr tiefer ein, er hinkte davon immer stärker. Das Knarren seiner Schuhe kündigte ihn an, er sagte kein Wort, niemand wußte, ob er sprechen konnte. Sein Blick war eng wie eine dunkle Röhre, aus der er nie mehr herausfinden würde.  

Der Bahnhof war die Zone der Freiheit, die keiner ertrug. Von der Bahnhofstraße wehte es die Jahre heran, es trieb sie durch die gelbgekachelte Bahnhofshalle hindurch und hinaus auf die Gleise ins Nichts. Die Körper der Männer boten dem Wind keinen Widerstand, sie hatten ihr Leben irgendwo zurückgelassen, das nun ohne sie zurechtkommen mußte. Die Männer hatten ihre Gebetsketten, sie hatten ihre Erinnerung an eine sonnenverbrannte Steppe, und sie hatten die Körper der anderen, sie waren gemeinsam ein Körper der Sehnsucht und der Freiheit, die ein Stück zu groß für sie war. Irgendwann würde ein Zug sie von hier fort bringen, sie würden turmhoch beladen in ihr stilles Dorf zurückkehren, wohin sie nicht mehr gehörten, doch sie wären damit nicht allein, es würde andere geben, die ein ähnliches Schicksal hatten, die auf Arbeit in ein kaltes abweisendes Land gefahren waren, jung und ahnungslos, und deren Schläfen über der Nichtzugehörigkeit ergraut waren. Doch sie wären eine Gruppe, ihr Los hatte einen Namen, ihr Dorf hatte einen Namen, und es gab Vettern, Söhne und Frauen, die einen Namen trugen. Sie hätten die Kraft dem Bahnhof zu entkommen, denn sie kamen von irgendwo her, ihre Gedanken hatten ein Ziel, und was sie dachten bildete aus ihnen eine Gruppe. Ihre Frauen würden kommen, ihre Söhne würden ihre Rücken beim Gleisbau krümmen, und die Kraft ihrer Söhne würde sie mit Stolz erfüllen. Sie würden andere Männer treffen und Fotos tauschen, und mit Hilfe der Fotos würde ein Eheversprechen gegeben, junge Frauen würden kommen aus dem Dorf in der sonnenverbrannten Ebene. Die Kinder der Frauen auf den Fotos würden mit gelgestärktem Haar am Bahnhof Zigaretten kaufen, doch sie würden den Bahnhof nicht verstehen wie ihn ihre Väter verstanden. Sie würden den Gesang der Gleise nicht hören, denn sie hätten keine Zeit für die Leere und den Wind des Nichts, der über die Gleise weht.

Der hinkende Mann mit den Knopfaugen wurde schräg wie eine einsame verwitterte Tanne. Generationen von Fahrschülern stürmten johlend an ihm vorbei zu den Zügen. Wenn sie fort waren, wehte er noch, der Wind des Nichts. Auch die Unterführung konnte den Wind nicht vertreiben. Es wurde viel gebaut um den Bahnhof. Das alte Wirtshaus gegenüber, das kein Einheimischer mehr betrat, seit es den Männern mit den traurigen Augen gehörte, wich einer Wohnanlage. Die Bushaltestelle wurde zu einem Kompetenzzentrum für intelligente Verkehrsmittel. Man bemühte sich redlich, aus der Bahnhofstraße den Wind des Nichts zu vertreiben, umsonst. Der Wind der Leere weht zwischen den neuen Menschen hindurch, die dort gehen und nicht wissen, warum ihr Schuh nicht recht Boden findet. Selbst die Altdeutschen Stuben durften endlich verschwinden. Man versuchte mit intelligenter Architektur das Beste gegen den Wind der Leere. Aber der Wind kommt aus dem Innern der Jahre, er weht auch ohne daß ihn einer versteht.

Irgendwann haben die knarrenden Schuhe das Glotzermännle nicht mehr getragen. Irgendwann hat auch das Holz dieser Tanne nicht mehr gehalten. Keiner raucht am Bahnhof einen Krummen Hund. Keiner sieht alles und hält es zusammen, indem er es sieht. Es findet sich keiner mehr für diese Arbeit, von der keiner begreifen würde, daß es sie gibt. Man hat den Bahnhof umgebaut. Es gibt ein Servicecenter. Es gibt Bildschirme, die von ankommenden und abfahrenden Zügen berichten. Man hat die Bahnhofshalle gründlich gesäubert. Es ist kein Platz mehr für die Kollegen von der alkoholischen Flasche, die früher allen Platz für sich hatten. Sie haben es mit ihrem Gestank erledigt, ganz einfach. Wer mehr stinkt, der hat seinen Platz. Über dem modernen Polyester ist sogar den Flaschenmännern die Lust zu stinken vergangen. Von denen hat sich auch das Glotzermännle fern gehalten. Die bildeten eine eigene grausame Welt, unberührt von den anderen. Die Männer mit den Gebetsketten hatten eine traurige Würde. Sie tranken nie. Sie murmelten. Ihre Augen sprachen. Und sie hatten eine Heimat, wenn es auch nur eine verbrannte Sonne war. Die Flaschenmänner hatten nichts als gemeinsames Geschrei aus violettgesoffenen Gesichtern. Und sie zelebrierten ihren Gestank als ihr höchstes Gut. Ihr Gestank war ihre Waffe.

Der hinkende Mann ohne Sprache hatte seinen eigenen Kreis, der sich durch die Jahre drehte. Dieser Kreis hatte keinen Grund und kein Gedächtnis. Er hatte vergessen, weshalb er sich drehte. Er hatte keinen Anteil an der Freiheit der Gleise, sein Leben war klein, es bestand aus Schritten, deren Sinn irgendwo da draußen in der Welt verloren gegangen war.

Wolfgang Hermann, geboren 1961 in Bregenz, studierte Philosophie und Germanistik in Wien. Lebte längere Zeit in Berlin, Paris und in der Provence sowie von 1996 bis 1998 als Universitätslektor in Tokyo. Zahlreiche Preise, u. a. Anton-Wildgans-Preis 2006, Förderpreis zum Österreichischen Staatspreis 2007; zahlreiche Buchveröffentlichungen, unter anderem „Abschied ohne Ende“ (2012), „Die Kunst des unterirdischen Fliegens“ (2015) und „Herr Faustini bleibt zu Hause“ (2016). Bei Limbus: „Paris Berlin New York“ (erstmals erschienen 1992, Neuauflage 2008, als Limbus Preziose 2015), „Konstruktion einer Stadt“ (2009) und „Die letzten Gesänge“ (2015).

Rezension zum Gedichtband «Schatten auf dem Weg durch den Bernsteinwald» auf literaturblatt.ch

Webseite des Autors

Sylvia Steiner «Wenn Buchstaben zusammenstehn», Gedichte

die strickarbeit
abgebrochen
mitten in der
angefangenen nadel

der kleine vogel
auf dem asphalt
flaches dürres blatt
mit zwei stielen

wäre der tod doch
eine mächtige glucke
die unter ihre fittiche
nimmt was
der bergung bedarf

 

märz

auch wenn die schafe
den schnee wegscharren
und überall farbe
austreibt
wäre die welt ohne dich
nur ein schirmbild

 

schutz

rot das blut des märtyrers
in der glasampulle
es verspricht den menschen
schutz
vor der natur

rot die letzten korallen
im meer
wer verspricht ihnen
schutz
vor den menschen

 

«schutz», unveröffentlicht, erscheint nächsten Frühling in meinem neuen Lyrikband beim Wolfbach-Verlag, Zürich
die strickarbeit,  aus Band «eine andere geografie»
märz, aus Band «wenn buchstaben zusammenstehn»

Sylvia Steiner, geboren 1937 in Basel, lebt in Winterthur. Sie veröffentlichte die Lyrikbände wenn buchstaben zusammenstehn (2003) und eine andere geografie (2010), ihre Gedichte erscheinen in Literaturzeitschriften und Anthologien.

Rebecca C. Schnyder «Gewitter nach dahin»

Man fühlt sich nicht unbedingt fremd, da wo man gerade ist und doch denkt man für sich, dass man sich auch nicht unbedingt wie zu Hause fühlt, da wo man gerade ist. In diese Gedanken dann mischen sich Bilder, Bilder von früher und damals, Bilder vor dem inneren Augen, dem Innenauge; leicht verzerrt sieht man also vor dem Innenauge Bilder und denkt sich, ob das, was auf diesen Bilder ist wohl dorthin gehört, wo man sich zu Hause fühlt. Diese Bilder sind grün und braun und man denkt sich, das also sind sie, die Farben von damals, die einen nicht verlassen haben, und die noch immer gespeichert sind, da drinnen, tief drinnen in einem selber. Und man sieht auf diesen Bildern Umrisse von Hügeln und Gestalten, erahnt die Formen und denkt sich, das also sind sie, die Formen von damals – auch sie haben einen nicht verlassen.
Und genau in diesem Moment, in dem man sich dies alles fragt und dies alles für sich denkt, da zuckt der Himmel, genau in diesem Moment türmen sich Wolken auf, als wollen sie ein Turm bauen da oben im zuckenden Himmel. Und man erschrickt sich ein wenig, weil es so laut ist und so plötzlich, so plötzlich und laut eben, dass man sich erschrecken muss, gar nicht anders kann als sich zu erschrecken. Doch es ist kein böses Donnern und Grollen, das man hört und ab dem man sich erschreckt hat, schon gar kein unheimliches geschweige denn ein bedrohliches, es ist lediglich ein Donnern und Grollen, das sich seinen Weg gebahnt hat bis zu einem, bis dahin, wo man gerade sitzt oder liegt oder steht. Und es ermahnt einen, es gebe noch diesen Ort, diesen Ort gebe es doch, der einen jetzt rufe mit Wolkentürmen und zuckendem Himmel; es ist der Ruf nach dahin, dem Ort, wo man früher war und dachte, das ist es, hier dieser Ort, hier will man sein und bleiben, hier zu diesem Ort gehört man.
Und trotzdem man das wusste ging man weg, irgendwann dann eben doch weg, weil es könnte ja doch noch andere Orte geben und vielleicht gibt es woanders einen Ort, zu dem man sogar noch mehr gehört. Aber man zögert keine Sekunde damit, ihm zu folgen, diesem Ruf, der einen plötzlich ereilt und man braucht nicht zu fragen, wo er ist, dieser Ort, weil ehe man sich versieht, ist es lauter zu hören; das Donnern und das Grollen über dem Kopf und man sieht einen zuckenden Lichtstrahl quer über den Himmel, der wie zufällig die Richtung anzeigt. Und man muss nicht rennen, nicht hasten, gar darob stolpern, nur folgen diesem Ruf der ruft: Hier, komm, hier, hier ist dein Ort.
Und anstatt dass man im Gewitter den Kopf einzieht, streckt man ihn hoch, hoch in den Himmel und zwar so hoch, dass man ihn plötzlich in den Wolken hat und darüber und runter schaut auf die eigenen Füsse, die weit unter einem über grüne Hügel dem Ruf folgen. Man denkt nicht, muss nicht nachdenken, denn es läuft automatisch, die Füsse und alles was dazu gehört laufen ganz automatisch.
Unten sieht man bald Kühe, klein und braun, so braun wie die Häuser, die ebenfalls klein im Blickfeld von hoch oben aus dem Himmel stehen und zwar nicht angeschmiegt an die Hügel sondern thronend auf deren Kuppen. Sie sagen Hallo hier bin ich und auch wenn ich alt bin und klein und in deinen Augen nichts Besonderes, ich stehe hier, werde stehen bleiben, thronend auf der Kuppe der Hügel. Und mit dem Kopf oben in den Wolken sorgt man sich um diese kleinen Häuser auf ihren Kuppen mit ihrem altehrwürdigen Braun, das nur zum Schein unscheinbar ist, weil dahinter sich ja Geschichte verbirgt, nicht nur Geschichte sondern auch Geschichten, von Menschen, die einst gewohnt haben in diesen alten und kleinen Häusern; Geschichten von Menschen, die darin gewohnt haben und gelebt, die darin gelacht haben und manche wohl auch geweint. Und so sorgt man sich weil man den Kopf in den Wolken hat mitten im Donner und Gewitter und deshalb weiss um die Blitze, die sich noch immer wie zuckende Lichtstrahle, manche wie Lichtgestalten gar, quer durch den Himmel ziehen und nicht nur das, sondern sich zuweilen auch frech dem Boden nähern, der Erde, ebendieser auf welcher die braunen Häuser auf den Hügeln thronen.
Und dann, auf einmal hört man da oben mit den Ohren voll Wolken und Nass und Regen ein paar Töne, Klänge viel mehr und denkt sich ob das wohl die gleichen sind wie damals, früher, als man noch viele solcher Klänge hörte in dieser Gegend; und dass man irgendwann keine solche Klänge mehr gehört hat, hat nicht daran gelegen, dass es keine mehr gab, hier in dieser Gegend, sondern dass man selber weg war, also nicht mehr in der Gegend, ortsfremd und ortsfern geworden war, und solche Klänge nur mehr im leichten Schlaf gehört hatte, sozusagen im Traum obwohl die Tiefschlafphase nicht erreicht war. Denn so fein sind die Klänge, dass sie da nicht durchkommen, durchdringen, nicht so weit hinein reichen wie in die Tiefschlafphase in der normalerweise die Träume einen ereilen. Und so fragt man sich, ob man wieder träume, einen dieser Leichtschlaf-träume, das fragt man sich wenn man sie plötzlich wieder hört, diese Klänge. Bis man sie aber hört, immer deutlicher, mehr und lauter und weiss, dass kann kein Leichtschlaf-traum sein; nein sie sind da in aller Wirklichkeit, sie schwingen und klingen und finden das Ohr auch im Regen und durch die Wolken, Klänge, die sich gegenseitig suchen und finden, sich übereinanderlegen und einander folgen, Klänge aus Mündern, die sich im Kreis formieren.
Und so will man sich bücken, den Kopf aus den Wolken ziehen, gestrengter hinhören, mehr erhaschen von diesen Klängen, die drinnen im Innenohr, im Drinnenohr gespeichert waren trotz Ortsfernheit; trotz dessen dass man das Weite gesucht hatte, wortwörtlich die Weite, die Ebenen, die Durchatmungslandschaften in denen keine Erhebung den Blick aufhält. So lange hatte man dies Weite gesucht bis es gefunden war um dann doch zu denken: Ach, wie wäre es schön es gäbe eine Erhebung, ein Hügel oder Berg, die den Blick aufhalten würde.
Und während dem gestrengten Hören, dem Erhaschen dieser Klänge, Klänge, die einen Erinnerungsschleier lichten, lichten sich auch die Wolken, der Dunst vom Regen und man erhascht nicht nur die Klänge sondern auch den Blick auf einen Berg. Ein Berg, den man doch kennt, so denkt man für sich, einer wie es ihn nur einmal gibt und wie man ihn unter allen Bergen wiederfinden würde, ganz gleich wo und unter welchen Bergen. Und während man ihn betrachtet diesen Berg durchfährt es einen; es durchfährt einen mit der Gewissheit ob der eigenen Naivität und man lacht leise in sich hinein, über sich selber lacht man leise in sich hinein, dass man so naiv war und woanders gesucht hatte.
Und während man lacht, leise in sich hinein und über sich selber, ja während man also so lacht und gleichzeitig läuft, ganz automatisch läuft, währenddessen schickt man seinen Blick an den Berg und denkt, gut, dass es ihn gibt. Diesen Berg, um den man so froh ist, glücklich auch, ihn zu sehen, wieder zu erblicken, und zwar so sehr, dass man ihn gern aufgreifen möchte, einpacken, einstecken und zwar in die Hosentasche, um sich an ihm zu erfreuen ganz heimlich, noch mehr aber um ihn zu jedem Zeitpunkt aus der Tasche nehmen zu können, vor sich aufzustellen und einen Blick darauf zu werfen, auf diesen Berg, der Erinnerungsschleier lichtet. Dann aber mahnt einen das Donnern und Grollen – dieser Ruf – daran, nirgendwo hin zu gehen, wo man ihn bräuchte, diesen Berg in der Hosentasche, weil man doch da ist, wo er steht, im Original, gross und verankert; dass man da hingehen soll, und ebenso da bleiben soll, wo es nicht nötig ist, den Berg aus der Hosentasche zu nehmen, weil er ja vor einem steht, original, gross und verankert.
Und dann, ganz langsam, schleichend sogar verziehen sich die Wolken und die Türme und man realisiert, dass auch das Donnern und Grollen ein Ende nimmt, gar schon genommen hat, dass man kein Donnern und Grollen mehr im Ohr hat und auch keinen Regen im Auge oder auf den Füssen, sogar wieder über trockene Hügel läuft. Wenn also das Donnern und Grollen aufgehört hat, denkt man sich dann, oder fragt sich vielmehr, ob also der Ruf zu Ende ist, weil man da ist, wohin es einen gerufen hat. Und man schaut umher und sieht so viel Grün in all seinen Schattierungen, ein Grün, das sich hervortut unter den Wolken, die letzten Wolken sogar vertreibt und weil es sich so vertraut anfühlt, dieses Grün zu sehen und mehr noch, es unter den Füssen zu haben, kommt man nicht umhin zu lächeln. Denn wenn es also so ist, dass der Ruf zu Ende ist, dann bedeutet das, dass man wieder da ist; an dem Ort, der zu einem gehört und an dem Ort, zu dem man selber auch gehört.
Dann lächelt man also und sucht das passende Wort für diesen Ort und freut sich über den Reim, aber sucht dann weiter und man lächelt noch mehr, strahlt sogar, lacht auch laut vor Freude und etwas Schalk, weil man es gefunden hat, das Wort. Und man lacht weiter, ganz laut und sogar immer lauter und ist froh, dass man ihn wieder gefunden hat, diesen Ort, wieder hierher gefunden hat, nicht nur das sondern auch ein Wort gefunden hat für ihn, diesen Ort und denkt für sich, zum Glück bin ich gefolgt, diesem Donnern und Grollen, das mich ereilt hat, zum Glück bin ich gefolgt diesem einen Ruf, diesem Ruf nach Heimat, zum Glück.

Rebecca C. Schnyder, 1986 in Zürich geboren, lebt und arbeitet als freie Autorin (Drama/Hörspiel, Prosa) in St. Gallen. Für ihre Arbeiten erhielt Rebecca C. Schnyder mehrere Auszeichnungen, unter anderem den «Preis für das Schreiben von Theaterstücken» der Schweizerischen Autorengesellschaft, den Jurypreis am Autorenfestival SALZ! am Theater Lüneburg, den Publikumspreis am Autorenwettbewerb der Theater Konstanz und St. Gallen und zuletzt den Förderpreis der St. Gallischen Kulturstiftung. 2013/2014 war Rebecca C. Schnyder Teilnehmerin am Dramenprozessor am Theater Winkelwiese in Zürich und wurde mit «Alles trennt» zum Heidelberger Stückemarkt 2015 eingeladen (verteten durch Hartmann&Stauffacher Verlag). Seit Februar 2016 ist der Debütroman «Alles ist besser in der Nacht» im Buchhandel erhältlich (Dörlemann Verlag, 2016, Zürich).

Arja Lobsiger «Das grüne Haus»

Sina hat also recht gehabt: Hier am Ende eines Forstwegs befindet sich das grüne Haus. Es steht leicht schief, als wolle es sich an einen der Bäume lehnen. Ich schätze, es ist etwa fünfzig Quadratmeter gross und hat Baujahr siebenundsechzig. So genau weiss ich das natürlich nicht. Aber ich mag es, Dinge mit Zahlen zu beschreiben. Immer wenn ich jemand kennenlerne, überlege ich als erstes, wie alt und gross diese Person ist. Ist es eine unsympathische Frau, schätze ich, wie schwer sie ist. Es hat sich schon oft später herausgestellt, dass ich richtig lag. Wind rauscht durch die Bäume. Ich fühle mich beobachtet.
Das rostige Gartentor quietscht, als ich es öffne. Unsicher schaue ich mich um. Eine Amsel raschelt im Laub. Ich frage mich: „Warum braucht es mitten im Wald ein Gartentor?“ Wahrscheinlich war es früher ein Wochenendhaus für Städter, die nicht von ihren Gewohnheiten abweichen konnten. Aber jetzt wohnt hier Jannik. Um den Garten hat er sich bisher nicht gekümmert. Es ist ein Wald im Wald. Das Haus sieht nicht bewohnt aus. Hat sich Sina vielleicht doch geirrt? Dann entdecke ich neben der Tür den blauen Aschenbecher. Er überquillt vor Kippen.
Fünfhundertdreiundsiebzig Mal habe ich in den vergangenen Jahren diesen blauen Aschenbecher, der auf unserem Balkon stand, geleert. Ich hasse Zigarettengestank, aber geküsst habe ich Jannik trotzdem. Auch wenn ich zu Beginn unserer Beziehung behauptet hatte, ich würde ihn nicht küssen, wenn er geraucht hat. Damals habe ich gedacht, mich damit interessant zu machen. Unbemerkt hat sich dann mein Bestreben, interessant für Jannik zu sein, davongeschlichen.
Ich trete näher ans Haus heran und schaue durchs Fenster neben der Tür. Ich weiss, Jannik ist nicht da. Ein Anruf in seinem Büro hat genügt. Trotzdem habe ich das Gefühl, seinen Blick auf meinem Rücken zu spüren. Durchs Fenster kann ich nicht viel erkennen, weil es im Haus dunkel ist. Aber ich sehe einige vertraute Möbel.
Ich lege die Hand auf die Türklinke, zittere leicht. Meinen schnellen Herzschlag spüre ich im ganzen Körper. Ich versuche, mich daran zu erinnern, weshalb ich hergekommen bin. Tatsächlich gibt mir das die nötige Entschlossenheit. Ich drücke die Klinke. Die Tür öffnet sich. Typisch Jannik. Trotzdem bin ich überrascht.
Im Haus ist es kühler als draussen und es riecht nach Schatten und Laub. Der Holzboden knarrt. Auf dem Tisch steht einsam eine Tasse. Etwa ein Deziliter Kaffee ist noch drin. Mir fällt auf, dass es der Rest eines Milchkaffees ist. Jannik aber trinkt seinen Kaffee schwarz. Er sagte immer: „Schwarzer Kaffee passt zu meinem Humor.“ Die Wahrheit ist, dass er eine Laktoseintoleranz hat. Was mich nicht erstaunte hatte, als er es mir erzählte. Janniks Haut ist weiss und weich wie Vollrahm. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie der Körper das Verhalten des Menschen regiert.
Ich nehme einen Schluck aus der Tasse. Der Kaffee schmeckt sauer und ist kalt. Ich suche den Tassenrand nach Spuren von Lippenstift ab. Nichts. „Vielleicht hat Jannik für sich laktosefreie Milch gekauft?“, überlege ich weiter. Aber das kann ich mir nicht vorstellen. Jannik ist ein Alles-oder-Nichts-Typ. Das wird sich nicht geändert haben, trotz Umzug in den Wald. Auch dazu, bin ich überzeugt, hat ihn diese Lebenseinstellung getrieben. Gleich zu Beginn unserer Beziehung hat er gesagt: „Solange wir es gut zusammen haben, bleibe ich bei dir.“ Den Folgesatz hat er zwar nie ausgesprochen, aber ich weiss, dass dieser für ihn viel wichtiger gewesen ist.
Ich bemerke, dass ich mich am Griff der Kaffeetasse festklammere und meine Knöchel schon ganz weiss geworden sind. Gerade als ich die Tasse wieder an ihren Platz zurückstellen will, entdecke ich den Kaffeering auf dem Tisch. Ich stelle sie nicht mehr dorthin zurück.
Die zwei Holzstühle haben wir gemeinsam gekauft. Zwei gleiche Holzstühle stehen in unserer alten Wohnung. Über der einen Stuhllehne hängt Janniks blaue Trainingsjacke.
An der Wand steht ein altes Ledersofa, auf dem eine zusammengefaltete Militärwolldecke liegt. Unsere Sofadecke hat er nie so ordentlich zusammengefaltet. Mir ist etwas schwindlig und ich zittere. Ich versuche, mich zu beruhigen und rede mir ein, dass es wegen der Kälte ist.
Das Klingeln eines Telefons durchbricht die Stille. Erschrocken öffne ich die Augen, schaue mich um und fühle mich ertappt. Das Klingeln ist laut und schrill. Ich habe das Gefühl, es klingelt durch den ganzen Wald. Es hört nicht auf.
Rasch stehe ich auf, entdecke neben dem Eingang der Küche ein schwarzes, altes Wandtelefon mit Wählscheibe. Ich strecke meine Hand nach dem Hörer aus. Gerade noch rechzeitig besinne ich mich aber: Ich habe keine Ahnung, wer hier anruft. Und was soll ich denn sagen?
Ich lasse das Telefon ausklingeln. Was macht Jannik, wenn ein Baum auf die Freileitung fällt? Neben dem Telefon hängt eine Liste mit zwölf Nummern. Ich entdecke einige Namen aus unserem Freundeskreis, ein paar seiner Bürokollegen, seine Eltern und Valerie. Ich kenne keine Valerie und Jannik hat mir nie von ihr erzählt.
Meine Telefonnummer steht nicht auf der Liste. Ich nehme den Hörer ab, wähle meine Nummer. Das Handy klingelt in meiner Tasche und ich lege den Hörer zurück. Später werde ich die Nummer abspeichern. Ich schaue mich weiter im Wohnzimmer um. Die dunkle Holzdecke wirkt erdrückend. Die Möbel sehen aus, als stammten sie vom Trödelmarkt. Der staubige Fernseher steht auf einer niedrigen Backsteinmauer. Keine Deko, nichts, was den Raum schöner macht. Nur der grüne Kachelofen neben dem Sofa strahlt eine gewisse Eleganz aus. Auf dem Bücherregal steht die Hälfte der Bücher, die mein Regal so leer erscheinen lässt. Ich zähle zweiundvierzig Stück und studiere dabei die Bücherrücken, suche mir drei Romane aus. Sie verschwinden in meiner Tasche. Die Lücken, die sie im Regal hinterlassen, bleiben.
In der kleinen Einzeiler-Küche sehe ich nichts Neues. Auch sie stammt aus den Sechzigern. Das Erstaunlichste ist eine Teekanne auf dem Herd, die als Vase dient.
Auch hier gibt es kein Bild, kein Foto, keine Erinnerung. Ich frage mich, ob Jannik mich, uns bereits vergessen hat. Ich schaue aus dem Fenster. Kein Blick in die Ferne. Nur Eichen- und Fichtenstämme. Vermisst er nicht die Menschen?
Ich gehe weiter ins Schlafzimmer. Unser Doppelbett füllt fast den ganzen Raum aus. Nur für einen Kleiderschrank, gibt es noch Platz. Auf der zerwühlten Bettdecke liegt Janniks Laptop. Die zwei Kopfkissen sehen durchlegen aus. Ich bin mir sicher, in diesem Bett hat Jannik letzte Nacht nicht allein geschlafen. Ob Valerie hier gewesen ist?
Ich öffne den Kleiderschrank, entdecke nichts Auffälliges. Keine Frauenkleider. Ich schiebe den Laptop und die Decke zur Seite. Auch auf dem Bett keine Spuren. Jannik aber spüre ich in diesem Raum ganz deutlich. Ich lege mich ins Bett, atme tief ein und rieche nicht nur ihn, sondern auch mich. Alles ist wieder da. Die Stille ist laut.
Ich stehe auf, lasse meinen Abdruck auf der Matratze zurück und gehe hinaus. Draussen scheint die Sonne und ich lasse die Haustür offen stehen. Das Gartentor schliesse ich hinter mir.

Arja Lobsiger, geboren 1985, Schriftstellerin und Lehrerin, lebt in Nidau (Schweiz). Sie studierte am Literaturinstitut in Biel. Anschliessend absolvierte sie an der Pädagogischen Hochschule Bern die Ausbildung zur Sekundarlehrerin. Arja Lobsiger veröffentlichte Essays, Gedichte und Kurzgeschichten in Zeitschriften und schrieb für den Zürcher Tagesanzeiger einen Literaturblog. Sie ist Gewinnerin verschiedener Literaturwettbewerbe, unter anderem des Berner Kurzgeschichtenwettbewerbs. Für ihren Debüt-Roman „Jonas bleibt„ erhielt sie mehrere Förderbeiträge von Berner Gemeinden, der Erziehungsdirektion des Kantons Bern sowie Migros Kulturprozent.

Beitragsbild © Carmen Wueest

Dana Grigorcea «Marieta»

Marieta war eine feine Dame aus Bukarest – Anwältin, wie ich von meiner Grosstante wusste –, und sie besass eine Ferienwohnung, Zaun an Zaun mit uns. Als ihr Mann erkrankte, erbarmt sie sich seiner, obwohl er sie ein Leben lang belogen und betrogen hatte. Das vertraute Marieta der schönen Frau des Zwerges an. Sie verliess also alles und zog mit ihrem Mann in das Ferienhaus hier „an der frischen Luft“. Sie war ihm ergeben, wie das ganze Leben schon, und bestand darauf, ihn ganz allein zu pflegen. „Eine junge Pflegerin ist das letzte, was wir jetzt brauchen“, sagte sie ihm.
Man sah sie im Salatbeet und bei den Kartoffeln, mit grosser Sonnenbrille und Hut, oder dann Tee trinkend, Sessel an Sessel mit ihrem Mann, an sonnigen und nicht ganz so sonnigen und dann schattigen Stellen im Garten; sie setzte die Rattansessel um, fast schon stündlich, „ein bisschen Abwechslung braucht man im Leben“, sagte sie ihm. Einmal die Woche fuhr sie in die Stadt, nach Bukarest, um Medikamente zu besorgen, berufliche Anfragen abzulehnen und die Wäsche von einer Haushälterin ihres Vertrauens waschen und bügeln zu lassen – sie schleppte stets einen schrankgrossen Koffer mit sich –, denn sie hatte selber nie einen Haushalt geführt, und auch wenn sie jetzt darauf brannte, solches zu tun, galt es, Prioritäten zu setzen.
Wie schlimm es um ihren prekären Haushalt stand, wurde sichtbar, als ein Baum heranwuchs mitten in ihrer Wohnung.
„Wollt ihr ihn sehen?“ fragte sie jeden, mit dem sie sich am Zaun unterhielt, und sie unterhielt sich liebend gern „am Zaun“, wie so viele Leute auf dem Land, legte sich eigens dafür eine entspannte Pose zu, breitbeinig, den Arm in die Hüfte gestützt, den anderen am Zaun angelehnt: „Schauen Sie bitte nicht auf meine Nägel, ich komme von den Kartoffeln.“
Der Baum sei eines Tages einfach da gewesen, in Kindesgrösse, sie habe ein Dokument gesucht in einer Schublade und dabei so einiges herumgeschoben, den Schrank und einen Kleiderständer, „stellen Sie sich vor“; ob man sich denn mit Bäumen auskenne? Es könnte sich hier um einen Maulbeerbaum handeln oder einen Kirschbaum, ja, zweifellos. Und jeder folgte natürlich ihrer Einladung. Wer hatte das schon erlebt damals, dass ein Baum wuchs in der Wohnung? In einer noblen Ferienwohnung dazu; dass ein Sprössling durchs gewichste Parkett spriesst, „ein Wunder der Natur!“
Auch mich hat sie eingeladen, den Baum zu sehen. „Sprich doch mit ihr“, hatte mich meine Grosstante ermutigt, „sprich einfach mit ihr, dann wird sie dich bestimmt einladen!“ Und so kam es auch. Ich war so aufgeregt und darauf bedacht, den guten Eindruck, den Madame Marieta stetig erwähnte von mir zu haben, weiterhin zu bestätigen, dass ich gar nicht richtig hinschaute, in der dunklen Ecke ihres Zimmers, und vielleicht hätte ich auch so nichts gesehen, bedenkt man, dass ich länger draussen gewesen war, in der Mittagssonne, und es dunkel war im Haus. „Siehst du es?“ fragte sie, und ich nickte erschrocken. Sie lachte und zupfte mich am Arm. „So wie du muss auch ich dreingeschaut haben, als ich es entdeckte.“
Nunmehr hielt Marieta nichts mehr auf dem Rattansessel, so ganz ohne ihren Mann; immer öfter stand sie auf und ging ins Haus, um nach dem Bäumchen zu schauen. „Was meinst du, dass es ist?“, soll sie ihren Mann öfters gefragt haben, aber der gab keine Antwort, und Marieta soll ihm da seine Krankheit verübelt haben, zumindest soll sie der schönen Frau des Zwerges gesagt haben, dass sich ihr Mann eine zu ihm „allzu passende“ Krankheit gewählt hatte, eine, die seine Charakterfehler als körperliche Gebrechen weiterführe. Und dennoch war sie ihm weiterhin treu ergeben und bereit, alles mit ihm zu teilen.
„Es ist ein Kirschbaum!“ verkündete sie ihm freudestrahlend, ihm und allen Nachbarn, und sie sprach von „unserem Kirschbaum“ und streichelte die lahme Hand ihres Gatten und setzte ihn im Garten um, beim kleinsten Windstoss setzte sie ihn um; und diese Geschäftigkeit liess sie sehr jung wirken – wie alt mochte sie damals gewesen sein? Ich weiss noch, wie ich ihre Kleider schön fand, geblümte Petticoats, wie man sie in ihrer Jugend getragen hatte, mit Punkten oder farbig bedruckt mit Obstmotiven. Die Madame lachte und war sehr vergnügt; sie habe es eigentlich im Gefühl gehabt, dass es ein Kirschbaum werden würde, ein Kirschbaum! Man stelle sich das vor!
Und dann beschloss die Madame, eine Lücke zu schlagen ins Dach, damit der Baum Licht bekomme und gut wachsen könne.
Der neue Bauplan wurde so schnell umgesetzt, dass nur wenige Nachbarn etwas davon mitbekamen, das natürlich mit Ausnahme derer, die zum Vorhaben beitrugen, selbsternannte Baumeister, die ansonsten Schichten schoben in der Papierfabrik; es ist nicht klar, wer was zu verantworten hatte, denn die Madame sprach ihren Baumeistern drein, stieg aufs Dach mit einer Küchenschürze über dem Kleid und einem Tuch um Kopf und Gesicht, wie eine Beduinin sah sie aus, und hämmerte mit, genau dort, wo andere gerade aufgehört hatten zu hämmern.
Und als alles fertig war, hatte der Baum Licht und Raum. Aber nach einigen Wochen stürzte das Dach ein. Es stürzte ein mitten in der Nacht, über Marietas Mann, den man aber wieder ausgrub und der ausser ein paar Kratzern keinen Schaden genommen hatte, zumindest dem Anschein nach, weil er wegen seiner Krankheit, über die man nichts Genaues wusste, ohnehin kaum sprach und meistens nur benommen lächelte.
Der Kirschbaum brach zwar entzwei, aber er wurde zusammengebunden, und bei dieser Gelegenheit auch gepfropft von der schönen Frau des Zwerges. Ich sah das Bäumchen zwischen den Trümmern, endlich sah ich es, und es mag wohl eine Verklärung der Erinnerung sein, dass ich es in der leuchtenden Abenddämmerung sah. Seine Ästchen glühten verheissungsvoll, ganz wie die knallroten Baukräne gegen den Bukarester Himmel.
Die Nachricht vom Dacheinsturz schien Marieta nicht aufzuwühlen, ihr Mann und das Bäumchen seien ja wohlauf, das Geschehene ein willkommener Ansporn, um mit der Arbeit anzufangen am ohnehin sanierungsbedürftigem Haus.
Als sie aus Bukarest zurückkehrte, Tage später, berief sie die selbsternannten Baumeister ein und beauftragte sie mit der Errichtung einer kleinen Holzbaracke mit Blechdach, drei Mal so gross wie die winzige Plumpsklohütte im Garten hinter den Salatbeeten, die sie nun ebenfalls hegen wollte. In der neu errichteten Holzbaracke zwängte sie ihre Matratzen und Decken und auch ihren Mann hinein, den sie lachend „Prinzessin auf der Erbse“ nannte. Und dann riss sie das Haus nieder – sie erledigte das fast ganz allein, zu delikat war ihr die Arbeit erschienen, so nah am Bäumchen.
Ich sehe noch, wie sie um die staubige Mauer herumlief, eine Küchenschürze über dem geblümten Sommerkleid, und mit einem kleinen Hammer gegen die Backsteine hämmerte; ein leises, unstetes Hämmern, sie hämmerte an alle Backsteine, die noch aufeinander standen, und dann hämmerte sie vorsichtig den Mörtel weg und wusch die Backsteine einzeln in einem kleinen Eimer. Ich mochte diesen Geruch, der sich aus ihrem Hof erhob, zusammen mit dem kalten Staub. Es roch erdig und nass, wie nach einem Frühlingsregen auf dem Land.
Ich begann, Madame Marieta öfter zu besuchen; und sie setzte mich in ihrer Nähe auf einen Campingstuhl, ich hatte eine Tasse Tee in der Hand, und wir führten angenehme Konversationen, worüber, habe ich vergessen, aber sie waren angenehm, und wir lachten viel dabei, denn Madame hatte einen feinen Humor, und ich weiss noch, wie sie damals anfing zu rauchen, insgeheim, beim kleinsten Geräusch aus der Holzbaracke schnippte sie die brennende Zigarette über den Zaun auf die Strasse und nahm kurzerhand ihr Hämmern auf, sie hämmerte leise und mit kleinen Gesten, als würde sie häkeln.
Auch andere Nachbarn kamen vorbei, meine Grosstante oder die schöne Frau des Zwerges erschienen öfter; und sie sassen auf den Campingstühlen und tranken Tee, während Madame leise weiterhämmerte und jede von Zeit zu Zeit angebotene Hilfe auf ihre sanfte, aber strikte Art ablehnte, „das ist doch nicht viel, ihr macht euch nur schmutzig.“
Irgendwann, und das unerwartet, war das ganze Haus weg und der Hof so geräumig, wie man es nie vermutet hätte.
Und Marietas Mann, der anfangs noch auf einem Sessel im Garten sass oder mit vorsichtigen Schritten zum Plumpsklo ging hinter die Salatbeete, kam gar nicht mehr heraus aus der Baracke. „Bleib drin, Lieber“ hatte ihn die Madame all die Jahre gemahnt, „wir haben hier überall eine Baustelle.“
Weil man ihn nicht mehr sah, vergass man ihn; die Erinnerung an ihn kam erst auf, als sich die Madame eine Heizung in die Baracke einbauen liess, nachdem ihr Mann im langen Winter zuvor so gefroren hatte, dass, ihrer Aussage nach, seine Finger und Zehen zunächst blau geworden und dann schnell abgefallen seien.
Hierzu muss ich sagen, dass ich die Madame nur in den Sommerferien erlebte und jeden Sommer nach der Fortsetzung ihrer Geschichte verlangte, so dass manche zum Zeitpunkt des Erzählens weiter zurückliegende Details der Geschichte – wie die mit den schnell abgefallenen Fingern und Zehen – weniger bannten als unmittelbar Erlebtes, etwa Madames kluges Verhandeln mit den Baumeistern um eine Heizung, die sie am Ende fast umsonst bekam.
In jenem Sommer war der Kirschbaum schon an die zwei Meter hoch gewachsen, und wir tranken unseren Tee auf den Campingstühlen in seinem Schatten, Madame Marieta, meine Grosstante, die schöne Frau des Zwerges und ich. Beim kleinsten Windstoss rauschten die Blätter wie Schellenringe. Marieta rauchte und liess dann die Hand mit der brennenden Zigarette hinter die Rücklehne hängen, eine Geste, die mir als Pubertierender ungemein imponierte. Beim Weggehen waren sich meine Grosstante und die schöne Frau des Zwerges stets darüber einig, dass Marieta eine feine und besonnene Frau war, wie es kaum noch welche gebe.
Ein oder zwei Jahre später zog Marieta nach Bukarest. Sie kam nie wieder zurück, ich glaube, ihr Mann war gestorben. Ihr Neffe zog hier ein dreistöckiges Ferienhaus hoch.

Dana Grigorcea, geboren 1979 in Bukarest, studierte Deutsche und Niederländische Philologie in Bukarest und Brüssel. Mit einem Auszug aus dem Roman «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit» wurde Dana Grigorcea in Klagenfurt beim Ingeborg Bachmann-­Wettbewerb 2015 mit dem 3sat-­Preis ausgezeichnet. Ihr Erstling «Baba Rada. Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare» ist im Oktober 2015 ebenfalls im Dörlemann Verlag neu erschienen. Nach Jahren in Deutschland und Österreich lebt sie mit Mann und Kindern in Zürich.

«Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen» auf literaturblatt.ch

Dana Grigorcea liest am 3. November im Theater 111 in St. Gallen mit dem Musikerduo «Stories»!

gezeichnet von Lea Frei am Wortlaut-Literaturfestival St. Gallen 2018

Milena Michiko Flašar «Gelbe Hände»

Es war ein Sommertag. Turmhohe Wolken. Ich lief – den Kopf im Himmel – von der Schule heim. Nach Hause kommen. Das war: Der Geruch von frisch gekochtem Reis. Die Stimme der Mutter. おかえりなさい. In diesem einen Wort war ich zu Hause, in seinem freundlichen Klang. Dem entgegenzulaufen – mit fliegenden Zöpfen – ist das, was ich heute unter „Kindheit“ verstehe: Kaum den Boden zu berühren. Mein Körper (noch keiner, dessen ich mir bewusst gewesen wäre) war leicht wie der eines Vogels.

An jenem Tag aber wurden mir die Flügel gestutzt und auch wenn ich es damals nicht vorhersehen konnte, war er ein Punkt (einer von vielen), von dem aus es kein Zurück mehr gab. Erwachsensein, das heißt wohl: Sich an derlei zu erinnern. Älterwerden: Es mit einem Lächeln zu tun. Das Grüppchen Kinder, das mir an jenem Tag den Weg versperrte, war – im Nachhinein betrachtet – das Abbild einer Welt, der es – so oder so – gegenüberzutreten galt.

„Hey, du!“ Jemand hatte mich am Ärmel gepackt. Aus dem Gebüsch rief es „Tsching-tschang-tschung“. Gefolgt von einem Kichern und einer Handvoll Kieselsteine, die quer durch die Luft auf mich herniederprasselten. „Zeig uns deine Hände“, hieß es. Ich streckte sie aus. „Die sind ja gelb!“, hieß es weiter. Mit Nachdruck: „Gelb!“ Aus dem Gebüsch rief es „Schlitzauge-Chinese-Bambusfresser!“ Dann ließ man mich laufen. Aber ich lief nicht. Ich ging. Zum ersten Mal lastete das Gefühl eines Unterschieds auf mir, der davor keine Rolle gespielt hatte, und zum ersten Mal schämte ich mich für die Besonderheiten meiner Herkunft und noch mehr für den Wunsch, normal zu sein, eine von denen, die im Gebüsch gesessen waren. Im Licht der Sonne betrachtete ich meine Hände. Sie waren tatsächlich gelb. Bis dahin waren sie einfach nur Hände gewesen. Hände zum Klettern, zum Graben, zum Sandburgenbauen. Dabei waren nicht sie es, die sich verändert hatten, sondern mein Blick, der soeben eine Kränkung erfahren hatte.

Mit diesem gekränkten Blick trottete ich heim. Es roch nach frisch gekochtem Reis. Die Stimme der Mutter. おかえりなさい. Mein Zuhause hatte einen Riss abbekommen, wie von einem kleinen, nicht messbaren Erdbeben. Ich sagte „ただいま“ und legte die Schultasche ab. Mein Körper (plötzlich wusste ich um ihn) war schwer. Ich spürte den Boden unter mir.

 

Anmerkungen:

おかえりなさい (Okaerinasai): Japanische Grußformel. Sagt man bei der Rückkehr eines Familienmitglieds. In etwa: Willkommen daheim.

ただいま (Tadaima): Japanische Grußformel. Sagt man, wenn man nach Hause kommt. In etwa: Bin wieder daheim.

 

Milena Michiko Flašar ist 1980 in St. Pölten geboren. Ihr Roman «Ich nannte ihn Krawatte» wurde über 100.000 Mal verkauft, als Theaterstück am Maxim Gorki Theater uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Er stand unter anderem 2012 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde in zahlreichen Sprachen übersetzt. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien. Eine Rezension ihres neusten Romans «Herr Katō spielt Familie» auf literaturblatt.ch lesen sie hier.

Beitragsbild © Helmut Wimmer.

Yves Rechsteiner «Am Ende der Treppe»

Nur ganz dumpf und entfernt kann ich das aus dem Keller kommende Scheppern und Poltern hören. Es ist beinahe so als passiere dies im Nachbarshaus oder im Fernsehen. Aber es ist hier am Geschehen, bei uns, ohne jeglichen Zweifel; da fällt ein schwerer, plumper Männerkörper die steile Kellertreppe hinab.
Dass es sich um einen schweren, plumpen Männerkörper, der bei uns die steile Kellertreppe hinabfällt, handelt, weiß ich deshalb, weil der Vater seit einer halben Stunde immer wieder betrunken nach frischem Bier ruft.
Hol noch einen Kasten Bier aus dem Keller!
Ein Rufen, das ich seit dieser halben Stunde ignoriere.
Ich tue so, als hörte ich ihn nicht.
Ich tue so, als wäre ich gar nicht hier.
Und sowieso: Er hat mir nichts mehr zu sagen, der Vater.

Durch die Dunkelheit, die mich und das Innere dieses Hauses umgibt, vernehme ich die Geräusche dieses Fallens mit berauschendem Wohlwollen.
So als hätte ich seit langem darauf gewartet.

Ich stehe mittlerweile unten im Erdgeschoss am Sicherungskasten und lausche aufmerksam, versuche zu hören, ob noch Weiteres geschieht, ob sich da unten auf dem kalten Kellerboden noch etwas regt oder atmet, ob da etwa jemand ruft oder gar fleht.
Ob noch immer jemand nach Bier verlangt.
Aber ich bin nicht sicher, ob da etwas ist.
Und dann bin ich es plötzlich doch: Schwache, gebrochene Wortfetzen bilden sich dort unten im Keller, röchelnd kriechen sie aus einem zu Tode erschrockenen Mund hinaus, vereinen sich schließlich zu Worten, dann vielleicht zu Sätzen, zu einer Nachricht an mich oder jemand anderen, der doch bitte sofort zu Hilfe eilen soll.

Ich drehe die Sicherung wieder hinein und gehe zur Kellertür hinüber. Hinter dieser Tür muss der Vater vor ein paar Minuten die Treppe hinunter gegangen sein, und just in diesem Moment hat es die Sicherung wieder einmal rausgehauen.
Dann muss er gefallen sein. Die Treppe hinunter.

Die Dunkelheit ist jetzt wieder verschwunden, und das grelle Licht des Flurs ergießt sich über meinen bebenden Körper, meine zufriedene, meine lachende Seele.

Noch bevor ich die Kellertüre öffne, verharre ich einige Augenblicke, mit der Hand auf dem schweren Knauf, und gehe gedanklich zurück zu dieser anderen Dunkelheit, die mich und das Innere desselben Hauses vor fünfzehn Jahren umgeben hat.

Es war eine kalte Winternacht, und der Vater hatte Besuch von seinen Freunden; grobschlächtige Männer von der Baustelle, mit kräftigen Armen und verblassten Tätowierungen, mit rauen Gepflogenheiten und grobem Jargon. Die Mutter war schon seit längerem tot, und so waren nur die garstigen und auch lauten Männerstimmen meines Vaters Freunden im Hause zu hören. Es wurde getrunken und laute Musik gespielt, gelacht, gejohlt. Das ganze Haus roch nach Rauch und Schweiß und Alkohol, und von einem unaussprechlichem Etwas, das ich nicht einordnen konnte.
Lange lag ich wach, vergrub meinen Kopf unter dem Kissen, wartete auf einen reinigenden, sanften, mich hinweg tragenden Schlaf.

Ich schlief dann schließlich ein, irgendwann, und ich erwachte erst, als alles wieder ganz still und dunkel war, so als gäbe es gar kein Leben, so als würde nichts geschehen, so als wäre alles bloß Dunkelheit, hier und überall.

Dann stand er plötzlich und wie aus dem Nichts aufgetaucht vor meinem Bett. Bedrohlich, allen Platz einnehmend. Der Vater roch stark nach Bier, nach kaltem Rauch und einer dichten, vagen roten Wut. Es war dunkel, bloß seine Augen und seinen feuchten Mund konnte ich durch das matte Mondlicht hindurch erkennen.
Er lallte schwere Worte: Stromausfall, kroch es aus seinem Mund, im ganzen Viertel.
Und dann, noch bevor ich etwas erwidern konnte, saß er auf mir und hielt mir mit eisigem Griff den Mund zu. Ich vernahm ein herablassendes und auch herausforderndes Grinsen. Dann das Geräusch, das seine schwere Zunge machte, als er sich über die Lippen leckte.
Ich wollte schreien und kämpfen, aber es gab nichts, das ich hätte tun können, für mich war er so stark wie tausend Männer, wie eine Armee.
Die Schläge, die folgten, waren härter als gewohnt, und es waren auch nicht die Schläge, die, wie sonst in diesen Nächten, alles endeten, alles abschlossen, nein, es ging noch weiter, noch viel weiter; an diesem Tag, in dieser Nacht gab es keine menschlichen Grenzen mehr in diesem dunklen und bitter kalten Hause.
Der Vater riss und zerrte an mir, keuchend, grinsend und auch Wut schnaubend, bis ich nichts mehr an mir hatte, bis ich schließlich nackt und schwach und wehrlos alles verlor, was ich verlieren konnte – meine Unschuld, die dort und dann, in dieser dunklen, kalten Winternacht einfror und nun nicht mehr mit mir wachsen, niemals alt werden würde…

Und jetzt, im grellen Licht des Flurs stehend, an die vielen weiteren Übergriffe, die nach jener Nacht damals noch folgten, denkend, öffne ich die schwere Kellertüre und blicke die mittlerweile beleuchtete Treppe hinunter. Ganz langsam und mit wohliger Genugtuung im Herzen folge ich mit den Augen den Weg hinab, den der schwere Männerkörper fallend hinter sich gebracht haben muss. Und ja, da ist er: Vierzig Stufen weiter unten kann ich ihn sehen, den Vater, über ihm ergießt eine an einem Kabel hängende Glühbirne seinen schweren und harten Körper.
Er röchelt etwas, hustet, gurgelt, scheint etwas sagen zu wollen, vielleicht sogar zu rufen, aber es will ihm nicht gelingen, die Worte sterben noch in seinem Mund bevor sie geboren werden. Dann scheint er mich zu bemerken. Er schaut zu mir hinauf, erkennt mich wohl, fixiert mich, versucht dann mit einer Hand zu winken, mir etwas zu signalisieren, seine Augen voller Angst und Flehen und vielleicht ja auch Reue.

Vorsichtig und langsam gehe ich die lange, steile Treppe hinunter, bis ich schließlich über ihm stehe und auf ihn hinabsehe.
Er ist ganz still jetzt, seinen Atem kann ich entfernt zwar noch wahrnehmen, aber es wird nicht mehr lange dauern, das weiß ich ganz genau.
Ganz leicht komme ich mir in diesen Augenblicken vor, es ist mir so als wäre eine schwere Last von mir gefallen – eine Last, von der ich gar nichts mehr wusste, ein Gewicht, das ich schon so lange mit mir herumtrage, dass es schon so sehr ein Teil von mir geworden ist wie etwa ein Bein.
So unerwartet leicht fühle ich mich jetzt.
Und endlich bin ich es, der die Worte Ein Stromausfall zu ihm sagen darf, jene Worte, die er damals benutzt hatte.
Ein Stromausfall. Im ganzen Viertel. Weißt du noch?
Ohne zu lächeln blicke ich ihn an. Tief in seine Augen. Wartend, die Sekunden spürend.
Weißt du noch?
Etwas regt sich in ihm, es wollen noch Worte kommen. Sie kommen aber nicht. Das ist vorbei.
Was jetzt noch ist: er atmet hörbar aus. Es hört sich an, wie wenn die Luft aus einem Reifen entweicht.
Er möchte wirklich noch etwas sagen. Aber… er kann nicht. Wie wenn ihm das verwehrt würde.
So blicke ich also in seine Augen, und kurz bevor das Leben ganz und für immer aus ihnen entschwindet, erkenne ich, dass er genau versteht, dass er nun, wie damals meine Unschuld, für immer einfrieren und nicht mehr älter werden würde.

Über «Die Kunst des Verhungerns»: In den auf wahren Begebenheiten basierenden drei Novellen erzählt Yves Rechsteiner von den verworrenen und verstrickten Phasen eines Lebens, das sich nicht einzwängen lassen will in die Konventionen der Normalität. So ist der namenlose Protagonist nach Kalifornien gezogen, um dort ein Rockstar zu werden, er strauchelt aber, bricht schliesslich alle Brücken hinter sich ab und beginnt eine Irrfahrt ins Ungewisse. Jahre später erinnert sich der Erzähler an seine Kindheit in der Kommune und fordert Klarheit über die Vergangenheit, rechnet mit allem und allen ab. Als der Vater dann aber an Krebs erkrankt und auszieht, diesen auszuhungern, tritt alles Nebensächliche in den Hintergrund. «Die Kunst des Verhungerns» Münsterverlag

Yves Rechsteiner *1974 in Basel. Musiker, Dichter und Liebhaber des unkonventionellen und bohemianischen Lebens mit zahlreichen, ausgedehnten Aufenthalten und Reisen rund um den Globus. Yves Rechsteiner schreibt Erzählungen, Hörspiele, Theaterstücke, Lyrik und längere Prosa. Sein Debütroman «Als läge dort tot der Vater» ist 2015 bei Marta Press erschienen. 2016 im Waldgut Verlag «Und dann fängt die Vergangenheit an», besprochen auf literaturblatt.ch

Noëmi Lerch „Alaska“

Eisberge! Sie waren wirklich da, die langersehnten Gesellen der antarktischen Meere!
Der Mann muss vor Freude laut gerufen haben, als er nach Monaten auf See am Abend des 29. Dezembers 1911 endlich wieder Land entdeckte. Er hatte seine Familie in Basel zurückgelassen und ein behütetes Leben. Er hatte alles gegen die Eisberge getauscht. Der Vater sei ein Tyrann gewesen, heisst es im Vorwort, aber das sagte oder schrieb der Mann, der auszog für das Abenteuer, in seinem Tagebuch an keiner Stelle. Der Zug hält und ein Junge steigt ein. Er setzt sich mir gegenüber ins Abteil. In seinen Armen trägt er ein Kaninchen. Die Leute, die bereits sitzen, drehen ihre Köpfe. Der Junge legt das Kaninchen auf seinen Bauch und seine von der Kälte rot geworden Hände auf das Kaninchen. Das Kaninchen schnüffelt, seine Schnurbarthaare bewegen sich wie Antennen. Es klettert vom Bauch über die Brust hinauf und lässt dort die Schnurbarthaare über das Gesicht des Jungen tanzen. Die anderen Leute, die ebenfalls in den Zug eingestiegen sind, legen ihre Mäntel, Mützen, Halstücher und Handschuhe ab. Erst da bemerken sie den Jungen mit dem Kaninchen, drehen ihre Köpfe. Ein Flüstern geht um, ein Starren, ein Kopfschütteln. Der Junge hat nebst dem Kaninchen einen Rollkoffer bei sich. Seine Kleider sehen nicht aus wie für den Winter gemacht. Auf der Ebene vor dem Fenster liegt Nebel. Die Grashalme unter dem Nebel müssen Kämme tragen aus Eis, wenn man darüber geht, brechen sie. Durch den Nebel kommt die Sonne. Ein Mann summt das Lied vom Aschenputtel, als es mit seinem Pferd über die Wiese galoppiert. Schneestaub fliegt auf. Der Junge, das Kaninchen und ich schauen zusammen aus dem Fenster. Als der Junge aussteigt, lese ich weiter in meinem Buch. Ich will nicht aufschauen, ich will mich nicht verabschieden. Ein Kind fragt seinen Vater, ob es denn wahr sei, dass alle Menschen aus Sternenstaub bestehen.

An Neujahr hüte ich Schafe. Es sind die Schafe einer Freundin, die vor dem Feuerwerk in die Berge geflüchtet ist. Die Schafe sind im Stall, der Schäfer, seine Hunde und sein Esel sind ausgestorben. Draussen herrscht eine moderige Kälte. Vom Feuerwerk wird die Luft staubig, hat die Freundin gesagt, die Bändel an ihrem Rucksack festgezurrt. Das hielte sie im Kopf nicht aus. Ich sitze im Stall, im Heuhaufen. Vor dem Fenster leuchtet Neujahrsfeuerwerk. Hier ist alles weit weg, nur das Kauen der Tiere ist nah und die Wärme ihrer Körper. Nach Mitternacht liege ich auf der Bank neben dem alten Specksteinofen, die Füsse am heissen Stein, der Nasenspitz und die Hände kalt. Verschiedene Männer gehen am Fenster vorüber, aber die Fenster sind beschlagen. Ich lese weiter in meinem Buch, von jenem Mann, der verschollen ist in der Antarktis, am Anfang des letzten Jahrhunderts. Es gibt eine Frau, die schrieb über einen Mann, der ist verschollen am Khan Tengri. Die Expedition war viel zu spät für diese Jahreszeit. Der Mann wollte sich von seinen Erfrierungen selber befreien. Auf dem Heimweg auf seinem Pferd erlag der Mann der Kälte. Die Frau schrieb über den Mann und die Kälte. Sie erlag weder dem einen noch dem anderen. Sie stürzte vom Fahrrad und kein Schnee war da, sie aufzufangen.

Ein Kind fragt seinen Vater, was der Unterschied ist zwischen dem Nordpol und dem Südpol. Er sagt, am Nordpol gibt es kein Land. Ein Kind fragt seinen Vater, wem gehört der Nordpol. Er sagt, niemandem. Aber am Nordpol gibt es Eisbären und Robben. Ich schaue nicht auf, obwohl es Morgen geworden und ein Kind mit seinem Vater am Haus vorbei gegangen ist. Ein Mann schreibt am 1. Januar 1912 in sein Tagebuch. Im Süden unser Ziel, der antarktische Kontinent, versteckt hinter unendlich viel Eis. Der Süden erglänzte hell, golden und weiss. Verheissungsvoll schien die Gegend, doch kalt und einsam. In einem Jahr werde ich dieses Eisland besser kennen. Wie werden Ruhe, Kälte und Einsamkeit auf mich wirken? Ich frage den Mann, ob er mich mitgenommen hätte, als Frau. Ich hätte mich als Mann verkleiden können. Beim Rasieren hätte er vielleicht meine zarten Hände gespürt, aber alle Zartheit wäre durch mein junges Alter erklärbar gewesen. Der Mann sagt, das sei zu kompliziert, die Geschichte so zu erzählen. Es sei sowieso schon alles kompliziert genug. Das Land der Hoffnung, also der siebte Kontinent, könne nicht mehr warten, er wolle endlich besichtigt, betreten werden. Und als Erster ankommen, das sei wichtig für die Verewigung. Ich sage, woher weisst du denn, Himmel nochmal, dass all die Männer, die du mitgenommen hast, tatsächlich Männer waren? Es gab eine, ihre Freunde nannten sie – Alaska! Eisberge, schau! Ruft der Mann und zeigt aus dem Fenster. Und da sehe ich sie auch. Die langersehnten Gesellen der antarktischen Meere.

Noëmi Lerch, 1987 geboren in Baden, studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und an der Universität Lausanne. Sie war Redakteurin beim Schweizer Magazin für Reisekultur Transhelvetica. Seit 2014 arbeitet sie zusammen mit der Cellistin Sara Käser im Duo Käser & Lerch. 2015 erschien ihr erstes Buch »Die Pürin« im verlag die brotsuppe. Noëmi Lerch lebt in Aquila, im Tessin. Ihr zweiter Roman «Grit» erschien 2017. Noemi Lerch liest in der Lesereihe «Wortklang – Klangwort» zusammen mit dem Musikerduo STORIES im Theater 111 in St. Gallen.

Enzo Pelli «Stalla in rovina»

Faticose storte pietre tolte
dalle frane ai tempi della fame
per farne perfetti muri squadrati:
nei prati erosi dai rovi
brillano come nuovi. Abbaglio
del sole di luglio.
(2010)

Stallruine
Mühsame unförmige Steine
von den Geröllfeldern angeschleppt
zu Zeiten des großen Hungers,
um daraus perfekte
rechteckige Mauern zu machen:
auf den mit Dornstauden bedeckten
Wiesen schimmern sie heute wie neu.
Und es blendet die Julisonne.

*

Scavatrice gialla
La scavatrice gialla a colpi di dente
solleva sassi e terra senza sforzo
senza rimorso. Stasera dell’orto
non resterà niente.
(2009)

Gelber Bagger
Der gelbe Bagger mit seinen schwarzen Zähnen
hebt ohne Mühe Steine und Erdreich aus –
und bedauert es nicht. Heute Abend
wird vom Garten nichts übrig bleiben.

*

Vigneto a Pura
Una casa un vigneto
un uomo in grembiule: mio padre.
Tempo passato – mi fermo stupito
sotto lo stesso cielo
a guardare.
(2009)

Weingarten in Pura
Ein Haus, ein Weingarten,
ein Mann mit einer Schürze: mein Vater.
Vergangene Zeiten – erstaunt
bleibe ich stehen
unter dem gleichen Himmel
und schaue.

drei Gedichte aus «Momenti irripetuti», Lugano, alla Chiara Fonte, 2014. Traduzione tedesca di (übersetzt von) Christoph Ferber.

Enzo Pelli è nato a Lugano nel 1948. Autore televisivo e artista-calligrafo, ha pubblicato presso alla Chiara Fonte di Lugano le raccolte di poesie «Momenti irripetuti» (2014) e «Solo una nube che passa» (2017).

Enzo Pelli (Lugano 1948), SRG-Mitarbeiter und Kalligraph, hat bei alla Chiara Fonte, Lugano, zwei Sammlungen von Gedichten veröffentlicht: «Momenti irripetuti» (2014) e «Solo una nube che passa» (2017).

Webseite des Künstlers

Joachim Zelter „Gegen die Gewissheiten“

Überlegungen zu einigen Aspekten der literarischen Moderne aus Sicht eines Schriftstellers

Warum schreibt ein Autor wie er schreibt. Oder warum schreibt er etwas nicht, das er durchaus schreiben könnte, aber trotzdem nicht schreiben kann oder partout nicht schreiben will? Warum lässt der Autor beispielsweise eine Figur nicht durch den Wald nach Hause gehen, um dort eine andere Figur zu treffen, so dass aus diesem Treffen eine Liebeshandlung entstehen könnte? Oder warum scheut sich ein Autor vor einem guten Ende? Oder vor einem eindeutigen Anfang? Oder vor einnehmenden Figuren, welche die Welt exemplarisch erleiden, durchschreiten, erleben, verbessern oder überwinden?
Oftmals sind es nur halbbewusste Triebkräfte und Maßstäbe, die einen Autor dazu bringen etwas in einer bestimmten Art zu schreiben – oder auch nicht zu schreiben. Zum Beispiel tun sich nicht wenige Autoren mit linearen Handlungen schwer. Oder mit mitreißenden Figuren, die eine Handlung vorantreiben oder aus der äußere Handlungen oder ganze Handlungswelten hervorgehen. Handlungen und Figuren – dies scheinen, zumindest heute, Selbstverständlichkeiten, ja Unabdingbarkeiten. Dennoch gibt es bei nicht wenigen Autoren ein Unbehagen, eine stumme Reserve gerade gegenüber derartigen Forderungen. Diese Reserve ist – so meine These – ein Überbleibsel der literarischen Moderne, in einer Welt, die sich zunehmend von den Er- rungenschaften der literarischen Moderne entfernt hat, die mit der Moderne auch zunehmend das Bewusstsein und Beschreibungsinstrumentarium ihrer selbst verloren hat.

Nach Mario Andreotti (Die Struktur der modernen Literatur) besteht das große Missverständnis gegenwärtiger Literaturdiskurse in der Gleichsetzung von zeitgenössisch und modern. Ein Roman sei modern, weil er soeben erschienen sei oder sich moderner Themen annimmt, zum Beispiel dem Internet, der Globalisierung, dem Grundeinkommen für alle oder einer jugendlichen Subkultur. Nach Andreotti ist diese Gleichsetzung irreführend, da moderne Themen nicht notwendigerweise gleichbedeutend sind mit der literarischen Moderne als Erzählweise in der Literatur. Ein Großteil unserer Gegenwartsliteratur, so Andreotti, ist alles andere als modern, sondern vielmehr in ihrer Struktur traditionell, konventionell, wenn nicht gar vormodern – auf dem Stand des bürgerlichen Romans des frühen 19. Jahrhunderts

Die Frage ob modern – oder nicht modern lässt sich anhand von zwei zeitgenössischen Grund- forderungen an literarische Texte demonstrieren, die gerade die literarische Moderne immer wieder in Frage gestellt hat: (1) Die Frage der Handlung und (2) die Frage von festen, eindeutigen, runden Figuren, die im Zentrum dieser Handlung stehen, ja, aus denen diese Handlungen hervorgehen. Handlung unterstellt eine Form von Kausalität. In der Poetik des Aristoteles heißt Handlung Mythos, die Zusammensetzung der Geschehnisse. Auch Edward Morgan Forster betont in seiner Definition von Handlung (plot) dessen Kausalität. „The king died and then the queen died.” Dies ist eine Geschichte. „The king died, and then the queen died of grief.” Dies ist eine kausale Ordnung, also eine Handlung. Nun ist Kausalität nichts Beliebiges, sondern beinhaltet fundamentale Anschauungen über die Wirklichkeit. Schon das Wort Kausalität impliziert eine ganze Weltanschauung: der Mechanik, der Physik, der Naturwissenschaften, der Wissenschaft allgemein. Eine Plot-Struktur geht also weit über ein einzelnes literarisches Werk hinaus. Sie beinhaltet eine Weltanschauung, und es sind gerade derartige Weltschauungen, welche die literarische Moderne immer wieder in Frage gestellt hat: sei es nun das Gebot linearer Handlungen oder der Glaube an die Erzählbarkeit der Welt oder die Vorstellung von Sprache als Abbild außesprachlicher Wirklichkeit. Hinzu kommt die Skepsis der Moderne gegenüber althergebrachten Subjektvorstellungen: zum Beispiel die Hauptfigur als Identifikationsfigur, als Sinn- und Erlebniszentrum der äußeren Welt, als Inbegriff einer bürgerlichen Charakterideologie, in der Tüchtigkeit, Selbstverantwortung und Eigenständigkeit eine Rolle spielen. Die klassische literarische Moderne demonstriert demgegenüber die Entpersönlichung ihrer Figuren, ihre psychologische Widersprüchlichkeit und Uneinheitlichkeit, ihre Fragmentarität, ihr Getrenntsein, ihre Auflösungser- scheinen, ihre gesellschaftliche Degradierung und Funktionalisierung. „Das Ich ist unrettbar“, schrieb kein Literat, sondern der Physiker Ernst Mach im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der Satz wurde zu einem Leitsatz der Wiener Moderne. Und nicht nur das Ich, sondern auch die Vorstellung einer objektiven, linear erzählbaren Welt wird für die Moderne zu einer unrettbaren, allenfalls noch subjektiv haltbaren Größe. „Wir haben kein anderes Gesetz als die Wahrheit, wie jeder sie empfindet.“ Wie jeder sie empfindet – so der entscheidende Zusatz von Herrmann Bahr in Die Moderne. Althergebrachte Gewissheiten weichen in der Moderne einer tiefen Skepsis gegenüber dem Wirklichkeitsgehalt von Sprache und der Darstellbarkeit von Wirklichkeit (Hofmannsthal) sowie einem Unbehagen gegenüber monistischen Wirklichkeits- und Wahrheitsmodellen überhaupt. „Die Wahrheit“, schreibt der Philosoph Hans Vaihinger in seiner Philosophie des Als-Ob, „ist nur der zweckmäßigste Irrtum.“ Statt Wahrheit und Wirklichkeit tritt die fröhliche Bejahung des Fiktiven in den Vordergrund, nicht nur die Fiktionalität der Kunst, sondern die des Lebens überhaupt. In den Worten Oscar Wildes: „I treated art as the supreme reality and life as a mere mode of fiction.

Um das bisher Gesagte (aus der Erfahrung eines heutigen Autors) an einem konkreten Beispiel zu verdeutlichen. Im Jahr 2006 erschien mein Roman „Schule der Arbeitslosen“. Der Roman spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft in einem Internierungslager für Langzeitarbeitslose. Dies wird nicht anhand fester, abgerundeter Figuren erzählt, etwa anhand einer rechtschaffenden Familie, die ein Einfamilienhaus abbezahlen muss und schulpflichtige (vielleicht sogar noch herzkranke) Kinder hat und deren Familienoberhaupt nun in die Abgründe der Arbeitslosigkeit fällt. Die Versuchung lag nahe, das Thema in dieser Art anzugehen, über ein Ensemble fester Figuren, mit denen man sich identifiziert und mit denen man mitleiden kann. Stattdessen ent- wickelt der Roman das Thema Arbeitslosigkeit weniger psychologisch denn vielmehr gestisch und soziologisch als strukturelle Gewalt (sprachliche Gewalt, diskursive Gewalt, normative Gewalt) herrschender ideologischer Systeme über entpersonalisierte Individuen, die zu fast keiner Sprache oder Gegenwehr mehr fähig sind, die sich allenfalls stammelnd oder in kleinen Gesten zur Wehr setzen können gegenüber einer allmächtigen gesellschaftlichen Grund- und Kollektivhaltung: nämlich der Obsession von Arbeit als Sinnzentrum unserer Zeit.
Man könne sich zu wenig mit den Figuren identifizieren. Man könne mit ihnen nicht warm werden. So der erste Einwand gegen den Roman. Und: Der Roman habe zu wenig Handlung. Er zeige auch keine wirklichen Lösungen. So der zweite Einwand. In diesen Einwänden vereinigen sich in nuce die gängigen Erwartungshaltungen gegenüber der zeitgenössischen Literatur: Handlung, Figuren, Botschaften und Lösungen – genau das, was von der klassischen Moderne (von Kafka bis Döblin, von Beckett bis Pinter, von Ionesco bis Camus) immer wieder in Frage gestellt wurde. Man kann die urskeptische Haltung der Moderne mit dem Satz von Camus resümieren: „Wenn die Welt klar wäre, gäbe es keine Kunst.“

In den letzten zwei Jahrzehnten ist uns die Moderne zunehmend abhanden gekommen. Sie wich in den achtziger Jahren der Postmoderne, der dann keine Nachpostmoderne oder Post- postmoderne mehr folgte als vielmehr eine diffuse Vormoderne, in der einerseits die Errungenschaften der Moderne verlorengegangen sind bzw. schlichtweg vergessen wurden, in der andererseits mit der größten Geläufigkeit sehr traditionelle, vormoderne, geradezu biedermeierliche Forderungen und Erwartungshaltungen an die Literatur herangetragen werden. Der Grundimpetus der Moderne, die allumfassende Skepsis, weicht zunehmend einer Haltung nicht mehr reflektierter Gewissheiten. Als hätte es die Moderne nie gegeben. Als wären Handlung, Figuren, Botschaften und Lösungen zu allen Zeiten gültige Konstanten der Literatur. So als gäbe es kei-nerlei Zusammenhang zwischen gegenwärtiger gesellschaftlicher Ich-Fixierung, Ich- Verantwortung, individueller Leistungs- und Erfolgsethik und der Forderung des Buchmarktes nach hinreißenden, heldenhaften oder zumindest unterhaltsamen literarischen Figuren.

Wenn ich gefragt werde, welche Autoren ich denn schätze oder welche Autoren mich literarisch beeinflussen, dann nenne ich Autoren wie Oscar Wilde, Harold Pinter, Franz Kafka und einige andere – alles übrigens Autoren der Moderne. Doch gibt es für den schreibenden Autor auch noch eine andere Kategorie von Büchern, nicht nur belletristische Einflussbücher, sondern auch literaturwissenschaftliche Bücher, die für mich eine große historische und theoretische Rückversicherung darstellen. Die Struktur der modernen Literatur von Mario Andreotti ist ein solches Buch. Es bietet gerade jenen Autoren eine Handhabe, die aus einer tiefsitzenden, stummen Reserve gegenüber den aktuellen Forderungen an die Literatur eben nicht so schreiben, wie sie sehr leicht schreiben könnten: in Kategorien eingängiger Handlungen, Figuren, Botschaften und Lösungen. Es ist ein Buch für alle Autoren, die sich darüber freuen, dass Literatur nicht ewig gültigen Gesetzen und Gewissheiten folgt, sondern dass diese Gewissheiten hinterfragbar und veränderbar sind – ein Grundprinzip der Moderne. Es ist ein Buch für alle Autoren, die sich heutzutage deplaciert und historisch überholt fühlen, die aber dennoch in einem stummen oder verstummten Wissen noch an den Errungenschaften der Moderne festhalten oder festzuhalten versuchen. Es ist ein Buch, das mir immer wieder geholfen hat, mir über eigene (oft auch nur halbbewusste) Maßstäbe des Schreibens klar zu werden. Manchmal wünschte ich, ein solches Buch würde nicht nur von Autoren, sondern vermehrt auch von Kritikern und Lektoren gelesen.

Veröffentlicht in: Literaturblatt Baden-Württemberg. Heft 6, 2010, 12-13.

Literatur:
Mario Andreotti, „Die Struktur der modernen Literatur“, vierte überarbeitete Auflage. Bern, 2009.
Joachim Zelter, „Schule der Arbeitslosen“, Tübingen, 2006.
Gotthart Wunberg, Hrsg. „Die Wiener Moderne: Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und
1910“, Stuttgart, 1981.
Andreas Huyssen und Klaus R. Scherpe, Hrsg. „Postmoderne: Zeichen eines kulturellen Wan-
dels“, Hamburg, 1986.
Lothar Fietz, „Strukturalismus: Eine Einführung. Literaturwissenschaft im Grundstudium 15“, Tü-
bingen, 1982.
Lothar Fietz, „Funktionaler Strukturalismus: Grundlegung eines Modells zur Beschreibung von Text und Textfunktion“, Tübingen, 1976.

Joachim Zelter wurde in Freiburg im Breisgau geboren. Von 1990 bis 1997 arbeitete er als Dozent für englische und deutsche Literatur an den Universitäten Tübingen und Yale. Seit 1997 ist er freier Schriftsteller, Autor von Romanen, Theaterstücken und Hörspielen. Seine Romane wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Mit dem Roman „Der Ministerpräsident“ war er 2010 für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2017 war er Hausacher Stadtschreiber (Gisela-Scherer-Stipendium).

Rezension auf literaturblatt.ch zu «Im Feld» von Joachim Zelter

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