Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7

Es hat geklopft!
Sie richtet sich auf, schaltet das Licht an, schlüpft in die Pantoffeln, eilt zur Wohnungstür und hinaus auf den Korridor. Doch da ist niemand. Sie ruft den Namen ihres Sohnes, zuerst leise, dann lauter.
Keine Antwort.
Nichts.
Nur ihr Herz, das pocht.
Sie geht zurück in die Wohnung, durch die Küche auf den Balkon, lehnt über die Brüstung, weit hinaus, um zur Eingangstür hinunterzuschauen. Doch auch da ist niemand. Im Halbdunkel erkennt sie nur die Konturen der Mülltonnen, die neben dem Eingang stehen. Die Straße ist leer. Aus der Ferne hört sie einen Hund bellen, dann ist es wieder still.
Fröstelnd geht sie zurück in die Wohnung. Es ist erst halb fünf, doch sie beschließt, wach zu bleiben, Kaffee zu kochen, das Frühstück zuzubereiten. Als sie in der Küche hantiert, fällt ihr Blick auf den Kalender. Nicht auf den alten, der über der Kommode hängt und seit zwei Jahren und drei Monaten den 30. August anzeigt. Nein, auf den anderen Kalender fällt ihr Blick, auf den aktuellen, von dem sie nun ein Blatt abreißt und sieht, dass heute der erste Advent ist.
Sie lächelt. Den ersten Advent haben sie früher wie Weihnachten gefeiert. Mit einem festlichen Abendessen und Geschenken. «Kleine Weihnachten», hat ihr Sohn einmal gesagt, was sie lustig fand. Wie alt war er damals? Vier, vielleicht fünf? Den ersten Advent haben sie danach immer so genannt, «kleine Weihnachten», auch später noch, als ihr Sohn zur Schule ging und noch später, als er Student war.
Sie stellt zwei Tassen auf den Tisch und rückt den Stuhl zurecht, auf dem seit dem Datum auf dem Kalenderblatt über der Kommode niemand mehr gesessen hat. Sie setzt sich auf den Stuhl gegenüber, frühstückt und lässt danach das Geschirr stehen, damit sie noch einmal frühstücken kann, wenn ihr Sohn kommt.
Punkt acht meldet sie sich in der Chatgruppe und erzählt vom Klopfen. «Vielleicht ist heute der Tag», endet sie ihre Nachricht.
«Hoffentlich», antwortet jemand.
Drei reagieren mit einem Herzen.
Niemand aus der Chatgruppe fragt, ob es wirklich geklopft habe. Und niemand sagt, sie müsse realistisch sein und abschließen, wie ihr einmal ein Arzt geraten hat. Trauern solle sie, hat er empfohlen, wie wenn ihr Sohn gestorben wäre. Als ob ihr Sohn gestorben wäre!
Wer wäre sie dann überhaupt? Sie ist Witwe, seit vor vielen Jahren ihr Mann gestorben ist. Ihr Sohn wurde dadurch Halbwaise und würde Vollwaise, wenn auch sie stürbe. Doch für eine Mutter, deren Kind gestorben ist, gibt es keine Bezeichnung, erst recht nicht für eine Mutter, deren Kind verschwunden ist.
Verschwunden worden ist, müsste sie wohl sagen. Denn was vorgefallen ist, wurde beobachtet, das Beobachtete berichtet, das Berichtete bestätigt. Und bestritten. Es sind Puzzleteile, die sich bis jetzt zu keinem Bild zusammenfügen lassen. Solange sie es nicht genau weiß, ist ihr Sohn nicht gestorben. Er ist vor zwei Jahren und drei Monaten, am 30. August kurz nach Mittag, aus dem Haus gegangen und nicht zurückgekommen. Noch nicht.
In der Chatgruppe braucht sie das Warten nicht zu erklären. Sie alle kennen es. Auch die Geräusche kennen sie. Manche hören ebenfalls ein Klopfen, andere das Telefon klingeln oder eine Tür knarren. Nachts ein Schnarchen im Nebenzimmer, tagsüber eine Stimme, ein Räuspern, ein Rufen, ein Lachen, ein Singen, ein Pfeifen. Einige hören Schreie, immer wieder Schreie.
Heute war das Klopfen anders. Kräftiger, hartnäckiger vielleicht. Es klang wie eine Ankündigung. Als sei ihr Sohn unterwegs und komme bald durch die Tür, heute noch oder morgen erst, nächste Woche oder an Weihnachten. Sie wird ihm auch dieses Jahr ein Geschenk kaufen, sein Lieblingsessen kochen, die Wohnung schmücken.
«Es ist Advent, die Zeit der Ankunft», schreibt eine der Mütter in den Gruppenchat. Jemand reagiert mit einem Stern. Im Verlauf des Tages melden sich alle aus der Gruppe. Es brauchen keine Worte zu sein, denn manchmal fehlen sie. Ein Emoji genügt. Sonst wird nachgefragt. Denn sie alle sind auf einer Achterbahn, könnten jederzeit hinausgeschleudert werden und fallen, tief fallen.
Als wieder halb fünf ist, weiß sie nicht mehr, was sie den ganzen Tag über gemacht hat. Gewartet hat sie, natürlich hat sie gewartet. Das tut sie jeden Tag. Manchmal strickt sie dabei. Im Schrank liegen drei Pullover, ein Schal und fünf Paar Socken, die sie für ihren Sohn gestrickt hat.
Angefangen hat sie damit, als sie gesehen hat, wie abgemagert die jungen Männer sind, die zurückkommen. Auch der Sohn ihrer Nachbarin. Gezittert hat er. Also hat sie ihm einen Schal gestrickt, den er fortan immer trug, sogar am Tag, als er wegzog, um das alles hinter sich zu lassen, wie er ihr beim Abschied erklärte. Kurz darauf ist auch ihre Nachbarin weggezogen, um das alles hinter sich zu lassen.
Sie selber kann nicht wegziehen. Nur selten verlässt sie ihre Wohnung. Sie ist hier, um zu warten. Je weiter der Tag fortschreitet, desto beschwerlicher wird das Warten. Wenn sie die Kraft dazu hat, setzt sie sich an den Computer, füllt Formulare aus, kontaktiert Organisationen, vernetzt sich, schreibt Briefe, erzählt wieder und wieder seine Geschichte, die längst zu ihrer Geschichte geworden ist. 
Sie kämpft für die Suche ihres Sohnes, aber auch gegen die Dunkelheit, die sich am Ende des Tages ausbreitet und gegen die keine Lampe hilft. Wenn sie dann nicht aufpasst, kullern plötzlich Tränen über ihre Wangen, beben die Schultern und hört sie ein Schluchzen, das tief aus ihr herausdringt und doch so tönt, als käme es von einem fremden Wesen.
Bevor sie zu Bett geht, schaut sie ins Zimmer ihres Sohnes, das aussieht, als sei er nur für ein paar Stunden weggegangen. Und das war er auch, nur für ein paar Stunden weggegangen. In der Bibliothek ein paar Bücher holen wollte er und zwei, drei Dinge einkaufen. «Bis gleich», rief er an jenem 30. August nach dem Mittagessen und ging.
«Bis gleich», flüstert sie und geht in ihr Zimmer. Sie setzt sich aufs Bett, schlüpft aus den Pantoffeln, legt sich hin, löscht das Licht. Und lauscht auf Geräusche.

Alexandra von Arx, geboren 1972 in Olten, ist Juristin, Übersetzerin und internationale Wahlbeobachterin. Als Autorin wurde sie mit zwei Förderpreisen für Literatur und mehreren Aufenthaltsstipendien ausgezeichnet. Bislang hat sie drei Romane und einen Erzählband veröffentlicht, zuletzt «Das mit uns» im Zytglogge Verlag.

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Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Alexandra von Arx «Im Dorthier»

Eine Auslandschweizerin hat nie frei. In ihrem Kopf vergleicht sie dauernd das Ausland mit der Schweiz. Und die Schweiz mit dem Ausland. Egal, wo sie unterwegs ist, ob in der Schweiz oder im Ausland, immer ist dieser eine Satz mit dabei: Wenn ich hier bin, ist daheim dort und wenn ich dort bin, ist daheim hier. Vor wenigen Tagen war dieser Satz noch in Paris, nun reist er mit mir durch die Schweiz.

Wenn ich hier bin, ist daheim dort und wenn ich dort bin, ist daheim hier.

«Du bist ja nirgends mehr daheim!», bemerkte vor einiger Zeit meine Tante. «Ich bin eben an zwei Orten daheim!», entgegnete ich, etwas vorschnell. Und kam dann ins Grübeln. An zwei Orten daheim fühlt sich vermutlich anders an. Dann würde sich mir das eine Daheim nicht immer entziehen, wenn ich mich ihm nähere und das andere in die Ferne rückt. Aber eigentlich bezog sich die Bemerkung meiner Tante auf den Umstand, dass sich zwischen das Hier und das Dort, zwischen die Schweiz und Frankreich, hin und wieder Arbeitsaufenthalte in Osteuropa schieben. Damals kam ich gerade von einem zweimonatigen Einsatz in Moldawien zurück. Werde ich in Osteuropa gefragt, wo ich daheim bin, dann lautet meine Antwort spontan Paris. Aber nie, wirklich nie, ohne zu präzisieren, dass das richtige Daheim in der Schweiz ist. Daheim A und Daheim B. Das ergibt zwei Daheims. Habe ich ja gesagt.

Meine Berner Freundin redet anders als ich. Sie sagt zum Beispiel «dörthie», dorthier also. «Am Mänti fahre mer of Adubode, dörthie het’s im Momänt aber o no ke Schnee», sagt sie öppe. Oder: «Ke Ahnig, was dörthie los esch.»

Ich habe mich immer lustig gemacht über das Wort «dörthie», denn entweder ist man hier oder dort, dort oder hier. Dorthier war für mich ein Unwort, ein unentschiedenes Wischiwaschi, das weder hier noch dort sein will, sich nicht festlegen mag.

Jetzt klingt das Wort ganz anders. Es ist ein eigentliches Zauberwort. Denn es vereint das Dort mit dem Hier. Dorthier. Ich kann hier sein und gleichzeitig dort. Dorthier. Ich bin nicht mehr hin- und hergerissen zwischen Heimat und Gastland. Dorthier. Das ist, kurz gesagt, der Idealzustand einer Auslandschweizerin. In Gedanken zügle ich meine beiden Daheims ins Dorthier, lasse sie zu einem verschmelzen, und sage in der Sprache meiner Freundin, dass «e dörthie dehei be».

Alexandra von Arx „Ein Hauch Pink“, Knapp Verlag, 2020, 152 Seiten, CHF 29.00, ISBN 978-3-906311-67-8

Alexandra von Arx, geboren 1972 in Olten, lebte acht Jahre in Paris, wo der vorliegende Text entstanden ist. Mitten im Lockdown erschien ihr Romandebüt «Ein Hauch Pink», gefolgt von «Hundsteinhüttenbuchrandnotizen».

Rezension mit Interview über «Ein Hauch Pink» auf literaturblatt.ch

Rezension von «Hundsteinhüttenbuchrandnotizen» auf literaturblatt.ch

www.alexandravonarx.ch