Nadia Rungger «cësa da lat dijes tu / milchhaus sagst du»

wir liegen
wie heu 
zwischen unsere finger
lege ich 
schafgarben und ameisen 
über gras 
und du sagst 
dass vergangenheit nur woanders passiert 
in rom vielleicht oder athen 
setze ich mich anders hin
wende mich dem
heu zu 
wenn wir die wiese einfahren 
erinnere mich daran

 

pundui
coche fën 
danter nosc dëic 
conci su
ciarinac de paluch y furmies 
sëura ierba 
y te dijes 
che l passà suzed mé nzaul de auter 
a roma povester o a aten 
sposti mi pëis 
me ëute de viers 
dl fën 
canche fajon fansëch 
lecordeme

 

mein haus
wackelt

es ist ein milchhaus 
sagst du und 
deinen worten 
entnehme ich 
einen stuhl 
den schrank und 
den schiefen gang

den gehe ich 
zuerst die ferse 
dann das kinn 
entlang 
mir schwindet 
der blick 
aus den augen

mein haus 
wackelt 
am besten 
wir legen es 
unters kissen 
du nimmst es 
aus meiner hand 
drehend 
fallen wir einander 
über 
mein haus 
du 
sage ich 
unförmig 
hebe ein neues 
gewicht auf 
wackel nicht so 
mein bauch 
will nach draußen

mir zerbricht 
tatsächliches 
im vollen 
mund

gib mir mein 
kissen zurück oder 
schau du 
morgen was 
darunter liegt

 

mi cësa
ie ala zibla

l ie na cësa da lat 
dijes tu y 
da ti paroles 
toli ora 
n stuel 
l castl y 
l port
desbiech
ti vedi do
dl prim l ciauciani 
pona l sumenton 
l me 
toma 
la udleda
ora di uedli

mi cësa 
ie ala zibla
la miecia iel 
sce la meton 
sot al plumac 
tu me la toles 
ora dla man 
se raidan 
tumons l un l auter 
sëura 
mi cësa 
tu 
diji 
defurmeda 
tlope su n pëis
nuef 
no balesté tan
mi vënter 
uel ora

uriteies 
me se romp
tla bocia 
plëina

dame inò ca 
mi plumac o 
cëla tu duman 
cie che ie 
sotite

 

ich spiele
die blockflöte

atme von hals
zu holz 
wie 
kommt es zu
kompositionen
wenn die zunge
unter holz liegt
ein mund
stück 
zum einstimmen

gib mir einen 
kammerton a
gib mir finger
die von distanzen wissen
etwas zum bohren
sodass luft fließt

suche ein instrument aus
sagten sie
aber die flöte kommt
zu allen

übe wie
damals
im gang sitzend
auf stufen 
im mund
merkte sich das holz
meinen speichel

manchmal wollte ich
dass eine sprache
mich aufnimmt
mutter
wollte ich sagen
zu dir

 

sone
l flaut a bech

l fla va dal col plën
al lën 
co 
nasc pa 
cumposizions
sce la lënga ie 
sot al lën
l bech n toch
de bocia 
da acurdé

dame n 
la 
de referimënt
dame dëic
che sà de destanzes 
zeche da furé
che aria
passe tres

chier ora n strumënt
me ovi dit
ma l flaut ti toca a
duc
prova coche 
ntlëuta
senteda te port
sun sceles
tla bocia
se lecurdova l lën
de mi spidoch

datrai ulovi
che na rujeneda
me tulëssa su
oma
ulovi ti dì
a ti

aus «cësa da lat dijes tu / milchhaus sagst du» (Limbus Lyrik 2026)

 

Das Coverbild ihres neuen Lyrikbandes ist von Nadia Runggers Vater Klaus Rungger. Sie stellen auch oft im Duo gemeinsam Zeichnung und Poesie aus.

Nadia Rungger, geboren 1998 in Brixen/Südtirol, debütierte 2020 mit dem Erzähl- und Gedichtband «Das Blatt mit den Lösungen» (A. Weger). Sie ist vielsprachig auf gewachsen und studierte Germanistik und Angewandte Linguistik in Graz und Brixen. Ihre Prosa und Lyrik auf Deutsch und Ladinisch wurde mit mehreren internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Literaturpreis Merano Europa 2017, dem Ladinischen Literaturpreis Scribo 2018, dem Jurypreis Irseer Pegasus 2024 und dem Lichtungen-Lyrik-Stipendium des Landes Steiermark 2024. Die Uraufführung ihres Theaterstücks Morvëies/Wunder erfolgte 2024 im Stadttheater Bruneck für das europäische Projekt Phōnē. Gedichte von ihr wurden in mehrere Sprachen übersetzt, in Literaturzeitschriften veröffentlicht und bei Ausstellungen präsentiert, zuletzt im Landesmuseum Franzensfeste.

Beitragsbild © Miriam Raneburger

Isabella Krainer «Edith»

Edith war schon immer ein aufgewecktes Mädchen. Mit zehn entdeckte sie die wunderbare Welt des Scherenschnitts, mit elf beherrschte sie den Lockruf des Tungara-Froschs und im Jahr darauf gab sie vor, Schweizerin zu sein, weil diese verstärkt unter dem prämenstruellen Syndrom zu leiden hätten. 

Da ihre Sportlehrerin an Derartiges gewöhnt war, begrüßte sie die Schülerin regelmäßig mit einem sarkastischen „Grüezi“ im Turnsaal. Für Edith ein Grund mehr, beim Völkerball nicht mehr zu kooperieren.

Die Idee, den Sportunterricht gegen wöchentliche Besuche im Altersheim einzutauschen, kam Edith mit dreizehn. Nachdem ihr die betagten Leute zuflüsterten, dass es hier nicht darum gehe, Gefangene zu machen, kam sie zu dem Schluss, nie an einem echteren Ort gewesen zu sein. Was keine Flügel hatte, konnte tatsächlich nicht fliegen. Und was zu stinken hatte, stank.

Als Edith die Alten zum letzten Mal besuchte, um sie danach wieder sich selbst zu überlassen, war die Pubertät amtlich. 

Isabella Krainer, geboren 1974 in Kärnten, schreibt & macht was sie will. Ihre Arbeiten pendeln zwischen Politsprech und Dialektlandschaft. Die Autorin lebt in Neumarkt in der Steiermark. Aktuell arbeitet sie an ihrem ersten Roman. „Heiliger Zorn“ wurde 2021 mit einem Arbeitsstipendium des Landes Kärnten bedacht. «Vom Kaputtgehen», ihr erster Lyrikband, erschien im März 2020 im Limbus-Verlag. 2019 erhielt sie für „Vom Kaputtgehen“ das Finalisierungsstipendium literarischer Projekte des Landes Kärnten. 2016 wurde sie mit dem Hilde-Zach-Literaturförderstipendium der Stadt Innsbruck ausgezeichnet.

Rezension von «Vom Kaputtgehen» auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

Katharina J. Ferner «Dorfsommer»

Die Kinder im Dorf hatten alle braune und grüne Augen, ich war die Einzige mit klarem Blau im Blick. Das hatte ich von meinem Vater geerbt. Die Augen und den englischen Nachnamen. Darüber verlor ich aber kein Wort. Es hätte nur weiteren Anlass zu Spott gegeben. Es hieß, dass nur die Stadtkinder blaue Augen hätten, das käme vom vielen Waschen. Man schrieb den Städtern einen regelrechten Reinlichkeitsfimmel zu. Gut, was meine Mutter betraf, stimmte das vielleicht. Ich war davon aber sicherlich nicht betroffen. Dass die Kinder selbst jeden Morgen das Gesicht in kaltes Brunnenwasser tauchten, kam ihnen dabei wohl nicht in den Sinn. „Blaue Augen, blaues Blut“, lästerten sie, wenn sie mich wieder einmal des Stalles verwiesen, weil eine Kuh kalbte oder ein neuer Stier dabei war, sich einzuleben. Das Umfeld wäre zu gefährlich für mich. Sie hatten nicht ganz Unrecht damit. Es war nicht nur einmal passiert, dass ein Tier ausgebüchst war, durch die Bretterwand gekracht, schon in den ersten Tagen. Die Restaurationsarbeiten waren schnell geschehen. Die neue Wand hielt aber nicht mehr aus, als die zuvor zerstörte. Es gab nur eine Box mit Stangen aus Metall, speziell für Neuankünfte, was normalerweise ausreichend war. Es kamen nicht oft neue Tiere ins Dorf. Die Gutshöfe mussten Geld zusammenlegen, um sich qualitatives Neuvieh leisten zu können. Man teilte sich die Stallarbeit und das Futter. Meine Tante Mila erzählte, sie wäre einmal fast niedergetrampelt worden, hatte sich gerade noch ins Haus retten können, bevor ein junger Stier durch den Garten gerast war. Die Beete waren im Eimer und das übermütige Tier kaum einzufangen. Sogar die Kühe rannten vor ihm davon, er war ihnen wohl nicht ganz geheuer. „Ziemlich umtriebig, der gute Bursche“, bestätigte auch mein Onkel. Einige Kühe wurden trächtig. Sie waren wohl doch dem Charme des Stieres erlegen, befand ich. Mila schüttelte zweifelnd den Kopf, schwieg aber. 

«Homage» von Katharina J. Ferner

Katharina J. Ferner «Der Anbeginn», Limbus, 2020, 190 Seiten, CHF 28.90, ISBN 978-3-9903918-4-6

Katharina J. Ferner, 1991 geboren, lebt als Poetin und Performerin in Salzburg. Sie ist Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift &Radieschen sowie der österreichischen Dialektzeitschrift Morgenschtean. 2016–2019 Mitbetreuung der Lesereihe ADIDO (Anno-Dialekt-Donnerstag) in Wien. 2017 Stadtschreiberin in Hausach (D), 2019 Lyrikstipendium am Schriftstellerhaus Stuttgart. Bei Limbus erschien ihr vielbeachtetes Lyrikdebüt «nur einmal fliegenpilz zum frühstück» (2019) und der Roman «Der Anbeginn».

&Radischen

Rezension von «Der Anbeginn» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Mark Daniel Prohaska

Cornelia Travnicek «Energien»

I. Wassergang

Eins ist Schwarm und Schwarm ist eins
Unter den Flossen raue Rampen so steigen
Beigezeiten abertausend Glasaalkinder
über ihre Sohlengleiten
Wir haben Oberwasser

Räderschlagend mahlt und wendet
ein Mühlenstein
das Dreistromland

Im Mäanderbecken schwankt der Spiegel

Doppelhelix formt den Turmfischpass
Stromaufwärts Archimedes Kronenhaupt
Kann die Wanderlinge singen hören
Ich halte eine Muschel an mein Ohr
Effervo. Aqua. Laborare.

Mit Laufwasser leise tröpfelnd
Hingetreten
Auf was sich an den Stufen staut

Fällt was gesammelt in den Schacht

II. Windfrequenzen

Schlag auf Schlag trifft
Uns ein Schatten
Schneisen in den Vogelflug
Ein Windmühlband am Hügelrand
Der Kampf beginnt

Grün klagt grün
Und nichts wird grüner
Strukturelle Festigkeit

Das letzte Opfer ist die Landschaft

Wucht und Unwucht hängt sich an die Rotorblätter
Altersmüder Großwindräder
Viertel des Jahrhunderts später
Wenn ein Schild bestimmt
Neglegere. Vento intermisso.

Unhörbar kommt ein Schall gekrochen
Wir halten fest
An Nichts das bleibt

Alles steht hier nur zur Pacht

III. Lichtvolten

Eins in einer Milliarde
Härchen auf deinem feinen Nacken
Glühwurmenden in der Abendstunde
wenn du auf den Schindeln kniest
Der Winkel stimmt

Faltergleich hebt und senkt
ein Sonnenwind
die neuen Flügel

Der Tag verebbt in kurzen Wellen

Metall zieht sich durch Metall
Du stehst frei Hand auf meinem Giebel
und drehst dem Wetterhahn
eine Zauberformel in sein Ohr
Iridie, Platina, lucescit!

Die Zukunft ist aus Sand gebaut
mit Sonnenhonig prall
die blauen Waben

Auf jeden Morgen folgt die Tracht

Cornelia Travnicek «Parablüh», Limbus, 2017, 88 Seiten, CHF 18.90, ISBN 978-3-9903910-1-3

Cornelia Travnicek, geboren 1987, lebt in Niederösterreich. Studium der Sinologie und Informatik, arbeitet als Researcher in einem Zentrum für ­Virtual Reality und Visualisierung. Für ihre literarischen Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet. 2012 erschien mit grossem Erfolg ihr Debütroman «Chucks», der 2015 verfilmt wurde. Nach dem Roman «Junge Hunde» (2015) und dem Gedichtband «Parablüh» erschien 2019 ihr erstes Kinderbuch «Zwei dabei» (illustriert von Birgitta Heiskel).

Rezension des Romans «Feenstaub» auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Bogenberger Autorenfotos