Marianne Künzle «Living Planet»

Noch ist Gate A84 unbesetzt. An den Säulen bei den Durchgangsschranken zum Fingerdock rot leuchtende Querbalken: kein Zutritt. Da ist niemand an den Bildschirmen hinter dem Desk. Die Anzeigetafeln schwarz. 

Im Wartebereich olivgrüne Kunststoffsitze, mit Stangen verbunden, dazwischen grosszügige Ablagefläche für Handgepäck. Ein Mann liegt auf der Seite mit angewinkelten Beinen, die Arme verschränkt. Sein Gesicht verdeckt eine weisse Kapuze. Eine Frau mit Kopfhörern. Ihr Gesicht ist ausdruckslos. An der braunen Wand eine Werbefläche, eingeblendet ein Gemälde. Junge im Harlekinkostüm. Mann mit schmalen Lippen, zurückversetztem Kinn, Augen bloss angedeutet. «Picassos blaue und rosa Periode in der Fondation Beyeler. Das Kulturhighlight 2019.» Auf den Bodenplatten fahles Morgenlicht. Weit hinten im Terminal wird an einer Bar mit Geschirr hantiert. Tassen, die ausgeräumt, Unterteller, die bereit gestellt, Kaffeelöffel, die verteilt werden.   

Eine Flughafenangestellte schiebt einen Putzwagen vor sich her. Sie trägt ein graues Poloshirt, «Zürich Flughafen». Am Putzwagen hängt Toilettenpapier. In der Nähe des Desks passiert sie eine transparente Erdkugel auf einem schlanken, hüfthohen Sockel. Sie schlurft zu ihr zurück. Mit einem Lappen wischt sie über das Plexiglas, über den Einwurfschlitz und die sich gelb abhebenden Kontinente. Im Innern des Planeten befindet sich Geld. Es bedeckt den Südpol. Viele bronzefarbene Münzen, wenige speckige Banknoten. Allerlei Währungen. Restgeld, das nicht gewechselt werden kann. Die Erdkugel schmückt ein Banner aus Kunststoff: «For a Living Planet». Ein Pandabär flankiert die Werbung für eine Umweltorganisation. 

Fünf junge Männer. Farbige Turnschuhe, schwarze Jeans und Kapuzenpullis. Ihre Rollkoffer glänzen. Sie lachen laut und heiser. Zum Überbrücken der Wartezeit besuchen sie den Duty-Free-Kiosk in der Nähe des Gates. Ein Paar setzt sich in den Wartebereich. Sie blättert schon bald in einer Zeitschrift, er scrollt auf dem Smartphone. Weitere Passagiere tauchen auf. Ein älterer Herr. Ein Rentnerpaar. Zwei Frauen mit prallvollen Rucksäcken, sie halten sich an der Hand. Zwillingsschwestern im gleichen Sommermantel, einmal olivgrün, einmal hellblau. Es gibt noch keine Angaben zum Flug, sie setzen sich dennoch. Andere warten ja auch und Gate A84 ist auf der Boarding Card vermerkt. Sie richten sich ein. Verschränken Arme, schlagen Beine übereinander. Lächeln sich kurz zu. Schauen sich um. Gleichgültig. Verstohlen. 

Ein kleines Mädchen rennt zur Fensterfront. Es legt seine blassen Hände an die getönte Scheibe und drückt die Schnauze seines Stofftigers ans Glas. Die Mutter geht neben ihm in die Knie und zeigt auf den angedockten Jet. Das Flugzeug leuchtet vom Cockpit bis hinter die Kabinentür in knalligem Rot. Im Rot eine überdimensionierte, sternförmige Blüte. Ein Edelweiss, dessen ungleich lange Blätter sich nach allen Himmelsrichtungen recken. Das Fingerdock, verhakt im Flughafengebäude, die hohle Öffnung wie ein Mund über die Kabinentür gestülpt. Raupenartig, faltig. 

Die Mutter nimmt das Mädchen an der Hand. Am Desk stellt es sich auf die Zehenspitzen. Bei den Durchgangsschranken berührt es die rot leuchtenden Querbalken. Es will zur Erdkugel. Die Mutter lässt es gehen. 

Es nähert sich ihr langsam, umrundete sie und betrachtet die schlangenförmigen Linien, Einbuchtungen, die Zacken, die Konturen der gelben Kontinente, das Geld in der Kugel, ein Schatz. Ein Berg von einem Schatz, der weiterwächst, wenn man durch den Einwurfschlitz ein Geldstück schiebt und es fallen lässt. Der Vater, nun bei ihm, kramt in der Hosentasche. Zählt Fünfrappenstücke in seine offene Hand. «Mit dir», sagt das Mädchen und blickt ihn aus dunklen Augen an. Er hält es hoch. Es langt zum Einwurfschlitz. Die erste Münze fällt. Ein metallenes Klimpern. Vorsichtig schiebt es die anderen hinterher. 

Sie gehen zum Wartebereich. Das Mädchen betrachtet die Menschen. «Wo fliegst du hin?», fragt es die Frau mit den Kopfhörern. Es wiederholt die Frage. «Auf die gleiche Insel wie du», sagt diese. Das Mädchen sucht die Eltern.

Über dem Desk von Gate A84 wird die Anzeigetafeln eingeschaltet. Auf der einen steht: «Fuerteventura WK212/Edelweiss Airline, 10:50, Gate A84, 21 Grad». Auf der anderen: «Einsteigezeit 10:05» und «Self Boarding/Automatisches Einsteigen, bitte Barcode auflegen». Nun werden Boarding Cards in Handtaschen gesucht, Blicke auf Uhren geworfen, Haarsträhnen in Form gebracht, auf die Anzeige hingewiesen, auf die Temperatur am Reiseziel. Es wird abgewogen, ob der Gang zur Toilette noch drin liegt. Das Warten wird konkret. Es verbindet alle für einen kurzen Moment. Niemand will nach Philadelphia oder Warschau. Niemand am Abend zurück nach Hause. Alle haben das gleiche Ziel. Es gibt so lange keine Diskretion, bis sie sich in der Flugzeugkabine installiert, sich wieder ihren Gedanken und ihren push-Nachrichten zugewandt haben und ihre Privatsphäre sie wieder stumm umgibt. 

Aus dem Fingerdock taucht Bodenpersonal auf. Über der Uniform tragen sie gelbe Leuchtwesten. Sie lösen die Kordel, die zwischen Terminal und Fingerdock eine Schranke markiert. Am Desk überprüfen sie die Funktionsfähigkeit der Bildschirme, eine Passagierliste. Die wenigen Handgriffe bewirken, dass sich die Menschen erheben, ihr Handgepäck fassen und sich zum Desk begeben. Es bildet sich eine Schlange. Es wird geredet, die Stimmung ist spürbar aufgeräumter. «Die lassen uns allein», wird gefrotzelt, als das Personal die Kordel wieder einhängt und im Fingerdock verschwindet, das Check-in erneut leer bleibt. Ein Gong ertönt. Eine weiche Männerstimme. Der Flug nach Riga wird ausgerufen.

Das Mädchen lässt den Stofftiger teilhaben am kurzen Gespräch der Eltern mit dem älteren Herrn, der zur Anzeigetafel zeigt. Er macht darauf aufmerksam, dass die Inseltemperatur nun 22 Grad beträgt, prächtige Urlaubsaussichten. Die Eltern pflichten ihm bei und das tut auch der Tiger, er wackelt mit dem Kopf. Die Mutter streicht dem Mädchen über das Haar. Es dreht sich brüsk ab. Rennt zur Erdkugel. Drückt des Tigers Nase ans Plexiglas und seine Pfoten an die Arabische Halbinsel. Verlässt ihn die Kraft und baumelt er vor dem Planeten in der Luft, weil das Mädchen Blickkontakt zu den Eltern sucht, verleiht es ihm umgehend neue Tigerkräfte, presst die Nase nun aber wirklich fest an die Erde. Der Stofftiger kann nicht anders, als sie zu riechen, die Welt, und seine Knopfaugen schauen durch das Glas ins Erdinnere, das hohl ist, abgesehen vom geldbedeckten Boden. Seine Augen blicken durch die Erde hindurch, der Tigerblick durchbohrt ein gelb schimmerndes Nordamerika und verliert sich in den verschwommenen Menschensilhouetten, die hinter der Erdkugel vor dem Desk am Gate Schlange stehen. Das Mädchen küsst den Tiger auf den Kopf.

Zwei Angestellte in Uniform steuern auf Gate A84 zu. Die Absätze ihrer Schuhe klacken und übertönen Gesprächsfetzen und das Geratter von Gepäckwagen, die ineinandergeschoben werden. Hinter dem Check-in-Schalter richten sie sich ein. Sie unterhalten sich. Gehen Papiere durch. Fahren die Computer hoch. Eine löst die Kordel beim Fingerdock. Die Querbalken an den Säulen wechseln auf Grün, ein Punkt, der hin und her springt. Der Durchgang zum Fingerdock und zum Jet ist freigegeben. Die andere greift nach einem Mikrofon, ihr Blick streift die Wartenden. Sie liest: «Flug WK212/Edelweiss nach Fuerteventura um 10:50, Gate A84. Das Boarding ist eröffnet.» 

Mit einer Begrüssung und einem Lächeln wird die Boarding Card des ersten Fluggastes geprüft. Ein Mittdreissiger, Jeans, Sakko, frische Rasur, mit abgenutztem Rollköfferchen. Er nickt wortlos und verschwindet im Fingerdock, als gehörte er nicht zu denen, die auf den gleichen Flug wollen. Eine Frau zieht den Barcode über den Scanner an der Durchgangsschranke und trägt ihre Ledertasche und eine Prise Selbstverliebtheit auf hohen Absätzen zum Flugzeug. Die jungen Männer sind an der Reihe. Eine Mütze ist im Duty-Free liegen geblieben, sie diskutieren, warten oder einsteigen. Absolut desolat, grinsen sie, der Herr Kollege ohne Mütze. Sie scheren aus der Schlange aus, machen den Eltern des Mädchens Platz. Diese wiederum lassen die Zwillingsschwestern vor, der Vater ruft seine kleine Tochter vergeblich. 

Das Mädchen, das Stofftier und die Erdkugel. Es steht vor der Erde. Es und der Tiger spiegeln sich im Plexiglas. Sein verzogenes Gesicht, Mund, Nase, die braunen Augen, krauses Haar. Es weiss, dass die Eltern nahe sind und doch auf Distanz und die Erde ist zu schön, um sie zurück zu lassen. Es umklammert den Tiger, sieht, wie die Mutter den Rucksack schultert und auf es zukommt. Sie redet auf das Kind ein, es lehnt seine Stirn an die Kugel, an Queensland. Sein Schopf reicht bis zum Äquator. Die Mutter hebt das Mädchen hoch, was es geschehen lässt, es hat damit gerechnet, es gibt kein Entrinnen. Dann lacht es und in dem Moment fällt ihm der Tiger hinunter. Er landet rücklings auf dem Kunststoffsockel der Erdkugel, die Knopfaugen starr. Dem Mädchen entfährt ein spitzer Schrei. Die Mutter versucht, nach dem Stofftier zu langen, geht in die Hocke, ergreift ein ausgeleiertes Bein und will sich unverzüglich wiederaufrichten, als es geschieht. 

Niemand mag Augenblicke dieser Art, wo sich während einem Bruchteil einer Sekunde abzeichnet, was passieren wird, als sie beim Aufstehen realisiert, dass sie an die Erdkugel stösst, als sie deren beachtliches Volumen spürt und sie weiss, dass die Kugel nicht wirklich verankert ist, unter dem Sockel ein Antirutschfilz zwar, aber nicht konzipiert für einen heftigen Stoss, dass sie nachgibt. Die Erdkugel fällt. Am Äquator kann sie aufgeklappt werden. Ein vorstehendes Kunststoffteilchen ist mit einem Schloss versehen. Auf dieses Teilchen knallt sie mit ihrem ganzen Gewicht. Das Banner rutscht aus der Halterung, das Material bricht, die Plexiglaskugel springt auf und die Erde entleert sich. Münzen schlittern klickernd über die Bodenplatten, als wollten sie nichts wie weg. Sie verteilen sich über die ganze Fläche, einzelne kullern zwischen Beinen hindurch, hochkant hinüber zum Wartebereich unter die Sitze. Fast alle bleiben jedoch bei der Erdkugel liegen, ein Lawinenkegel aus Geld. Die Erde liegt da, mit geöffnetem Schlund. Einen kurzen Moment lang ist es sehr still. 

«Mist», ruft die Mutter. Ihr Mann eilt zu ihr hin. Alle schauen. Starren. Die Erdkugel. Das Geld. Das Mädchen mit aufgerissenen Augen, Entsetzen. Seine Augen, die sich mit Tränen füllen. Nicht mit Tränen der Wut, des Schmerzes oder des Trotzes. Es sind Tränen aufrichtiger Trauer, Tränen des Verlustes über etwas Intaktes, das es auf Anhieb gemocht hat und ihm jetzt abhandengekommen ist. 

Alle sehen, wie betroffen das Kind auf den Unfall reagiert und seine Betroffenheit überträgt sich. Die Dame am Desk, in professionellem Tonfall, beschwichtigt, nur keine Aufregung, sie ordere den Flughafendienst. Der Vater versucht die Erdkugel aufzurichten, die Frau im olivgrünen Sommermantel packt mit an. Die Erde steht wieder auf dem Sockel, das heisst, die Südhalbkugel. Die Nordhalbkugel, nur durch das Scharnier mit dem unteren Teil verbunden, hängt nach hinten ins Leere. Die Mutter hebt sie vorsichtig an und senkt sie auf die Südhalbkugel. Das Scharnier muss sich verbogen haben. Die Hälften sind nicht mehr passgenau, der Norden ist um zwei, drei Millimeter verrückt. Vergeblich versucht sie es zu richten. Das Mädchen, in der einen Hand hält es den Tiger, mit der anderen umklammert es den Bändel von Mutters Rucksack, weint haltlos. Diese bespricht sich mit ihrem Mann. Sie würden aufräumen, natürlich würden sie aufräumen. Es bleibe genügend Zeit und es sei ihr Missgeschick gewesen, sie habe das Ganze hier verursacht. Das Mädchen beruhigt sich. Schnieft. Sein Blick, noch verschwommen, wandert langsam über die Erdoberfläche, als suchte es ein bestimmtes Land, einen Gebirgszug, der sich abhebt. Am Himalaya bleibt sein Blick an der Stelle hängen, wo die Erdkugel aufgeschlagen ist. Die sonst gelb schimmernden Gipfel sind eingestossen und grösstenteils abgesplittert. Doch dann entdeckt es den Riss im Plexiglas, gleich östlich des Indischen Subkontinents. Der Riss ist hart, weiss, vom Nördlichen Eismeer über Sibirien zieht er sich hinab, entzweit die Wüste Gobi und das Chinesische Tiefland, schrammt an Taiwan vorbei, stösst schwungvoll Richtung Südosten, spaltet den Nordwesten Papua-Neuguineas, büsst an Spaltkraft ein und verliert sich im Golf von Port Moresby.

«Sie ist kaputt», sagt das Mädchen. Es schluchzt. 

Es werde sofort jemand hier sein, versichert die Angestellte vom Check-in, jetzt bei ihnen, sie müssten sich keine Sorge machen. Das Mädchen sieht mit verweintem Gesicht zu ihr auf. «Sie ist kaputt», wiederholt es. «Wir kriegen das hin», antwortet die Frau und verschwindet hinter dem Desk. Sie lächelt dem Zwilling im hellblauen Mantel zu, die sich bei ihrer Kollegin nach einem besseren Sitzplatz erkundigt. Sie spricht ins Mikrofon. Es knistert. «Edelweiss Airline WK212 nach Fuerteventura vom Ausgang A84, der Einsteigevorgang ist eröffnet.»

Das Mädchen kniet sich hin und vergräbt seine Hände im Geld. Die Mutter stellt den Rucksack ab. Ihr Mann meint, vielleicht sollten sie das besser sein lassen, es komme ja jemand. «Geht schon», meint sie und füllt ihre Hände mit Münzen. Er presst die Lippen zusammen. Eine Träne kullert dem Mädchen über die Wange. «Siehst du», sagt sie vorwurfsvoll. Er versucht seine kleine Tochter zu trösten. Unschlüssig steht die Mutter vor der Erdkugel. Jedes Geldstück einzeln einzuwerfen dauert zu lange. Sie legt die Münzen zurück auf den Haufen. Mit Hilfe der Frau im olivgrünen Mantel klappt sie die obere, lädierte Hälfte wieder nach hinten. Die Frau hält die Hälfte fest, zur Sicherung, sie könnte abbrechen. So lässt sich die Erde besser füllen. Das Mädchen schnupft. Es fängt an, im Geldhaufen zu wühlen, hebt eine erste Handvoll über die Kante ins Innere, darum bemüht, dass keine Münze hinunterfällt. Die Ladungen werden grösser. Münzen prasseln zu Boden.  

Die Angestellten flüstern. Der Flughafendienst ist noch nicht eingetroffen. Sie telefonieren. Auch in der Schlange wird leiser gesprochen, der Zwischenfall hat den Lärmpegel gedämpft. Gerade eben noch war die Erdkugel nur Teil der Infrastruktur des Terminals. Nun ist sie plötzlich Mittelpunkt des Geschehens. Noch scheint in vielen Köpfen der verstörende Anblick, die Erde im Fall, wie ein Film abzulaufen. Vereinzelt schauen die Wartenden zum Desk, um herauszufinden ob es vorwärtsgeht oder das Boarding verzögert wird. Die Angestellten versuchen, das Malheur zu beheben. Die Menschen schauen aber vor allem der Familie zu, wie sie mit dem Missgeschick klarzukommen versucht, wie sich die anfänglich stressige Situation in ein stilles Einverständnis verwandelt, zusammen aufzuräumen. Mit leiser Neugier wird zudem die Frau im olivgrünen Mantel beobachtet, die ihre Hilfe anbietet. Wird sie daran festhalten, wenn ihre Schwester am Desk grünes Licht zum Einsteigen bekommt?

Die Frau blickt um sich. Erfasst das ganze Ausmass des Malheurs. Sie muss gespürt haben, wie die Kinderaugen sie durchbohren, wie das Mädchen abwartet, was sie nun tun wird. Sie wendet sich ihm zu und lächelt. Das Mädchen lächelt zurück. Die Frau zuckt die Schultern und beginnt Geldstücke aufzuklauben. Das Mädchen verfolgt jede ihrer Bewegungen. Dann dreht es sich zu den Wartenden. Schaut sie an. Sein Blick ist dunkel und alt, ein Funken Menschheitsgeschichte liegt in ihm, vom Kind, vom Menschen, dem nichts wichtiger ist, als dass er verstanden wird und sich auf andere verlassen kann. 

Das Rentnerpaar reagiert zuerst. Löst sich aus der Schlange und geht zum Mädchen hin. Die beiden helfen ihm die Erdkugel füllen. Die Verliebten, auch sie helfen mit. Weitere schliessen sich an. Sie finden bei den Säulen Münzen, unter der Durchgangsschranke, gleich vor dem Check-in. Selbst an der Fensterfront glänzt Geld im hellen Licht. Die Menschen wirken wie Spatzen, die Brosamen picken. Wie Erntehelfer auf einem Kartoffelacker. Wie Kinder an einer Hochzeitsfeier, beim Auflesen der Bonbons auf dem Weg ins Glück. Der ältere Herr wendet einen Dinar, vergleicht ihn mit einer Münze, die er keiner Währung zuordnen kann. Touristen entdecken einen Rubel und eine Öre unter ihren Rucksäcken, überreichen sie dem Mädchen. Es sammelt die Münzen ein. Rennt, marschiert, hüpft von Mensch zu Mensch. Das Einfüllen erledigt das Rentnerpaar. Noch zieren sich die jungen Männer, Geld einzusammeln wie die Bedürftigen, wer wird zuerst? Bis der Schlaksige zum Wartebereich schreitet, im Rücken das Gelächter der Kollegen. Er sucht unter den Sitzen und wird fündig. Das Mädchen strahlt. Eine Atmosphäre von Heiterkeit und auch ein gewisser Eifer macht sich breit. 

Die eine Dame am Desk versucht die Fluggäste davon zu überzeugen, dass der Flughafendienst ganz bestimmt bald eintreffen wird. Ob sie nicht doch einsteigen möchten – aber nein, niemand scheint in Eile zu sein. Viel eher sind alle davon angetan, Ordnung zu schaffen. «Alles eine Frage der Priorisierung», meint der ältere Herr. 

Bald einmal, es sind etliche Minuten vergangen, ist das Geld dort, wo es hingehört, in der Erde. Die Mutter streckt dem Mädchen die Hand hin. «Wir müssen. Es ist aufgeräumt», sagt sie. Der ältere Herr zwinkert ihm zu. Das Mädchen zögert. Denkt nach. Und dann geht alles sehr schnell. 

Das Mädchen stellt sich auf die Zehenspitzen, taucht kurzentschlossen seine dünnen Arme ins Geld und wühlt darin, dass es klimpert, und das Mädchen schöpft so viel es fassen kann, hebt es über den Rand und schleudert es in Richtung der Zuschauenden. Aus einer Dringlichkeit wird ein Spiel. Das Lachen des Mädchens ist gelöst. Es braucht freie Hände, die mithelfen, es braucht alle Hände. Es wird geklatscht, einer der jungen Männer krempelt demonstrativ die Ärmel hoch und alle machen mit. Nochmals Geld einsammeln. Die Erde füttern. 

Passagiere, die eben erst eintreffen, sind irritiert, denn trotz der Menschenansammlung wird nicht angestanden. Die Angestellten kümmern sich aufmerksam um die Neuankömmlinge, was aber nicht ausreicht, um das Einsteigen zügig voranzubringen. Sie könnten umgehend boarden, aber das eifrige Treiben lenkt sie ab, die merkwürdig aufgekratzte Stimmung wirkt ansteckend. Einzelne reihen sich gar ein in den Schwarm von Sammlern. 

Vielleicht ist es eine Art kollektive Gewissheit, dass Flug WK212 ohne Passagiere nie startklar sein wird. Es sind schliesslich Menschen, die Crew im Tower, die über den Zeitpunkt des Starts wird entscheiden müssen. Vielleicht ist es die Heiterkeit, das Spiel. Der ältere Herr beginnt einen Schlager zu summen, vom Meer, der Sonne und einem glühenden Herzen, das Rentnerpaar stimmt mit ein, der Vater des Mädchens lacht, sagt dann zu seiner Tochter, die Münzen in die Luft wirf, einen Geldregen herunter prasseln lässt, es reiche. 

Eine der Damen macht eine weitere Durchsage. «Edelweiss Airline WK212 nach Fuerteventura vom Ausgang A84: wir bitten Sie dringendst, sich zum Einsteigen bereit zu machen». Die andere redet auf die Eltern ein, eine weitere Verzögerung läge nicht drin. Der Vater beschwichtigt, ihre Tochter sei am Durchstarten, gewissen Prozessen müsse man Raum geben. Seine Frau stimmt in sein Lachen ein, sämtliche Anspannung fällt von ihr ab, bald lacht sie unter Tränen, bis sie plötzlich wieder ernst wird, sehr ernst, sie lasse sich nicht vorschreiben, wann sie wo zu sein habe. Mit Nachdruck bittet sie die Dame um Verständnis. Sie wendet sich an ihre Tochter, fährt ihr über den Haarschopf, der sich ihr aber entzieht, schon ist das Mädchen weg. 

Die Verliebten schichten auf einem Sitz Münzen aufeinander. Fasziniert schaut das Mädchen zu. Dann rennt es zur Erdkugel, zu seiner Aufgabe, verteilt von neuem Geld, macht selber kleine Haufen, es ist sich der Hilfe dutzender Hände gewiss, die aufklauben, anhäufen, etwa die jungen Männer, die ihm zurufen, sobald eine Handvoll Geld transportbereit ist. Sofort ist es zur Stelle. Es tauscht den Tiger gegen Geld. Er passe gut auf ihn auf, versichert ihm der eine und nimmt ihm das Stofftier ab. Zusammen gehen sie zur Erdkugel. Das Mädchen langt über den Äquator und wirf das Geld in die Erde. 

«Achtung: alle Passagiere abfliegend nach Fuerteventura sind gebeten, sich zum Ausgang A84 zu begeben. Ich wiederhole: alle Passagiere abfliegend nach Fuerteventura sind gebeten, sich zum Ausgang A84 zu begeben», ertönt nun die Stimme vom Desk. 

Letzte Passagiere treffen ein. Die Damen winken sie energisch zu sich, bemüht zu verhindern, dass auch sie stehen blieben, schlimmer noch, dass auch sie mitmachen bei diesem ganzen Zirkus. Zwar abgelenkt von den sich ungewohnt verhaltenden Menschen zücken diese ihre Boarding Cards und lassen sich durch die Absperrung schleusen. Dahinter aber ein Blick zurück, sich vergewissernd, dass wahr ist, was sich am Gate A84 abspielt. Sie verschwinden im Fingerdock. 

Die Stimme aus dem Lautsprecher insistiert: «Passagiere am Gate A84 sind gebeten, sich sofort zum Einsteigen zu begeben. Ich wiederhole, Passagiere am Gate A84 sind gebeten, sich sofort zum Einsteigen zu begeben». 

Die Durchsage verfehlt ihre Wirkung. Die allermeisten Passagiere haben Flug WK212 vergessen. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt weiterhin dem Geld, der Erde. Sie sind sehr vertieft. Die Damen erklären einem Steward von Edelweiss, was geschehen ist. Er gibt Anweisungen. Noch eine Durchsage. «Achtung, dies ist der letzte Aufruf für Passagiere fliegend nach Fuerteventura. Ausgang A84 schliesst in wenigen Minuten». 

Der ältere Mann nickt den Damen freundlich zu, als er am Desk vorbeigeht. Er hat bei der Fensterfront das Banner geholt. Er bringt es dem Mädchen, das bei der Frau im olivgrünen Mantel steht, die noch immer die nach hinten geklappte Nordhalbkugel stützt. Sie liegt auf ihren Händen wie eine kostbare Gabe, ein Täufling, eine Krone auf weinrotem Samtkissen. Die jungen Männer schütten ihr Sammelgut in die Erde. Schnell getan. Nun Betätscheln des Stofftieres im Arm des Kollegen, ein denkwürdiger Anblick. Schon ist ein Handy in Position. Mit einem Stofftier mag dieser nicht fotografiert werden. Er dreht sich zur Seite. Will dem Mädchen den Tiger zurückgeben, als sie ihn schubsen. Eine boshafte, kleine Provokation. Der junge Mann holt aus, zur Revanche, die anderen sind schneller. Er bekommt einen Stoss in die Brust, stolpert rückwärts, kracht in die Südhalbkugel, die Frau kreischt, lässt die Nordhalbkugel los, das Scharnier reisst ab, die Erdhälften schnellen durch die Luft, ohrenbetäubendes Klirren beim Aufprall. Während die Südhalbkugel liegen bleibt, ein Spinnennetz feinster Risse das Plexiglas überzieht, schlittert der Norden mehrere Meter weit. Überall glänzt Geld. Ein Aufschrei. Bestürzung. Nun ist die Erdkugel definitiv kaputt. 

Dann aber setzt ein Raunen ein. Etwas Befremdliches erregt die Aufmerksamkeit der Menschen. Die Kontinente, vor allem die Landmasse der Nordhalbkugel, fangen an zu leuchten, zaghaft zuerst, dann unübersehbar. Das fahle Gelb wird voller, kräftiger, wird zu einem pochenden Gelb. Spätestens jetzt bemerken es alle. Eine optische Täuschung? Sogleich verliert das Gelb wieder an Intensität, erbleicht, scheint sich abzuschwächen, um, sobald am Tiefpunkt angelangt, wieder zu erstarken. All dies erinnert an das Hinterteil eines Glühwürmchens in dunkler Nacht. Harmlos. Lockend. Der Fingerzeig einer höheren Macht? Ein Vorzeichen ganz bestimmt. Für das, was folgt, für das Unvorstellbare, das an diesem Morgen geschieht. Was passiert, ist vergleichbar mit einem unsichtbaren Dirigenten, der sein Zeichen zum Einsatz gibt. Das Zeichen zum finalen Paukenschlag. 

Es kommt aus dem Nichts, das Erstarren. An Gate A84 erstarren alle Menschen in ihren Bewegungen. Der ältere Herr beginnt zu lächeln. Den Arm noch ausgestreckt, das Banner dem Mädchen überreichend, in der Luft bleibt sein Arm hängen. Die Mutter des Mädchens will etwas sagen. Den Mund leicht geöffnet, ihr Mund bleibt seltsam verzerrt. Eine der Frauen senkt den Kopf. Als verneigte sie sich. Der Scheitel auf ihrem Kopf ein weisser Strich. Jemand kratzt sich am Hals, jemand bückt sich, jemand reibt sich im Auge. Die kleinsten Bewegungen, sämtliche Regungen werden festgezurrt im Augenblick, auch die Laute, alle Geräusche. Sie sind weg. Verschluckt. Nur draussen hört man die Triebwerke eines Flugzeugs aufheulen. 

Der Blick des Mädchens – soeben noch Stolz darin, Freude, das Banner halten zu dürfen – der Blick des Mädchens ist dunkel und matt. Erloschen. 

Marianne Künzle, 1973 in Bern geboren, ist gelernte Buchhändlerin, war Kampagnenleiterin im Bereich «Ökologische Landwirtschaft» bei Greenpeace. Seit Ende 2015 arbeitet sie in einer Teilzeitanstellung bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. „Uns Menschen in den Weg gestreut“, ihr erster Roman, ist bei Zytglogge erschienen und absolut lesenswert, auch wenn man mit Heilkunde nichts am Hut hat. Für «Living Planet» erhielt Marianne Künzle den Oberwalliser Literaturpreis 2019.

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Dietmar Krug «Der Atem des Vogels»

Die Sonne stand bereits tief und hatte dennoch kaum etwas von ihrer wärmenden Kraft eingebüßt, als Michael sich mit der Gießkanne dem Rosenstock in seinem Garten näherte. Er musste sich die ausgestreckte Hand schützend über die Augen halten, um sehen zu können, ob die Blattläuse auf die Rosenblätter zurückgekehrt waren. Mit einem zufriedenen Brummen senkte er den Ausgusshals der Kanne nahe beim Stamm des Stocks zu Boden und wollte gerade zu gießen beginnen, als er eine Bewegung bemerkte. Eine Feldmaus am Rand des Beets hatte ihn bemerkt und versuchte, das Weite zu suchen. Es gelang ihr aber nicht, weil die Hinterbeine ihr offenbar den Dienst versagten. Nur das rechte bewegte sich ein wenig nach außen, das andere hing schlaff an der Seite. Ihre Vorderbeinchen vollführten dabei schwach rudernde Bewegungen, die nicht ausreichten, um ihren Körper aus seinem Sichtfeld zu robben. Er stellte die Gießkanne auf den Boden und ging neben der Maus in die Hocke. Seine Kniegelenke knackten laut, er biss kurz auf die Zähne, beugte sich über das Tier, das auf seine Annäherung reagierte, indem es noch panischer versuchte, von der Stelle zu kommen. Das bewegliche Hinterbeinchen fuhr vor und zurück, aber da es keine Unterstützung von der anderen Seite bekam, vollführte das Tier nur eine kleine Kreisbewegung, das kranke, schlaffe Bein über den Boden schleifend wie einen fremden Gegenstand, der zwar am Rumpf befestigt war, aber keine Funktion mehr hatte.

Er beugte sich so weit hinab, wie es sein bereits schmerzender Rücken zuließ, und inspizierte die Maus genauer. Ihre weit geöffneten schwarzen Knopfaugen glänzten in der Sonne. Auf dem hinteren Teil ihres Rückens war eine schmale Vertiefung erkennbar, eine kleine Kerbe im Fell, das aber nirgends blutgetränkt war. Er blickte in den wolkenlosen blauen Himmel. Vielleicht war die Maus einem von Krähen attackierten Raubvogel aus dem Schnabel gefallen und hatte sich beim Sturz in seinen Garten das Rückgrat gebrochen. Wie auch immer, das Tier war verloren, es war nur eine Frage der Zeit, bis es zur wehrlosen Beute einer Katze oder einer Krähe werden würde. Er stand auf, einen plötzlichen Schwindel niederkämpfend. Dann holte er eine kleine Gartenschaufel aus dem Geräteschuppen und ging zurück zum Rosenstock. Die Maus lag immer noch am gleichen Fleck. Als er sich ihr mit der Schaufel näherte, versuchte sie wieder vergeblich, ihr Gewicht von der Stelle zu robben, doch die Bewegungen ihres Beinchens wurden bereits schwächer, nicht einmal mehr einen halben Kreis brachte sie zustande.

Mit einem Stock schob er das Tier vorsichtig auf die Schaufel und legte es dann in den Schatten des Rosenstocks, um ihm bei seinem Kampf gegen Schwäche und Schmerz wenigstens die Hitze zu ersparen. Noch einmal regten sich die Fluchtinstinkte in der Maus, sie zuckte bei der Berührung mit dem Stock zusammen und wand sich. Der Sonne entkommen, legte sie schließlich den Kopf auf den Boden und blieb flach atmend liegen.

Immer noch konnte er den Blick nicht von dem angeschlagenen Tier abwenden, das sich jetzt wieder zu bewegen begann. Langsam zog es das noch bewegliche Hinterbeinchen an und schob es wieder zurück, wie bei einer Schwimmbewegung, wobei sich der Körper abwechselnd leicht durchstreckte und wieder zusammenzog. Der Atem ging flach und stoßweise. Er deutete das als krampfhaftes Aufbäumen, womöglich gegen starke Schmerzen. Plötzlich empfand er den drängenden Wunsch, das Tier von seiner Pein zu erlösen. Es war ohnehin aussichtslos. Er sah sich auf dem Boden um und erblickte einen faustgroßen Stein am Rand des Rosenbeets. Zögernd hob er ihn auf und wog ihn in der Hand. Ein kurzer, gezielter Schlag könnte dem allem ein Ende bereiten.

Langsam hob er den Stein in die Höhe und verharrte damit über der Maus, deren Bewegungen allmählich schwächer wurden. Das Beinchen streckte sich nur noch wenige Millimeter weit, die Körperdehnung, mit der das Tier offenbar mit letzter Kraft nach Atem rang, wurde mit jedem Zug kürzer. Schließlich streckte die Maus ihr Beinchen noch einmal langsam zu voller Länge aus, es wirkte, als würde sich ein Krampf lösen. Ein letzter, matter Atemzug, und der Glanz wich aus den Knopfaugen.

Ein eigentümliches Gefühl beschlich ihn, eine Mischung aus Ernst, Traurigkeit und Erleichterung. Er war Zeuge eines Sterbens geworden, und selbst hier, bei dieser winzigen, unbedeutenden Kreatur hatte es etwas Ergreifendes, dieses verzweifelte Aufbäumen gegen das Unvermeidliche, dieser unbedingte Lebenswille bis zum letzten Atemzug. Etwas war verschwunden aus dieser leblosen Fellhülle, etwas Fühlendes, Pulsierendes, Unfassbares.

Er stand da, den Stein immer noch in der Hand, und vor seinem inneren Auge entstand ein Bild aus längst vergangenen Zeiten: ein Junge, der, wie er selbst jetzt, einen Stein in der Hand hielt, und auch dieser Stein war dazu bestimmt gewesen, einem Tier ein vorzeitiges Ende zu bereiten.

Er war elf, vielleicht zwölf Jahre alt, und er hatte am Vortag eine Einladung zu einem ganz besonderen Ereignis bekommen. Charly, ein Junge aus seinem Heimatdorf, hatte ihn zum Grillen von selbst gefangenen Jungtauben eingeladen. Eine Köstlichkeit, meinte Charly, das Fleisch sei unglaublich zart. Charly war zwei Jahre älter als er und genoss allgemeine Bewunderung im Dorf. Er hatte ein Luftgewehr mit Zielfernrohr und ein Moped, das er ohne Nummernschild und ohne den erforderlichen Führerschein fuhr. Es gab keinen Baum, den er nicht bis in die äußerste Krone erklommen hatte, keine Mutprobe, die ihm zu heikel gewesen wäre. Wenn Charly einen zu etwas einlud, dann ging man hin, es war eine Auszeichnung.

Als Michael sich auf den Weg machte, traf er unterwegs auf Norbert, einen großen, dicklichen Jungen aus der Nachbarschaft, den alle Lutschi nannten, weil er einmal beim heimlichen Daumenlutschen ertappt worden war. Es stellte sich heraus, dass er ebenfalls zum Taubengrillen eingeladen war, was Michael eine leise Enttäuschung bereitete, weil es den Prestigegewinn der Ladung schmälerte. Als sie bei dem Haus ankamen, in dem Charly allein mit seinem Vater, einem wortkargen und meist missgelaunten Mann, wohnte, stellten sie fest, dass sie die einzigen geladenen Jungen waren. Das verschaffte Michael zwar ein Gefühl von Exklusivität, die allerdings von dem Umstand beeinträchtigt wurde, dass er sie ausgerechnet mit Lutschi teilen musste.

Als Charly ihnen die Tür öffnete, trug er Gummistiefel und einen blauen Arbeitsanzug, der ihm einige Nummern zu groß war und wahrscheinlich seinem Vater gehörte. Eine Kappe mit breitem Schirm beschattete seine Augen und verlieh seinem Blick etwas Düsteres. Er hatte den Grill und die Kohle schon auf der Terrasse vorbereitet, jetzt fehlte nur noch das Fleisch. Ohne viel Worte zu verlieren, ging er mit den beiden Jungen in den Garten hinter dem Haus und schob die Zweige eines im dichten Laub stehenden Fliederstrauchs auseinander. Ein Nest kam zum Vorschein, darin befanden sich vier kleine, weiße Tauben, die den Kopf reckten, als das überraschende Licht auf sie fiel. Geschickt nahm Charly eine Taube aus dem Nest und hielt sie Lutschi hin. Der wich einen Schritt zurück und legte die Hände auf den Bauch.
„Die beißt nicht!“, sagte Charly und hielt ihm die Taube erneut entgegen.
Lutschi streckte zaghaft die Arme aus und ließ sich den Vogel in die geöffneten Hände setzen. Er verzog vor Unbehagen den Mund, als er das Tier umfasste und sanft gegen seinen Bauch drückte. Charly nahm eine weitere Taube aus dem Nest und hielt sie Michael entgegen. Der ließ sich seinen inneren Widerstand nicht anmerken und nahm, ohne zu zögern, den Vogel in beide Hände, als wäre ihm diese Handhabung völlig vertraut. Dabei hatte er noch nie Gefieder in seinen Händen gespürt. Das Tier fühlte sich warm und weich an und rührte sich nicht. In den Handinnenflächen fühlte er ganz leicht den Atem und den schnellen Herzschlag des Vogels. Schließlich nahm Charly selbst eine Taube heraus, die vierte bleib regungslos im Nest zurück.

Einen Moment standen sich die drei Jungen gegenüber, jeder einen identisch aussehenden Vogel in Händen.
„Und jetzt?“, fragte Lutschi.
„Jetzt müssen wir sie nur noch killen“, sagte Charly und blickte mit provokanter Ruhe aus dem Mützenschatten von einem zum anderen.
„Was, wie denn?“ Lutschis Stimme war in eine hohe Lage gerutscht.
„Indem du ihnen den Kopf abreißt, einfach so:“

Charly löste eine Hand von der Taube und klemmte das Köpfchen am Halsansatz zwischen die Innenseiten des gekrümmten Zeige- und Mittelfingers. Dann riss er ruckartig die Hand von dem Tier weg. Lutschi schnappte hörbar nach Luft und kniff die Augen zusammen. Doch Charly hatte rechtzeitig die Finger von dem Kopf des Vogels gelöst, er war unversehrt.
„Nichts dabei“, sagte er, die Hand immer noch in der Luft. „Ist wie Kirschenpflücken.“

Eine angespannte Ruhe breitete sich unter den Jungen aus. Lutschi starrte auf die Taube, die ruhig in seinen Händen saß. Michael versuchte, etwas in Charlys Blick zu erkennen, der erwartungsvoll in seine Richtung schaute. Aber er konnte seine Augen nicht sehen, sie lagen im Schatten des Mützenschirms. Er betrachtete die Taube in seinen Händen und spürte die Wärme ihres Körpers. Ihr Kopf war winzig, der Hals kaum sichtbar, er würde wenig Widerstand leisten. Ein kurzer Moment, kaum Kraft, nicht einmal ein echter Ruck wären nötig, um Charlys volle Anerkennung zu gewinnen. Doch während er eine Hand vom Flügel des Tieres löste, um sie dem Kopf zu nähern, spürte er einen starken inneren Widerstand. Die Stille wurde vom Gackern eines Huhns im Stall neben dem Garten durchbrochen, ein hohes, durchdringendes Geräusch, das in diesem sich dehnenden Moment eine Erinnerung auslöste. Als Michael vor einigen Tagen vom Spielen nach Hause gekommen war, trat gerade sein Vater aus dem Geräteschuppen und ging in Richtung des Hühnerstalls. Er trug eine mit rotbraunen Flecken gesprenkelte Schürze über seiner Arbeitskleidung und hielt ein Beil in der Hand. Seine aufgekrempelten Ärmel legten sehnige Unterarme frei, auf denen die Adern bläulich hervortraten. In der freien Hand hielt er eine brennende Zigarette.

„Was machst du?“, fragte Michael.
„Wonach sieht’s denn aus?“
„Und, wen nimmst du? Die Emma?“
„Die ist noch nicht fett genug. Fritz ist dran.“
„Der Hahn? Dann kriegen wir keine Küken mehr.“
„Mama will die Hühner abschaffen. Sie sagt, die kriegen wir billig und sauber verpackt im Supermarkt.“

Der Vater öffnete eine mit Maschendraht bespannte Tür und verschwand im Hühnerstall. Lautes Gegacker ertönte, gefolgt von Geflatter und Flügelschlag. Nach einer Minute kam der Vater zurück und hielt den Hahn umklammert, mit der einen Hand presste er den rotbraun gefiederten Körper fest gegen seinen Bauch, die andere hatte er an den unteren Halsansatz des Tieres gelegt. Das Beil steckte mit dem Griff nach unten im hinteren Hosenbund. Der Vogel zuckte mit dem Kopf hin und her und versetzte seinen roten Kehllappen in eine pendelnde Bewegung. Der Vater ging zu einem Holzblock am Rand des Hofes, dessen Oberfläche von getrocknetem Blut gefärbt war. Michael sah ihm dabei zu, wie er den Hahn auf den Block legte und am Halsansatz auf das Holz drückte. Mit der anderen Hand tastete er zum Beil im Hosenbund. Er hatte ein Auge zugekniffen, um es vor dem Rauch der Zigarette in seinem Mundwinkel zu schützen.

„Tut es weh?“, fragte Michael.
„Was?“
„Wenn man ihn abhackt.“
Der Vater sah kurz von dem Hahn auf und sagte:
„Ah.“
Es war ein kurzer, kehliger Laut der Verneinung, ein Minimalton, für den man so gut wie keinen Atem benötigte. Michael hätte seinen Vater gern mehr gefragt, etwa ob die Geschichten stimmten, dass Hühner manchmal noch einige Meter ohne Kopf weiterlaufen können. Aber das „Ah“ des Vaters ließ ihn verstummen.

Plötzlich hörten sie die Stimme seiner Mutter aus der Richtung des Hauses.
„Mickey, komm ins Haus!“
Ihre Stimme hatte einen schrillen Unterton, die seinen Vater in seinem Tun innehalten ließ.
„Gleich, Mama!“
„Sofort!“
„Geh schon“, sagte sein Vater, „sonst flippt sie wieder aus. Wenn sie auf Kur ist, bring ich dir bei, wie man’s macht.“

Unwillig riss sich Michael von der Szene los, drehte seinem Vater den Rücken zu und folgte dem Ruf seiner Mutter. Während er auf das Haus zuging, lauschte er, aber es blieb völlig ruhig hinter ihm, bis er den Eingang erreicht hatte. Seine Mutter stand in der Tür, sie hatte eine steile Falte zwischen den Augen und schob ihn an der Schulter ins Haus. Als sie im Flur standen, war die Falte verschwunden und ihr Blick hatte etwas Flehentliches bekommen.

„Warum abreißen?“, fragte Michael, seine Hand hatte fast den Kopf der Taube erreicht.
„Was?“, fragte Charly und zog sich die Mütze tiefer in die Stirn.
„Wieso muss man den Kopf abreißen?“
„Willst du ihn lieber abbeißen?“
„Hast du kein Beil?“
„Wie wär’s hiermit?“, fragte Lutschi und stieß mit der Fußspitze gegen einen großen flachen Stein. Er hielt seine Taube mit leicht ausgestreckten Armen ein Stück weit von seinem Körper entfernt.
„Na, dann mach mal!“, sagte Charly. Michael sah, dass sein Mund sich zu einem spöttischen Grinsen verzog.

Lutschi stand eine Weile unschlüssig da und blickte von einem zum anderen. Dann kniete er nieder, setzte den immer noch reglosen Vogel ins Gras und drückte ihn am Rückengefieder zu Boden. Mit der anderen Hand nahm er den Stein auf, hielt ihn in die Sonne und betrachtete ihn von allen Seiten, als wollte er ihn auf seine Waffentauglichkeit prüfen.

Michael schreckte aus seinen Gedanken auf und blickte auf die tote Maus im Schatten der Hecke. Der Stein lag immer noch in seiner Hand, er wog ihn wippend, bevor er ihn zu Boden fallen ließ. Er versuchte sich zu entsinnen, wie die Geschichte mit den jungen Wildtauben ausgegangen war. Aber es gelang ihm nicht. Er hatte keine Erinnerung mehr daran, ob Lutschi wirklich ernst gemacht hatte mit seinem Stein. So sehr er sich auch konzentrierte, ihm fiel weder ein, was aus der Taube in seiner Hand geworden, noch ob es je zu dem Grillen gekommen war. Da war nur ein zäher undurchdringlicher Nebel in seinem Kopf, der seine Gedanken lähmte.

Mit mechanischen, eingelernten Bewegungen goss er den Rosenstock und stellte danach die Kanne zurück in den Geräteschuppen. Er ging über die Terrasse in die Küche und machte sich einen Tee. Mit tiefen Atemzügen genoss er die ungewohnte Ruhe im Haus, das er ein Wochenende lang für sich allein hatte. Dann duschte und rasierte er sich, zog ein frisches Hemd an und stieg ins Auto, um seine Eltern im Nachbardorf zu besuchen.

Als er den Wagen in der Einfahrt parkte, blieb er noch einen Moment am Steuer sitzen und blickte am Haus vorbei über den Hof in den Garten. Nachdem sein Vater einen zweiten Herzinfarkt gehabt hatte, ließ seine Mutter auf der gesamte Anbaufläche Gras sähen und Obstbäume anpflanzen, deren Laub sich bereits zu verfärben begann. Der Hühnerstall war längst abgerissen worden, jetzt war da nur noch eine betonierte Fläche, die gelegentlich als Grillplatz diente.
Michael öffnete das Handschuhfach und holte eine Schachtel Tabletten heraus. Lange starrte er auf die Beschriftung der Verpackung. Dann steckte er die Schachtel in seine Sakkotasche und stieg aus dem Wagen.
Seine Mutter stand bereits auf der Eingangstreppe. Ihre gebeugte Gestalt war etwas schief gegen das Geländer gelehnt, sie hatte für seinen Besuch ein gutes Kleid angezogen, ihr weißes Haar war frisch frisiert.

Sie hielt ihm zur Begrüßung die Wange hin und fragte:
„Wo sind Ruth und Kerstin?“
Wie so oft versetzte es ihm einen Stich, dass sie nur nach seinen Kinder fragte und nicht nach seiner Frau. Flüchtig küsste er die Wange seiner Mutter.
„Katharina ist mit den beiden zu ihrer Mutter gefahren. Das hab ich dir doch am Telefon gesagt.“
„Ach Gott, ich werd langsam vergesslich“, sagte sie und hakte sich bei ihm ein, um leichter die Treppe hinaufzukommen. Als sie in der Küche waren, fragte er:
„Und? Wie geht’s ihm?“

Eine Kerbe bildete sich zwischen ihren Augen. Er wusste, die Falte würde sich gleich wieder entspannen, aber nicht mehr gänzlich verschwinden, zu oft schon hatte sie Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Ihr Blick bekam wie immer etwas Flehentliches, was in letzter Zeit aufgrund der schlaffen, geröteten Lider einen immer stärkeren Zug ins Weinerliche bekommen hatte.

„Er hatte eine harte Nacht.“
„Probleme mit der Luft?“
Sie nickte.
„Vor allem im Liegen ist es arg.“
Er wollte etwas sagen, aber ihm fiel nichts ein.
„Mickey.“
Er zwang sich, sie mit festem Blick anzusehen.
„Letzte Nacht wache ich auf, und er ist nicht im Bett. Ich gehe ins Wohnzimmer und er steht da, mit beiden Händen an eine Stuhllehne gekrampft. Er keucht vor Luftnot und die Augen treten ihm aus dem Kopf. Ich weiß nicht mehr weiter.“

Michael spürte, wie sein Mund trocken wurde.
„Warum nimmt er denn nicht das wassertreibende Medikament?“
„Er geht sparsam damit um, weil es allmählich seine Wirkung verliert. Darum setzt sich immer mehr Wasser in der Lunge ab.“

Nach einer kurzen Weile, in der die Falte zwischen ihren Augen sich wieder vertiefte, fügte sie hinzu:
„Weiß du, was er gesagt hat?“
„Was?“
„Warum schläfern sie mich nicht ein?“
„Mama, ich –“
„Mickey, einschläfern hat er gesagt. Das tut man doch nur mit einem Tier.“

Als er sah, dass ihre Augen sich mit Tränen zu füllen begannen, wandte er sich von ihr ab und sagte lauter als gewollt:
„Ich geh zu ihm.“
Er verließ die Küche und betrat das Wohnzimmer, wo er seinen Vater nicht antraf. Er ging zurück in den Flur und lauschte an der Toilettentür. Zuerst hörte er ein leises Schnaufen, dann einen Wasserstrahl, gleichmäßig und anhaltend. Länger als eine Minute hörte er zu, wie das Wasser, das die Pillen aus den Lungen und Blutgefäßen des Vaters gesaugt hatten, in die Schüssel plätscherte. Die Spülung erklang, und Michael trat rasch von der Tür zurück.

Als sein Vater sich ihm gegenüber ächzend aufs Sofa sinken ließ, wirkte seine Gestalt eingefallen und abgemagert. Dunkle Ränder hatten sich unter seinen Augen gebildet. Sie plauderten einige belanglose Worte über die Kinder und das Wetter. Und Michael bemerkte, dass sein Vater zwischen seinen spärlichen Worten immer wieder nach Luft schnappte, ein kurzes, beinahe erschrockenes Japsen, einem geräuschlosen Schluckauf ähnlich. Michael sah sich im Raum um, in einer Ecke neben dem Fernseher stand eine Sauerstoffflasche in einem metallenen Fahrgestell. Er deutete darauf und sagte:
„Soll ich dir das Ding bringen?“
„Ah.“

Ein Schweigen entstand, das sich lange zog. Die lastende Stille erinnerte Michael an ein Gespräch, das sie eine Woche zuvor geführt hatten. Sein Vater war wie immer den Fragen nach seinem Befinden ausgewichen, hatte einsilbig oder nur mit einer abwinkenden Handbewegung geantwortet. Doch am Ende blickte er aus dem Fenster, ein Schleier hatte sich über seine Augen gelegt und er sagte leise, wie zu sich selbst:
„Ich werd sicher keine Siebzig.“

Michael überlegte, was er darauf antworten sollte. Doch seine Gedanken wurden träge und schwer, nicht einmal mehr den Blick vermochte er zu heben. Minutenlang saßen sie sich schweigend gegenüber. Beim Abschied hatte sein Vater ihn noch einmal geradeheraus angesehen und gesagt:
„Ich verlass mich auf dich. Ich will nicht ersticken wie ein gefangener Fisch.“

Ein Schnappen nach Luft riss Michael aus der Erinnerung. Er stand auf, rollte die Sauerstoffflasche zum Sofa, drehte den Hahn auf und reichte dem Vater den durchsichtigen Schlauch. Der Vater nahm ihn nach einem Zögern widerwillig entgegen und steckte sich das gebogene Plastikende in die Nase.
Die frische Luftzufuhr verschaffte ihm sichtlich Erleichterung, seine Atmung begann sich etwas zu entspannen. Dann verengten sich seine Augen, die buschigen weißen Brauen schoben sich zusammen, und er sagte:
„Hast du es dabei?“
„Was?“
Der Vater zog verächtlich einen Mundwinkel nach unten. Michaels Hand griff unwillkürlich nach der Tablettenpackung in der Sakkotasche, der Blick des Vaters folgte seiner tastenden Bewegung. Mit einem Räuspern stand Michael auf und ging ziellos einige Schritte durch den Raum. Auf einer Kommode stand ein Hochzeitsfoto der Eltern. Seine Mutter trug darauf einen weißen Schleier auf dem kunstvoll frisierten blonden Haar. Sie stand etwas seitlich und sah mit weit geöffneten Augen zu ihrem Mann auf, der einen Kopf größer war als sie und das markant geschnittene Kinn der Kamera entgegenreckte.
Als er sich von dem Foto losriss, sah sein Vater ihn immer noch unverwandt an, als erwartete er eine Antwort.
„Nein!“, sagte Michael, schüttelte bekräftigend den Kopf und versuchte seiner Stimme Festigkeit zu verleihen.
Sein Vater blickte auf Michaels Sakkotasche, die von der Medikamentenpackung ausgebeult war. Dann nahm er den Schlauch aus der Nase, schnaufte verächtlich und sagte, den Mund zu einem leichten Grinsen verzogen:
„Hätt ich dir auch nicht zugetraut.“

Dietmar Krug, geboren 1963 im Rheinland, studierte in Aachen und Wien Germanistik, Philosophie und Geschichte. Er promovierte 1996 über Thomas Mann. Seit 1988 lebt Krug in Wien, war dort zunächst freier Verlagslektor, bevor er 2004 in den Journalismus wechselte. Als Autor, Kolumnist und Redakteur hat er für diverse Medien gearbeitet, u. a. «Die Zeit», «Die Presse», «Der Standard». Zuletzt erschienen bei Otto Müller die Romane «Rissspuren» (2015) und «Die Verwechslung» (2018).

Rezension von «Von der Buntheit der Krähen» auf literaturblatt.ch

Webseite des Autors

Beitragsbild © Pilo Pichler

Konrad Pauli «Wegwarte»

In jungen Jahren schon zeichnete sich in ihm ein Hang zur sogenannten Fremdenfeindlichkeit ab. Er wusste, was Not täte in einem soweit gut funktionierenden Land, das auf allerhand Einflüsse seiner Meinung nach zu large reagierte und Kompromisse einging, die, auch seiner Meinung nach, dem Fremden zuviel Raum zugestand und, so seine Botschaft, das Land nicht nur in den Ruin, vielmehr in den Untergang führen werde. Sein Motto: „Ihr werdet sehen!“

Weitherum war er gekommen in der Welt. Als Akademiker in Chemie war er eingespannt in Projekte im In- und Ausland. Abenteuerliches war ganz in seinem Sinn. Seine Berichte und farbigen Erzählungen im Freundes- und Bekanntenkreis waren Unterhaltung pur. Der Unterhaltungswert überstrahlte oft den Widerspruch, die andere Meinung.
Er wüsste schon, wie das Land zu säubern, zu retten wäre. Man wunderte sich, goutierte nicht alles und nannte ihn ein Original. Das war zweifelsfrei. Trat er auf, bezog er sogleich die Position des Zentralgestirns. Wagte man ein Aber, einen Einwurf, wischte er Solches als belanglose Unannehmlichkeit weg. „Ihr habt keine Ahnung!“

Sein Wissen gefror allmählich zur Versteinerung. Er habe es ja immer gesagt. Flüchtlinge, Asylbewerber rückten an, profitierten von unsern grosszügigen Sozialleistungen. Eine Truppe, eine Art Geheimarmee wollte er aufstellen zur Rettung der Nation – denn die war in Gefahr wie seit lange nicht. Gerne arbeitete er Pläne aus, wie das im Detail zu leisten wäre. Viel Zeit blieb nicht – also waren rigorose Schritte und Lösungen angesagt, ja vonnöten.
Aber das Alter kam. Er wüsste, wie alles anzupacken wäre, aber Verschiedenes musste verschoben werden. Doch die Gesinnung, die Kraft zum Widerstand, ja Kampf gegen alles Weich- und Schlappgewordene blieb frisch. Verschoben war nicht aufgehoben. – Nun führten ihn die Lebenswege an den Ort seiner Kindheit zurück. Dem schrecklichsten Ort seiner Kindheit war er doch aus familiären Gründen gleichwohl zugetan. Auf dem Friedhof ruhten Mutter und Vater. Dem Vater war er auch im Nachhinein nicht herzlich zugetan. Er hatte, seiner Meinung nach, etwas Herrschaftliches an sich. Das Patriarchat hatte damals Hochkonjunktur. Auf kluge, nachsichtige Weise erfüllte die Mama ihre Rolle als liebende Gattin.

Nun also führten ihn Umstände und Entschlüsse der Familie, auf die er, aus gesundheitlichen Gründen und nach vielen Operationen, keinen Einfluss haben konnte, zurück an den Kindheitsort. In eine Wohnung an die Panoramastrasse. Das versprach Aus- und Rundsicht, war aber weit weg von allem, was er bis anhin hatte durchstreifen können. Nun war er ein Gefangener des Rollstuhls. Die Welt verengte sich. Die Erinnerungen waren wach, sie zogen sich aber zusammen an den Ort, wo er auf seine Weise, auf die Art der diktierten Umstände, das Leben nun zu fristen hatte.

Besucher rollten ihn tröstend durch Wege, die ihm naturgemäss vertraut waren. Erinnerungen erfreuten und schmerzten. Hier, ja hier – dort, ja dort. Tragödien der Altvordern lebten auf, so als wäre dies erst gestern gewesen. Man hörte ihm zu – er hatte etwas zu erzählen. Man vergass beinahe, dass man selbst inzwischen auch Manches getan und erlebt hatte. Aber seine Wesensart beanspruchte die Rolle und Wirkung des Epizentrums. Wo er hinkam, wer zu ihm kam – er übernahm sogleich das Regiment.
Das hatte sich so eingespielt. Man hatte ein abgestumpftes Verständnis für Gebrechlichkeit und Alter. Man nahm die Eskapaden seiner aufmüpfigen Vaterlandsverteidigungsstrategie erstaunt und versteckt lächelnd hin. Argumente zählten kaum.

Aber er freute sich auf jeden Besuch. Jeder Besuch, jedes Rollstuhlfahren holte ihn heraus aus seinem Ghetto, in dem er gefangen war. Und er, seine Gedanken und Meinungen blühten auf und kamen in Eifer. Ja, er hätte schon gewusst, wie die Anfänge der Verluderung hätten gestoppt werden können, wenn man bloss auf ihn gehört und seine Projekte ernstgenommen hätte. Etwas musste ihm bleiben, etwas musste sein Halt sein.
Endlich führte ein Rollstuhlspaziergang zu seinem Geburtshaus: Wegwarte. Ein schöner Name. Und wieder sprudelten Erinnerungen und neue Geschichten. Etwas Neues war immer dabei. (Das Eigene konnte warten.)
Hier also bin ich geboren, hier habe ich meine Kindheit verbracht. Wie Abertausende anderswo. Aber die Wegwarte ist mein Geburtshaus. Und wieder kommt das Bedauern, der Aufruhr, die Anklage gegen alles, was inzwischen verloren gegangen und anders geworden war. Naturgemäss.

Er betrachtet das Haus und erlebt Gedanken und Stimmungen. Wehmut gehört dazu. Unvermutet öffnet sich die Tür. Ein Schwarz-Afrikaner kommt auf den Rollstuhlfahrer zu. Aha. Wissen Sie, das hier ist das Haus meiner Kindheit! Hier wuchs ich auf. Können Sie das verstehen? Der Schwarze weiss sich nicht besser zu helfen, als den Rollstuhlfahrer mit dem schönsten Zähnelachen verständnislos anzustrahlen. Ja, was nun. Kurzum erscheint unter der Tür ein zweiter Schwarzer. Der Rollstuhlfahrer unterdrückt das Verlangen, ihn als Neger zu bezeichnen. Alles hatte, wie er beteuerte, seinen Sinn, seinen Wert eingebüsst. Auch die Wegwarte war nun für ihn verloren. Es ging zu Ende. Trotz und Ergebung begleiteten ihn zurück ins Heim.

Konrad Pauli, 1944 in Aarberg in der Schweiz geboren, arbeitete nach der Ausbildung zum Lehrer wiederholt in Zeitungsredaktionen. Der Autor lebt in Bern und veröffentlichte bislang neun Bücher. Zuletzt erschienen «Ein Heldenleben», «Seit jeher unterwegs», «Marcos Blicke in Seeland», «Weitergehen» und «Ein Romantiker in nüchterner Zeit“ (Collection Montagnola, ediert von Klaus Isele).

Urs Mannhart «Ein Leserbrief»

Sicher hat vieles damit zu tun, dass ich nun schon eine Weile arbeitslos bin. Dass niemand einen Ingenieur brauchen kann, schon gar nicht einen, der spezialisiert ist auf Anlagen für Wärmerückgewinnung im Niedrig-Temperatur-Bereich. So dass ich ein bisschen viel Zeit habe, um Zeitung zu lesen, aus dem Fenster zu schauen und kleine Runden zu drehen auf meinem schönen alten Rennrad.
Während einer Ausfahrt in die Hügel zwischen Bern und Burgdorf fahre ich, in einem Wald hinter Bäriswil, eine Weile entlang von Tüten, Servietten, Bechern und anderem Unrat, der da, hingeschmissen von einem McDonald’s-Kunden, den Weg säumt. Als mir zwei, drei Kilometer später eine ähnliche Szene begegnet, werde ich hineingezogen in eine sonst Pubertierenden vorbehaltene Stimmung, in welcher man alle wachrütteln, zur Besinnung rufen und die Welt retten möchte.
Egal, mit welch grossen Gängen ich die folgenden Steigungen, insbesondere den ruppigen Aufstieg nach Dieterswald auch bewältige, mein Ärger über die Ignoranz gewisser Menschen und der Wunsch, mich für mehr Ökologie einzusetzen, bleiben an mir haften.
So stelle ich mich nach dieser Radtour nicht wie gewöhnlich unter die Dusche, sondern hocke mich an den Laptop und schreibe einen Leserbrief. Ich beginne mit dem Elektro-Velo, das mich in der letzten Steigung überholt hat und erwähne, dass auch ich, wäre mein Velo derart schwer, eine Batterie nötig hätte. Und dass es unverantwortlich sei, statt Körperfett zu verbrennen, mit einem unsäglichen Aufwand in China und Afrika seltene Metalle aus dem Boden zu holen, sie nochmals mit einem unsäglichen Aufwand in eine Batterie zu drücken und dann so zu tun, als wäre das Umweltschutz.
Nach ein paar Zeilen, in welchen ich hervorhebe, wie idiotisch es ist, vom Zahnbürstchen über den Rasenmäher bis zum Auto alles mit einer Batterie auszurüsten, komme ich auf den Klimawandel zu sprechen und auf die Verträge von Paris. Kaum habe ich beim Thema Massentierhaltung und Abholzung der Regenwälder argumentativ ein bisschen an Fahrt gewonnen, klingelt das Telefon; von meiner Mutter aber lasse ich mich gerne unterbrechen. Sie ist 71, hat eine schwierige Knieoperation hinter sich, wäre fast begraben worden unter einer Lawine von Medikamenten; erleichtert vernehme ich, dass es ihr deutlich besser geht. So gut geht es ihr, dass sie nun zusammen mit Vater die Sommerferien gebucht hat. Jetzt freue sie sich riesig auf Ägypten.
Ehe ich reflektiere, höre ich mich fragen, ob sie noch nie etwas von Ökologie gehört habe und ob so ein Flug wirklich nötig sei.
Meine Mutter kennt meine etwas direkte Art; dennoch scheint sie frappiert. Ihre zögerliche Erklärung, man könne ja doch nichts gegen den Klimawandel machen, erzürnt mich so sehr, dass ich auflegen muss.
Mit umso grösserem Furor führe ich meinen Leserbrief fort. Schon möglich, dass Wut in der Regel kein guter Antrieb ist, um etwas zu Papier zu bringen. Aber für mich ist dieser Zustand genau der richtige; es fühlt sich gut an, loswerden zu können, wie ignorant meine Eltern sind. Dann resümiere ich, dass viele Pensionierte zum Glück alt genug seien, um ungestraft glauben zu dürfen, der Klimawandel sei wie einst das Waldsterben nichts weiter als eine medial inszenierte Aufregung. Anderseits seien die Pubertierenden jung genug, um glauben zu dürfen, es ließe sich mit Protesten etwas bewegen, sei es auch nur das Gefühl, einer Protestbewegung anzugehören. Folglich sei es an den Mittelalterlichen, an den Praktizierenden, wie ich sie nenne, die Welt als Lebensraum zu retten: Wir dürfen nicht dumm genug sein zu glauben, wie bisher leben zu können. Wir müssen unser Leben in der Schweiz wandeln hin zu einem Stil, der einem rumänischen Provinzdorf bei Stromausfall ähnelt.
Diese Formulierung gefällt mir. Gerade weil das Wort Rumänien bei den meisten Schweizern negative Gefühle auslöst, will ich es drinhaben. Die Leute sollen endlich begreifen, dass die Zukunft unbequem wird, dass es mit der Faulheit, mit dem Fleischessen ein Ende haben wird, dass fertig ist mit warm duschen.
«Die Schweiz ist gut aufgestellt, um das Übereinkommen von Paris umzusetzen», lese ich dann auf der Website des Bundesamtes für Umwelt. Und erleide beinahe einen hysterischen Lachanfall. Die Menschen vom Bundesamt für Umwelt wissen natürlich, dass wir überhaupt nicht gut aufgestellt sind. Dass der Mensch nicht gut aufgestellt ist, bescheidener zu leben. Der schweizerische Mensch sowieso nicht. Denn welcher Schweizer, welche Schweizerin möchte weniger Kaffee? Weniger Wohnfläche? Weniger Apfelkuchen? Weniger Liebe? Wer möchte in alten Kleidern rumlaufen? Keine Butter aufs Brot? Ein lahmes Auto fahren? Zu Fuss in die Ferien? Nicht in den Mangoschnitz beissen?
Ja, die Menschen vom Bundesamt für Umwelt wissen das alles, sie dürfen es aber nicht hinschreiben. Also schreibe ich es in meinen Leserbrief hinein.
Und versuche schließlich, diesen abzurunden mit einer klaren, auf ihre Art vielleicht auch radikalen Forderung: Nicht Fridays for Future sei das Programm der Stunde, sondern Mondays for now. Mit den Protesten der Jugendlichen sei nichts falsch, im Gegenteil. Aber die Erwachsenen müssten eben antworten. Und ich schlage vor, sie sollen das tun mit einem arbeits-, auto- und flugzeugfreien Montag. In den 70er-Jahren hat doch der Bund aufgrund der damaligen Erdölkrise unserer Schweiz einige autofreie Sonntage anbefohlen. Abgesehen von ein paar Besitzern abgelegener Ausflugsrestaurants war das damals für alle eine grossartige und höchst erholsame Sache. Also empfehle ich dem Parlament, das Verbrennen treibhausgasemittierender Stoffe und das Benutzen der ökologisch ebenso bedenklichen Elektrofahrzeuge an Montagen generell zu verbieten. Rasch rechne ich vor, dass dies — mit all den leeren Autobahnen, mit Flughäfen, die für Spaziergänger und Rollschuhfahrer geöffnet sind — die CO2-Emission der Schweiz sofort runterbringt auf einen Wert, von dem aus sich die in Paris vereinbarten Klimaziele mit einigen zusätzlichen Massnahmen erreichen lassen.
Ich setze einen Punkt, notiere meinen Namen, meinen Wohnort, speichere zufrieden meine Zeilen und schicke sie, weil mir scheint, es sei trotz allem die einzige halbwegs anständige Zeitung, an die NZZ.
Drei Tage später, ich denke schon nicht mehr an diese Sache, erreicht mich eine Mail von einem mir unbekannten Mann aus Oberburg bei Burgdorf, der erklärt, er habe seinen Müll im Wald hinter Bäriswil eingesammelt; er entschuldigt sich und wünscht mir weiterhin gute Fahrten mit dem Rennrad.
Da sehe ich, dass die NZZ meine Zeilen tatsächlich abgedruckt hat. Nicht hinten, nicht versteckt bei den Leserbriefen. Sondern ungekürzt und ziemlich prominent im Wirtschaftsteil als Gastkommentar; hinter meinem Namen steht das Wort Ingenieur. In einer Mail aus dem NZZ-Sekretariat werde ich nach meinen Kontoangaben und meiner Pensionskasse gefragt. In einer anderen Mail der NZZ ist entschuldigend von einem Missverständnis die Rede; ein Redakteur drückt gewunden seine Hoffnung aus, es sei mir die Sache nicht zu unangenehm. Im Ressort Wirtschaft habe man verzweifelt auf einen längst vorbesprochenen Gastkommentar gewartet, und ein offenbar übermüdeter Blattmacher habe schliesslich geglaubt, ich sei jener Ingenieur, dessen Text man herbeigesehnt hatte. Aber ja, vielleicht sei es auch gar nicht so schlimm, meine Ausführungen seien jedenfalls erfrischend und überraschend bunt.
Ich will mich gerade fragen, ob die Worte erfrischend und überraschend bunt unter Journalisten vielleicht gemeinhin nicht als Kompliment gelten, als meine Mutter anruft und ganz aufgeregt erzählt, es seien verschiedene Mails bei ihr eingegangen, alle mit wüsten Beschimpfungen, eine sogar mit einer Drohung: Wenn sie die Flugreise nach Ägypten nicht annulliere, werde man ihr co2-neutral das Haus abfackeln.
So gut es geht, versuche ich, meine Mutter zu beruhigen. Die Vorstellung, dass das Haus, das ich in wenigen Jahren erben werde, ein Raub der Flammen werden könnte, alarmiert mich. Also empfehle ich meiner Mutter, auf Facebook zu posten, dass sie die Reise nach Ägypten abgesagt habe. Dann muss ich auflegen, denn jetzt prasseln die Nachrichten nur so auf mein Telefon nieder. Ich kann mich nicht erinnern, je derart viel Lob, Zuspruch und Ermutigungen erhalten zu haben. Endlich jemand, der nicht davor zurückschrecke, vollkommen moralisch an die Sache heranzugehen, lese ich.
Mir war nicht bewusst, dass meine Zeilen moralisch sind, ich habe bloss getippt, was mir durch den Kopf ging.
Eine unbekannte Frau erzählt mir in einer Mail, wie sie aufgrund meiner Ausführungen zur Massentierhaltung entschieden habe, nur noch Fleisch zu essen von Tieren, die sie kennen gelernt hat. Also habe sie einen Bauernhof am Stadtrand aufgesucht und nach einem Tier gefragt, das demnächst geschlachtet werden soll. Der Landwirt habe sie im Stall zu einem rabenschwarzen jungen Stier geführt, der auf den Namen Sultan höre. Kaum sei sie vor dem kräftigen Tier gestanden, sei es zu einem Blickkontakt gekommen, dessen Intensität zu beschreiben ihr schwer falle. Jedenfalls könne sie sich nicht erinnern, je zuvor in einem Auge derart deutlich gefühlt, nein: gesehen zu haben, was gemeinhin als Seele bezeichnet werde. Ergriffen habe sie sich gefragt, wie sie all die Jahre überhaupt habe leben können, ohne regelmässig einem derartigen Tier in die Augen zu blicken.
Kurz danach habe sie am Hals des schönen jungen Stiers eine Beule entdeckt. Danach gefragt, habe der Landwirt gelacht und erklärt, das sei vielleicht ein bisschen gross, allerdings nichts anderes als ein Pickel. Der junge Kerl befinde sich halt in der Pubertät.
Das habe sie nur zusätzlich berührt. Und sie habe den Stall nicht verlassen können, ohne das Versprechen des Landwirts mitzunehmen, diesen jungen, bildhübschen Stier am Leben zu lassen. Bald schon werde also sie sich um das Tier kümmern — und vielleicht könnte ich ihr behilflich sein auf der Suche nach einem guten Platz für Sultan.
Noch während ich überlege, wie viel Gras wohl ein junger Stier frisst und wie gross seine Weide sein muss, erreicht mich eine Mail aus dem Bundeshaus. Zwar stehe noch eine ausserordentliche Sitzung an mit den Dachverbänden von Wirtschaft und Zivilluftfahrt, aber eigentlich sei klar, dass Mondays for now die einzige Chance sei, um die hochgesteckten, in Paris beschlossenen Klimaziele zu erreichen. Man möchte gerne wissen, ob ich kommende Woche für ein Podiumsgespräch sowie assistierend, mit meiner Erfahrung als Ingenieur, bei der Ausarbeitung der gesetzlichen Grundlagen zur Verfügung stehen könne — natürlich gegen Honorar.
Die Anfragen nehmen gar kein Ende; bald schon werde ich als Star der Schweizer Klimaszene bezeichnet. Journalisten melden sich, begeisterte Bürger, ein jungen Mann, der sich dabei gefilmt hat, wie er seinen Führerschein in einen Schredder wirft, eine fremde Frau, die mir tausend Herzen aufs Papier gemalt hat, ein nervöses Fernsehteam, ein feister Wirtschaftsboss aus Deutschland.
Und drei Tage später, kurz nachdem ich den Flug nach Brüssel gebucht habe, kaufe ich mir einen schicken Anzug, schicke Lederschuhe einen dieser schlanken Laptops und ein neues Telefon, damit ich an der Konferenz, zu der ich eingeladen bin, auch seriös und glaubhaft auftreten kann.
Seltsam, aber heute kann ich kaum mehr verstehen, wie ich es geschafft habe, diese unendlich langweiligen, des fehlenden Einkommens wegen auch brutal bescheidenen Monate der Arbeitslosigkeit durchzustehen, ohne psychisch krank zu werden. Ja, es tut mir gut, ich fühle mich wertvoll, mich in einer ganz neuen Position für den Kampf gegen den Klimawandel einsetzen zu können.

Urs Mannhart hat als Velokurier, Nachtwächter, Journalist und in der Landwirtschaft gearbeitet. 2004 erschien sein Erstling «Luchs», 2006 dann «Die Anomalie des geomagnetischen Feldes südöstlich von Domodossola». Als Reporter berichtet Mannhart aus Ungarn, Serbien, Kosovo, Rumänien, Russland, Weissrussland und der Ukraine. «Bergsteigen im Flachland» ist sein dritter Roman, für den er 2016 mit dem Conrad Ferdinand Meyer-Preis ausgezeichnet wurde.

Alice Grünfelder «Der Unwetterer – Biji* über den Maler Adolf Stäbli»

Wolken, Unwetter, dunkle Welten – Drohungen oder Visionen? Die Wege sind verschattet. Umrisse scharf in dieser Millisekunde, bevor das Gewitter sich entlädt. An den Bildern des Unwettermalers Adolf Stäbli riss sich jedenfalls mein Auge auf, als ich sie das erste Mal sah.

Ihretwegen fahre ich Monate später wieder zurück, dieses Mal ist Brugg durch das Stadtfest wie verwandelt, ich finde mich nicht mehr zurecht vor lauter Schildern, die hinführen zur Kletterwand, Swingroom, zu Barbecue, thailändischen Nudeln und tibetischen Momos … Zwar sehe ich schon die Gemäuer der Altstadt, finde jedoch keinen Zugang. Eine Frau nimmt mich mit, wir gehen hinter einem Kinderkarussell unter einem steinernen Bogen hindurch. Die Gassen winden und krümmen sich, dass ich bald die Orientierung verliere, und nein, ins Legionärsmuseum Vindonissa möchte ich nicht, sondern eben ins Stadtmuseum, das aber kennt sie nicht. Ob Brugg überhaupt ein solches hätte? Sie wohne auf der anderen Seite der Aare, woher ich denn käme? Ein paar Schilder und Häuserecken weiter stehen wir vor dem Museum.
Wegen Adolf Stäbli sei ich hier, sage ich.
Sie wohne am Stäbli-Platz, welch ein Zufall, aber nein, das Museum, der Maler interessieren sie nicht, antwortet sie, als ich sie frage, ob sie nicht mit hineinkommen möchte.

Still ist es im Stäbli-Saal. An blauen Wänden hängen 33 Bilder. Wie zufällig trete ich vor die drei Porträts: der junge Adolf Stäbli mit rötlichem Haar, das Gesicht frei; später im Alter sind die Wangen gefleckt, der Bart schimmert rötlich. Der Blick des Mannes auf dem dritten Gemälde aus dem Jahr 1893 ist einer, der vom Leben nicht mehr allzu viel erwartet, die Augen haben schon zu viel gesehen.
Und mit diesen Augen im Kopf gehe ich an den Bildern entlang und versuche zu sehen, was Adolf Stäbli gesehen hat, versuche zu verstehen, warum das Unwetter ihn anzog, die düsteren, flachen Landschaften, über denen sich Wolken aufbäumen und am Bildrand entladen, die Welt auf jedem Bild unterzugehen droht.

Neben den Porträts hängt ein „Kruzifix am Weg“. Efeu rankt daran empor, der helle Himmel darüber, so scheint mir, wurde mit einem Spachtel glattgestrichen, nur oben am rechten Bildrand düstert es noch dunkler. Dagegen können auch die weißen Punkte – sind es Margeriten? – und die blauen – Enziane? – nicht ankommen, sie verschwinden fast in dem dunklen Gras.
Weite Steppe und davor eine Birke, die seit Jahren vergebens dem Wind trotzt, nun gebeugt von diesem Kampf; der Blick geht hinaus in ein weites Land, folgt dem Weg durch die Felder, die sich bis zu einem See erstrecken – oder ist’s ein Meer? Und dahinter, darüber wieder diese Wolken, die sich stauen, jagen oder als wachten sie darüber, dass unter ihnen alles so weit und flach bleiben möge, wo sie selbst oben schon den nächsten Windstoß erwarten. Kein Mensch, nirgends, auch kein Tier, nicht einmal Vögel, die doch sonst den Himmel bevölkern und zirpen und kreiseln, wenn ein Unwetter aufzieht. Das Bild „Weites Land“ erzählt nicht viel von dem, was fehlt.
Auf einem der nächsten Bilder grellt der Schnee in den Bergflanken, so dunkel ist der Grat, der Wald, und unten fettes, grünes Land, Wald und Blumen und Gräser, vom Wind aufgefächelt. So als bräuchte auch das Unwetter in Stäblis Welt einmal eine Pause, vielleicht hat er sie in der „Gebirgslandschaft bei Patenkirchen“ gefunden?

Immer wieder öffnet sich Tür, quietscht in ihren Angeln, ein Kommen und Gehen von Stadtfestgängern, niemand verweilt länger als fünf Minuten, es quirrt der ganze Raum, wenn oben die Menschen zwischen den Vitrinen umhergehen, fast unheimlich ist dann der Blick in den Saal, der nun leer ist, wo unter der Woche und an Samstagen gern geheiratet wird. Leise und beständig surrt nur die Klimaanlage. Ich schaue hinaus zu den Geranien, wie sie prall vor den Fenstern hängen, zu den Fensterläden, die schräg gestellt sind, um die Hitze auszusperren, und ich stehe wieder vor den Bildern und suche nach etwas, das ich nicht finde.
Eine Zeichnung sieht aus wie der flüchtige Versuch, den Wald, die Büsche, das Gewaltvolle zu fassen. Mich erinnert sie an die Baumtempel des Angkor Wat, wo Tempelruinen, Wurzeln, Steinblöcke in einer Weise ineinander übergehen, dass einem das Auge überfließt und der Verstand erst recht. Man bewegt sich dort wie in einem Fluidum, und wären der Saal und das Stöhnen des ganzen Hauses unter den Schritten der Menschen nicht, könnte es hier in der Welt des Adolf Stäbli ähnlich sein.
In der „Flachlandschaft“ steht eine Rinderherde am Himmel, wirft sich übereinander, drängt sich wie auf einem Schlachtfeld.

Vorwärtsdrängende
Rinderherde am Himmel
den Süden im Aug

Und immer wieder weites flaches Land, über das der Wind hinwegfegt und das Gebüsch, auch Häuser sich ducken, Felsen gar. Ich habe das Lied von Jacques Brel im Ohr: „Le plat pays“, suche dort nach den Worten, die mir hier fehlen. Auch bei ihm kämpft das flache Land gegen Wasser und Wind, der Mensch schüttet Dämme auf und kann doch nichts ausrichten. Und die Weite wird zur Wüste, wo der Teufel seine Krallen nach den Wolken streckt, während er sich im geborstenen Gemäuer versteckt.

„Überschwemmung“ heißt ein Gemälde, Baumstämme umwirbelt vom panzergrünen Strom, die Welt kämpft hier gegen den Untergang, ragt entkräftet empor, Weiden, Grasinseln, wie lange noch? Regenfäden am Horizont, die Welt regnet sich ein, hell ist’s über der Baumgruppe, vielleicht doch ein Streifen Zuversicht inmitten der Trostlosigkeit?
Sandkuhlen, Heidekraut und Felsen in der „Regenlandschaft im Harz“. Würde die Sonne scheinen, ein angenehmer Ort, der einen weiten Blick erlaubt, so aber unter wüstgrauen Wolken? Die Platane beugt sich im Wind, der von Osten weht – wenn der rechte Bildrand denn Osten ist? Wie verhält es sich überhaupt mit Windrichtungen auf Gemälden? Wo zieht das Gewitter auf? Woher kommen die Wolken, wohin ziehen sie?
Viel Unruhe ist in den Gemälden, aber sie sind auch still, totenstill, trotz der Lichtstreifen, auch sie fast auf jedem Bild, hängt der Himmel durch, die Natur ist verloren, der Mensch ohnehin?
Ich denke an chinesische Landschaftsmalereien, wo alles in sich zu ruhen scheint, jedes Element an seinem Platz und somit Harmonie gewährt ist. Das Wetter bei Stäbli hat nichts Erhabenes, er verschmäht alles Liebliche, Ordnungen werden bedroht durch Wolkenexzesse, ein Aufruhr, ein innerer oder auch ein Weltenaufruhr, ein Wüten gegen die Welt – als wollte er sich durch das Malen von der Weltendüsternis befreien. Gleichzeitig spricht eine unsägliche Traurigkeit aus den Bildern, Trauer über eine untergehende Welt? Ist Stäbli also nicht nur ein Wettermaler, sondern auch Prophet, spürt er, welche Unwetter über Europa aufziehen? Und zerbricht darüber.
Der Mensch hat in solchen Welten jedenfalls nichts zu gewinnen. Ein Wettersturz enthebt den Menschen all seiner Funktion und seiner Überlegenheit. Es ist die durchkomponierte und variierte Aussichtlosigkeit, die mich Schritt um Schritt überwältigt, herumwirbelt in diesem aufkochenden Gewölk. Vielleicht ist es doch an der Zeit, wie Kant einst im „Streit der Fakultäten“ schrieb, dass die Menschen von der Bühne treten müssen? Was, wenn die Natur von der Menschheit verlange, ihren exklusiven Platz aufzugeben und an andere Lebewesen abzutreten?

Biji = Pinselnotiz, chinesische literarische Gattung, essayistische Miniaturen, verdichten Erlebnisse, Beobachtungen, Reflexionen assoziativ.

Alice Grünfelder «Die Wüstengängerin», Edition 8: Die Sinologiestudentin Roxana reist Anfang der 1990er Jahre die Seidenstrasse entlang, um noch unbekannte buddhistische Höhlenmalereien in der Provinz Xinjiang im Nordwesten Chinas zu erforschen. Sie will zeigen, dass die Region nicht immer islamisch war, sondern buddhistische Wurzeln hat. Roxanas jahrelange Recherchen führen nicht zum erhofften Erfolg, doch mit leeren Händen will sie nicht nach Europa zurück, zumal es nichts gibt, wofür es sich lohnen würde heimzukehren. Ihr Aufbruch in die Fremde verliert sich im Sand der Wüste Taklamakan, der ›Wüste ohne Rückkehr‹.

20 Jahre später reist die schwerkranke Linda für ihr letztes Entwicklungsprojekt nach Xinjiang. Doch die Behörden verweigern die zugesicherte Zusammenarbeit. Im Gästehaus zur Untätigkeit verdammt, stösst Linda auf die Aufzeichnungen, welche die verschollene Roxana zurückgelassen hat, und sie folgt deren Spuren.

Vor dem Hintergrund des Widerstands der UigurInnen gegen die chinesische Regierung in Xinjiang, der spätestens seit 2009 auch im deutschsprachigen Raum Schlagzeilen macht, verstrickt sich das Schicksal der zwei eigenwilligen Frauen. Erstmals wird aus europäischer Perspektive von der Geschichte und Gegenwart einer wenig beachteten Region erzählt. Feinfühlig und kenntnisreich zeichnet die Autorin ein Panorama der Schicksale von Menschen, die in China an den Rand gedrängt werden.

Ziviler Ungehorsam für den Frieden.
Ein Essay von Alice Grünfelder.

Alice Grünfelder, geboren im Schwarzwald, aufgewachsen in Mutlangen, studierte nach einer Lehre als Buchhändlerin Sinologie und Germanistik in Berlin und Chengdu (China). Sie arbeitete jahrelang als Lektorin, betreute u.a. die Türkische Bibliothek im Unionsverlag, führte eine eigene Agentur für Literaturen aus Asien, übersetzte aus dem Chinesischen und gab mehrere Erzählbände heraus. 2018 ist ihr erster Roman «Die Wüstengängerin» erschienen, der in Xinjiang spielt. Nominiert für den Irseer-Pegasus-Literaturpreis 2019. Werkjahr der Stadt Zürich 2019.

Webseite der Autorin

Lea Le «Emma und ihre Tochter»

Nele liebt ihre Mutter. Emma liebt ihre Tochter. Manchmal wie eine Mutter, manchmal ganz anders.
Emma findet ihre Tochter anziehend. Schon als sie kaum grösser war als eine Mandel. Obwohl sie sie nie gesehen hatte. Und wenn, dann hätte sie nur in ein unvollständig entwickeltes Gesicht blicken können. Sie war schwanger und alleine. Alleine mit ihrem Kind. Umgab es körperlich wie auch im Gedanken fest und warm. Hätte Emma ihr Befinden zu dieser Zeit schon zu formulieren versucht, wäre es ihr nicht möglich gewesen. Sie empfand in Zuständen, mit allen Sinnen. Deuten konnte sie das damals nicht. Es waren kleine, kurze Höhepunkte, wie die Empfindung großen Glücks, das einen aufschrecken lässt.
Sie genoss, dass etwas in ihr wuchs. Es fühlte sich wie ihr eigenes an. Ein Kind, flüsterte sie im Gedanken und dachte dabei nicht nur an eine neue Freude in ihrem Leben. Sie dachte dabei an einen neuen Sinn. Eine Unterhaltung, eine Aufgabe, an Befriedigung und an Glück. Sie bebilderte die Gedanken in ihrem Kopf. Spielen würde sie mit ihr. Sie morgens und abends mit Öl einreiben. Überall. Emma runzelte die Stirn. Wieso schwoll ihre Vulva warm an? Sie eilte in die Küche, machte sich einen Tee. Verunsichert schob sie die Gedanken von sich. Kann nicht sein, dass mich diese Vorstellung eben erregt hat, oder? 
In solche gedanklichen Sackgassen geriet sie öfter. Emma beunruhigte das.

Nele war fünf Monate alt. Emma legte sie jeden Morgen auf den Wickeltisch. Sie ölte ihr nacktes Baby ein, strich ihr über die Glieder, streckte ihren Rücken. Sie wagte es nicht mehr, ihrem Kind zwischen die Beine zu sehen. Die Zehen. Zu abnormal schienen ihr ihre Gedanken. Die Fingerchen. Emma hatte Angst. Sie hoffte, diese Lust würde verschwinden. Die Öhrchen. Woher kamen nur diese unnatürlichen Bedürfnisse! Die Kraft wich aus ihr. Ihre Knie beugten sich, trafen aufeinander. Sitzen. Toilette. Auszeit. 
Fast jeden Morgen musste Emma Pausen einlegen. Tränen unterdrücken. All das, was sie ihrem Kind schon angetan hatte! Es darf nie wieder geschehen. Sie bereute es zutiefst. Es ist mein Kind! Ein Kind! Ein Kind.

Nele war zwei Jahre alt. Sie spielte im Garten. An diesem Tag waren es Tierfigürchen aus Holz. Ein gelbes Sommerkleid. Emma beobachtete sie verliebt. Ihre Gedanken schweiften ab, hinterließen ein schlechtes Gewissen. Schuld. Dreck. Schmerz.
Ihr sehnlichster Wunsch war es, dass sie am nächsten Morgen ohne solche Gedanken aufwachen würde. Ihr Kind beschützen vor dem, was sie ihr in der Vergangenheit angetan hatte. Sie würde sich gerne bestrafen für diese schlimmen Dinge. Sie wollte damit aufhören müssen. Deswegen wurde sie stetig unvorsichtiger. Sie wollte gesehen werden. Erwischt werden. Demütigung erfahren. Es sollte ihr ausgetrieben werden, diese Gelüste und Taten.

Nele war drei Jahre alt. Sie sprach manchmal schon ganze Sätze. Zählen auf sieben. Aufs Töpfchen zeigen, Bescheid sagen, wenn sie etwas möchte. 
Eine Panik bedrängte Emma mehr und mehr. Ihr Kind formte sich zu einem Individuum, das selbst entscheiden konnte. Ein eigenständiger Mensch mit eigenen Bedürfnissen. Eigenen Interessen. Ein eigenes Universum. Emma kämpfte. Hielt immer länger stand. Die Übergriffe waren schnell und verkrampft. Voller Zwang. Voller Angst. Voller Ekel.

Nele war dreieinhalb Jahre alt. Sie erzählte ihrer Mutter, dass sie vor ein paar Tagen im Wald einen Igel aus einer Kastanie und zwei schwarzen Beeren gebastelt habe, als sie zu zweit spazieren gingen. Da wurde es Emma klar: Ihre Tochter war nun in der Lage, sich zu erinnern. Der Gedanke, sie könnte sich an die letzten Übergriffe erinnern … Emma ging auf die Toilette. Sie übergab sich. Sie übergab sich erneut. Dermaßen angewidert.
Diese Erkenntnis brachte Änderung.

Nele ist heute zwölf Jahre alt. Sie und ihre Mutter Emma liegen nebeneinander auf einem Strandtuch. Schulter an Schulter lesen sie getrennte Bücher. Jede in ihrem eigenen Universum. Emma schielt hin und wieder hinüber, wenn ihre Tochter die Seite umblättert. Den erhaschten Textfragmenten nach muss es sich um eine Liebestragödie handeln. Irgendwie berührt sie das außergewöhnlich stark. Sie senkt ihre Arme. Dort wo das Buch nun ihren Bauch berührt, genau dort schmerz es sie. Sie schließt die Augen, bewegt ihre Pupillen nach unten. Rot ist es. Unterdrückte Tränen.
Mein eigenes Kind. Ein Kind. Ein Kind. 
Nele legt ihr Buch zur Seite. Mama? Wieder ins kalte Nass? lacht sie. Mhm schluckt Emma. Nele schlüpft in den Schwimmreifen, blickt ihre Mutter fordernd an, wie es Kinder eben tun, dann laufen sie zusammen ins Meer. Das Wasser ist wärmer als sonst. Nach wenigen Metern springt Nele auf, klammert sich an die Arme ihrer Mutter. Eine Qualle! An Land! Schnell! 
Emma wird von ihrem Kind ans Ufer zurückgezerrt. Nele läuft lachend zum Strandtuch und beginnt weiterzulesen. Wie groß sie schon ist, denkt Emma noch immer im Wasser stehend. Tatsächlich, es schweben ungewöhnlich viele Dinge in den seichten Wellen, stellt sie fest. Quallen kann sie keine sehen. Sie schmunzelt. Der sonst so gut aufgeräumte und überwachte Strandteil ist heute wilder als üblich. Emma klammert sich an den Reifen, watet erneut ins Wasser. Sie weint. Vor Freude. Ihre Tochter interessiert sich für Liebe. Ihre Tochter will mit ihr auf demselben Strandtuch liegen. Und das Beste, es sind die Quallen, wovor sie Angst hat. Nicht vor ihr. Nicht vor der eigenen Mutter.

Emma läuft weiter. Bald hat sie keinen Boden mehr unter den Füssen. Der Blick zum Strand zurück fühlt sich fremd an. Er fühlt sich so unecht an wie der Blick durch eine Kamera. 
Ein hässlich großes Gebäude ragt weiß aus der Düne. Emma paddelt mit den Füssen. Trotz den heißen Temperaturen wirkt der weiße Beton kalt. Sie paddelt schneller. Sie hasst diese Glaskuppel auf dem Dach. Eine suggerierte Freiheit. Emma schlägt im Wasser um sich.
Dann, zwischen Schirmen und Sand erkennt sie einen weißen Kittel. Emma beginnt zum Ufer zurück zu schwimmen. Nele! Sie holen sie jetzt schon? Sie gräbt ihre Füße heftig in den nassen Boden, um voran zu kommen. Die weiße Person erreicht das Strandtuch. Das dumpfe Geräusch des aufgeschäumten Wassers, wenn ihre Oberschenkel die Wasseroberfläche brechen. Nele steht auf. Die Tasche gepackt. Emma umklammert den Ring mit dem rechten, hebt den linken Arm zum Gruß. Sie tropft. Bis, bis nächste Woche dann? 
Ihre Tochter umarmt sie. Ein ruhiger, zustimmender Blick. Dann die weiße Stimme. Ihre Medikamente, Frau Obers. Es ist 18 Uhr.

Lea Le (24) ist dabei, ihr Bachelorstudium an der Hochschule Luzern in Illustration abzuschliessen. Sie arbeitet leidenschaftlich an Comics, in denen sie sich mit Themen wie Beziehungen, deren Konsequenzen und zwischenmenschliche Kommunikation auseinandersetzt.

Sun Wei «Die Einbahnstraße der Elefanten»

aus dem Chinesischen von Anna Stecher

Es war ein Sommer wie im Backofen. Am Horizont hinter der großen Stadt türmten sich Abend für Abend feuerrote Wolken. Sie sahen aus wie riesige rote Elefanten, die gemächlich auf die fingernagelgroßen Häuser zu wanderten. Der Trupp der Elefanten war unendlich lange, so als würde er niemals aufhören. Sogar an windigen Abenden klebten sie am Himmel wie an einem Vorhang, der immer dunkler und dunkler wurde, bis schließlich die tiefblaue Nacht hereinbrach.

Mufeng presste ihre Nase ans Fenster und sah dem Elefantentrupp dabei zu, wie er sich langsam vorwärts bewegte. Obwohl die Klimaanlage im Wohnzimmer an war, schwitzte sie, und ihre Nase hinterließ auf dem Fensterglas einen Abdruck wie eine Erdbeere.

Großmutter sagte: „Morgen wird wieder ein heißer Sommertag sein. Das kann man an der Form der Wolken erkennen.“

Kaum war Großmutters Stimme verklungen, sah Mufeng keine Elefanten mehr, sondern nur ein paar feuerrote Riesenwolken, die über den Himmel dahinzogen.

Mit den Hausaufgaben für die Sommerferien war Mufeng schon fast fertig, der Sommer selbst würde bald zu Ende sein. Natürlich war sie gespannt auf den Herbst, im nächsten Semester gab es viele neue Kurse und sie würde viele neue Mitschüler kennen lernen. Aber in letzter Zeit hatte Mufeng begonnen sich etwas zu wünschen. Sie wünschte sich, dass der Herbst niemals kommt, sie wünschte sich, dass die Zeit stehen und dass es für immer Sommer bleibt, auch wenn es so heiß ist, dass man nicht nach draußen gehen kann. Genau das wünschte sie sich aus tiefstem Herzen.

Großmutter ging viel langsamer als früher. Sie brauchte jetzt sehr lange, um einen Teller Bohnenbrei aus der Küche ins Wohnzimmer zu tragen. Der kleinen weißen Katze kam sie auch nicht mehr nach. Großmutter liebte es Mufengs Haare zu einem Pferdeschwanz zu binden, jetzt kam sie beim Kämmen immer ganz außer Atem. Mufeng merkte, dass Mama und Papa sich große Sorgen um Großmutter machten. Jedes Mal, wenn sie Großmutter zum Arzt fuhren, kamen sie mit zusammengezogenen Augenbrauen wieder heim.

Aber Großmutter lächelte strahlend über das ganze Gesicht: „Jetzt bin ich eben alt. Was ist denn so schlimm daran?“

Was war das, „alt“? Mufeng fuhr mit der Hand leicht über Großmutters Rücken, der in diesen Jahren immer krümmer und krümmer geworden war.

„Dieses spezielle Recht bekommt man erst, wenn man sehr viele Jahre lang gelebt hat“, meinte Großmutter lachend. „So kann man die schönen Blumen am Boden besser sehen.“

Mufeng betrachtete Großmutters Haar, das ihr bis über die Ohren reichte. Keine Ahnung, wann es völlig weiß geworden war.

„Das ist ein noch spezielleres Recht, man bekommt eine silberne Krone. Damit kann man in der Menschenmenge glitzern und funkeln.“ Großmutter steckte einen Schmetterling in Mufengs Haar.

Plötzlich sah Großmutter wieder sehr müde aus, sie drückte ihre Finger an die Schläfen. Dabei meinte sie zu Mufeng: „Man hat nicht mehr so viel Energie wie die jungen Leute, das ist auch ein spezielles Recht. Denn man hat einfach keine Zeit mehr für nutzlose Dinge.“

Wenn Mufeng sich zu lange bei Großmutter aufhielt, kam jetzt immer öfter Mama vorbei. Sie meinte, Großmutter sei müde. Einmal brachte Mama sie ins Elternschlafzimmer, wo es sich gerade die kleine weiße Katze gemütlich gemacht hatte. Dabei murmelte Mama: „Großmutter muss sich ausruhen.“ Dann wurden ihre Augen rot und sie flüsterte mit erstickter Stimme: „Großmutter hat nicht mehr so viel Zeit.“

Als von den Sommerferien nur noch zwei Wochen übrig waren, war die kleine weiße Katze auf einmal verschwunden. Mufeng war noch im Bett, da hörte sie eines Tages in aller Frühe, wie Mama und Papa rein und raus liefen. Dabei sprachen sie leise darüber, dass Katzen verschwinden, bevor sie sterben, um sich ein Versteck zu suchen. Immerhin war die kleine weiße Katze schon über zehn Jahre alt.

Mufeng verstand nicht. Auch der Nachbarsjunge war schon über zehn, aber er sah keineswegs alt oder tot aus. Von draußen drangen laute Rufe herein, Großmutter war auf der Suche nach der kleinen weißen Katze im Garten hingefallen. Mufeng kletterte aufs Fensterbrett, um nachzuschauen, was los war. Als sie nichts sehen konnte, sprang sie aus dem Bett und lief barfuß im Schlafanzug hinaus. An der Haustür wurde sie von Mama aufgehalten.
Mama lächelte Mufeng mit geröteten Augen zu: „Ich habe eine Idee. Was hältst du davon ein paar Tage bei Onkel zu verbringen? Jetzt hast du ja noch Ferien.“

Schon wenig später war Onkel da und packte Mufeng in sein Auto. Dann hievte er noch den riesigen Koffer hinein, den Mama für sie eingepackt hatte. Schon sausten sie durch die Straßen und erreichten sein kleines Haus außerhalb der Stadt. Onkel war ein Maler, und in seinem Haus duftete es nach Öl und nach Holz. Neugierig lugte Mufeng durch die halboffene Tür in sein Atelier.

„Ich habe gerade deinen Vater angerufen, er sagt, Großmutter geht es sehr gut. Aber sie muss noch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben.“ Obwohl Onkel sehr zuversichtlich klang, hatte Mufeng ein seltsames Gefühl und brachte keinen Bissen hinunter. So zog sie sich in ihr kleines Zimmerchen im oberen Stock zurück und starrte zum Fenster hinaus. Dabei drückte sie ihre schweißnasse Nase an die kalte Fensterscheibe.

Seltsam, obwohl sie sich am anderen Ende der Stadt befand, waren die Wolken vor dem Fenster dieselben. In der Sommerhitze dehnten sie sich aus und wurden unglaublich groß. So lagen sie quer am Horizont, zunächst weiß und dann zunehmend röter und röter, wie ein Trupp von riesigen roten Elefanten, der nach und nach in die immer dunklere Nacht hinein schreitet.

Plötzlich klopfte es an der Tür, leicht und schnell, so als pochten da viele kleine Fäuste. Mufeng erschrak, wer außer Onkel wohnte denn sonst noch in diesem Haus? Zaghaft öffnete sie die Tür. Im nächsten Augenblick rollte ein ganzer Schwall von feuerroten Tomaten ins Zimmer, der Raum füllte sich mit ihrem Duft. Das waren also die Tomaten gewesen!

„Wir haben keine Zeit mehr.“

„Wir haben keine Zeit mehr!“

So schrien sie und wirbelten wild durcheinander. Mufeng stand sprachlos daneben und starrte sie an.

Eine Tomate, die rundeste von allen, rollte sich in unglaublichem Tempo auf Mufengs Fußrücken. Unter heftigem Schnaufen meinte sie: „Bitte hilf uns! Schnell! Wir haben keine Zeit mehr!“

Mufeng fragte sie: „Wie kann ich euch helfen?“

„Geh zum Kühlschrank und iss uns auf, oder nimm uns mit.“

Kühlschrank? War das vielleicht ein Traum?

„Wenn ich sie nicht aufesse, dann kommen sie vielleicht wieder in meine Träume“, überlegte Mufeng. Also machte sie sich auf den Weg Richtung Küche.
Sie öffnete den Kühlschrank und stellte fest, dass sich dort in der Tat reife Tomaten türmten. Mufeng nahm sie heraus und legte sie auf den Küchentisch.

Jetzt sahen sie genauso schüchtern aus wie die Tomaten im Supermarkt, die nicht sprechen konnten. Mufeng griff nach einer Tomate und biss hinein, sogleich spürte sie ihren Geschmack auf den Lippen. Diese Tomaten hatten in der Tat genau die richtige Reife, sie schmeckten weich und ein bisschen sauer, und zugleich klebrig süß.

Mufeng aß und aß, aber es waren zu viele Tomaten. So langsam befürchtete sie gleich zu zerplatzen.

Als die alte Uhr im Wohnzimmer zwölf Mal schlug, kam auf einmal Bewegung in die Tomaten auf dem Tisch. Mufeng sah, wie eine nach der anderen einen Sprung bekam. Fröhlich riefen sie: „Jetzt haben wir endlich einen eigenen Mund! Dann brauchen wir nicht mehr in die Träume anderer Leute hinein zu laufen, wenn wir etwas sagen wollen.“

Mit ihrem gerade erst gewachsenen Mund flehten sie Mufeng an: „Bitte nimm uns mit, wir können hier nicht länger bleiben!“

Mufeng fragte: „Wohin wollt ihr denn?“

„Ans Ende des Sommers“, rief die Tomate mit dem größten Sprung. „Das befindet sich hinter der Nacht da draußen.“ Und dann lächelte sie das schönste Lächeln, das Mufeng in ihrem ganzen Leben gesehen hatte. Es hörte sich an, als wäre das ein Ort, der zehn Millionen Mal besser war als das Gemüsefach im Kühlschrank.
Mufeng überkam die Angst. Sie blickte in die undurchdringliche Dunkelheit vor dem Fenster hinaus. Sie kannte die Straßen in dieser Gegend kaum. Zudem kam gerade Wind auf, der die Schatten der Bäume über die Gitter vor dem Fenster tanzen ließ. Auf einmal tat es einen lauten Knall und die Haustür flog auf. Der Wind blies in die Küche und wirbelte einmal über den Tisch und den Geschirrschrank, sodass die Teller und Essstäbchen laut klirrten. Die Tomaten auf dem Tisch drängten sich auf einem Haufen zusammen. Draußen prasselte schon laut der Regen.

Plötzlich bemerkte Mufeng eine kleine weiße Gestalt, die in der offenen Haustür vor der Regenwand stand. Es war die kleine weiße Katze, die sie den ganzen Tag lang gesucht hatten. „Weißchen!“ Mufeng lief auf die Katze zu und wollte sie hochheben.

Wer hätte gedacht, dass sich die kleine weiße Katze hochnäsig sträubte: „Es ist dir nicht erlaubt mich so zu nennen. Mein richtiger Name ist Kater Weiß. Deswegen wünsche ich, dass du mich Herr Kater nennst.“

Mufeng schaute den Kater erstaunt von oben bis unten an, er sah heute wirklich anders aus als sonst. Er trug einen weißen Frack und hatte eine feuerrote Schleife umgebunden. Auf dem Kopf saß ein weißer Zylinder, und in einer Vorderpfote hielt er einen weißen Spazierstock. Mit der anderen Vorderpfote lüpfte er den Hut zum Gruß, dann schritt er majestätisch in die Küche und wetterte zu den Tomaten auf dem Tisch: „Hatten wir nicht ausgemacht, dass ich euch den Weg dorthin zeige? Warum fragt ihr dann sie?“

Die fröhliche Tomate meinte sogleich erklärend: „Herr Kater, natürlich haben wir auf dich gewartet. Aber schau doch, wie rund wir alle sind. Wenn dir niemand dabei hilft uns zu bändigen, dann wirst du einige von uns auf Halbweg verlieren.“

„Und wer sollte dabei bitteschön helfen?“ Herr Kater schwieg einen Augenblick. „Ihr wisst doch ganz genau, dass kein Mensch an diesen Ort gehen darf. Ihre Großmutter hat eine Eintrittskarte erhalten, aber sie doch nicht.“

Als Mufeng hörte, dass Großmutter auch an jenem Ort war, horchte sie auf. „Ich bin nicht irgendjemand, und ich helfe wirklich sehr gerne! Bitte bitte, lieber Herr Kater, ich muss Großmutter sehen. Lass mich doch bitte mitkommen!“

Mit ihren großen Mündern unterstützten die Tomaten Mufeng lautstark: „Herr Kater, eine Persönlichkeit wie du könnte doch eine Dienerin dabei haben.“
Was? Eine Dienerin? Er ist doch mein Haustier, und ich bin seine Besitzerin! Mufeng sträubte sich zunächst. Aber dann sah sie, wie Herr Kater den Spazierstock in seinen Händen drehte und sie dabei vielsagend ansah, so als wollte er sie daran erinnern, dass sie es war, die ihm Tag für Tag sein Futter hinstellte und sein Fell bürstete. In der Tat, es war völlig klar, wer hier der Herr war und wer der Diener.

Gut, dachte Mufeng, Hauptsache ich kann Großmutter sehen. Was macht es da schon aus, dass ich seine Dienerin sein muss.

Als Dienerin machte sie sich sofort daran genügend Regenschirme aufzutreiben. Es regnete in Strömen, da braucht jede Tomate ihren eigenen Schirm. Aber Herr Kater bestand darauf, dass es keine Schirme bräuchte. Dann machte er einen Katzenbuckel, hob den Kopf, klopfte mit dem Stock auf den Boden und wies alle an zusammenzustehen. Er hielt er den Stock in den Regen hinaus. Auf einmal öffnete sich mitten im Regen ein kleiner Gang mit silbernen Vorhängen, wie ein Durchgang, der hinter eine Bühne führt.

Würdevoll trat Herr Kater in den Gang, und die Tomaten folgten ihm kullernd eine nach der anderen. Mufeng war die letzte in der Reihe. Als sie sich noch einmal umsah, waren die Regenvorhänge verschwunden, ebenso wie die große Stadt. Mufeng spürte Sonnenlicht auf ihrer Haut, die Luft um sie herum war trocken und kühl. Licht und Schatten wogten auf und ab wie Musiknoten, und unter ihren Füßen spürte sie weiches Gras. Es duftete nach Tau.

Sie befanden sich an einem frühen Morgen ohne genaues Datum. Um sie herum standen keine Hochhäuser, sondern nur schneebedeckte Berge mit dichten grünen Wäldern. Darüber strahlte ein blauer Himmel.

Am Fuß der schneebedeckten Berge lag ein ruhiger See, der so klar war, dass man durch das Wasser hindurchsehen konnte. An seinem Ufer wuchsen frische Gräser und bunte Blumen. Sie liefen am Seeufer entlang, der Kater schritt eilig an der Spitze des Zuges, die Tomaten rollten in einer Reihe hinterher.

„Beeilt euch ein bisschen!“

„Sonst kommen wir noch zu spät zur Feier!“

Aber der Trupp kam alles andere als schnell vorwärts. Im Gegenteil, es war genauso, wie es die Tomate vorhergesagt hatte. Sie rollten ständig durcheinander, manche auf die linke, die anderen auf die rechte Seite. Mufeng, die als letzte ging, hatte alle Hände damit zu tun die Tomaten, die vom Weg abgekommen waren, wieder zurückzurollen. So kam es, dass sie immer wieder von anderen Trupps überholt wurden.

Der Trupp der Sternjasmine bestand aus vielen kleine Grüppchen. Alle trugen grüne Röcke und hielten weiße Windräder in die Luft. So glitten sie wie auf Flügeln im Wind dahin.

Dann kam der Trupp der Hortensien, die auf einem grünen Wagen saßen und während der Fahrt wie ein Team von Cheerleadern tanzten und winkten. Die Musik, zu der sie sich bewegten, stammte vom Trupp der Klettertrompeten und Taglilien. Diese hielten ihre orangen Trompeten hoch in die Luft und bliesen gerade einen flotten Marsch.

Majestätisch nahte der Trupp der Chrysanthemen. Auf hohen Stängeln reckten sie ihre Blüten in die Luft. Sie waren mit lila und roten Röcken bekleidet und trugen goldene Kronen auf den Köpfen. In höfisch distanzierter Eleganz nahmen sie den Gruß von Seiten der Tomaten nur sehr von oben herab wahr.

Auch die Kirschen waren dabei. Sie drängten sich schnell nach vorne, dabei hüpften sie wild und prallten aufeinander. Schon bald hatten sie den Trupp der Tomaten auseinander gesprengt. Nach ihnen folgten Erdbeeren, Pflaumen und Litschi. Den Pfirsichen erging es ähnlich wie den Tomaten, sie rollten langsam daher und verliefen sich ständig. Schon bald hatten sie sich völlig mit den Tomaten vermischt. Unglücklicherweise hatten sie es noch nicht geschafft sich wieder in Formation zu bringen, als sich mit Getöse ein weiterer Trupp ankündigte.

Das waren die Wassermelonen. Sie rollten daher wie Kriegsfahrzeuge, die alles niederzuwalzen drohten, was ihnen in den Weg kam. Zu Tode erschrocken flüchteten sich die Pfirsiche und Tomaten zur Seite. Herr Kater stellte sich schützend vor sie hin und nahm den Spazierstock quer in seine Vorderpfoten: „Ruhe bewahren, Ruhe bewahren!“

In diesem Augenblick erblickte Mufeng abermals die feuerroten Elefanten. Es war das erste Mal, dass sie sie aus nächster Nähe sah. Sie gingen am Ende des Zuges und kamen allmählich näher. Sie waren so groß, dass Mufeng nur ihre Beine und Bäuche sehen konnte, als sie näher kamen. Ihr Trupp sah unendlich lange aus, so als würde er niemals aufhören.

Auf ihren Rücken trugen sie Menschen und Tiere, die gemeinsam ein altes hallendes Lied sangen. Die Melodie erfüllte die Luft, als würden zahllose kleine Elfen mit den Flügeln schlagen. Mufeng konnte nicht genau verstehen, worum es in dem Lied ging. Sie schaute nur gebannt nach vorne, wo Großmutter auf einem kleinen Elefanten daher geritten kam. Ihr weißes Haar glitzerte im Sonnenlicht wie eine Silberkrone.

„Großmutter, Großmutter!“ Mufeng stürmte auf Großmutter zu.

Großmutter war auf einmal wieder jung und beweglich. Sie rutschte über den Rüssel des kleinen Elefanten hinunter und breitete ihre Arme aus, um sie um Mufeng zu schlagen. Mufeng stürzte sich in die Umarmung, wie warm und schön war das doch! Die Kleider hatten Großmutters vertrauten Geruch. Mufeng war so glücklich, dass ihr die Tränen kamen.

Der kleine Elefant hielt inne und lächelte und schloss die beiden mit seinem Rüssel in einer weiteren Umarmung ein. Seine Haut war weich und warm, wie die Schale von gebratenen Süßkartoffeln. Mufeng sah, wie der kleine Elefant eine Freudenträne vergoss, und als sie auf den Boden fiel, wuchs daraus eine schöne Blume.

Sogleich kamen die Tomaten herbei und freuten sich mit. Herr Kater lüpfte seinen Hut und küsste Großmutter nach europäischer Art auf beide Wangen.

Mufeng griff fest nach Großmutters Hand. Sie hatte sich solche Sorgen um sie gemacht! Jetzt war sie entschlossen sie nie wieder los zu lassen. Hand in Hand folgten Mufeng und Großmutter dem Zug. Vorne wurde es langsamer. Umrahmt von Seen und Wäldern öffnete sich auf beiden Seiten des Weges ein fröhlicher Jahrmarkt. Früchte und Blumen mit bunten Schürzen und Kopftüchern verkauften alle möglichen kleinen Dinge.

Herr Kater wollte eine Riechflasche aus Geißblatt haben. Mufeng sah, wie er der Verkäuferin eine Pfote hinstreckte. Diese scannte die Pfote, es piepste, dann meinte sie: „Restbetrag: eine Stunde und 19 Minuten.“ Daraufhin reichte die Verkäuferin Herrn Kater die Riechflasche und meinte: „Ich wünsche dir viel Freude damit.“

Die Riechflasche war gefüllt mit getrocknetem Geißblatt, das einen betörenden Geruch verströmte.

Als Mufeng sah, dass es Windräder aus Jasmin zu kaufen gab, blieb sie sofort stehen. Großmutter konnte ihre Gedanken erraten und streckte lächelnd ihre Hand aus.

„29 Minuten.“ Daraufhin meinte die Verkäuferin: „Das ist die gesamte Zeit, die Ihnen geblieben ist. Dafür kann man nur noch ein kleines Windrad haben.“ Großmutter nickte, nahm das kleine Windrad entgegen und reichte es Mufeng.
Mufeng war ein wenig traurig. Auf dem Jahrmarkt gab es noch so viele schöne Dinge, sie wollte auch etwas für Großmutter kaufen. Das Gelee aus Vogelbeeren zum Beispiel, das in kleinen herzförmigen Behältern angeboten wurde. Mufeng streckte ihre Hand aus, die Verkäuferin scannte sie. Da begann ein Alarm zu schrillen.

„Ihre Zeit gehört nicht hierher“, meinte die Verkäuferin erstaunt. „Ihre Zeit gehört nicht hierher.“

„Sie gehört nicht hierher!“

Die Blumen, Früchte und Tiere schrien alle erschrocken auf, einer lauter als der andere. Das Chaos führte dazu, dass die Elefanten in ihrem Schritt innehielten. Der größte Elefant entdeckte Mufeng in der Menge und ging langsam auf sie zu: „Wer bist du? Wie kommst du hierher?“

Die Stimme des Elefanten grollte wie der Donner im Sommer.

Herr Kater sprang mutig vor und stellte sich vor Mufeng: „Ich habe sie hierher gebracht, sie ist meine … Dienerin.“

Mufeng wollte in keinem Fall, dass der Herr Kater Schwierigkeiten bekäme, und sagte: „Es ist meine eigene Schuld. Ich habe ihn darum gebeten mich mitzunehmen! Ich wollte nur Großmutter sehen.“

Der Elefant beugte seinen riesigen Körper und schwenkte seinen Kopf über die Menge, um Mufeng zu finden. Schließlich konnte Mufeng ihr eigenes Spiegelbild in den Augen des Elefanten erblicken. Nach und nach verschwand daraus die Schärfe und die Augen füllten sich mit Wärme.

Mufeng fragte den Elefanten vorsichtig: „Könntest du mir nicht ein bisschen Zeit geben?“

„Wofür willst du die Zeit haben?“ Der Elefant blinzelte mit seinen großen Augen.
„Ich möchte ein Geschenk für Großmutter kaufen.“

Der Elefant richtete sich wieder auf und erklärte laut vor der versammelten Menge: „Sie ist ein Kind.“

„Sie ist ein Kind!“

„Himmel, sie ist ein Kind!“

Alle schrien wild durcheinander.

„Und deswegen“, meinte der Elefant, „hast du noch sehr viel Zeit, mehr Zeit als wir alle zusammen.“

Der große Elefant machte mit seinem Rüssel eine Bewegung in der Luft, wie ein Zauberer. Da erschien auf der Spitze des Rüssels eine goldene Kreditkarte, eine „Zeit-Kreditkarte“. Er reichte Mufeng die Kreditkarte und meinte ernst: „Bitte merk dir eines: Jede Minute, die du heute hier ausgibst, wird später von deiner Zeit abgezogen, sobald du erwachsen bist.“

Glücklich nahm Mufeng die golden schillernde Karte in Empfang und bedankte sich beim Elefanten.

Im nächsten Augenblick hatte sie schon zwei Portionen herzförmiges Vogelbeergelee gekauft, eines für Großmutter und eines für sich selbst. Es schmeckte süßsauer und glitzerte rot wie Rubin. Schon bald hatten sie es mit einem kleinen Löffel aufgegessen.

Der Jahrmarkt hatte noch so viele schöne Dinge zu bieten! Mufeng suchte für Großmutter einen Haarschmuck aus Jade aus, der ausgezeichnet zu ihrem weißen Haar passte. Dann kaufte sie noch eine kleine Laterne aus Lampionblumen, die hell leuchtete, wenn ein Glühwürmchen hinein flog. Außerdem musste sie noch die lila Tusche aus Himbeeren haben, Großmutter konnte wunderschöne Schriftzeichen malen. Am Ende erstand sie noch einen Kirschenlikör in einer kleinen Porzellanflasche, eingehüllt in dunkelrotes Geschenkpapier.

„Zu zahlender Betrag: Eine Stunde und 39 Minuten. Vielen Dank für Ihren Einkauf.“ „Ursprünglicher Preis: 59 Minuten, nun gibt es zehn Prozent Rabatt.“

„39 Minuten. Ohne Garantie.“

„Zwei Stunden und neun Minuten. Dazu gibt es gratis eine Geschenkbox.“

Großmutter sah ein bisschen traurig aus: „So viele Geschenke brauche ich doch gar nicht. Ich habe ja schon dich, das macht mich sehr glücklich.“

Mufeng meinte ernst: „Großmutter, wenn ich für dich eine Minute Freude kaufen kann, dann ist es völlig egal, wieviel die kostet.“

Großmutter lachte laut: „Ich freue mich schon sehr.“ Sie strich Mufeng über den Kopf: „Du musst noch erwachsen werden, deswegen darfst du nicht deine gesamte Zeit hier verbrauchen.“

Aber Mufeng hatte das Gefühl, dass die Zukunft völlig unbedeutend war angesichts dieses wunderbaren Moments.

Für Herrn Kater kaufte Mufeng ein Rückenkissen gefüllt mit Pfingstrosenblüten. Für einen reisenden Gentleman war das doch ein ausgesprochen nützliches Geschenk. Herr Kater war so gerührt, dass er anfing zu niesen.

Dann fiel Mufengs Blick auf einen Stand mit kleinen lila Klappschirmen aus Hibiskusblüten. Sie musste zwei davon haben, einen für sich und einen für Großmutter. So würden sie nicht nass werden, falls es regnete. Aber als sie mit ihrer Kreditkarte bezahlen wollte, hielt Großmutter sie zurück: „Du brauchst nicht zwei davon zu kaufen. An den Ort, wo ich hingehe, kannst du nicht mitkommen.“

Mufeng wurde von einer plötzlichen Ahnung ergriffen. Sie merkte, wie der Zug immer schneller und schneller wurde. An beiden Seiten des Weges wurden schon die Stände weggeräumt. Im nächsten Augenblick waren die beiden Schirme in ihrer Hand zu zwei ganz normalen Hibiskusblüten geworden.
Der kleine Elefant, auf dem Großmutter gesessen hatte, näherte sich ihnen. Mit seinem Rüssel hob er Großmutter leicht auf seinen Rücken. Deswegen konnte Großmutter Mufengs Worte nicht mehr hören: „Warum darf ich nicht mitkommen, warum?“

Der Elefant blies Mufeng mit seinem Rüssel warme Luft in den Nacken: „Für alle Dinge gibt es die richtige Jahreszeit. Wir werden gemeinsam mit diesem Sommer aufbrechen, aber du wirst noch viele Sommer haben.“

Mufeng erinnerte sich, dass die Tomaten über einen Ort gesprochen hatten, der „Ende des Sommers“ heißt. In der Tat war der Sommer zu Ende. Mufeng fragte: „Aber nächstes Jahr im Sommer kommt ihr doch wieder zurück, nicht wahr?“
Der kleine Elefant meinte mit warmer Stimme: „Wir kommen nicht mehr zurück. Für dich wird es nächstes Jahr einen weiteren Sommer geben. Du wirst wieder die schönen Blumen und Früchte sehen, und du wirst wieder rote Elefanten am Himmel sehen. Aber das werden nicht wir sein.“

Erschrocken begriff Mufeng, dass das hieß, dass Großmutter ebenfalls nicht mehr zurück kommen würde.

Der kleine Elefant tröstete sie: „Aber du kannst dir auch vorstellen, dass die großen Elefanten am Himmel wir sind.“

Mufeng schüttelte energisch den Kopf. Niemals würde sie sich vorstellen, dass ein anderer Mensch Großmutter wäre, oder eine andere weiße Katze Herr Kater. Nie wieder würde es einen so wunderbaren Sommer geben! „Bitte bleibt stehen, bleibt stehen!“ Mufeng lief dem kleinen Elefanten hinterher und schimpfte verärgert: „Warum können wir nicht für immer in diesem Sommer bleiben?“
Der kleine Elefant schüttelte seine großen Ohren: „Wenn es so wäre, dann würden die Kinder auf der Welt nie erwachsen, und die Äpfel würden nicht rot, die Kastanien würden nie reifen, und du und deine Mitschüler, ihr würdet nie in die vierte Klasse kommen. Würde dir so eine Welt etwa gefallen?“

Noch während er sprach, trabten die Elefanten immer schneller. Mufeng lief ihnen keuchend hinterher. Aus vollem Halse schrie sie: „Stehenbleiben!“

Sie schrie so laut, dass sie selbst darüber erschrak. Da blieb der kleine Elefant wirklich stehen, und der große Elefant, der hinter ihm ging, prallte leicht auf ihn. Schließlich stand der ganze Zug still. Die Früchte kullerten nicht mehr weiter, die Blumen tanzten nicht mehr, die Tiere und Menschen hörten auf zu singen. Alle blieben stehen, in diesem Augenblick.

Mufeng hatte das Gefühl, dass ihr Kopf aufgehört hatte zu denken. Sie überlegte fieberhaft, was sie sagen wollte.

Der große Elefant kam durch die Menge hindurch auf sie zu und hielt seinen großen Rüssel wie ein wütendes Fragezeichen in die Luft.

Mufeng reckte ihre goldene Kreditkarte hoch in die Luft: „Ich habe noch viel Zeit, und ich möchte diese Zeit Großmutter und Herrn Kater schenken! Ich weiß, dass ich nicht nur an mich selbst denken darf. Ich darf mir nicht wünschen, dass die Kinder auf der Welt nicht erwachsen werden, nur um diesen Sommer aufzuhalten. Aber wäre es nicht möglich, dass ich nicht erwachsen werde? Dürfen Großmutter und Herr Kater dann bleiben?“

Der große Elefant blinzelte überrascht und gerührt zugleich.

Herr Kater klemmte sich den Spazierstock unter den Ellenbogen und griff nach dem Taschentuch in der Brusttasche seines weißen Fracks. Damit tupfte er sich versteckt die Augen.

Der große Elefant überlegte eine ganze Weile, dann antwortete er: „In dieser Sache gibt es keinen Präzedenzfall.“

Der kleine Elefant flüsterte Mufeng ins Ohr: „Dann kannst du ja mal einen Antrag stellen!“ „Glaubst du, sie werden ihn annehmen?“ fragte Mufeng aufgeregt.
„Das ist schon möglich“, meinte der große Elefant langsam.

Mufeng borgte sich von der Chrysantheme einen Stängel aus und von Herrn Kater sein Taschentuch. Dann tauchte sie den Chrysanthemenstängel in die Himbeertusche und schrieb ihren Antrag auf das Taschentuch. Der Elefant hob ihn mit seinem Rüssel hoch in die Luft. So war der Antrag also gestellt.

Der kleine Elefant streckte abermals seinen warmen Rüssel aus und umarmte Mufeng. Sie sah, wie er vor Rührung eine große Träne vergoss, und als die Träne auf den Boden fiel, verwandelte sie sich in einen Seufzer. Im nächsten Augenblick setzte sich der Zug wieder in Bewegung und alle Trupps darin schritten eilig dahin.

Die Tomaten rollten davon und schickten Mufeng ein letztes Lächeln.
Der Kater winkte ihr mit dem Pfingstrosen-Kissen zu, dabei funkelte sein Zylinder im Sonnenlicht.

Großmutter saß auf dem Rücken des kleinen Elefanten, die Tüten mit den Geschenken schaukelten im Rhythmus seiner Bewegungen hin und her. Aus immer größerer Entfernung lächelte sie Mufeng zu. Sie lächelte nur, ohne das kleinste bisschen Traurigkeit.

Dieses Mal schaffte es Mufeng nicht mehr, mit ihnen Schritt zu halten.

Schließlich begannen ihre Tränen zu fließen, so warm wie Großmutters Hände. Mufeng sah dem kleinen Elefanten nach, wie er Großmutter immer weiter fort trug, zu den rätselhaften schneebedeckten Bergen, irgendwohin an einen Ort, wo der weiße Schnee ins Dunkel der Nacht übergeht. Dabei zeichneten ihre Gestalten eine feuerrote Einbahnstraße über den Himmel.

Seltsam, eigentlich war der Sommer vorbei und es war schon merklich kühler. Aber auf einmal begann die goldene Kreditkarte in Mufengs Hand zu schmelzen. Sie klebte und duftete, denn sie war aus Zucker gemacht. Mufeng steckte ihre klebrigen Finger in den Mund. Aber noch bevor sie herausfinden konnte, wie sie schmeckten, erwachte sie aus ihrem Traum.

Die kleine Holztür ihres Zimmerchens war geschlossen. Die Lichter der Nacht schienen von draußen herein. Die Klimaanlage surrte. Mufeng stieß das Fenster auf. Draußen hatte es geregnet. Die feuchte Luft drang ins Schlafzimmer.

Der letzte Tag des Sommers war vorbei.

Einige Tage später entdeckte Mufeng ein Bild in Onkels Atelier. Darauf waren riesige rote Elefanten zu sehen, wie sie gerade über den Himmel hinter der großen Stadt wanderten. Die Farbe war noch nicht ganz trocken.

„Hast du sie auch gesehen?“ fragte Mufeng.

Onkel nahm den Pinsel von der Leinwand und hob den Kopf: „Du meinst die roten Sommerwolken?“

Nach dieser Frage sah Mufeng keine roten Elefanten mehr, sondern nur eine Reihe von großen roten Wolken, die sich am Himmel erhoben.

Als Mama Mufeng wieder abholte, steckte sie ihr eine weiße Blume ins Haar. Die Blume sah genauso aus wie das Windrad aus Sternjasmin, das Großmutter für sie gekauft hatte.

Dann begann wieder die Schule und Mufeng kam in die vierte Klasse, später in fünfte, und dann in die sechste. Irgendwann merkte sie, dass jener Antrag, den sie damals gestellt hatte, niemals angenommen worden war. Sie wuchs und wuchs. Hieß das etwa, dass Großmutter und Herr Kater nicht zurückkommen würden?

Vor dem Abitur erinnerte sich Mufeng daran, dass es da noch eine andere wichtige Sache gab. Sie hatte doch einmal eine „Zeit-Kreditkarte“ bekommen, und der große Elefant hatte zu ihr gesagt: „Merk dir, dass jede Minute, die du heute hier ausgibst, von deiner Zeit abgezogen wird, sobald du erwachsen bist.“ Falls ihre Zeit gerade während der Abschlussprüfung zu Ende wäre, dann wäre das schon ein unglaubliches Pech.

Zum Glück geschah nichts dergleichen.

Nach der Schule begann Mufeng zu arbeiten, aber sie war nie in Eile. Was sie zu erledigen hatte, tat sie in aller Ruhe. Denn sie wusste, egal wie sehr sie sich auch beeilen würde, es gab immer noch viel Zeit die „automatisch abgezogen“ wird.
Manchmal versank sie am Fotokopiergerät in ihre Gedanken, wenn das Licht unter der Scheibe hin und herwanderte. Dann erinnerte sie sich an die schneebedeckten Berge und an das alte hallende Lied. In jenen Augenblicken hatte sie das Gefühl, dass Großmutter ganz nahe bei ihr war. Im Handumdrehen war eine halbe Stunde vergangen. War es vielleicht genau das, was mit „automatisch abgezogen“ gemeint war?

Ihre Arbeitskollegen meinten es nur gut mit ihr, wenn sie ihr rieten, nicht so viel Zeit zu verplempern. Es war wohl das Beste, jede Minute in Geld oder Erfolg zu verwandeln. Sie hatten immer das Gefühl, dass Mufeng viel zu verschwenderisch umging mit ihrer Zeit. So konnte sie ewig einer Blume zulächeln oder stundenlang eine Wolke betrachten.

Dann dachte sie an jenes alte Lied und an die roten Elefanten, die nie mehr zurück kommen würden. Vielleicht genoss sie aber auch nur die Stille, oder den Duft der Früchte, oder die Blumen, die sich langsam öffneten, oder sie verlor sich in der einsamen Magie der Wolken … Sie sah den Dingen der Welt dabei zu, wie sie auf der Einbahnstraße der Elefanten dahin ziehen, und diesem Augenblick, der vergeht und nie zurück kommt.

An eine Szene am Ende jenes Sommers konnte sich Mufeng noch ganz klar erinnern. Soeben hatte ihr der große Elefant mit seinem Rüssel die goldene Kreditkarte überreicht. Voller Erwartung drehte Mufeng die Karte in ihren Händen. Dabei fiel ihr Blick auf einen kleingedruckten Satz auf der Rückseite:
„Es lohnt sich immer, Zeit für die Zeit selbst zu verbrauchen.“

Sun Wei (1973), während den Zeiten der Kulturrevolution in China geboren, war vor ihrer Profession als Schriftstellerin Journalistin, Dokumentarfilmerin und Geschäftsführerin eines Betriebs. Sie veröffentlichte bereits 23 Bücher, die mit vielen Preisen ausgezeichnet wurden. Ihr Roman „The Map of Time“ wurde 2017 in China ein Verkaufsschlager. Ihre Novellen „Farewell“, „Ignition“ und „Second Son“ wurden ins Englische, Französische, Spanische, Bulgarische übersetzt. Sun Wei sticht in die vielen psychologischen und sozialen Probleme der chinesischen Stadtbewohner. Ihre Arbeiten spiegeln Einsamkeit, Stolz und das Gefühl der Entfremdung wider.

Lorenz Langenegger «Stoffe»

Stoffe finden ist die einfachste Sache der Welt. Sie liegen überall herum. Sie lächeln einem aus der Zeitung entgegen. Sie flimmern über Bildschirme. Stoffe wollen gefunden werden. Ich habe keine Ahnung, weshalb sich das Märchen von den Stoffen, die sich in den hintersten und letzten Winkel verstecken, so hartnäckig hält.

Natürlich ist es immer der Schriftsteller, der den Stoff finden muss. Stoffe finden keine Schriftsteller. Das liegt daran, dass sich Schriftsteller in der Öffentlichkeit gerne unauffällig benehmen, durch die Strassen gehen, wie normale Menschen, einkaufen, was alle kaufen, lesen, was alle lesen. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Stoff. Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich so hübsch wie möglich zu präsentieren, damit ein vorbeigehender Schriftsteller auf Sie aufmerksam wird. Denn woher wollen Sie wissen, wer von den Vorbeigehenden ein Schriftsteller ist.

Stoffe finden ist kein Problem. Viel schwieriger ist der Umgang mit einem Stoff. Haben Sie einen Stoff für gut befunden und mit nach Hause genommen, bildet er sich schnell etwas darauf ein. Stoffe sind ganz schön eitel und alles andere als pflegeleicht. Der grösste Fehler, den Sie machen können, ist, dem Stoff alles zu geben, was er will. Gehen Sie von Anfang an intensiv auf den Stoff ein, verwandelt sich der gleiche Stoff, den sie eben noch in einem schmutzigen Hinterhof zwischen Abfalleimern gefunden haben, in ein grössenwahnsinniges Ungetüm, weil er sich für unersetzlich hält. Das Wesen des Stoffes neigt zum Grössenwahn. Das muss man leider sagen. Arbeiten Sie also nie mit nur einem Stoff. Nehmen Sie von verschiedenen Stoffen, so viel Sie brauchen, aber nie von einem einzigen so viel, dass Sie ohne ihn nicht mehr auskommen. Das spürt ein Stoff sofort. Und ist es erst so weit, macht er Ihnen die Arbeit zur Hölle. Er geht Ihnen nicht mehr aus dem Sinn. Er bestimmt Ihre Gedanken und Handlungen. Er führt Sie an Orte, wo Sie nie im Leben hin wollten.
Ein Schriftsteller darf die Kontrolle über seinen Stoff nicht verlieren, weil sich der Stoff ansonsten entfaltet, wie es ihm passt und nicht wie es der Schriftsteller vorgesehen hat. Und Stoffe sind keine guten Erzähler, das kann ich Ihnen versichern, dazu sie sind viel zu selbstsüchtig.

Mindestens ebenso wichtig, wie der richtige Umgang mit einem Stoff, ist es für den Schriftsteller, die richtigen Stoffe auszusuchen. Die Stoffe, die zu ihm passen. Was selbstverständlich und banal daherkommt, ist alles andere als eine einfache Angelegenheit. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts lässt sich ein exponential ansteigendes Stoffwachstum beobachten. Von Schriftstellerverbänden anfangs begrüsst, werden schon seit einigen Jahren kritische Stimmen laut, die sich gegen den unkontrollierten Stoffwachstum erheben. Die Stoffe haben im ständigen Konkurrenzkampf mit ihresgleichen inzwischen derart geschickte Strategien der Tarnung und Täuschung entwickelt, dass selbst gestandene Schriftsteller nicht davor gefeit sind, daneben zu greifen und einen oberflächlichen Stoff, der sich nur geschickt genug verkleidet, für einen Jahrhundertstoff zu halten. Gerade jungen Schriftstellern sei es deshalb ans Herz gelegt, sich nicht von vermeintlich grossen Stoffen blenden zu lassen, sondern sich kleine, feine Stoffe auszusuchen, mit denen sie umgehen können.

Lorenz Langenegger lebt und schreibt in Zürich und Wien. Davor einige Semester Theater- und Politikwissenschaft an der Universität Bern. Mitglied der Autören. Verschiedene Arbeiten fürs Theater mit Uraufführungen in Zürich, Mannheim und Berlin. Bei Jung und Jung in Salzburg erscheint im Frühjahr 2009 der erste Roman «Hier im Regen». 2014 erschien «Bei 30 Grad im Schatten» und 2019 der Roman «Jahr ohne Winter.

Beitragsbild © Richard Obermayr

Kuno Roth «Im Rosten viel Neues»

Rotgoldene Streifen
über Hügelkuppen,
Seidenschal
im schwindenden Tag.

Sehr oben, sehr nah
die haarscharfe Sichel
des ganz geahnten Mondes.

Sie liegt im Himmel,
eine aufgeschnittene Porzellanschale
mit angedeuteter Eiskugel:

Mango!

 

Keine Zeit,
das Fallholz
des Winters
bleibt
unbeachtet
liegen.

 

Steig aus
brausenden Augenblicken
ein in stille Minuten.
Lass sie wachsen
zu Zeiträumen.

Räum Zeit auf,
schirm dich ab,
gib den Augen
Atem
Pause.

 

Alles log, o!

Neulich
im Blog:
Ana log digital.
Auch Mono log,
er betrog sich selber.
Kata log dagegen
wie gedruckt.
Nur das Dia log
vorbildlich.

 

Wen kümmert’s?

Ich kümmere mich um mich.
Du kümmerst dich um dich.
Er kümmert sich um sich.
Sie kümmert sich um sich.
Wir verkümmern.

 

Zu sagen
euch Ungeborenen
werde der Kirschbaum
auch noch blühen,
ist Hoffnung
oder Stimmungsmache.

 

Dasselbe

Singvögel pfeifen dasselbe
Lied vom Tannenzweig
wie von der Stromleitung.

Stellen nicht fest,
meinen nicht,
singen.

Nur Bühne
und Kulissen
ändern sich.

 

Kuno Roth würzt seine hintersinnigen, wohl dosierten Gedichte mit einer Prise Heiterkeit, einem Schuss Nachdenklichkeit und einem Körnchen Gesellschaftsskepsis. In seinen prägnanten Versen über Natur und Technik, Liebe und Verlust, Politik und Wirtschaft erweist er sich als versierter Stilist. Dieser Lyriker beherrscht die von ihm bevorzugte Form der Kurzgedichte. Mit Lakonie, Humor und Pointiertheit gelingt es ihm, selbst komplexe Lebensphänomene poetisch auf den Punkt zu bringen.
«Klima Vista» heisst der neue Gedichtband von Kuno Roth, der im September 2020 beim Verlag Prolyrica.ch erscheinen wird. (Hier ein Blick in die Vorschau)

Kuno Roth, Jahrgang 1957, lebt in Bern und Solothurn. Der ehemals promovierte Chemiker ist heute als Humanökologe, Umweltbildner sowie Schriftsteller tätig und arbeitet als Mentoring-Verantwortlicher bei Greenpeace International. Er schreibt vornehmlich Gedichte und Aphorismen sowie Glossen und Kolumnen.

Peter K. Wehrli «Im Kanon der Vergänglichkeiten»

 

Katalog der besonderen und der andern Dinge
29 Nummern aus dem „Katalog von Allem“

1. das Klima

der Grenzübertritt von Portugal nach China, der durch die triumphbogenpathetische „Porta do Cerco“ in Macao  führt, dorthin wo wirklich alles anders ist, sogar das Klima, das die Grenzpolizisten verbreiten, so anders, dass ich mir eingestehen muss: „Mehr als hier hat sich mir noch nie mit einem einzigen Schritt verändert“.

2. das Gedicht

die Liebe zur Stadt Macao, die der Dichter Austin Coates dadurch zeigte, dass er oben an der Avenida da Amizade seinen Füllfederhalter mit dem Wasser des Perlflusses füllte, damit sein Gedicht schrieb und sich dann doch darüber wunderte, dass niemand – ausser ihm – erkennen konnte, wie gut dieses Gedicht über Macao war und wie sehr er Macao liebte.

3. das Vergessen

die Antwort, mit der Anton Bruhin, als er tat, was er erklärtermassen nicht tun wollte, sein Tun begründete: «Ich habe vergessen, es nicht zu tun».

4. der Greis    

die Bestürzung, mit der Dagmar von ihrem Interview mit James Stewart zurückkam, und die deshalb anhielt, weil sie nicht den strahlenden Leinwandhelden gesprochen hatte, den wir alle vor unserem Auge haben, sondern einen gebrechlichen Alten, der nur, wo er sagte, was die Journalistin bereits über ihn wusste, zu erkennen zu geben vermochte, dass er James Stewart ist.

5. das Schlimmste

…wie er das Schlimmste und das Angenehmste beschreiben würde, das er sich vorstellen könne, diese Prüfungsfrage im Kurs „Kreatives Schreiben“, die Manfed sofort, als hätte er die Frage schon gekannt, mit dem Satz beantwortete, der in den Mitschülern Schauder und Beklemmung gleichzeitig auslöste: „Es krachte, als hätte der Mond die Sonne gerammt, und das Meer, die Meere schwappten über ihren Horizont“,

5a. und die eher verstört geflüsterte Nachfrage des Dozenten:“… und das Angenehmste ?“, auf die Manred nach sehr kurzer Besinnung brüsk entgegnete: „ … dass dies alles ein Traum gewesen ist“.

6. die Clowngesichter

die in Fetzen zerfledderten Clowngesichter auf den verwitterten Plakaten des ‘Circo Americano’, die mir klar machen, dass in der Schweiz die Anschläge von den Wänden entfernt werden sobald der Zirkus weitergezogen ist, dass sie in Brasilien aber erst dann nicht mehr sichtbar sind, wenn sie die Sonne ausgebleicht, der Regen verwaschen und der Wind zerzaust hat. 

7. die Sympathie

die Sympathie, die ich für den Detektiv Marlowe empfinde, und dies allein deshalb, weil ihn Osvaldo Soriano im Roman «Traurig, einsam und endgültig» in einem Anflug von ergreifender Selbsterkenntnis sagen lässt: «Ich habe mein Leben lang gefragt und habe darüber vergessen, wie man antwortet».

8. die Zeit

die Feststellung, dass man von Germain Nouveau nicht etwa deshalb nicht mehr spricht und die Grossartigkeit des Monsu Desiderio nicht etwa deshalb vergessen worden ist, weil das, was die beiden taten, zwecklos gewesen wäre, sondern ganz einfach nur deshalb, weil die Zeit das grossmaschigste aller Siebe ist, – und offenbar nur selten jemand das Herstellen von feinmaschigeren für sinnvoll hält.

9. die Speisekarte 

die Speisekarte im Restaurant „Ribouldingue“ (10, rue Saint Julien le Pauve, 75005 Paris), die mich irritiert, dann verstört und mich schliesslich anekelt weil da als Gerichte nur Innereien angepriesen werden: Nieren, Lebern, Milz, Hoden, Hirn, Lunge, Herz, Kutteln etc., und meine Vermutung, dass ich Pablo, der mich eingeladen hatte, nur dann werde vorspielen können, das bestellte Gericht schmecke mir, wenn diese Innereien auf dem Teller so angerichtet sind, dass nicht (und für niemanden )  wahrzunehmen ist, dass es Innereien sind

10. die Vergangenheit

das Gewimmer in der Sitzreihe hinter mir bei der Vorführung von Charlie Chaplins Film «Circus» im Kino in Vevey im Mai 1969, dieses sirenenartige Heulen, das sich anhörte, als schalle es über weite Ebenen und frisch vernarbte Grenzen in diesen Tag hinein, und das mir wohl nur deshalb noch jetzt in den Ohren hallt, weil mir ein Blick nach hinten verraten hatte, dass es niemand anders war, als der greise Charles Chaplin, der da vor seinem jugendlichen Abbild auf der Leinwand weinte, jammerte angesichts einer Vergangenheit, die nur die Tränen jenes Menschen weckt, dessen Zukunft schon vorbei ist.

11. die Augenmerk

Ernsts Trauer über den Verlust des Schwenks, die noch grösser ist als jene über den Verzicht auf Zooms in Fernsehsendungen, das Bedauern also, dass diese Bildbewegungen nicht mehr ausgeführt werden dürfen, weil sie – da Schauen Zeit braucht und Sehen nicht – jene Sekunden kosten, die der Zuschauer im Zeitalter des Zappens braucht für seinen Entschluss, ein anderes Programm anzuwählen,

11a. und die erst beim Wiederlesen deutlich gewordene Einsicht, dass diese Eintragung durch eine Schärfenverlagerung viel verbindlicher werden könnte, dadurch nämlich, dass der Augenmerk im Titel von ‘der Schwenk’ auf ‘das Zeitalter’ verlegt würde.

12. die Folgen

die lakonische Trockenheit im Satz: «Nur Tote sterben nie», mit dem der greise Greta Garbo-Verehrer im ‹Esquinade‹ meine Frage beantwortet hatte, wie weit sich seine Art der Verehrung mit dem Tod der Schauspielerin gewandelt habe, und meine kurz nur aufflackernden Gedanken an die möglicherweise schauerlichen Folgen seines Nachsatzes: «Bei Filmstars spielt es keine Rolle, ob sie lebendig sind oder tot.»

13. der Kapitalismus

die beim Überdenken der Interviewspielregeln aufkommende Vermutung, dass Andy Warhol einerseits die zermürbende Wiederholung vermeiden und andererseits dem Interviewer etwas Verblüffung verschaffen wollte, als er damals, in der Galerie Bischofberger, Bices Frage: «Do you like Capitalism?» mit «Ja» beantwortete, und auf die von jemand anderem kurz darauf gestellte Frage: «Do you like Communism?» ebenfalls ein «Ja» ins Mikrophon hauchte und dann, auf die Ausschliesslichkeit der einen Antwort gegenüber der andern aufmerksam gemacht, sagte: «Oh, ich habe bereits vergessen, dass ich die vorherige Frage mit ‹Ja› beantwortet hatte!».

14. die Demokratie

die fundamentale Einsicht in die Formen des menschlichen Zusammenlebens, die Rara in ihrem radikalen Leitsatz verriet, dem ich –aller Radikalität zum Trotz – meine Zustimmung schenke: „Wer für die Privatisierung von Wasser. Strom, Luft, Verkehr plädiert, hat nicht begriffen, was Demokratie ist!“

15. der Kassenzettel

meine Verlegenheit, die sogar Beklemmung war und mich zu überprüfen zwang, ob ich denn schon so gebrechlich und vergreist aussehe, dass die junge Verkäuferin im Sainsbury Grund hatte, mich zu fragen: „Sie sind sicher über achtzig ?“

15a. und die Erlösung vom Schock, den mein ungenaues Zuhören verursacht hatte, als ich zuhause dann auf dem Kassenzettel unter dem Namen des erstandenen Rotweines ‚Corbières’ den Aufdruck fand: „Die Verkäuferin bestätigt, dass der Kunde über achtzehn Jahre alt ist“.

16. der Zerfall

meine Weigerung anzuerkennen, dass die kindlichen Gesten in der Altersdemenz Zeichen des Zerfalls seien, weil Eugens Gesten von jener frischen wachen Kindlichkeit sind, die verraten, dass sich da einer – mit List und endlich mit Erfolg – in seine Kindheit zurückgelebt hat,

16a. und meine eben überprüfte Feststellung, dass ich noch nie jemandem begegnet bin, von dem ich das Umgekehrte sagen könnte, nämlich: er habe sich – mit List und endlich mit Erfolg – in sein Alter vorgelebt.

17. der Roman

sein Temperament, sein Wissen, seine Vorlieben, seine Klugheit, seinen Witz und seine Neigungen, die der Schriftsteller in jeden Roman und in jede Erzählung einspeist, und dies derart rigoros, dass zu sagen ist: „Einen besseren Freund als den Autor, den er liest, kann ein Leser nicht haben“.

18. das Bemühen

das erkennbare Bemühen, es beiden – Frauen und Männern – recht zu machen, das der Präsident der ASASTP an der Generalversammlung erkennen liess, als er seine Eröffnungsrede mit dem Begrüssungswort begann: «Liebe Mitgliederinnen und Mitglieder»

18a. und mein Eingeständnis, dass mir die Unstimmigkeit erst aufgefallen war, als ein Versammlungsteilnehmer den Redner mit dem Zuruf unterbrach: «Max, jetzt hast du uns aber vergessen»,

18b. und mein Nachdenken, das mir eigentümlicherweise wie ein Nachrechnen vorkam und mir nach einer Weile klar machte, dass der Rufer recht hatte, weil nämlich die Wörter ‹Glied› und also auch ‹Mitglied› sächlichen Geschlechts sind,

18c. und mein Zögern, das mich jetzt – Wochen später – beim Eintragen dieser Wahrnehmung in den «Katalog von Allem» befällt, weil ich diese Nummer 18 mit ‹das Bemühen‹ überschreibe, wo ich ebenso gut und ebenso genau ‹die Vergeblichkeit des Bemühens› hätte schreiben können.

19. der Irrtum

die schönen blauen Augen des greisen Hans Coray, welche die Journalistin der Zeitschrift «Schöner Wohnen» in ihrem Artikel über den Designer beschrieb, diese Augen, die ein Irrtum sind, der sich nicht durch eine Richtigstellung im Blatt beseitigen lässt, ein Irrtum, auf den mich Rara, Corays Gattin, aufmerksam macht, als sie sagt: «Er hat gar keine blauen Augen, er schaut nur wie jemand, der schöne blaue Augen hat».

20. die Kunst

der verängstigte Blick in den Spiegel mit der fragenden Ahnung, um wieviel gealtert mich mein Spiegelbild wohl zeigen würde, wenn der Spiegel tatsächlich vorginge,

20a. und mein Lächeln beim Eingeständnis, dass ich mir diese verwegene Frage sicher nie stellen würde, wenn mich Franz Kafkas Feststellung nicht so beeindruckt hätte, die Kunst sei ein Spiegel, der vorgeht wie eine Uhr.

21. das Casting

der im herrlich entspannten Zustand vor dem Einschlafen praktizierte Versuch, auszuwählen, wem ich eine Rolle im Traum dieser Nacht zuteilen wolle, 

21a. und die am Morgen beim Erwachen notwendige Feststellung, dass dieses Casting überraschenderweise perfekt funktioniert hat, – und zwar nicht aus esotherischen oder gar magischen Gründen, sondern nur deshalb, weil ich bei der Rollenbesetzung vor dem Schlaf an Susanne Wille und an Ady Berber gedacht hatte.

22. die Buschenschenke

der Empfang durch Peter Rosei und Christa in Radkersburg heute abend und das Beisammensitzen in der Buschenschenke (ein Wort, dessen Bedeutung ich – obschon sie mir erklärt worden ist – vergessen habe), die so intensiv waren, dass ich morgen früh wieder abreisen könnte im – andernorts sich erst nach längerem Aufenthalt einstellenden – schönen Gefühl, wirklich dort gewesen zu sein.

23. das Erstaunen

der alterslos alerte Kurt Guggenheim, als der er während den Dreharbeiten vor der Kamera stand, und der zum Greis gealterte, den ich nun im Filmbild vor mir sehe,

23a. und das von diesen unterschiedlichen Alterszuständen ein und desselben Augenblicks ausgelöste Erstaunen, dass mir meine möglicherweise havarierte Erinnerung einen andern, einen verjüngten Kurt Guggenheim zeigt; – der Sechsundachtzigjährige, der er ist, ist er nur im Film.

24. die Bedingung

das Glück, das du erstellen musst, wenn du glücklich werden willst, und die Bedingung dazu, die ist, dass du erst dann glücklich werden kannst, wenn du herausgefunden hast, was dich glücklich macht

25. der Glast

dieses jahrelang nicht mehr gebrauchte und deshalb fast schon vergessene Wort «Glast», an das mich das von Mittagshitze gesättigte Bild aus «High – Noon» erinnert, dieses Wort, das, obschon es das heisse Trockene signalisiert, mir jetzt doch die Tropen in den Körper und vor die Augen jagt, eine Vorstellung, die abzuwenden mir nicht gelingt; – sie bleibt.

26. der Federhalter

was ich fand, ohne es zu suchen: den Federhalter, mit dem ich vor 61 Jahren als Siebenjähriger bei Lehrer Redmann im Schulhaus Leimbach schreiben zu lernen begann, – nur seine Farbe Grün war in meiner Erinnerung längst erloschen,

26a. und was mich erstaunt, ist: nicht etwa der Fund und sein Nostalgiewert, sondern die Tatsache, dass er dort war, wo ich ihn vor sechs Jahrzehnten hingelegt hatte (in die rote Kartonschachtel) und dass er da war, obwohl ich ihn längst vergessen hatte und deshalb nicht verloren geglaubt haben konnte.

27. die Mühe

das blendend pralle Sonnenlicht über dem Eingang zum Friedhof der Freuden in Lissabon, dieses heisse Licht, durch das der alte Mann an Stöcken so zäh und gekrümmt vorwärtsschritt, als schleppe er nur mit Mühe seinen schwarzen Schatten am Boden hinter sich her.

28. die Poesie

das Entsetzen, das mich peinigt ob der heftig steigenden Zahl der Dinge, die ich bereits vergessen habe, und der Trost, dass ich wenigstens alle jene Dinge nicht vergessen kann, die mir Poesie geworden sind.

29. der Satz

der Satz, den mir nur die deutsche Sprache zu sagen erlaubt, und dem nichts und gar nichts mehr beigefügt werden muss, gar nichts mehr beigefügt werden kann, weil er der Satz von Allem ist: „Wenn der Anfang endlich zu Ende ist, kann der Schluss beginnen“:

Peter K. Wehrli, geboren 1939, Studium der Kunstgeschichte in Zürich und Paris. Reisen durch die Sahara und zur Piratenküste. Längere Aufenthalte in Südamerika. Redaktor beim Schweizer Fernsehen DRS. Tätigkeit als Herausgeber. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. «Zelluloid-Paradies» (1978), «Eigentlich Xurumbambo» (1992), «Katalog von Allem» (1999). Eine stark erweiterte und neu organisierte Ausgabe erschien 2008 unter dem Titel «Katalog von Allem: Vom Anfang bis zum Neubeginn» im Ammann Verlag, Zürich.

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