Christian Uetz «Von mir ist nur der Gedanke»

Ich habe kein Recht,
nicht Nietzsche zu sein, nicht
Kierkegaard, nicht Rilke. Auch ohne
Werke. Ich habe kein Recht, nicht wahnsinnig
zu sein, nicht zerspringend, nicht zerrissen. Auch
ohne Erfolg. Kein anderer ist schuld
am mich vom Anderen vom
Anderen abbringen lassen, wo
auch immer.

Von mir
ist nur der Gedanke, und der
ist nicht. Nicht da, nicht ich. Also bin ich nicht.
Nur du, und auch du nur mit allen gebrochen,
alle Zeit auf den toten Punkt gebracht, den schwarzloch
gerochenen. So sterngenau strahlt deines maßlos
ermordeten Morgens unvermoderbare
Mittagsverzückung aus den Lichtporen der
augenübersäten Nacht.

Ich trinke dich in mich
zurück. Ich sauf dich Tag und Nacht.
Und wiederum seufzst du mich in dich
hinaus. Du bist ja draußen in mir drin. Ich bin ja völlig
außer mir aus dir. Das macht ja den ununterscheidbaren
Unterschied zu meiner unverlassbaren Unentscheidbarkeit,
dass ich dich Lichttrunkene noch nicht, nicht und nicht mehr hell
sehe. Doch Himmel unserer höllischen Gottgleichheit, du uns in Funken
Getunkte, die du nicht bist, bist das
Werde, der du bist. Ich bin nicht
so. Du allein gibst mir das Unrecht, so
zu sein, wie ich bin. Und
so bin ich nicht.
Wenn es ist,
ist es immer, und es ist
nicht. Wenn du bist, bist du überall, und
du bist nicht. In dem Ich bin bist du, indem
ich bin nicht da. Und immer schlägst du unser
Du Nichtsein nieder. Da bin ich wieder, und kann mich
zum Büßen noch einmal entblößen. Bringt es das?
Nicht wirklich. Wirklich nichts als das ist
wirklich, worin wir allein uns begegnen,
im Unwirklichen von allem. Bringt
dich das näher?
Vollkommen.

Wo ich nicht
bin, bist du, wenn
ich weg will. Womit zeigst
du dich nicht? Mit der Zeit,
mit der abständigsten, durch
die abgestrittenste Lust, die
allmählich abseitigste, ab
schaumgeborenste.

 

secession Verlag

Der 1963 in Egnach am Bodensee geborene Christian Uetz ist studierter Philosoph, und er glaubt an keine Wahrheit ausserhalb der Sprache. Ob im Gedicht oder in der Prosa: Sein Tanz an ihren Rändern ist immer auch ein Seiltanz über den Abgründen der Existenz. Und er gilt als Virtuose, wenn es um die Intensität der Sprache geht. Auswendig und in einem rasenden Tempo rezitiert er seine Texte bei Auftritten, dass einem Hören und Verstehen vergeht. Das ist gewollt. Einzig die Wortkraft zählt und die Suggestivkraft der Sätze,ckaum deren Inhalt. In seinem Gedichtband «Engel der Illusion» formuliert Uetz spielerisch und doch souverän Gedichte um gewichtige Themen: um die Präsenz des Anderen im Selbst, um Anwesenheit und Abwesenheit, um Negativität und Transzendenz. Mit seinen bildgewaltigen, selbstverlorenen und dabei tief nachdenklichen Gedichten sucht Christian Uetz in der Sprache nach der verborgenen Präsenz dieser Engel der Illusion, um ihr Scheinen erfahrbar zu machen. Was seine Texte so hervorbringen, sind Ekstasen der Begierde und die Trunkenheit der Vernunft. Es ist der Wahnsinn des Tages. Ihr Fluchtpunkt bleibt dabei stets eine mitreissende Affirmation des Lebens und der Sinnlichkeit, ein Lob der Sprache als derjenigen Kraft, welche die Illusion als Wahrheit, das Jenseits als Teil des Diesseits erkennbar macht.

Beitragsfoto © Internationales Literaturfestival Leukerbad

Nina Jäckle «Setzkastentexte»

1
Man geht das Zimmer ab, man geht es mit
den Augen ab, im Bett liegend, und es ist
sehr früh am Morgen, und man sucht nach
ersten Schatten, nach ersten Umrissen,
nach ersten Farben. Man wartet auf
Geräusche, auf die Rufe der Kinder
vielleicht oder auf den Schlag der
Glocken. Man wartet auf Stimmen im
Treppenhaus, es ist noch früh, denkt man,
einer ist zu hören, der sich räuspert, um
die ersten Worte zu sprechen an diesem
Tag. Man verlässt das Bett und man kennt
die Ecken des Zimmers, die Kanten der
Möbel, man findet sich zurecht in dem
Halbdunkel, man findet in das Bad, man
findet sich zurecht, auch ohne Licht, auch
ohne Blick in den Spiegel.

2
Oft sind die Alten auf dem Platz. Sie
sitzen auf den Bänken und beobachten sich
gegenseitig. Manchmal flucht eine,
manchmal erzählt einer, manchmal lacht
eine, und obwohl dies miteinander
geschieht, gibt es keinen Zusammenhang
zwischen ihnen. Man kann sich nicht
vorstellen, dass sie es gut miteinander
meinen, man weiß nicht, weshalb man es
sich nicht vorstellen kann. Vielleicht, so
denkt man, weil sich die Menschen ähnlich
werden im Alter, weil sie sich gegenseitig
zu sehr an sich selbst erinnern, ist
Wohlwollen nicht möglich. Sie bewohnen
dasselbe Haus, sie gehen durch dieselben
Gänge, sie essen gleichzeitig, sie leben
in gleichen Zimmern, mit jeweils einem
Fenster. Manchmal sitzt ein alter Mann auf
der Bank und sieht zu, wie ein anderer
alter Mann über den Platz geht. Man kann
beobachten, wie sich der eine über den
anderen wundert, sich ärgert oder
ängstigt. Sie haben eine gemeinsame
Geschwindigkeit, in der sie gehen, in der
sie sprechen. Sie verstehen die Welt
außerhalb des Hauses auf eine gemeinsame
Weise. Man kann sich jedoch nicht
vorstellen, dass sie darüber sprechen, wie
sie nun und im Vergleich zu früher in
einer anderen Geschwindigkeit leben, die
sich nicht mehr an die Geschwindigkeit
außerhalb des Hauses anpassen lässt. Kaum
eine der alten Damen verlässt ohne
Handtasche das Haus. Die Handtaschen, so
denkt man es sich, sind fast leer. Ein
zusammengelegtes Stofftaschentuch, eine
Geldbörse, ein Kamm. Abends sehen die
alten Damen aus den Fenstern ihrer Zimmer.
Das tun sie nicht, um nach draußen zu
sehen, das tun sie, um sich zu
vergewissern, im Haus zu sein.

3
In einem Wagen sieht man ein Kind liegen.
Das Kind sieht seine Hand, es sieht seinen
Fuß, es sieht seine Mutter an. Es lacht,
sein Blick erstarrt, es sieht in die
Ferne. Man zählt einige der Dinge auf, die
das Kind lernen wird. Das gezielte
Einsetzen der Hände, das Sehen von Farben,
das Halten des Kopfes, das Erinnern.

4
In der Wohnung ist es still, nichts als
die Fliege ist zu hören. Es ist still,
weil sich niemand bewegt, weil niemand
sonst in den Räumen ist und etwas sagt.
Man kann sich nicht vorstellen, die Fliege
zu erschlagen, sie ist zu groß, als dass
man sie einfach erschlagen könnte. Man
lässt die Fliege also gegen die
Fensterscheibe fliegen. Immer wieder hört
man den Aufprall, man öffnet das Fenster
nicht. Diese Geräusche, der Flügelschlag,
der Aufprall, das Summen in der Ecke des
Fensters, all diese von der Fliege
ausgehenden Geräusche sind in dieser
Stille der einzige Beweis dafür, dass
wirklich Zeit vergeht.

5
Nachmittags spielen die Kinder im Hof. Sie
rufen sich Namen zu, sie jubeln und
kreischen, der Hof vervielfacht ihre Rufe,
ihren Streit, ihr Lachen. Auf dem Boden
des Hofes sind Kreidezeichnungen zu sehen.
Autos, Monster, Bäume oder aber Helden,
die man nicht kennt. Nachts ist der Hof
nichts weiter als der Abstand zwischen den
sich gegenüberstehenden Häusern.

6
Man geht das Zimmer ab, man geht es mit
den Augen ab, im Bett liegend und es ist
spät am Abend und man hört Schritte im
Treppenhaus, eine Begrüßung hört man, kurz
bevor die Tür zu einer anderen Wohnung ins
Schloss fällt. Man geht das Zimmer ab, man
geht es mit den Augen ab und man sucht
nach letzten Schatten, nach letzten
Umrissen, nach letzten Farben des Tages.

(Zeichnung Renata Jäckle)

Nina Jäckle1966 in Schwenningen geboren, wuchs in Stuttgart auf, besuchte Sprachschulen in der französischen Schweiz und in Paris, wollte eigentlich Übersetzerin werden, beschloss aber mit 25 Jahren lieber selbst zu schreiben, erst Hörspiele, dann Erzählungen, dann Romane. Ihre ersten Bücher erschienen im Berlin Verlag: «Es gibt solche», «Noll», «Gleich nebenan» und «Sevilla». Bei Klöpfer & Meyer erschienen 2010 mit großem Erfolg ihre Erzählung «Nai oder was wie so ist», 2011 ihr Roman «Zielinski» und 2014 der Roman «Der lange Atem». Nina Jäckle erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, beispielsweise den Karlsruher Hörspielpreis, das große Stipendium des Landes Baden-Württemberg, das Heinrich-Heine-Stipendium, das Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds. Sie erhielt im Dezember 2014 den Tukan-Preis der Stadt München, 2015 den Italo-Svevo-Preis für ihr Gesamtwerk und den Evangelischen Buchpreis für ihren Roman «Der lange Atem». Nina Jäckle war Stipendiatin der Villa Massimo in Rom 2016/17.

Rezension von «Stillhalten» auf literaturblatt.ch

Rezension von «Warten» auf literaturblatt.ch

Rezension von «Der lange Atem» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Michael Schroeder

Michael Kleeberg «Abschied von einem Apfelbaum»

Sein Stamm ist auf dem ersten Meter zweimal in sich verdreht, als hätten zwei gewaltige Hände ihn in seiner Jugend ausgewrungen wie ein nasses Handtuch. Seine Rinde ist backsteinbraun, rostbraun geschuppt, erinnert an Echsenhaut, an Krokodilleder. Auf der Sonnenseite des schräg aufstrebenden Stamms breitet sich ein goldengrüner, feinst gefiederter Moosteppich aus, bei dessen Berührung man das Gefühl hat, die Mähne eines Pferdes zu streicheln. Die Unterseite des Stamms wirkt schiefergrau, erst beim längeren Hinsehen macht man einen leichten Mauveschimmer aus. Je höher es hinaufgeht, je dünner die Äste werden, desto weniger Schuppenrinde ist zu sehen, desto glatter wird die Oberfläche des Holzes, ein hellgeschecktes Grau mit dem in der Sonne gelblich leuchtenden Grünspan von Flechten.

Auf Kniehöhe hat auch der Stamm ein erstes Knie, bis zu dem er recht gerade aus der Erde wächst. In der Kniekehle imitieren zwei starke in den Stamm eingelassene Stränge Sehnen. Oberhalb der an einer Kniescheibe erinnernden Ausbuchtung neigt sich der Winkel auf sechzig Grad, und die Wuchsrichtung dreht sich um ein Achtel. Ein zweiter Knick auf Hüfthöhe verschiebt die Wuchsrichtung wieder um 30 Grad zurück. Auf zweieinhalb Metern Höhe gabelt sich der Stamm, zwei Meter von seinem Ausgangspunkt entfernt, in drei Hauptäste.

Der stärkste Ast strebt in der Kurve einer Kettenlinie nach oben – zwei weitere Äste gehen von ihm ab, einer davon fast vier Meter weit waagrecht ausgreifend –, um sich in der Krone in zwei weidenartig überhängende Kuppeläste zu gabeln. Der zweite Hauptast wächst, sich verjüngend, flacher hinauf, verzweigt sich an seinem Scheitelpunkt, von wo aus das Gewicht der Zweige sie in einer Art Kreuzrippengewölbe nach unten biegt. Der Dritte beschreibt einen kommunistischen Gruß: Nach einem knappen Meter waagerechten Wachstums zwingt ein angewinkelter Ellbogen ihn in die Senkrechte, drei Meter weit. Die Krone des Baums hat auf einer Höhe von vielleicht sechs Metern einen Durchmesser von wenigstens acht. Geformt ist er wie ein riesiger Sonnenschirm auf schiefem Fuß. In der Erntezeit hängen manche Zweige voller Früchte fast bis zum Boden hinab, ebenso im Januar, wenn nasser Schnee auf ihnen lastet und der Stamm schwarz schimmert wie das Fell eines Rappen.
Am Bizeps des einen Hauptastes ist ein steinerner Nistkasten aufgehängt, den ein Blaumeisenpaar zum Überwintern und im Frühjahr zum Nestbau nutzt. Außer den Meisen finden sich regelmäßig Amseln, Spottdrosseln, Kleiber, Zaunkönige im Baum, seltener Spatzen. Im Winter werden die Meisenknödel täglich auch von einem kopfüber an ihre Unterseite gekrallten Buntspecht aufgesucht, ab und an klingt das schrille Gekecker eines großen, blaubraun leuchtenden, nesträuberischen Eichelhähers aus der Krone, das Hunderte von Metern entfernt im Wald wieder aufgenommen und weitergetragen wird. Seit einigen Jahren sieht man zur Blütezeit immer weniger Bienen im Baum, während die Zahl der Hummeln konstant zu bleiben scheint. Zur Fruchtzeit zieht es die Wespen ins Geäst, manchmal hört man wie ein weit entferntes Moped das sonore Gebrumm der Hornissen, von dem sich einem die Nackenhärchen aufstellen, bevor man noch die erschreckend langen Körper rund um den Stamm auf und ab kreisen sieht.

Im Oktober trägt er mittelgroße Äpfel, deren Grundfarbe gelb ist, manchmal gesprenkelt wie von Sommersprossen, viele von ihnen mit errötenden oder sogar feuerroten Wangen, einige mit wie aufgebatikten grünen Flecken. Vierzig Kilo davon ernten wir in jedem Herbst, der Teleskop-Käscher muss in ganzer Länge ausgezogen werden, um die obersten, wie Glühbirnen leuchtenden aus der Krone zu greifen. In Wäschekörben bringen wir sie dann zu der in einem Hinterhof in Weißensee verborgenen Mosterei Neubert, wo neben verwilderten Gärtchen und rostigen Zäunen die große grünlackierte Presse brummt, über deren Rand die Äpfel direkt in das schäumende Gebrodel gekippt werden.

Gegen Ende März eröffnen die beiden Sauerkirschbäume, deren wie Chilischoten geformte Früchte im August zu Tausenden auf den Platten zerplatzen und rote Schlieren und Schmierspuren hinterlassen, die an die Überbleibsel eines Unfalls oder Massakers erinnern, mit ihrer blassgelben, seltsam unkörperlichen, pusteblumenhaften Blüte, den Frühlingsreigen. Sie hält sich nicht lange, ist schon schlaff und welk, wenn der Mirabellenbaum Anfang April sein christosches Zauberkunststück vollführt und seine noch winterlich kahlen Äste plötzlich mit einer vibrierenden weißen Schmetterlingswolke umhüllt, die jeden Tag weißer und dichter wird, so dass man selbst an grauen Tagen, am Stamm stehend und in die Krone hinaufblickend, die Augen zusammenkneift vor soviel flirrender Helligkeit. Die unvermeidlichen Regengüsse setzen dem Traum nach kaum zwei Wochen ein etwas schäbiges Ende in Form eines Konfettiregens. Immerhin bleiben als Hoffnungsboten die grünen, noch eingerollten Blätter. Es folgt, ebenso kurzatmig, so schön wie steril, das Erblühen der im Schatten des Hauses violett schimmernden Zierkirsche. Der Baum, rotbräunlich gefärbt, verströmt, wenn die Knospen sich öffnen, ein zartrosa Licht, das nach einer Woche schon schwächer wird und erlischt, um die Bühne freizugeben für die Pflaumenbäume. Währenddessen blenden die Forsythien die Augen wie strahlende, vom Himmel in den Garten gefallene Sonnen. Aber erst wenn sie von oben her ihre Blätter zu treiben beginnen und das bonnardsche Mimosengelb sich in den folgenden Wochen in Absinthgrün verwandelt, erst in den allerletzten Apriltagen, ermutigt von einer warmen

Woche, manchmal noch später, wie aus alter, in den Genen liegender Erfahrung manches Jahr erst nach den Eisheiligen, zeitgleich mit der Mauser der geduldigen Hainbuche, die seit November ihr pergamentenes, rohrzuckerbraunes, welkes Laub festhält, um dann innerhalb von zwei Tagen, vom Wipfel bis zum Boden, alle toten Blätter abzuschütteln und ebenfalls vom Wipfel her die lanzettspitzen Knospen innerhalb weiterer zweier Tage zu stark gemasertem, flaumiggrünem Frühlingslaub auszurollen, erst dann kommt die Stunde des Apfelbaums.

Er hat sich vorbereitet, langsam, geduldig. Anders als die Pflaumenbäume, die erst ihr Blütenfeuerwerk versprühen, um dann zu grünen, die rasch ihr Pulver verschossen haben, beginnt er mit einem grünen Schimmer der Kelchblätter, der einen Anflug von Frühling in die Winterschwärze des Baums setzt, und aus dem das dunkle, stark durchblutete Rosa der Knospenköpfe verheißungsvoll blinkt. Auch jetzt noch lässt er sich Zeit, eine Woche, um sich zu entfalten, eine Woche, um im Entfalten die rosige Außenseite des Blütenblattes nach unten und außer Sicht zu drehen und die schneeweißen Innenseiten zu präsentieren.

Die Fünf ist die Ordnungszahl der Apfelblüte, fünf Blütenblätter bilden einen Kranz, in dessen Zwischenräumen weitere fünf rosige Nebenblüten knospen. Haben sie sich alle geöffnet, wiegen sich mokkatassengroße Blütengebinde auf den Enden der Zweige, das Rosa ist fast ganz verschwunden, scheinbar verblasst in der Anstrengung des Wachsens und Sich- Öffnens, und nur noch hier und da eher zu ahnen als zu sehen, mehr eine Erinnerung auf der eigenen Netzhaut als eine tatsächliche Farbe. Meist sind es auf den Innenseiten der Blütenblätter nur hingehauchte Gouache-Flecken entlang der Längsmaserung des kapillarenfeinen Aderwerks.

Diese Blütenblätter sind nicht ganz glatt, sondern ein wenig verknittert wie die ungebügelten Ärmel eines Seidenhemds. Im Entfalten umschließen sie zunächst die Mitte noch schalenartig, biegen sich dann jedoch immer weiter nach außen, um in einer fast obszönen Geste der Entblößung Staubgefäße und Stempel nicht nur zugänglicher zu machen, sondern sie gleichsam nach oben zu pressen, fast so, als ob eine Frau ihre Schamlippen auseinanderzöge, um ihrem neugierigen Liebhaber mittels ein wenig Drucks aus dem Beckenboden ihre Klitoris zu offenbaren.

Im Innern der Blüte rankt sich feinstes Kabelwerk, hellgrün, das sich dann zu einem Strauß aus herzförmigen, blassgelben Staubgefäßen und höher aufragenden Stempeln bündelt und öffnet, meist fünf an der Zahl. Die Stiele und Kelchblätter unter den Blüten sind flaumig behaart wie Jungmädchenarme, so dass es fast wie Nebel um die Stiele spielt.

Der Eindruck des zur Gänze blühenden Baums hat etwas von der Ausschüttung eines Füllhorns, von Überschwang, von Mit-vollen-Händen-Herschenken. Es ist eine bäuerliche, keine distinguierte Pracht, keine Spur von Maß oder Etikette, keine bürgerliche Reserve, kein haushaltender Wille zum Sparen, keine taktische Beschränkung. Es ist das Glück eines jungen Mädchens vom Lande, das sich von Natur aus schön weiß, sich zu festlichem Anlass zu putzen, etwas anachronistisches, eine alte Weise.
Seine äußersten Zweige berühren dann fast die höchsten des Fliederbuschs, und es wirkt als werde durch den Kontakt, den manchmal ein Windstoß hervorruft, das Kommando zum Erblühen von dem weißleuchtenden Obstbaum an die noch dunkel verschlossenen Knospen des Strauches weitergeleitet, der dann sozusagen den Staffelstab übernimmt und das hellere Violett des Blüteninneren, ihren Duft freigebend, offenbart, wenn von der Pracht des Apfelbaums nur noch weißer Hochzeitsreis auf dem Rasen übriggeblieben ist und er selbst eine bräunlich-gelbliche Färbung annimmt wie ein angeschnittener Apfel, der zu lange an der Luft gelegen hat, denn nur noch Staubgefäße und Stempel stehen wie miniaturisierte Springbrunnen auf den leeren Blütenständen, unter denen das Laub mächtig wächst.
Wenn man unter ihm sitzt, scheint das vielstimmige Vogelgezwitscher aus ihm zu kommen, scheint der Baum zu singen, als sei er eine Art Orgel: Die tieferen Töne entströmen dem Stamm, die höchsten dem feinen Gezweig der Krone. Das gequetscht Quietschende der Grasmücken und Finken, die gepfiffenen Koloraturen der Amseltriller, dazwischen rhythmisches Morsen.
An einem windigen, warmen 30. April studiere ich seine Bewegungen: Ein leises, würdiges Wiegen der weit ausgreifenden Äste, Pendelschläge der dünneren Zweige. Die Blüten schütteln sich, das Laub vibriert, als überliefe es eine Gänsehaut, oszilliert im Sonnenlicht. Konzentriert man den Blick auf Einzelheiten, sieht man das Elektronenrasen der Insekten, bei dem man Standort und Geschwindigkeit nie genau unterscheiden kann, so dass der Eindruck eines Flimmerns der vom Baum überwölbten Luft entsteht. Bei Sturm schüttelt er sich wie ein Tier, dem der Wind durchs Fell oder die Mähne zaust.
Im Frühling erinnert die Blüte an die duftig auf schaumigen Mittelmeerwellen tanzenden Blumengirlanden auf Noel-Nicolas Coypels „Entführung der Europa“: Sahnebaisers des Rokoko.
Im Sommer gleicht das Licht- und Schattengeflocke unter seinem Laubdach einer elektrischen Cloisonné-Malerei, deren Zellen in unregelmäßigen Abständen aufblinken. Wässert man an heißen Spätnachmittagen den Boden rund um den Stamm, hat man das Gefühl, ein Tier zu tränken, das gierig und dankbar die Flüssigkeit aufnimmt. Im November ruft der Baum die Erinnerung an einen bretonischen Calvaire irgendwo im Norden des Finisterre zwischen Morlaix und Brest herauf: nasser schwarzer Granit, der Inbegriff von Trostlosigkeit. Zu Weihnachten, wenn die reifbedeckten Zweige in der Morgensonne zuckrig glitzern, geht etwas Heimeliges, Trautes von ihm aus, und bei seinem Anblick sage ich mir Brechts GedichtDie Vögel warten im Winter vor dem Fenster her: „Ich bin die Amsel. Kinder, ich bin am Ende …“

In den Abschiedsschmerz, der ein Vorausahnen der Tatsache ist, dass man die Präsenz des Selbstverständlichen doch erst richtig schätzen kann, wenn sie nur noch in der Erinnerung existiert, aber in der täglichen Gegenwart ein Loch, ein Fehlen sein wird, mischt sich eine Prise von Neid, den der Ruhe- und Rastlose immer gegenüber dem Sesshaften empfindet, der all das, was man anderswo sucht, schon längst zu besitzen scheint, ohne Aufhebens, ganz beiläufig, oder wie der Weise sagt: ohne je seinen Garten verlassen zu haben. Wie alt er sein mag? So alt wie das Haus, fünfzig Jahre? Oder noch älter? Was alles um ihn herum vorgegangen ist, während er stoisch und ahnungslos mit nichts als Wachsen und Früchtetragen beschäftigt war! Keine zwanzig Meter von ihm teilte die Mauer dreißig Jahre lang Berlin von seinem Umland. Zwanzig Meter weiter, und seine Äpfel wären in zwei Staaten gefallen. Aber das hätte die Grenzpolizei der DDR nicht toleriert, die im Mauerstreifen jeden Baumwuchs mit Pflanzengiften unterband. Bei starkem Westwind, berichten die Nachbarn, sind ihnen davon die Geranien eingegangen, dem Baum hat es nichts angehabt. Geschichte ficht einen Baum nicht an, sofern er ihr nicht im Wege steht.

Wenn die Menschen und die Naturgewalten ihn lassen, müsste er länger leben als ich. Eigentlich ist er es, der sich von mir verabschieden müsste.

Michael Kleeberg, geboren 1959 in Stuttgart, lebt als Schriftsteller und Übersetzer (u.a. Marcel Proust, John Dos Passos, Graham Greene, Paul Bowles) in Berlin. Sein Werk (u.a. «Ein Garten im Norden», «Vaterjahre») wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Zuletzt erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Preis (2015), den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (2016) und hatte die Frankfurter Poetikdozentur 2017 inne.

Schriftstellergespräch zwischen Michael Kleeberg und Catalin Dorian Florescu: Bericht auf literaturblatt.ch

Ulrich Woelk «Planetenschreiber 1: Merkur»

Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich eine gute Idee war, Planetenschreiber des Merkur zu werden. Ich wusste kaum etwas über diesen ziemlich abgelegenen Ort des Sonnensystems und hätte auch höflich abwinken können. Aber ich dachte, dass es vielleicht ganz gut wäre, ein halbes Jahr mit festen Bezügen auf der hiesigen Orbitalstation zuzubringen, um mit meinem Roman voranzukommen. Keine Ablenkung, nur die Konzentration auf das Wesentliche. Schreibtisch mit Aussicht auf das Universum. Und der Blick aus dem Panoramafenster meiner Planetenschreiberwohnung ist wirklich beeindruckend. Die Sonne schwebt riesengroß über der Sichel des Merkur. Aber spätestens nach einer Woche kennt man das natürlich und hat sich dran gewöhnt.

Die Station ist klein. Es gibt ein Café und zwei, drei Läden für die alltäglichen Dinge. Einmal in der Woche kommt ein Service-Techniker vorbei und sieht nach dem Rechten. Und jeden Monat dockt ein Versorgungsschiff von der Erde an und bringt alles Notwendige für die Besatzung und die Siedler unten auf dem Planeten. Bei denen hätte ich mich als Planetenschreiber auch einquartieren können, aber sie leben am Boden eines Kraters am nördlichen Merkurpol, der ganzjährig im Schatten liegt. Logisch – im Sonnenlicht herrschen schlappe zwei- bis vierhundert Grad oder noch mehr. Da zieht man sich lieber in den Schatten zurück, auch wenn es dort mit minus zweihundert Grad ziemlich frisch ist.

Ja, so ist das – auf dem Merkur ist es unerträglich heiß, es sei denn, es ist unerträglich kalt. Die Probleme habe ich hier oben nicht. Die Station ist immer bestens temperiert, da kann ich mich nicht beschweren. Nimmt man das beeindruckende Sonne-Merkur-Panorama hinzu, auf das ich von meinem Schreibtisch aus schaue, sollte es mit der Arbeit an meinem Roman also eigentlich gut vorangehen. Aber irgendwie bringe ich nichts Gescheites zu Papier, um diese uralte Redewendung zu benutzen.

Irgendetwas lähmt mich, und allmählich habe ich die Befürchtung, es könnte der Merkur selbst sein. Auf ihm zieht sich alles unsäglich in die Länge. Ein Merkurtag dauert, wie ich inzwischen herausgefunden habe, knapp 176 Erdentage. Klar, dass man da zu nichts kommt. Man denkt immer, ich habe ja noch genug Zeit bis zum Abend, also mache ich erstmal was anderes oder gar nichts. Und eigentlich gibt es in der Station ja auch mehr oder weniger nichts zu tun. Man muss nicht putzen oder lüften oder den Rasen mähen. Und man kann auch nicht vor die Tür gehen, um mal eben frische Luft zu schnappen. Ich denke immer, das mit dem Schreiben kommt schon noch. Du musst dich erstmal akklimatisieren. Und genaugenommen werden von einem Planetenschreiber ja auch keine Wunderdinge erwartet. Der Posten ist hauptsächlich eine Art Belohnung dafür, dass wir Autoren das Fähnchen der Literatur im Universum wacker hochhalten. Gelegentlich ein kleines Stimmungsbild – ein Bericht, wie es in den Preisstatuten heißt –, das reicht schon. Und ab und an soll man sich bei öffentlichen Anlässen blicken lassen. Aber da die Anzahl solcher Anlässe auf dem Merkur sehr überschaubar ist, fällt dieser zweite Punkt kaum ins Gewicht.

Um aber doch ein kleines bisschen am sozialen Merkurleben teilzunehmen, bin ich gestern mit dem Servicetechniker runter auf die Planetenoberfläche geflogen. Ich hatte die Idee, Kontakt mit der Forschungsstation aufzunehmen, die es dort unten seit den fünfziger Jahren gibt. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was die Wissenschaftler da eigentlich machen und rauszufinden hoffen. Aber ich brauche Stoff für meinen ersten Bericht, da angesichts des Schneckentempos, mit dem die Sonne über den Merkurhimmel kriecht, mit astronomischen Beobachtungen oder kosmischen Naturbeschreibungen nicht allzu viele Seiten zu füllen sind.

Der Flug hinunter zur Planetenoberfläche war auch wirklich lohnenswert. Der Servicetechniker war nämlich, wie sich herausstellte, ein begeisterter und versierter Hobbypilot und ließ es sich nicht nehmen, mit mir eine Runde über die Nordhemisphäre zu drehen, um mir ein paar der spektakulärsten Landschaftsformationen aus der Nähe zu zeigen. Er ist ein überzeugter Merkurianer, der schon seit zwanzig Jahren hier lebt. Er erklärte mir mit lokalpatriotischem Stolz, dass sämtliche Krater des Merkur nach Künstlern, Musikern, Malern und Schriftstellern benannt seien, ob ich das schon gewusst hätte? Hatte ich nicht. Und ich wunderte mich darüber: ein Planet voller Kulturschaffender – wer hätte das gedacht! Das bedeutete ja sogar, dass ich als Schriftsteller im Prinzip die Chance hatte, zum Namensgeber für einen Merkurkrater zu werden – zumal als amtierender Planetenschreiber! Allerdings mussten die Taufpaten für die Krater seit fünfzig Jahren tot und künstlerisch einhellig anerkannt sein. Ich war mir nicht sicher, ob mir das je gelingen würde. Zu sterben war dabei nicht das Problem, aber vielleicht die künstlerische Reputation, dachte ich und hatte sofort Gewissensbisse, weil ich mit meinem Roman nicht vorankam.

Wir drehten eine Runde über Tschechow, Ibsen, Rilke und Hemmingway. Das waren ziemlich gewaltige Krater von knapp hundert bis zweihundert Kilometern Durchmesser. Die kleineren hatten nicht so prominente Namensgeber. Jedenfalls hatte ich noch nie etwas von dem chinesischen Maler Qi Baishi, der maltesischen Bildhauerin Maria de Dominici oder dem isländischen Dichter Snorri Sturluson gehört. Die hatten Krater im Zehn-Kilometer-Format ergattert. Es gab aber auch solche mit weniger als einem Kilometer Durchmesser oder auch nur hundert oder zehn Metern. Das beruhigte mich etwas. Für so einen Mikrokrater, dachte ich, würde es bei mir ja vielleicht doch reichen.

Zurück zum nördlichen Pol flogen wir zuerst entlang einer enormen Abbruchkante mit einem Höhenunterschied von zwei Kilometern und danach über Caloris Planitia, einer riesigen kreisrunden, von Gebirgswällen umgebenen Ebene. Dahinter begannen die etwas gemäßigteren nördlichen Breiten mit ihren Permaschattengebieten, in denen man herumlaufen kann, ohne dass es ist, als würde man auf glühenden Kohlen wandeln. Dort hatte man die Forschungsstation, die ich besuchen wollte, unter einem großen Dach aus Glaswaben errichtet. Sie lag am Rand von Merkur-City, einer kleineren Ansammlung ganz ähnlicher Habitate, die ein Hotel, Wohnhäuser und Geschäfte, eine Kirche und den Sitz irgendwelcher Lithium- und Rubidiumexportfirmen beherbergten. Der Ort stand hartnäckig in dem Ruf, die langweiligste Planetenmetropole des Sonnensystems zu sein.

Die Wissenschaftler freuten sich über meinen Besuch. Wahrscheinlich hofften sie, dass ich als Planetenschreiber ihre Arbeit gebührend würdigen würde. Sie hatten nämlich gerade, wie sie mir mit diesem typischen kindlichen Wissenschaftlerstolz mitteilten, eine sensationelle Entdeckung gemacht! Sie führten mich in ihr zentrales Labor, das allerdings einen etwas in die Jahre gekommenen, technisch rückständigen Eindruck machte. Man spürte, dass der Merkur als Forschungsstandort nicht gerade der Nabel der wissenschaftlichen Welt war. Allerdings hatte die Entdeckung, die mir die Forscher präsentierten, mit moderner Technik auch nicht besonders viel zu tun. Sie öffneten einen gekühlten Tresor, holten eine Spezialflasche mit einer klaren Flüssigkeit heraus und stellten sie ehrfürchtig auf den Tisch. Ich würde nie darauf kommen, was das sei, meinten sie.
„Wasser?“, überlegte ich. Das enttäuschte sie. Wahrscheinlich hatten sie angenommen, ich würde als Schriftsteller zuerst an irgendeine hochprozentige Innovation denken. Es war aber wirklich Wasser, wie sie schließlich einräumten, doch ist Wasser für Wissenschaftler natürlich nicht gleich Wasser. Dieses hier, meinten sie und machten eine längere Spannungspause, um mir Zeit zu geben, mich auf die nun kommende Sensation einzustellen, dieses hier sei das älteste Wasser des Sonnensystems!
So, so, dachte ich. Und nachdem sie ihre Bombe nun hatten platzen lassen, verrieten sie mir auch die zugehörigen Details: Sie hatten den Merkurboden systematisch angebohrt und in der Tiefe mit Ultraschallsonden nach Eis gesucht. In einem kleinen Permaschattenkrater mit dem seltsamen Namen Lady Gaga waren sie schließlich fündig geworden. Fünfzehn Meter unter der Oberfläche stießen sie auf einen Eisflöz und entnahmen ihm eine Probe. Deren chemische Analyse ergab für den Flöz ein Alter von sagenhaften vier Milliarden Jahren. Damit schlugen sie vergleichbare Eisablagerungen auf dem Mond oder Enceladus um ein paar hundert Millionen Jahre.
Dieses Wasser, gerieten meine Gastgeber ins Schwärmen, stammte aus der absoluten Frühzeit des Sonnensystems, gleichsam aus seiner Embryonalphase, als noch Abermilliarden von Staub-, Fels-, und Eisbrocken um die Sonne schwirrten und durch permanente Kollisionen zu den heutigen Planeten verklumpten.
Und nachdem sie mir das alles erklärt hatten, öffneten sie die Flasche und gossen mir ein Glas von dem uralten Wasser ein. Das vermutlich älteste Getränk, das ich vordem zu mir genommen hatte, war ein ziemlich schwerer Château-Mao, Jahrgang ’84, gewesen, den mein Großvater zu seinem Hundertsten entkorkt hatte. Ich überlegte eine Sekunde, ob vier Milliarden Jahre altes Wasser überhaupt noch genießbar war, aber die Wissenschaftler machten nicht den Eindruck, als wollten sie mich vergiften. Ich trank also artig das Glas aus und nickte. Das Wasser hatte geschmeckt wie – Wasser. Erstaunlich, dachte ich, woran Wissenschaftler so ihre Freude haben.

Auf dem Rückweg zum Landeplatz des Shuttles kam mir Pastor Hsien von den Solaren Unitariern entgegen. Offenbar hatte sich mein Ausflug nach Merkur-City inzwischen herumgesprochen. Hier passiert so wenig, dass sogar ein Schriftsteller Aufmerksamkeit erregt. Pastor Hsien sprach mich an und lud mich ein, am Wochenende zu einem Gottesdienst zu kommen. Mir war nicht wohl dabei, und ich gab zu, nicht allzu viel über die Solaren Unitarier und überhaupt über die verschiedenen Glaubensströmungen im Sonnensystem zu wissen.
Pastor Hsien nickte nachsichtig, er war ein sanftmütiger, freundlicher Mann – ganz alte chinesische Schule. Die Solaren Unitarier, erklärte er mir, kämpften gegen den religiösen Geozentrismus der meisten anderen Konfessionen und Religionen. Es wäre doch purer Zufall, meinte er, dass Jesus auf der Erde erschienen sei. Würde er heutzutage sein Erlösungswerk verrichten, könnte er dies im gesamten Sonnensystem tun. Die bescheidenen Verhältnisse hier auf dem Merkur würden ja viel besser zu dem ärmlichen Stall passen, in dem Jesus einst geboren worden sei, als die Paläste auf dem Mars oder die Ballonbordelle der Venus. Und schon gar nicht könne Gott gewollt haben, dass sich das gesamte Sonnensystem bei den christlichen Festtagen nach dem Rhythmus der Erde zu richten habe. Da ein Merkurjahr nur 88 Erdentage dauerte, könnte man hier also rund alle drei Monate Weihnachten feiern, was Pastor Hsien sehr schön fand. Der Gedanke wurde von den Vertretern der römisch-katholischen Kurie und den meisten protestantischen Strömungen aber regelmäßig als lächerlich abgetan, und das ärgerte Pastor Hsien. Bei Ostern wiederum stellte sich das Problem völlig anders dar. Das irdische Ostern fand stets am Wochenende nach dem ersten Frühlingsvollmond statt. Nun hatten aber weder Merkur noch Venus einen Mond, der Mars hingegen zwei, und bei den äußeren Planeten waren nicht diese selbst, sondern die Monde bewohnt, was die Situation für eine astronomische Berechnung des Osterdatums gleichsam auf den Kopf stellte. Und als wäre das alles nicht schon kompliziert genug (ich verstand es wirklich nicht), gab es ja noch die vielen bewohnten Kleinplaneten im Asteroiden- und dem fernen Kuipergürtel, die man bei der Suche nach ihrer religiösen Identität doch auch nicht allein lassen durfte, fand Pastor Hsien.
Es gab für ihn und die Solaren Unitarier also alle Hände voll zu tun, und ich versprach ihm, mal bei einem Gottesdienst vorbeizuschauen. Besonders beliebt, hatte ich gehört, waren seine gelegentlichen Orbitalgottesdienste, die er freischwebend in einer Umlaufbahn abhielt, um darauf aufmerksam zu machen, dass es in letzter Konsequenz ja nicht nur darum ging, die Planeten in ein religiöses Gesamtsystem zu integrieren, sondern auch den Weltraum, ja das Universum als Ganzes. Das war Pastor Hsiens Mission.

Zurück auf der Orbitalstation nahm ich erstmal ein langes Sonnenbad. Der Ausflug auf die Merkuroberfläche hatte mir gefallen, aber auf Dauer, das hatte ich auch gespürt, wäre ein Leben im Permaschatten dort unten nichts für mich. Vielleicht würden die Pläne für einen im Orbit stationierten Reflektor ja einmal umgesetzt und Merkur-City durch diesen wie von einer künstlichen Sonne beleuchtet. Die merkurianischen Parlamentsabgeordneten auf Europa forderten das immer mal wieder, aber ich konnte mir kaum vorstellen, dass die Mittel dafür von der ewig zerstrittenen Planetaren Union jemals bewilligt werden würden. Die Sache war einfach zu teuer und Merkur-City zu unbedeutend.

Ein paar Tage später dockte das Versorgungsschiff von der Erde an. Ich hatte es schon längere Zeit im Teleskop wie einen heller werdenden Stern auf die Station zukommen sehen und freute mich auf die Abwechslung. Es würde zwei oder drei Tage dauern, die gesamte Ladung zu löschen und auf die Planetenoberfläche zu transportieren. Die Besatzung würde das Café beleben, und vielleicht, so dachte ich, ergab sich ab und an ein nettes Gespräch bei einem Bier. Insbesondere stellte sich heraus, dass das Schiff eine Co-Pilotin hatte. Sie war Mitte dreißig und sah ziemlich gut aus, wie ich fand. Natürlich hatte ich keine Ahnung, ob sich Pilotinnen für Planetenschreiber interessieren, aber es sprach ja nichts dagegen, mein Glück bei ihr zu versuchen. Ich stellte mich ihr vor, sie hieß Sequoia. Dass es so etwas wie Planetenschreiber gab, hatte sie noch nie gehört, aber sie fand es ganz interessant.
„Und was schreiben Sie so?“, erkundigte sie sich.
„Hauptsächlich arbeite ich an einem Roman“, behauptete ich, obwohl ich in meinen ersten paar Wochen als Merkurschreiber mit diesem Projekt noch nicht eine einzige Seite weitergekommen war. „Aber eben auch über den Merkur. Was hier so läuft, meine ich, Frachtlieferungen zum Beispiel. Ist doch interessant. Und demnächst mache ich bei einem Orbitalgottesdienst mit. Ach ja, und neulich haben Wissenschaftler auf dem Merkur die ältesten Wasservorkommen des Sonnensystems entdeckt. Also wie Sie sehen, ist hier ne Menge los. Da kommt man aus dem Schreiben gar nicht raus.“
„Und der Roman, worum geht’s da?“
„Nichts Besonderes. Also ich meine, worum kann’s schon gehen heutzutage? Das Leben und so. Alles in allem bin ich da noch mehr in der Findungsphase. Ein Thema muss reifen. Und wenn man es dann hat, dann läuft es auf einmal wie am Schnürchen … Sie kommen sicher viel rum, nehme ich an.“
„Ja, schon“, sagte sie und erzählte mir, dass sie eine Zeit lang sogar auf der berühmten Neptunroute geflogen war, die aber auf Dauer nicht so spektakulär wäre, wie sich das die meisten wohl vorstellten. Klar, es gäbe da schon eine Menge zu sehen, den Asteroidengürtel, die Ringe des Saturns, den einen oder anderen Kometen, aber man sei eben auch Ewigkeiten unterwegs, und zwischen den einzelnen Highlights tue sich nun mal nicht viel. Und dann war man bei Frachtflügen ja auch immer nur kurz vor Ort und musste wegen des Kostendrucks nach dem Löschen der Ladung gleich wieder weiter.
„Das reicht dann gerade mal so eben für eine Stippvisite bei den Kryogeysiren auf Triton“, meinte sie, „und wenn man Pech hat, sind die ausgerechnet dann inaktiv und man verpasst einen Ausbruch.“
Den würde sie bei mir nicht verpassen, dachte ich spontan, aber ich war mir nicht sicher, ob ich bei ihr Chancen hatte und versuchen sollte, mit ihr anzubändeln. Je nachdem, was man von einer Beziehung erwartet, kann das Herumziehen ja Fluch und Segen sein. Ich hielt es aber für möglich, dass sie die Ungebundenheit mochte, sonst wäre sie vielleicht nicht Frachtpilotin geworden. Wir Kinder des Sonnensystems haben wegen der großen Entfernungen einen Lebensstil wiederbelebt, den es auf der Erde schon lange nicht mehr gibt: den des Vagabunden. Jedenfalls sah ich mich so, und vielleicht war sie es ja auch.
Ich hatte die Idee, sie mit den einzigen literarischen Arbeiten zu beeindrucken, die mir in meiner Zeit als Merkurschreiber bisher geglückt waren.
„Ich habe übrigens ein paar Merkurgedichte geschrieben“, sagte ich.
„Merkurgedichte?“
„Limericks, genauer gesagt. Ich bin an sich kein Lyriker, aber Limericks liegen mir. Die flutschen mir immer flott aus der Feder. Und der Merkur hat mich inspiriert. Wussten Sie, dass es dort unten entweder unerträglich heiß ist oder unerträglich kalt?“
Sie nickte neugierig, und ich ließ mich nicht lange bitten: „Erster Merkurlimerick:

War mal ein Mann in der flirrenden Wüste,
der wegen der irren Hitze düste,
auf den Merkur,
doch empfand er da nur,
die heftigsten Rückkehrgelüste.“

Sie lachte, was mich ermutigte, fortzufahren: „Zweiter Merkurlimerick:

Dachte ein Mann in der Arktis,
Ich bekomme hier, was ein Infarkt ist,
Auf dem Merkur werde ich älter,
doch war es da noch viel kälter,
so dass sein Raumschiff wieder am Nordpol geparkt ist.“

„Da kommt der Merkur ja nicht gerade gut weg“, meinte sie.
„Stimmt schon“, gab ich zu. „Dabei mag ich ihn inzwischen ganz gern.“
„Und? Gibt’s dazu auch einen Limerick.“
Ich hatte auf die Frage gehofft, zögerte aber einen Moment. Der Limerick war ein wenig heikel, doch dann nickte ich und fuhr fort: „Dritter Merkurlimerick:

Sehr kalt ist es im Permaschatten,
Doch gibt’s ja gute Wärmematten.
So kommt‘s, dass auch auf dem Merkur
Mit Blick auf die Sterne pur,
Die Pärchen sich gern begatten.“

„Na, dann …“, sagte sie.

Im Feldstecher ist ihr Frachtschiff nur noch ein kleiner heller Punkt. Ihre nächste Station ist der Mars. Da will sie zwei Wochen Urlaub machen und auf dem Olympus Mons rumkraxeln. Ich habe sie nicht gefragt, mit wem. Ich muss hier ja sowieso die Stellung halten. Ich fliege jetzt regelmäßig zur Oberfläche hinunter und spiele mit Pastor Hsien Schach. Er ist ein ausgefuchster Stratege, und ich verliere immer.
Sein Orbitalgottesdienst war ein echtes Erlebnis. Bei einem gleißenden Sonnenaufgang schwebten wir in unseren Raumanzügen über dem Merkur, und durch die Helmlautsprecher spielte Pastor Hsien nach seiner Predigt den Anfang von „Also sprach Zarathustra“. Er hat ein Händchen für dramatische Inszenierungen und besitzt sogar, wie man daran sieht, religiösen Humor. Aber ob ich Mitglied bei den Solaren Unitariern werden möchte, hat er mich noch nicht gefragt. Er ahnt wohl, dass ich bei aller Sympathie soweit nicht gehen würde.

Gestern habe ich bemerkt, dass die Sonne größer geworden ist. Es geschieht so wenig hier oben, dass es mir aufgefallen ist. Es kommt daher, habe ich mir erklären lassen, dass der Abstand zwischen Merkur und Sonne bei einem Umlauf stark schwankt. Ich notiere das, weil ich das Protokollieren solcher Merkurbesonderheiten inzwischen als meine Aufgabe ansehe. Manchmal, wenn auch nicht mehr sehr oft, denke ich noch an meinen Roman, den ich hier eigentlich hatte schreiben wollen. In der römischen Mythologie ist Merkur der Götterbote, und ich hatte irgendwie gehofft, auch mir würde hier eine wichtige Botschaft einfallen – es musste ja nicht gleich eine göttliche sein. Inzwischen finde ich es nicht mehr tragisch, dass ich diese Botschaft noch nicht gefunden habe und wohl auch nicht finden werde. Es ist auch so ganz schön, Planetenschreiber zu sein. Und in drei Wochen, was in Merkurzeit bedeutet: heute Abend, kommt das nächste Frachtschiff.

Ulrich Woelk, geboren 1960, studierte Physik und Philosophie in Tübingen. Sein erster Roman, „Freigang“, erschien 1990 und wurde mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Woelk lebt als freier Schriftsteller und Dramatiker in Berlin. Seine Romane und Erzählungen sind unter anderem ins Englische, Französische, Chinesische und Polnische übersetzt. Mit seinem Roman «Der Sommer meiner Mutter» steht Ulrich Woelk auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019.
«Planetenschreiber 1: Merkur» ist im Berliner Hybriden-Verlag als Künstleredition in einer sehr kleinen Auflage mit Zeichnungen von Hartmut Andryczuk erschienen. Wenn Sie neugierig sind, können Sie sich auf der Seite des Hybriden-Verlags umsehen. www.hybriden-verlag.de

Ulrich Woelk ist mit dem diesjährigen Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet worden.

literaturblatt.ch über «Der Sommer meiner Mutter» (2019)

literaturblatt.ch über «Nacht der Engel» (2017)

Autorenprotrait © Bettina Keller

Romana Ganzoni «Die Taufe»

An meine erste Taufe erinnere ich mich nicht. 1967, Scuol, Unterengadin. Sommer. Ich war wenige Monate alt, ein pausbäckiges Dutzendkind mit rabenschwarzen Augen. Von wem sind denn die? Auf den Fotos bettet mich meine schöne Mutter auf ihren Arm, sie trägt ein graues Deux-pièce, das man in den 60iger Jahren chic nannte, und auch meine Patin Miggi hält mich, die Halbschwester meines Vaters, die in der Familie als schön galt, in Wahrheit war sie recht gewöhnlich und dazu bösartig, aber sie war blond. In der Familie war nur sie blond. Neben Miggi steht mein Pate; er heisst Heinrich, genannt Bum-Bum, er ist Metzger, schnittlauchlang, dünne Arme, dünne Beine, mit Teigbauch, als hätte er einen dieser Sitzbälle, die später aufkamen, verschluckt, ein gutmütiger Pate, der viele Schnäpse verträgt und in der Nacht unter den falschen Fenstern singt.

Meine Taufe war, ausser dass ich in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen wurde, ein Skandal. Denn es war eine katholische Taufe, meine Mutter hatte das verlangt, aus Angst vor der Hölle, mein Vater hatte zugestimmt, mein Grossvater war auch gekommen, der alte Katholikenhasser mit dem edlen Profil. Mein Vater und mein Grossvater lachen nicht auf den Fotos. Und ich auch nicht. Ich weiss gar nicht, ob pausbäckige Kinder lachen können, die Backen, die allen als süss gelten, damit sie sie unter einem Vorwand zwicken können, belasten doch diesen kleinen Mund ungemein. Aber nicht die Nase, noch heute weiss ich, wie der reformierte Bart meines Grossvaters, den ich später Neni nannte, roch. Er roch streng. Ich liebte den Grossvater mehr als alle anderen. Ich sagte in der Primarschule: Wenn ich sterbe, holt mich der Neni ab. Das glaube ich auch heute noch.

Die zweite Taufe erlebte ich 2014 in Klagenfurt. Das ist eine Provinzstadt in Österreich. Schon wieder Sommer. Die zweite Taufe nach der ersten Taufe, die mich einst aufgenommen hatte in die Gemeinschaft der Gläubigen – fälschlicherweise sind damit die Christen gemeint. In Wahrheit wurde ich in die geschriebene und gesprochene Sprache aufgenommen, die niedergelegt ist im Alten Testament, ein ewiger Bund, dort liegt das Wort und dampft, es ist voller Zorn, voller Wucht und Kraft, es ist rücksichtslos und hart. Wo kommt es her? Von weit, du Anfängerin! – War ja nur eine Frage.

Ich war mit der ersten Taufe offiziell in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen worden, und ich wollte die Gläubigste sein von allen. Das Alte Testament nahm mich ins Wort auf, damit ich meinen Glauben ausdrücken konnte, das Evangelium nahm mich in seinen Schlepptau, und, siehe da, es erzählte die beste Geschichte von allen. Ich las und hörte zu. Ich glaubte alles, fragte mich aber, obwohl man das nicht darf: Wer erzählt hier? Wer schrieb auf? Der Meistererzähler, der Erzählmeister? Ja, ganz recht, Gott erzählt, sagte einer. Gott erzählt? Gott schreibt? Nein, nein, Gott schreibt nicht, er hat keine Hände, er diktiert nur. Aha. Das hiesse, alle Erzähler äffen ihn nach, es dürfte keine Geschichten geben. Selbst erzählen, falls das überhaupt geht, und schreiben wäre ein Verstoss. Oder aber: Gott erzählt uns alle Geschichten, wir schreiben sie nur auf? Dann blieben wir unschuldig.

Und was ist mit den schlechten Geschichten? Kommen die vom Teufel? Ja, die kommen vom Teufel oder von seiner vorwitzigen Grossmutter, sie ist die Gefährliche, weil sie so gefällig tut. Die schlechten Geschichten sind ein Hohn auf den Meistererzähler, sie äffen den Erzählmeister nach, man sollte die Ohren verschliessen, sie nie zu Ende hören oder lesen und niemals weiterempfehlen. Sind denn die schlechten Geschichten die bösen Geschichten oder was bedeutet schlecht? Schlecht bedeutet schlecht erzählt, nichts weiter. Schlecht erzählen ist des Teufels Grossmutter.

Die zweite Taufe, die in Klagenfurt am Wörthersee, war die Aufnahme in die Gemeinschaft derer, die alles aufschreiben – mit Lizenz von oben. Nennen wir die, die alles aufschreiben, die Schreiber und Schreiberinnen; es ist eine Kaste, nicht ganz oben angesiedelt und auch nicht ganz unten. Eine graue Mittelschicht aus Halbverhungerten.

Ich reiste nach Klagenfurt, weil ich in die Provinzstadt nach Österreich eingeladen worden war, im Restaurantwagen nach Salzburg ass ich drei Gänge, weil ich bald zu den Halbverhungerten gehören würde. In Klagenfurt stieg ich aus dem Zug und stand herum, ich wartete auf einen, der mich aufnehmen würde in die Gemeinschaft derer, die zum lebenslänglichen Diktat antreten wollen, die alles aufschreiben, die Geschichten erzählen, und dabei hoffen, sie seien nicht auf die vorwitzige Grossmutter des Teufels hereingefallen.

Ich wartete, aber es kam keiner, und als ich schon davon ausging, dass keiner komme, kam einer, er hiess Burkhard, er stammte aus Deutschland, das war klar, denn er sprach Deutsch und deutlich, in perfekter Intonation. Er dirigierte mich vom Bahnhof auf den Domplatz und sagte: Lesen Sie vor, was Sie geschrieben haben! Ich las vor, was dastand, und als die Geschichte zu Ende war, schaute Burkhard aus Deutschland mich böse an und sagte: Next please! Sein Wort dampfte, weil er mich Scheisse fand. Und der Gestank seines Wortes war so mächtig, dass ich auch zu stinken begann, deshalb begab ich mich gleich nach der Nichtaufnahme in die Gemeinschaft der Schreibenden in mein Hotel Zum goldenen Brunnen, um ein Bad zu nehmen, aber da ich den Hotelprodukten nicht traute, ging ich etwas benommen, aber sehr badewillig in die Kramergasse, wo ein Wunder geschah.

Adam kam auf mich zu. Er sagte, er sehe, dass ich seine Produkte brauche, er lotste mich in seinen Laden, aber ich wäre auch freiwillig mitgegangen. Als er sagte, er heisse Adam und wolle mich beraten, wusste ich, jetzt wird alles gut. Bevor ich etwas sagen konnte, hatte Adam mir die neuste Handcrème der Wundermarke Kedem angeschmiert, die er als galaktisch anpries, in Wahrheit war der Geruch aufdringlich, oberkünstlich und unangenehm, ich begriff, dass ich so richtig angeschmiert war, denn mir kam Burkhard in den Sinn, der mir die Lizenz verweigert hatte, obwohl ich die Gläubigste von allen war.

Hatte er das etwa gemerkt? War alles nur eine Prüfung? Versteckte Kamera? Hatte er Adam geschickt, um zu schauen, wie ich auf ein zweites künstliches Angeschmiertsein reagieren würde? Ich dachte nach.

Adam fragte, ob ich eine Antifaltenbehandlung wünsche. Er schaute mir tief in die Augen. Nein, danke. Adam hüpfte im Geschäft herum, die Handcrème hielt er für verkauft, statt 25 Euro 19 für die Dame. Okay. Ich sagte, ich wolle baden. Einen Augenblick und tadaaa, sagte Adam. Und schon stand dieser Tiegel mit dem goldenen Deckel Salt Scrub Peach & Honey vor mir. Um Gottes Willen, nein! Da las ich: Made in Israel.

Salt Scrub aus dem Heiligen Land. Das konnte kein Zufall sein, und auch nicht, dass es saftige 60 Euro kostete. Qualität kostet, biblische ist unbezahlbar. Adam winkte ab, wir schauen dann noch mit Preis, sagte Adam, ein Ungare, der out of the Blue sagte, es sei schwierig mit den Israelis, oioioi, sehr schwierig, geschäftlich, sagte er. Ich wollte etwas sagen und so ein bisschen in Richtung Ungarn verbinden, da stand bereits das zweite israelische Top-Produkt vor mir: Body Butter Kiwi. 60 Euro. Adam machte aus 145 Euro deren 90 und strahlte.

Ich bezahlte und hastete ins Hotel, wo ich mir ein Bad einlaufen liess. Ich legte mich ins lauwarme Wasser. Nach einer geschätzten Viertelstunde stand ich auf, ohne das Wasser abzulassen, und rieb mich mit dem Pfirsich-Honig-Meersalz ein, ich griff in die Dose und verteilte das teure Mousse grosszügig auf meinem Körper. Peeling, das muss sein, zwei Mal pro Monat, hatte Adam gesagt. Ich zog das durch mit der Schälkur. Ich rieb die ganze Dose ein, ein halbes Kilogramm. Aus Israel, dem Heiligen Land, für weniger als 60 Euro. Ich war rot wie ein Hummer. Hummer sind schöne Tiere, ich esse sie nicht.

Ich setzte mich ins Bad und tauchte unter. Ich tauchte auf und tauchte nochmals unter, ich hielt die Luft an, bis es eng wurde, dann tauchte ich wieder auf, um sehr schnell, mit halb gefüllter Lunge, wieder unterzutauchen. Ich tauchte auf und sagte: Ich taufe dich, Romana, im Namen von Ingeborg Bachmann, die dich höchstpersönlich aufnimmt in die Gemeinschaft der Schreibenden, auf keinen weiteren Namen, vergiss das mit dem Pseudonym, das ist affig, ich taufe dich, weil Ingeborg Bachmann dich für würdig befunden hat, einzutreten in die Welt der Schreibenden, als du heute Morgen ihre Gedichte lasest und weintest. Sie hat dich erkannt als grosse Gläubige. Ich ermächtige dich, Romana, das zu sagen und Geschichten zu schreiben, bis du tot umfällst. Du sollst das nicht nur tun, du musst das tun, ich befehle es dir.

Ich glaubte mir, stand auf, duschte, wusch mir die Haare mit dem Billigprodukt, das das Hotel mir überlassen hatte, und stieg aus der Wanne. Nun schmierte ich mich ein mit der Kiwibutter With Dead Sea Minerals and Shea Butter (Paraben-Free) von Kedem aus dem Heiligen Land, ich schmierte meine Seele, ich ölte mich und versiegelte meinen Leib.

Romana Ganzoni wurde 1967 in Scuol, Unterengadin, geboren, wo sie auch aufwuchs. Geschichts- und Germanistikstudium an der Universität Zürich, Aufenthalt in London. Nach zwanzig Jahren Tätigkeit als Gymnasiallehrerin widmet sie sich heute ganz dem Schreiben und lebt als freie Autorin in Celerina, Oberengadin. Seit 2013 Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften. 2014 Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Förderpreis des Kantons Graubünden. Seit 2015 Kolumnen in der Schweiz am Sonntag und im Kultur­Blog der Engadiner Post. «Granada Grischun» in der Reihe Edition Blau, Rotpunktverlag ist ihre erste Buchveröffentlichung.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Laura Giannini

Zoë Jenny «Die Rache der Julia Cane»

Es war ein wolkenloser Tag als Julia Cane an ihrem fünfunddreissigsten Geburtstag die Anwaltskanzlei Hemlyn & Partner in Richtung Regent Street verliess. Sie arbeitete als Assistentin in der Abteilung brand protection, die sich darauf spezialisierte, konkurrierende Modefirmen wegen Kopien und Fälschungen auf Höchstsummen zu verklagen. Sie erledigte ihre Arbeit effizient und zur vollen Zufriedenheit ihres Chefs, dessen Zustimmung ihr eine gewisse Befriedigung gab. Darüber hinaus hegte Julia keinerlei berufliche Ambitionen und erfüllte ihre Aufgaben mit einem Mindestmass an innerer Beteiligung, was man als eine gewisse Kälte und Gleichgültigkeit des Charakters hätte auslegen können – ein Eindruck, der aber durch ihre freundliche und zuvorkommende Art wett gemacht wurde. Ihre Mitmenschen und insbesondere ihre Arbeitskollegen empfanden Julia als ausgeglichen und angenehm.

Sie hatte die flachen Schuhe, die sie während der Arbeit getragen hatte, ausgetauscht gegen ein paar schwarze Louboutins, was nicht nur zu einer einer aufrechteren, eleganteren Gangart führte, sondern in ihr eine regelrechte Verwandlung auslöste. Die flachen Schuhe verstaute sie zusammen mit der Person, die sie tagsüber im Büro gespielt hatte, im Schrank und etwas anderes konnte sich in ihr regen, etwas, dass zu der schwarzen Seide und den roten Sohlen passte, die wie ein Signal aufleuchteten. Beim Austauschen der Schuhe hegte sie eine geradezu kindliche Freude, wie beim Betrachten dieser kleinen grauen Muscheln, die man ins Wasser legt und aus denen sich dann auf wundersame Weise Papierblumen entfalten.

In einem Schaufenster musterte sie beim Vorbeigehen ihr Spiegelbild. Sie sah jünger aus, kein Zweifel. Sie fand sogar, dass sie jetzt besser aussah als mit zwanzig, das hatte auch Mike bestätigt, als er einmal ein altes Foto von ihr sah. Was Mike jetzt wohl gerade machte? In Kalifornien war es jetzt früh morgens und am Lake Tahoe der Schnee noch unberührt. So stellte sie es sich jedenfalls vor, der Schnee glitzernd im hellen Morgenlicht. Eines Tages hatte er ihr aus heiterem Himmel mitgeteilt, dass man ihn für drei Monate als Skilehrer an den Lake Tahoe versetze. Alles bei Mike kam immer aus heiterem Himmel. Rätselhaft und unberechbar. Zuvor hatte er manchmal plötzlich nach Marrokko oder Tunesien reisen müssen. Sie konnte nachvollziehen, dass ein MI5 Agent in diese Länder ging, aber zum Lake Tahoe, als Skilehrer?
Das letzte Mal, als sie auf Skype gesprochen hatten, war sie überrascht gewesen, wie entspannt er aussah – braungebrannt und selbstbewusst. Seit er in Amerika war, sah er irgendwie amerikanisch aus.
Sie vermisste die Stunden in seinem Appartement in Vauxhall. Sein Appartement, das ihm vom MI5 zur Verfügung gestellt wurde, war komfortabel und unpersönlich wie ein Hotelzimmer. Im Schlafzimmer waren die Fenster stets geschlossen und die Jalousien runtergelassen. Dort verkrochen sie sich vor dem Lärm der Stadt. Mike blieb ein flüchtiges Teilchen im Gefüge ihres Alltags. Gerne hätte sie ihn öfter getroffen, sich sein Leben übergestreift wie man in ein Hemd schlüpft, das einem nicht gehört, aber dessen Geruch einen glücklich macht. Doch Mike blieb zurückhaltend.

„Es ist besser wir treffen uns nicht zu oft“, hatte er ihr einmal erklärt, als sie im Bett lagen, „wer mit mir privat viel zusammen ist, wird beschattet.“ Er machte eine Pause. „Nur kurzfristig natürlich. Du bist nicht von Interesse.“
„Was heißt beschattet?“, fragte Julia alarmiert.
„Wenn du nicht zu Hause bist, kommen sie in deine Wohnung und platzieren Wanzen.“
„Sie brechen in meine Wohnung ein?“
Im Halbdunkel setzte er sich auf und sah sie an, als ob er ihre Frage bedauere.
„Der MI5 muss nicht einbrechen. Wir haben die Schlüssel zu jedem Haus in diesem Land.“
Er lachte weil sie ihn ungläubig anschaute.
„Wir kommen wie Geister Julia, husch, husch …“, er schnippte mit dem Finger, sprang mit einem Satz vom Bett auf und ging ins Badezimmer. Sie hörte, wie er seine Zähne putzte.
Sie erinnerte sich, wie Mike ihr einmal erzählte, dass er bei der Arbeit auf dem Bildschirm zum Spaß seine Mutter beobachtete, wie sie in ihrem Garten die Wäsche aufhängte.

Als sie an diesem Abend nach Hause kam, durchsuchte Julia ihre Wohnung. Ihr Herz klopfte, als sie die Wände ihres Badezimmers abtastete. Sie holte eine Leiter und durchsuchte die Ecken an der Decke. Sie konnte nichts finden. Eine Woche später traf sie Mike in der Nähe von Thames House, wo er arbeitete. Sie war überrascht wie gross das Gebäude war, burgähnlich und abweisend. Da drinnen sitzen sie also und beobachten ihre eigenen Leute, schauen ihnen beim Sex zu, dachte sie. Haben die nichts Besseres zu tun? Alles ist zu erwarten.

Als Julia in die Regent Street einbog, konnte sie Ian schon von weitem sehen. Er kam mit schnellen Schritten auf sie zu. Er roch nach Anzug, Aftershave und U-Bahn. Er schimpfte über die Jubilee Line, die wieder mal Probleme hatte, fast wäre er zu spät gekommen. Er musterte sie von oben bis unten. „Well well, birthday girl“, sagte er zustimmend, schob sie ins nächste Taxi und fuhr mit ihr ins West End.

Ian hatte Karten für Chicago. Mitte, dritte Reihe, beste Plätze. Sie schaute auf die Bühne mit halbnackten Frauen hinter Gitterstäben, Gefangene, die irgendwie freikommen mussten. Julia dachte an Mike. Beim Song All that Jazz legte Ian seine Hand auf ihr Knie. Er meinte es gut; ein Musical zu ihrem Geburtstag. Sie streichelte seine Hand, nachlässig wie man ein gutmütiges Tier streichelt, das einem irgendwann zugelaufen ist; während die andere Hand in ihre Handtasche glitt, zu ihrem Mobiltelefon, in der Hoffnung, dass es vibrierte, eine Nachricht von Mike anzeigte. Es bewegte sich nicht.
Vor ihr auf der Bühne hüpften Frauen in Strapsen herum, lasziv und verführerisch, stellvertretend für all die Frauen, die sich jetzt an Mike heranmachten. Wahrscheinlich hatte er schon längst eine andere, überlegte sie, vielleicht kam er auch gar nicht mehr nach London zurück, sondern wurde gleich wieder woanders hingeschickt. Sie ahnte es schon seit geraumer Zeit: Es wäre besser, ihn zu vergessen.

Ian hatte gut gewählt. Das Christophers war eines ihrer Lieblingsrestaurants. Sie mochte die grossen Lampen, die wie Ufos im Raum schwebten. Die beste American Brasserie der Stadt. Er bestellte Steak. Aberdeen Angus, blutig. Sie Maryland Crab cake. Rückblickend wusste sie nicht mehr, wann das Ganze eskalierte – als der Kellner das warme Schokoladentörtchen an den Tisch brachte? Es hatte ziemlich lange gedauert, ganze zwanzig Minuten, weil frisch zubereitet und Ian sagte noch während er mit der Gabelspitze vorsichtig in das Törtchen stach
„schau das ist perfekt, innen ist die Schokolade noch flüssig“, als das Wort fiel, das den Ablauf des Abends jäh veränderte: Mike.
Er wusste von ihrer „Schwärmerei“, wie er es bezeichnete. Was sie mit Mike hatte, qualifizierte sich in seinen Augen noch nicht einmal als Affäre.
„Manchmal ist es als ob ich dir beim Erwachsenwerden zuschaue, Julia.“
Sie kannte diesen mahnenden Unterton.
„Der“ – er sagte nie seinen Namen – „hat nur seine Karriere im Kopf, deshalb ist er ja jetzt auch in Kalifornien und nicht hier bei dir, hm?“ Er schaute sie dabei an, als ob sie etwas schwer von Begriff sei. Er klopfte mit dem Finger auf den Tisch: „Aber ich bin hier, nicht wahr?“
Vielleicht war es der Ton und der insistierend klopfende Finger. Er hätte ihr auch eine Ohrfeige geben können.
Nach dem Motto: Du wirst schon noch vernünftig werden. Dummerchen.
Dabei hätte sie das noch diskutiert, wenn er gewollt hätte, aber dann schoss es aus ihm heraus, so, als wären die Wörter schon lange in ihm gewesen und vorbereitet und kamen nun endlich aus dem Dunkel seiner Gedanken mitten auf den Tisch. Wie akkurat, mit perfider Präzision abgefeuerte Geschosse.
Sie sei ja jetzt nicht mehr fünfundzwanzig sondern fünfundreissig und dass sei ja ein Alter in dem sich eine Frau langsam doch Gedanken machen müsse, über ihre Zukunft.
Beim Wort „Zukunft“ sprang Julia vom Tisch auf und steuerte ohne zu zögern dem Ausgang zu. Die Treppe hinunter sich mit einer Hand am Geländer festhaltend, an der Martinibar vorbei, die jetzt voll besetzt war mit Liebespaaren, eilte auf die Strasse hinaus, wo zu ihrer Erleichterung schon eine ganze Reihe von Taxis wartete. Dort auf dem Rücksitz, in der dunklen Geborgenheit eines Londoner Taxis, erinnerte sie sich, dass sie schon das letzte Wochenende gestritten hatten.

Dabei hatte Ian seine guten Seiten. Er war Analyst bei Lehman Brothers gewesen und zufälligerweise hatte er dort sechs Monate, bevor die Bank vor den Augen der Weltöffentlichkeit kollabierte, die Kündigung eingereicht und zu Morgan Stanley gewechselt. Intuitiv ein guter move, das musste man ihm lassen.
Es war ihm erspart geblieben, wie seine Kollegen den Tisch zu räumen und bemitleidenswert vor laufender Kamera seine Habseligkeiten im Pappkarton wegtragen zu müssen. Mitleid müsse man allerdings keines haben, „denn das sind Typen, die immer wissen, wie es weiter geht“, hatte Ian gesagt und damit zweifellos auch sich selber gemeint: Auf Ian war Verlass.

Ian hatte noch eine Kaffeetasse von Lehman Brothers, ein Gegenstand, der durch die Ereignisse plötzlich eine Bedeutung erhielt, ein Relikt wurde, und er ging damit im Wohnzimmer vor ihr auf und ab, um einen geeigneten Ort für sie zu finden. Sie hatte ihn ausgelacht: Wäre es ein Stück der Berliner Mauer – aber die Kaffeetasse einer bankrott gegangenen Investmentbank?
Doch Ian liess sich nicht beirren, murmelte etwas von „historisch“ und platzierte die Tasse schliesslich auf dem Bücherregal zwischen Ben Goldacre und seinen Pokerbüchern.

Julias Apartment war winzig, aber hatte die richtige Postleitzahl. Am äusseren Rande von Chelsea, an der Grenze zu Fulham, hatte sie das One-bedroom-Apartment gefunden und mit Hilfe ihrer Eltern kaufen können. Schliesslich hatte sie alles getan, was man von ihr verlangte. Das Studium hatte sie durchgestanden ohne genau zu wissen warum. Dafür hatte sie jetzt ein Apartment und einen guten Job.
Sie war erleichtert, als sie mit dem Lift in das oberste Stockwerk fuhr. Zweifellos würde die Immobilie im Wert steigen, eine gute Anlage für die Zukunft. Vom Küchenfenster aus konnte sie in der Ferne die Bürotürme von Canary Wharf sehen. Das Logo von Citigroup – der rote Regenschirm – schwebte leuchtend in der Nacht.
Dort wo auch Ian seine Tage verbrachte, mitten im Financial District, im ewigen Licht von London.
Irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft, wenn Ian aufstieg bei der Bank und zu jemandem wurde, an dessen Seite sie stolz sein konnte, würde auch er die Abende und Nächte dort verbringen. Dann, davon war Julia überzeugt, würde ein grosses Netz sich über ihr ausbreiten, eine Sicherheit, die sie einlullen und friedlich machen würde.

Julia hatte ihre Schuhe ausgezogen. Die Louboutins lagen auf dem Boden, hingeschleudert, sie wirkten verwegen und gefährlich, etwas, was sie nie sein würde. Sie holte die Zigaretten, die sie in einer Lade versteckt hielt. Julia rauchte sehr selten und dann nur heimlich, allein. Sie nahm einen tiefen Zug und ein leichter Schwindel erfasste sie.
Sie rauchte aus dem Fenster in die Nacht und einen Moment lang wünschte sie, sie könnte etwas ändern, ihre Stelle kündigen, in ein Flugzeug nach Kalifornien steigen, Mike in einem hysterischen Anfall ihre Liebe gestehen und alles verlieren. Etwas Drastisches tun, ein anderer Mensch sein, jemand der keine Angst hatte.
Die Zigarette schmeckte nicht, sie drückte sie aus nach wenigen Zügen. Sie lag im Aschenbecher wie ein gebrochenes Bein.

Sie ignorierte das Klingeln des Telefons. Einen Moment lang gab sie sich dem Machtgefühl hin, es hatte eine geradezu erotisierende Wirkung und sie hörte dem Klingeln zu wie einer Melodie, sehnsüchtig fast. Er rief jetzt abwechselnd auf dem Haustelefon und ihrem Mobiltelefon an, mit verzweifelter Hartnäckigkeit, dachte sie und lächelte. Ian lag ihr zu Füssen. Dann hörte es abrupt auf und sie wusste, es war doch nur die Stille kurz bevor er unten vor der Tür stand und Sturm läutete. Sie würde ihm öffnen, ohne zu zögern. Im Schlafzimmer zog sie die Vorhänge zu und streifte ihre Kleider ab.
Sie würde ihn im Dunkeln ins Schlafzimmer führen und sie würden Sex haben, befreiend, unkompliziert und ohne Worte. Es würde heilsam auf sie wirken, und jedes Gespräch und jeden Streit auslöschen und erübrigen.
Dabei würde sie an Mike denken, jede Sekunde in der er in sie eindrang, mit fest verschlossenen Augen. Die Versöhnung würde gleichzeitig die Rache sein. So wie es zweifellos auch in Zukunft immer sein würde, in den gemeinsamen Ehejahren, die vor ihnen lagen. Dabei würde sie kein schlechtes Gewissen hegen, vielleicht einen Hauch von Mitleid, mit dem sie dann einschlief, während ihr Kopf auf seiner Brust ruhte, die Hand in der Nähe seines Herzens.

Zoë Jenny wurde 1974 in Basel geboren. Ihr erster Roman «Das Blütenstaubzimmer» (FVA 1997) wurde in 27 Sprachen übersetzt und zum weltweiten Bestseller. In der Frankfurter Verlagsanstalt sind ihre Romane «Der Ruf des Muschelhorns» (2000) und «Das Portrait» (2007), sowie ihre Erzählungen «Spätestens morgen» (FVA 2013) erschienen. Zoë Jenny lebt heute in Breitenfurt bei Wien.

Claire Plassard & Florian Vetsch «Steinwürfe ins Lichtaug»

Steinwürfe ins Lichtaug (Moloko Print, Pretzien 2014)

Die Schlange

Die Schlange machte Eurydike den Garaus
Als sie barfuss zur Kasse gebeten wurde
Auch da war es keine Frage des Alters
Eurydike musste hinab, zweimal

& Eva war offen für die Einflüsterungen der Klugen
Verlangte nach dem Apfel der Erkenntnis, viel
Intelligenter als Adam, der erst überzeugt
Werden musste, sie – geschaffen aus dem edlen
Rippenstoff, nicht aus Lehm, Torf & Dreck
Eva – die wahre Krone der Schöpfung

Den Rumpf auf der Erde, chthonisch durch & durch
Den Kopf leicht erhoben, züngelnd
In Höhlen & im Schatten mächtiger Steine, am Wegrand
Wohnend, wartet sie auf den Feind, die Beute

FV, 28. Januar 2012

Engadiner Tage

Eva – viel intelligenter als Adam,
Evas – deren zwei sind mir bekannt,
Die eine Feministin, die andere liebt
Lieber Rippenstoff statt Lehmfiguren,
Ein reiner Zufall?

Sie, dachte auch Annemarie,
Annemarie, die dort oben
Auf unserem ureigensten Boden
Stand, wo ich jetzt steh‘,
Annemarie, die ihren Blick
Zur Margna hin schweifen liess,
Welche majestätisch erhaben
Am Rande des Silsersees
Thront, ja sie – die wahre
Krone der Schöpfung

Wundert es da, dass ich
Aus Demut
Weinen muss, jedes Mal,
Wenn ich zu ihr hin, wenn
Ich von ihr weg fahre,
Über die Höhen des Julierpasses – 

CP, 13. Februar 2012

Ja, dieses Hochtal 
Brachte viele aus der Fassung

Offen
Nur nach oben
Nicht nach unten
Sils – als gäbe es
Keine Niederungen 

Dieses Hochtal spricht
Mir aus der Seele & es bleibt

Dabei ganz stumm
Offen
Nach oben nur

FV, 14. Februar 2012

Kriegsjournalismus

für Marie Colvin & die Ihrigen

Die Augenzeugin
An der Front
Trägt eine schwarze
Piratenklappe
Hat von zwei Lidern
Nur noch eines
Offen
& doch sieht sie
Besser
Als die meisten Anderen

Sieht das, was
Nicht gesehen
Nicht gehört
Vielleicht gelesen
Werden will

Es bombt & schiesst
In Schutt & Blut
Im Morgenblatt
In sicherer Ferne

Als sie noch einmal
Sehen wollte
Stellte sie eine Rakete
Stumm

Schaut der Rest
Jetzt genauer hin
Vernimmt der Westen
Nun die Schreie –

CP, 5. März 2012

Ein dünner Faden hält alles zusammen (Moloko Print, Pretzien 2019)

Immer kurz innehalten

Den Mantel zuknöpfen
Aus Respekt vor der Kälte
Blätter & Kieselsteine wechseln sich ab
Unter meinen Sohlen
Gehen, Nachdenken, Katharsis

Über den Friedhof Richtung Sphinxe & Krematorium
Immer kurz innehalten.
Lebensfresser
Finden Gefallen an überbordenden Zukunftsplänen
Tragen dick auf mit der Namensgebung fiktiver Drillingstöchter
Duales Lachgebrüll in warmen Kissen
Wie wär’s mit West Virginia, South Carolina
& Jutta
Bekannte & Irre haben’s schon ärger getrieben
Irgendein Beamter, der sich mokiert
Bestimmt durchgewinkt
Mass halten ist eine Kunst
Das Laster der Glücklichen – die Masslosigkeit
Senke den Blick!
You forget so easily!
Unter Endorphin überspult das Gehirn Schmerzensbilder
Die zahlreich Verworrenen in der Diashow
Aus Eigenschutz vernebelt
Das Fallbeil schwebt permanent über Kopf & Kragen
Ein dünner Faden hält alles zusammen –

CP, 31. Oktober 2017

Am Tag der Toten 

Unser Skelett Charlie
– Chaplin, Brown, Hebdo? –
Charlie eben auf dem Balkon
Zu Halloween installiert 

Sein Gejachter & Geschlenker
Durchgeisterte die Nacht 

Heute zwei Kerzen
Auf dem Grab meiner Eltern
Zu Allerheiligen angezündet –
Sie brennen noch jetzt

Die Seelenlichter –
Ein dünner Faden hält alles zusammen 

FV, 1. November 2017 

Paix

Catherine Ribeiro + Alpes

Die Schamanin schweigt
Instrumentale Minuten
Bevor sie ansetzt
Um durch Gänge
Von Gehörgebirgen
Zu rasen

Frieden den kranken Seelen
Sprechend

Wir werden ruhig schlafen
Bei starkem Luftzug
Den Seelenlichtern
Sei jeder Tag
Tag der offenen Tür

CP, 11. November 2017 

Der schwarze Schwan 

für die Musik von Bert Jansch 

Der schwarze Schwan steigt
Am Nordhimmel bis
Im November auf
Kreuzt den Horizont
Einsam. Er verblasst 

Am Zelt, widerklingt
Im winterlichen
Raureif, wenn er
Den schwarzen Ozean
Durchgleitet 

Eisblumen keltern
Die Sommertage
Duftbrüche zerstreuen sie
Raureif schmilzt & versickert
In schwarzer Erde   

FV, 18. November 2017 

Claire Plassard ist 1990 geboren, Florian Vetsch 30 Jahre davor. Ihr erstes Aufeinandertreffen kam im Gymnasium in St.Gallen zustande, wo Plassard in ihrem Abschlussjahr das Ergänzungsfach Philosophie bei Vetsch belegte. Aus dieser Begegnung entwickelte sich rasch, jenseits eines Lehrer-Schüler-Verhältnisses, eine produktive Freundschaft, die ohne Rücksicht auf Kategorien wie Geschlecht und Alter aufblühte. Florian Vetsch, der bereits in Zusammenarbeit mit dem Beat-Imam Hadayatullah Hübsch (1946-2011) den Gedichtband Round & Round & Round (Songdog, Wien 2011) geschrieben hatte, jagte im Oktober 2011 per E-Mail einen ersten poetischen Federball in Claire Plassards Richtung; die junge Dichterin, die gerade mit dem Luzerner Lyriker Pablo Haller die Gedichtzyklen blut & blumen / verdaute zukunft (Privatdruck, Luzern 2012) abgeschlossen hatte, erwiderte den Ballanschlag noch im selben Monat. Regeln gab es für das Zusammenspiel der beiden keine. Weder stand eine Deadline fest, noch gab es thematische oder formale Einschränkungen. Die einzige Rahmenbedingung war, dass in chronologischer Folge ein Gedicht auf das andere antworten sollte usw. usf. Die Dynamik dieses Austauschs ergab nach zwei Jahren die 64 Gedichte, welche die Sammlung Steinwürfe ins Lichtaug (Moloko Print, Pretzien 2014) präsentiert, mit Zeichnungen von Harald Häuser und einem Nachwort von Felix Philipp Ingold; fünf Jahre später, im Frühjahr 2019, legten die beiden, mit einem Auftakt von Katharina Franck und Zeichnungen wiederum von Harald Häuser, 70 Gedichte unter dem Titel Ein dünner Faden hält alles zusammen (Moloko Print, Pretzien 2019) nach. 

Claire Plassard, *1990, lebt und arbeitet in Zürich. Studium der Philosophie, Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, Deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft sowie der Gender Studies in Zürich und Berlin. Sie schreibt Lyrik, Essays, Rezensionen und Reportagen. 

Florian Vetsch, *1960, lebt und arbeitet in St. Gallen. Studium der Philosophie, der Germanistik sowie der Literaturkritik in Zürich. Er veröffentlichte Poesie, Tagebücher, Essays, Anthologien sowie Übersetzungen von Paul Bowles, Ira Cohen, Jan Heller Levi, Mohammed Mrabet u.a.m.

«Steinwürfe ins Lichtaug» auf planetlyrik.de mit Nachwort von Felix Philipp Ingold

Beitragsfoto © Sabrina Peterer

Jens Steiner «Das Gleichgewicht der Welt»

Eine Ruhe ist das hier. Während vor seinen Füssen scharfer Dampf aufsteigt, grient Stampfermann zufrieden in Richtung Sonne. Herrlich, diese Ruhe! Stampfermann macht den Hosenschlitz zu und dreht sich um. Er weiss, bald ist’s aus mit der Idylle. Bald kommt der Bürokrat. Und wenn der Bürokrat kommt, macht man am besten möglichst viel Lärm. Also los!
Stampfermann tritt an seine Maschine, reisst das Anwerfseil. Der Dieselstampfer wackelt, wie eine junge Geiss, die Kapriolen macht, wackelt schneller, bis er zu schweben beginnt und in massloser Wut die Erde festtrampelt. Was für ein Berserker! Exakt arbeiten kann man trotzdem damit. Peilgenau den Schotter festgeklopft, und immer schön in die Ecken rein. Auch einer mit dicken Händen und einem Vierkantschädel kann das. Man ist schliesslich Profi.
Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne, es bleibt drückend. Der Schweiss läuft Stampfermann auf den zitternden Armen zu Tröpfchen zusammen, die sich mit dem Staub zu einem schlickigen Film vermischen. Auch die Kollegen haben zu kämpfen. Schottergabelmann nimmt einen Schluck aus der Zweiliterflasche, Schaufelmann reibt sich mit der schrundigen Faust die Augen. Es riecht nach Coca-Cola und feuchtem Frischkies.
Von oben herab sieht das alles ganz lustig aus. Das Bild einer Schar knuffiger Männchen, die sich in kleinen Schritten hin- und herbewegen. Ja, wer oben ist, kommt sich vor wie ein Puppenspieler. Ein Zupfen an den Fäden und die Männchen unten zappeln und hopsen. Zupf und hops, zupf und hops. Kindisch, aber trotzdem lustig. Für den, der oben ist. Und oben ist immer einer.
Wer unten ist, versucht ruhig zu bleiben. Mehr liegt nicht drin. Schon gar nicht, wenn der Bürokrat kommt, mit seinen Papieren herumwedelt und einem die Ohren volljammert. Immer ist alles falsch. Und zu langsam. Und überhaupt. Trotzdem besser ruhig bleiben, denkt Stampfermann.
Als der titangraue Kadjar heranbraust, macht Stampfermann weiter, als ob er nichts gesehen hätte. Führt seine Höllenmaschine säuberlich in die Ecken rein, so, wie sich’s gehört. Ehrensache. Der Bürokrat steigt aus dem Wagen, schaut sich die herumstehenden Geräte an, Bitumenkocher, Rüttelplatte, Bodenfräse, registriert, was erledigt wurde seit gestern und was nicht. Und jeder weiss sofort Bescheid: Der Bürokrat ist sauer.
»Herkommen, Leute! Aber dalli!« Stampfermann hört es schon, selbstverständlich hört er es, auch im Lärm seiner Maschine hört er es, aber er will jetzt nicht. Schottergabelmann pfeift, Schaufelmann winkt ihm in den Tunnelblick hinein, aber Stampfermann will ums Verrecken nicht. Er und seine Dieselgeiss klopfen jetzt diesen Schotter fest, dafür sind sie da. Schaufelmann linst zum Bürokraten und zuckt mit den Schultern. Dieser dröhnt: »Herrgottsakrament! Abstellen die Maschine, aber hantli!« Stampfermann würgt seine Geiss ab.
Vögel pfeifen, die Sonne bummert. Hinter der Abschrankung wie immer der Alte mit Zahnstocher im Gesicht. Tagaus, tagein steht er da und schaut ihnen bei der Arbeit zu. Noch weiter hinten steht ein kleiner Rotzbub. Juniordasteher. Zahnstocheraspirant. Stampfermann fährt sich mit dem Handrücken über die Stirn.
»Ihr müsst mir gar nichts erzählen«, fängt der Bürolist an und kramt in seiner Hemdtasche, »schon klar, dass die von der Stadt gern ein bisschen übertreiben. Aber!« Er zündet sich eine Zigarette an. »Aber glaubt ihr wirklich, dass ich dafür da bin, die Sauerei jeden Tag aufzuräumen, glaubt ihr das? Immer wenn’s ein Problem mit der Stadt gibt, kommt der Schöberli und macht Ordnung, hä?« Er zieht an der Zigarette. Seine Wangen werden zu länglichen Tälern. »Wenn ihr dieser Meinung seid, sagt es mir bitte und zwar jetzt auf der Stelle!« Während er spricht, quillt Rauch aus seinen Nasenlöchern. »Irgendwann«, sagt er und schüttelt den Kopf, »irgendwann.«
Hinten bei der Abschrankung noch immer der Alte. Macht keinen Wank. Nur der Zahnstocher im Gesicht. Wippt und wirbelt. Und der Rotzbub hinter ihm seilt in aller Seelenruhe schaumige Spucke auf den Boden ab.
Stampfermann prüft zum Zeitvertrieb die Schotterdichte vor seinen Füssen. Man muss ja schauen, dass man das, was jetzt kommt, einigermassen unbeschadet übersteht. Mit der Zeit hat jeder seine Tricks. Aber heute sieht er trotzdem ständig den Bürokraten im Augenwinkel. Als ob der Augenwinkel mit dem Bürokraten zusammenarbeiten würde. Egal, wie er auf den Schotter schaut, sein Augenwinkel reicht immer bis zum Bürokraten hin. Stampfermann weiss genau, der Bürokrat war immer ein Bürokrat. Trotzdem tut der Bürokrat gern so, als ob er irgendwann in seinem Leben kein Bürokrat gewesen wäre, und flucht wie ein Dreckshund im Strassenbau. Er war aber nie ein Dreckshund. Keine Sekunde seines Lebens. Stampfermann weiss das sehr wohl.
»Was glaubt ihr eigentlich, was ich mir tagaus, tagein den Arsch aufreisse wegen denen von der Stadt«, fährt der Bürokrat fort. »Und jetzt, was sehe ich hier? Da kommt mindestens noch ein Tag Verspätung dazu, ich weiss es genau. Dabei haben wir das alles Punkt für Punkt angeschaut zusammen, oder etwa nicht? Sagt’s mir, wenn ich einen Blödsinn erzähle!«
Weit oben ertönt ein einsames Räuspern. Alle heben den Kopf, auch der Bürokrat, und schauen zu den Balkons hoch. Keine Menschenseele. Trotzdem, denkt Stampfermann. Man sieht immer weniger Leute als tatsächlich da sind. Darum hin und wieder ein Husten aus dem Nichts. Manchmal auch ein Kanarienvogel oder eine Schlagersendung. Da und dort ist das Fenster permanent offen, Geräusche dringen nach draussen, aber wer da oben ist und was der da macht und so, das weiss der unten nicht. Immer ist weiter oben einer und zupft an den Fäden und kichert sich krumm, denkt Stampfermann. Und plötzlich spuckt man dem Bürokraten einen dicken Grünen vor die Füsse und fragt sich, war das jetzt ich oder der da oben am Faden? Eine Unfreiheit ist das, eine verdammte Unfreiheit.
Der Bürokrat hustet, die Zigarette landet am Aushubhaufen und qualmt dort weiter. »Also nochmal. Diese ganze Hälfte des Platzes, Männer, hört ihr mir zu? Die ganze Hälfte muss tiefergelegt werden, wegen der Drainage. Wasser muss abfliessen, und zwar in die Rinnen, wo ihr gelegt habt, klar? Geht das in euren Schädel rein?«
Stampfermann umkrallt in der Hosentasche das Zigarettenpäckchen. Er würde sich gerne eine anzünden, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Dann hört er erneut ein Räuspern. Er blickt hoch. Da, auf dem Balkon. Ein Mann in einem lindgrünen Bademantel, in der Hand hält er ein Glas Milch. Aus seiner offenen Balkontür dringt Trällermusik, eine Katze streckt den Kopf durch das Gitter des Geländers. Ist er es etwa? Ist er derjenige, der die Fäden in der Hand hält und sich Kringel in den Bauch lacht? Stampfermann presst die Lippen zusammen.
»He! Zuhören! Bei euch muss man sich ja schon fragen. Was da im Oberstübchen läuft den ganzen Tag. Habt ihr’s begriffen? Schräge Ebene, wie in der Schule, aber ihr habt ja nicht aufgepasst damals, sonst wärt ihr jetzt nicht hier. Wasser muss abfliessen können. Alles in die gleiche Richtung. Nämlich hierhin. Ich sag’s gern noch einmal, wenn ihr wollt, aber morgen sag ich’s nicht mehr.«
Klack-klack. Das Geräusch von Absätzen. Aber wo? Konzentrieren, denkt Stampfermann, konzentrieren. Drainage. Schräge Ebene. Abfliessen. Doch das Klack-klack der Absätze wird lauter, konzentrieren ist hier unmöglich. Stampfermann, Schottergabelmann und Schaufelmann wenden den Kopf. Da, an der Ecke, da kommt sie. Sonnenbrille in der Frisur. Basttasche. Blumenkleid. In den Hüften ein Wiegen, ein perfekt getaktetes Schlingern. Stampfermann scharrt mit den Füssen, eine Zigarette raucht verloren am Aushubhaufen, oben schlägt eine Balkontür zu. Und auf der anderen Strassenseite kommt das Schlingern näher und näher und die Absätze machen klack-klack, klack-klack, klack-klack. Stampfermann würde jetzt gerne ein Anwerfseil reissen. Eine Wut hat ihn gepackt, eine Wildheit, er will eine Schaufel werfen, einen der anderen Dreckshunde würgen, aber er bleibt still. Diese Frau. Ihr Blick, das Blumenkleid, das Schlingern. Sie biegt um die nächste Ecke und verschwindet. Das Klacken wird leiser. Verfluchte Welt, denkt Stampfermann und drückt das Zigarettenpäckchen in der Hosentasche zusammen.
Der Bürokrat hustet erneut und verwirft die Hände. »Ja, ihr könnt schon schauen, ihr. Und was mache ich unterdessen?« Wieder hustet er, sein Gesicht läuft rot an. »Ich sag’s euch: Rechnen! Wisst ihr eigentlich, was das Ganze…«, nochmals das Husten, »…und wieviel Tage wir wieder«, und nochmals, »dabei kalkuliere ich bereits jetzt am Rand des Abgrunds, aber was wisst ihr schon. Perlen vor die Säue!« Das Husten will nicht aufhören, und die Wut darüber treibt dem Bürokraten noch mehr Röte ins Gesicht. Da erblickt er den Alten hinter der Abschrankung. »Hat der Greis da vorne etwas gesagt? Der hat doch etwas gesagt. He, Sie! Ja, Sie! Abhauen! Weg hier! Für Unbefugte verboten. Ja, auch ausserhalb der Abschrankung, hopp jetzt. Können wir nicht brauchen hier, solche wie Sie!«
Der Alte dreht langsam ab und zottelt davon. Ein Geräusch ertönt aus seiner Richtung, ein kurzes Schluchzen, abgewürgtes Wimmern, es pflanzt sich fort, steigt zwischen den Hausmauern hoch und verschwindet im blassen Himmel. Der Rotzbub steht noch immer da. Als der Bürokrat ihn mustert, zuckt er zusammen, beginnt in der Luft zu wabern, zu flimmern.
»Gaffer!«, bellt der Bürolist und spuckt. Die Spucke landet auf Schaufelmanns Hose. Schaufelmann hat es nicht gemerkt, aber Stampfermann sieht’s. Im Augenwinkel. Dieser verdammte Augenwinkel zeigt alles. Der Bürokrat geht zu seinem Kadjar, öffnet die Tür. »Morgen früh kommt der Teer«, ruft er. »Macht von mir aus, was ihr wollt, aber morgen machen wir den Deckel zu und fertig.« Der Bürokrat fährt los.
Oben die Sonne, hier unten Vogelpfeifen und ein Kläffhund. Drainage, denkt Stampfermann und quetscht noch immer das Zigarettenpäckchen in der Hosentasche. Alles fliesst irgendwo zusammen. Erst langsam, dann schneller und schneller. Und dann, ja, dann! Wer weiss schon, was dann passiert.
Er dreht sich um und geht zu seinem Dieselstampfer. Als die Maschine losrabaukt, erscheint das Bild des Alten in seinem Augenwinkel. Beim Unterstand auf der anderen Strassenseite steht er, der schrullige Gaffgreis, im Mund der ewige Zahnstocher. Stampfermann lässt ihn im Augenwinkel, schön am Rand des Gesichtsfelds. Er sieht, der Alte ist nicht allein im Unterstand. Etwas Störrisches, Verstocktes klemmt in seiner Hand. Es reisst, das Störrisch-Verstockte, es schüttelt und windet sich, aber die Hand des Alten lässt es nicht los. Und der Zahnstocher in seinem Mund wippt und wirbelt. Dann holt die andere Hand des Alten aus und schlägt zu, haut zünftig drauf aufs Störrisch-Verstockte, dass es knallt.
Alles fliesst zusammen. Erst langsam, dann schneller und schneller. Und irgendwann passiert’s, denkt Stampfermann. Irgendwann knallt’s irgendwo. Feste haut der Alte beim Unterstand, feste versohlt er dem Rotzbuben den Hintern, und der Rotzbub weiss ganz genau, dass er am Ende der Kette steht und es keinen anderen gibt, der den Hintern versohlt bekommen kann, die Schläge auf seinen Hintern ergeben sich ganz natürlich aus dem Ganzen, die Ordnung besteht darin, dass am Schluss die Schläge auf seinem Hintern landen und das Gleichgewicht der Welt wiederherstellen. Irgendwann wird er nicht mehr der kleine Lümmel sein und am Ende der Kette stehen, aber er weiss, jetzt ist er es, und nichts lässt sich dagegen tun.
Stampfermann stampft und schaut sich verstohlen um. Keiner achtet darauf, wie der Alte die Ordnung herstellt. Wie das klatscht, ha! Das Gleichgewicht ist noch nicht erreicht, feste drauf auf diesen Lümmelhintern, weiter feste drauf!
Dann fällt aus heiterem Himmel ein leeres Milchglas hinab und zerschellt auf dem Schotter. Stampfermann schaut hoch, sieht leere Balkons, halb offene Fenster. Oben hat man die Fäden losgelassen, denkt er. Oben hat man die Zügel fahren lassen! Und prompt lässt er selber seine Maschine los. Sie hopst wütend auf ihrem einen Fuss davon, verlässt das kiesige Rechteck, wackelt wie ein besoffener Tanzbär über ein Rasenstück, durch eine Hecke hindurch und weg ist sie.
Stampfermann lächelt. Dann setzt er sich auf die Bordsteinkante und klaubt die letzte Zigarette aus dem zerfetzten Päckchen. Schaufelmann knabbert Sonnenblumenkerne, Schottergabelmann trinkt aus der Zweiliterflasche. Das Gleichgewicht der Welt, denkt Stampfermann und zündet sich eine Zerdrückte an. Hier ist es wieder. Man ist und bleibt ein Dreckshund, aber wenigstens ist das Gleichgewicht der Welt wieder hergestellt. Von dort, wohin seine wilde Geiss entschwunden ist, ertönen jetzt ein Rumpeln, ein paar Rufe und ein bisschen Geschrei. Zigarette anzünden, erster tiefer Zug. Herrlich!
Stampfermann blickt ein letztes Mal zum Unterstand. Der Rotzbub ist weg. Der Alte streicht sich die Haare glatt, furzt und zieht einen neuen Zahnstocher aus der Hemdtasche. Stampfermann nickt ihm zu. Der Alte schaut zurück, ohne die Miene zu verziehen. Und der Zahnstocher beginnt zu wippen und zu wirbeln.

Jens Steiner, geboren 1975, studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Zürich und Genf. Sein erster Roman «Hasenleben» (2011) stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2011 und erhielt den Förderpreis der Schweizerischen Schillerstiftung. Jens Steiner wurde 2012 mit dem Preis Das zweite Buch der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung ausgezeichnet. 2013 gewann er mit «Carambole» den Schweizer Buchpreis und stand erneut auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Sein letzter Roman «Mein Leben als Hoffnungsträger» erschien bei Arche.

Interview mit Jens Steiner

Rezension von «Mein Leben als Hoffnungsträger» auf literaturblatt.ch

Webseite des Autors

Dragica Rajčić Holzner «Glück»

Dies ist Auszug aus Dragica Rajčić Holzners Theatertext «Glück» in der Reihe Stückbox. Regie führte Ursina Greul, gespielt wurde es in Basel und Zürich.

Ana Jagoda, die Protagonistin, erzählt in Umgangsdeutsch die Geschichte ihrer Liebe. Es ist zugleich auch die Geschichte einer Suche nach Wahrhaftigkeit des Schmerzes und der Gewalt in einer durch und durch patriarchalischen Welt.

 

Glück 

Ganze Abend verflog wie im Halbtraum. Mein Mund trocken. Ich schmige meine Arme an Igor Arm weil es kälter wurde, ich bin übermutig und noch von einer unbestimmte einzige Absicht durchzogen. 

Bin ich das Mädchen mit der tragischen und schönen Idee der Wel?. Sie ist in der Musik und unter dem Mantel des Rauchs versteckt erste, erste, letzte Liebe Jetzt.

Igors Hand um meine Schulter. – Gehen wir ausser Glück, Igor gab mir seiner Hand. Wir stolperten wie zwei von Ertrinken gerettete einander umklammert durch den steinigen Weg zur kleine Wiese mit dem Heuschober um sich dort auf Heu niederzulegen. Meine Zunge ist schwer, diese am Film gesehener filmischen Kuss verlor etwas an seine Filmigkeit weil wir nicht wussten wann hört man richtig auf, wo endet die Sehnsucht und beginnt Wirklichkeit. Heimlich wollte ich mich aus der Umarmung herausschleichen aber hatte Angst  das Igor womöglich diesen Wunsch sieht. Igor zu halten ohne das sich Zeit bewegt, das Glück stehen lassen in der Brust, in den Händen. 

«Volim te» Wie weiss man das ?

Eingeboren ist es sagte Igor und hielt etwas länger seine Hand unter meinen Pulover am Rücken. Ist es gleich mit Vögeln, Katzen, Bearen, Schafen?

Sternwirklichkeit macht kein halt von Botanik und Zoologie, hast du nie gehört Ana das Gott Liebe ist? 

Ja, von don Lilo, meinem Prister. Igor fragte nicht nach. 

Schreib auf für später Ana so, gut so.

Alles was ich unter meiner Kopfhaut hatte, meinen Haaren, meinen Fingern, löste mich auf, dort wo es eine andere als mich geben könnte, mit diesen erträumten ersten Kuss kam ich schwindelfrei in die Glücke und entfernte die Unglücke von mir  wischte sie mit dem Atem, seinem, meinem, weg von mir, einender einatmen, wiederholend, dort wo wir miteinander oder jeder allein gehen könnte, ausgeholt, überholt von Herrlichkeit des nicht Sprechens, du aus allen Poren der Welt kriechendes Uhrzeiger des Schikals berührt meine Haare, drückte meine Schulter an sich herein, diese unbedingte Rettung vor der ganzen Welt, nein, vorübergehend war nichts, ewig ist es klang es im Kopf, ich untersuchte nichts, ein unerhörter Zustand, in welchem niemand sich befand außer uns, dort wo sich die Umstürze der Sterne ereigneten, waren wir.

Alfred Schlienger, NZZ Redaktor, schreibt: «Warum beglückt diese Inszenierung von Dragica Rajčić «Glück» in der Reihe Stückbox so sehr und so innig? Denn erzählt wird ja eigentlich der schmerzhafte Verlust von Glück. Aber da ist ein Text, der raffiniert mit Sprache spielt und gleichzeitig subtil unsere Emotionen entfacht und einfängt. Und da ist mit Monika Varga eine junge Hauptdarstellerin, die diesen Text und diese Figur mit jeder Faser trägt. Mit Charme und Trauer, Verletztheit und Wut, Sehnsucht und Verlorenheit. Das entwickelt im Spiel eine unglaubliche Präsenz und Wahrhaftigkeit, die einen von Anfang bis Schluss in Bann schlägt. Und da ist nicht zuletzt die souveräne Regie von Ursina Greuel, die all diese Mittel sehr gezielt und dosiert einsetzt. Kein falscher, rührseliger Ton, kein Zuviel und kein Zuwenig. Zauberhaft auch der intimäae Einbezug von Musik und Gesang. Keine Spur von Balkantümelei. Präzis verankert und dadurch universell. Ein rares, kleines, grosses Theater-Glück.

Am 27. November 2019 ist Buchpremière im Literaturhaus Zürich.

Dragica Rajčić Holzner, geboren 1959 in Split (Kroatien), lebt seit 1978 in St.Gallen. Hier Gelegenheitsarbeiten als Putzfrau, Büglerin, Heimarbeiterin, Aushilfslehrerin. Verheiratet, drei Kinder. 1988-1991 Kroatien: Gründung der Zeitung «Glas Kasela»; journalistische Arbeit. Nach Kriegsausbruch Flucht mit den Kindern in die Schweiz; Öffentlichkeitsarbeit über den Krieg in Ex-Jugoslawien. Bücher: Halbgedichte einer Gastfrau, 1986 und 1994; Lebendigkeit Ihre züruck, Gedichte 1992 (vergriffen); Nur Gute kommt ins Himmel, Kurzprosa 1994 (alle eco Verlag); Theaterstücke: Ein Stück Sauberkeit, 1993; Auf Liebe seen, 2000.

Janko Ferk «Am Tod eines Menschen»

I Am Tod eines Menschen

Ich habe nie gesagt, dass ein Mann kein Mensch ist.

II Sein letzter Wille

Eines Abends war T., von den meisten verlassen, gestorben. Er hatte sich plötzlich dem Tod gegeben. Von Augenblick zu Augenblick. Sein Gesicht schien vom Unerwarteten mit einem Mal getroffen.
T. wurde in einen dieser billigen Särge geschleudert. In der leblosen Bewegung, die der Körper in den Holzkasten machte, kam er anders als er selbst es wollte, ausgestreckt auf dem Rücken nämlich, zum Liegen.
Kurz nach seinem Über-Tritt suchte man sein Testament. Hastig und neugierig. Ein Mensch, der wie zufällig zum allgemeinen Wühlen stieß, griff irgendwohin und erfühlte einen größeren Papierfetzen, den er kurz, aber eingehend betrachtete.
Er las das Wort Testament, das mit ungelenker Schrift hingesetzt worden war. Und darunter noch: „Mein letzter und unbedingter Wille ist, auf dem Bauch liegend begraben zu werden. Im Sarg, wie im Grab.“ Die im Raum umherstehenden Verwandten entrissen dem Lesenden das Papier und zerfetzten es dabei zu kleinsten Stücken. Nun war nichts mehr zu lesen. Man musste sich auf die zimperliche Aussage des dabeistehenden Letztlesers verlassen und nach seinem Hinweis wurde der Tote urplötzlich gepackt, in die Höhe gewirbelt und auf dem Bauch zum Liegen gebracht.
Vor dem Sterben hatte T. noch etwas zu sich genommen. Natürlich passierte auch damit etwas. Mir blieb die Spucke weg. (Und dann noch immer der grausige Gedanke, man könnte eines Tages die Innenwände des eigenen Sargs sehen.)
T. wurde später auf eine unansehnliche Bahre gelegt. Aufgeputscht mit ein paar Mittelchen, die seine Farbe erhalten sollten. So lag er steif und leichenschuppig vor den Menschen, die kamen und gingen.
Irgendein aufgeplusterter Oberbeauftragter irgendeines Vereins, beileibe kein Wortkünstler, sprach ihm eine sogenannte Ehrentotenwache, „bestehend aus zwei Männer oder Frauen“, zu. Später nahm er Ausschau und überprüfte, wer sich schon und wer sich noch nicht gezeigt hatte.
Auch mir wurde eine halbstündige Wache aufgetragen.
Ich ging, um dort zu stehen.
Ich stellte mich an seine rechte Seite. Begann zu denken. Überlegte das Leben des abgestorbenen Körpers, vor dem ich stand wie ein aufgerichteter Besen.
Dieser schutzlose Elende, der von der Welt verfolgt wurde, wurde vom Leben verlassen.
Ich stand da. Wurde angestarrt. Von tränenden Augen und vorgeschützter Traurigkeit. Immer stärker fühlte ich eine Beschämtheit über die Würdelosigkeit der schamlosen Hinterbliebenen in ihrer Prunkwäsche.
Wie ein unsichtbares und tückisches Gespenst hatte sich der Tod in seinen Körper geschlichen. Viele hatten nur Abscheu und Entsetzen für ihn über. Nicht für den Tod, sondern den Toten. Einige andere traten nach dem ersten Bekanntwerden seines Ablebens zu einer Trauersitzung zusammen. Blech und heiße Luft sind die richtigen Bezeichnungen für sie. Der eine und andere beschwor in seiner nutzlosen Rede gar sein Aufleben.
In den eigenen Reihen, der sogenannten Familie, wünschte sich niemand ein nochmaliges Erstarken oder ein In-die-Luft-Strecken-Können des rechten Zeigefingers. Niemand aus diesen Kreisen würde ihn aus seinem ersten süßen Schlummer wecken. Keiner würde den Klöppel der Auferstehungsglocke rühren. Alle würden ein Aufflackern seines Lichts verhindern.
Ich war schon eine Viertelstunde gestanden.
Da kam seine lebendige Frau. Schrittverkrüppelt ging sie durch den Saal, in dem der Tote auf dem Nabel lag. Sie war gelöst, als wäre sie die Frau eines anderen. Keine Träne. Nicht der leiseste Anflug einer kleinen Traurigkeit. Beim allgemeinen Beten dieser Speichellecker, Vater unser, der Du bist, machte sie nicht einmal zum Schein mit. Sie war völlig gelöst. Beileid wurde ihr gewunschen.
Als sie mit sich allein war, kramte sie in ihrer vergammelten Handtasche und zog einen dieser Verehrungsgebrauchsgegenstände heraus. Eine Kette. Mit Kreuz. Und dem Gekreuzigten. Sie nahm das Kleinod zwischen die Finger und sprach dazu, tonlos, aber wie beim Gedichtaufsagen, im Himmel. Alles war auf einmal so schrecklich abschreckend bühnenhaft. Wahrscheinlich betete sie. Geheiligt werde Dein Name.
Wie konnte sie jetzt bloß beten. Dachte sie nicht daran, dass sie auch andere erkannt hatte. Auch die dürftigsten, hinterlistigsten und langsamsten Männer. Dachte sie nicht gerade an das andere Glück, das sie listig ausgekundschaftet hatte. Nicht mit ihrem Ehemann, der nun gärend hier lag, auf dem Nabel, in seinem zu kurzen Totenhemd.
Mir wurde kalt.
Ich stand da.
Ruhig. Steif. Unzufrieden.
Menschen kamen angelaufen.
Sie gingen schnell.
Sie hatten kaum Zeit, sich ein bisschen zu sammeln.
Sogar der älteste seiner missratenen Söhne nahm sich nur ein paar Augenblicke. Sobald er da war, verschwand er wieder. Er musste sich die Haare schneiden lassen. Sich aufmöbeln.
Dann war meine Zeit des An-der-Bahre-Stehens abgelaufen. Ich wurde von einer dicken, ausdruckslosen Gestalt abgelöst. Ich trat vor, verblieb kurze Zeit gedankenlos, spritzte Wasser über das Holz, das ihn barg, trat zu seinen Angehörigen, drückte ihnen die Hände und sprach wie beiläufig die Beileidsredensarten. Sie bestätigten dabei nur meinen Eindruck vom Nichtberührtsein.
Jeder Äußerlichkeit ledig, entfloh ich diesem herzlosen Raum und verschwand aufgekratzt in der Dunkelheit. Ich sollte ohnehin noch zu seinem Begräbnis.

III Die Ankunft und der Abgang

Der nächste Nachmittag war gekommen. Es war ein dunkler Tag. Der Regen schlug wie irr zu Boden.
Die Totengräber brachten den Sarg. Acht dicke Eingraber kamen, die sich am Weg von der Aufbahrung zur Beerdigung Lustiges und Schlagfertigkeiten erzählten, um ihre trostlose Tätigkeit besser ertragen zu können.
In der Kirche wurde der Holzkasten auf ein lachhaftes Gestell geschoben und dort belassen bis alle Spiele um den Tod abgewickelt waren.
Da war ein Beten und Gaffen und Sagen, ein kaum zu überbietendes. Die Eitleren trugen neue Kleider und freuten sich über jeden Tod. Und die Menschen, die vom Land in die Stadt kamen, meinten, Die Hälfte wäre genug gewesen.
Ein Vertreter irgendeines Vereins sprach ein paar große Worte, jedenfalls war er selbst überzeugt, solche abzusondern. Schlecht ist die Welt. Der Mensch sucht die Ewigkeit und Lust. Er ließ die Wirkung ein bisschen eindringen und trug weiter seine Merksätze vor. Nur Ewigkeit und Lust. Danach schnitt er unvermittelt das Leben „des Verblichenen“ an. Genauso gefühllos wie er sich sein Stück Brot vom Laib säbelte. Leider hat unser Freund nie die Frau gefunden, von der …
Einer der Leichensöhne wusste sofort, worauf der Redenschwinger hinauswollte. Er war es auch, der aus seinem Polstersessel sprang, den Quatschenden lässig, aber bestimmt, ohrfeigte und ihn mit entschlossenen Handbewegungen der Kirche verwies. Du Hund, Du dreckiger!
Nebenbei erwähnt, mehrere derartige Beispiele bestimmten den Ablauf.
Und schließlich war das Loch für den Sarg zu klein. Mit den heftigsten Anstrengungen wollte man es vergrößern. Aber jede Mühe war vergebens. Niemandem gelang es, weitere Erde aus der Grube zu schaufeln. Die Wut der Totengräber wuchs. Als sie den Höhepunkt erreicht hatte, packten sie den Sarg hart an und stießen ihn, ohne viel Rücksicht auf die Friedhofsmäßigkeiten, in den zu kleinen viereckigen Graben. Mit dem Stoßen drehte sich der Leichenkasten und passte ohne Schwierigkeiten in das ausgescharrte Loch.
Mit einem Mal lag die Leiche richtig im Grab. Entgegen dem aufrichtigen Wunsch des Testamentverfassers.
Eine Schande, auch der letzte Wunsch wurde ihm abgeschlagen. Auch dieser wurde einfach verdreht.

IV Zu guter Letzt

Letztlich wurde das Grab mit dem Sand der Uhren weich verschüttet.

(aus «Zwischenergebnis. Gesammelte Prosa», Leykam Verlag, Graz – Wien, 2018)

Janko Ferk (1958) ist Richter des Landesgerichts Klagenfurt, Honorarprofessor und Schriftsteller. Bisher hat er mehr als zwanzig Bücher veröffentlicht, zuletzt die Monographie «Recht ist ein «Prozeß». Über Kafkas Rechtsphilosophie», sowie die Essaysammlungen «Kafka und andere verdammt gute Schriftsteller» und «Wie wird man Franz Kafka?» Seine neueste literarische Veröffentlichung ist die «Forensische Trilogie» (Edition Atelier, Wien 2010). Für seine literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, zuletzt den Literaturpreis des P.E.N.-Clubs Liechtenstein.